Wieder einmal haben die Schweden eine Schippe draufgelegt und den Möglichkeitenreichtum gesteigert.
Es ist beinahe unerhört: Kein grafischer Qualitätssprung, keine vollkommen neuen Gameplayelemente, ja nicht einmal mehr Kampfszenarien - was uns Paradox hier mit Hearts of Iron 3 im Vergleich zum zweiten Teil kredenzt, kennt keine der üblichen Lobpreisungen, die die Konkurrenz für gewöhnlich in großen Lettern auf die Packungen bekannter Sequels druckt. Stattdessen besinne man sich auf die Verfeinerung der bekannten Stärken der Serie, nämlich größtmöglichen Detailreichtum in allen Aspekten, die ein möglichst perfektes strategisches Weltkriegserlebnis ausmachen sollen. Kann man im Jahr 2009, nach bombastischer Kinoleinwandstrategie wie beispielsweise "World at Conflict", trotzdem noch mit trockener Landkartentaktik einen Blumentopf holen? Lest selbst:
L'etat c'est moi
Hearts of Iron 3
Seit jeher beschäftigt sich die Hearts of Iron-Reihe mit dem zweiten Weltkrieg. Als Schaltzentrale eines von über 100 historischen Staaten lenkt ihr die Geschicke eurer Nation um die schicksalhaften Kriegsjahre zwischen 1939 und 1945 in allen Belangen: Während ihr Forschung und Diplomatie gleichsam wie Innenpolitik und Spionage verwaltet, geht es natürlich auch um Truppenbewegungen auf der gigantischen Weltkarte. Die erfreut sich mittlerweile knapp 15.000 Provinzen und bietet somit jede Menge Fläche für Fähnchenspiele. Dabei bleibt es aber auch, denn Hearts of Iron interessiert sich nicht für opulente Panzerschlachten und effektreiche Truppenkollisionen, sondern nur für die reine Taktik am Generalstisch. Kampfverläufe werden gelinde gesagt analytisch eingeblendet, bei wem auch das Auge mitisst, der wird hungern. Was das im Detail bedeutet und weshalb sich diese Serie dennoch größter Popularität unter Wohnzimmergenerälen erfreut, werde ich nun erläutern:
Alle Fäden in der Hand
Hearts of Iron 3
Habt ihr euch für einen der Startzeitpunkte, historisch bedeutungsvoll gewählt, entschieden, steigt ihr sogleich ein. Dass die Menüdarstellung eine wohltuende Frischzellenkur genossen hat, offenbart sich sogleich in der Diplomatie: Ein Ideologiendreieck verortet sämtliche Staaten, die gegenwärtig existieren, zwischen Demokratie, Faschismus und Kommunismus und gibt Verschiebungstendenzen an. Übersichtliche Listen ermöglichen einen schnellen Überblick über die Versorgungslage eines Landes bezüglich der sechs "Rohstoffe", um die sich Produktion und Nachschub drehen. Das Arsenal an diplomatischen Aktionen wurde im Vergleich zum Vorgänger abermals aufgestockt und sieht nun unter anderem nun auch Auslandswaffenkäufe und Embargos als Instrumente der Außenpolitik vor - neben etwa zehn weiteren Möglichkeiten, die nunmehr kaum einen Wunsch offen lassen. Der neue Bedrohungsfaktor klärt über mögliche Spannungen zwischen anderen Staaten auf und gibt Hinweise auf mögliche Krisenherde, ebenso wie die Beziehungsleiste zwischen zwei Staaten, die das diplomatische Klima symbolisiert. Besonders interessant: Kleinere Quest haben Eingang gefunden und geben politische Bedingungen, die erfüllt werden müssen, um in besondere Verhandlungen oder Besitzverhältnisse gelangen zu können - wurde der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im älteren Bruder noch frei Haus ermöglicht, muss jetzt darauf hingearbeitet werden.
Hearts of Iron 3
Weiter geht es mit der Produktion, die sich nicht verändert hat. Zwar profitiert man wiederum vom aufpolierten Layout des Menüs - neue Tabellen fassen die Charakteristika der Einheitentypen, angefangen von Infanterie über Spezialeinheiten verschiedener Terrains bis hin zu schwerem Gerät, nun besser zusammen - jedoch hat sich hier essentiell nichts verändert. Durch die Industriekapazität, also die durch Fabriken entstehende Wirtschaftskraft eines Landes, wird das potentielle Produktionsvolumen abgesteckt, das dann durch Einheitenproduktionen, aber auch durch Infrastrukturausbauten in den Provinzen, sowie die Herstellung von Nachschub für die Truppen, das Modernisieren veralteter Einheiten oder aber Konsumgüterbereitstellung für die Bevölkerung ausgeschöpft werden kann. Hier ist ein wachsames Auge von Nöten, um das Potential einer Nation zur Geltung zu bringen und keine für die Moral des Landes verheerenden Versorgungsengpässe zuzulassen. Wem das zu viel ist, der kann, wie auch in all den anderen Verwaltungsbereichen, die Aufgaben jederzeit an die KI delegieren und auch ebenso mit einem Klick wieder übernehmen.
