Ryse: Son of Rome im Test: Ist es falsch ein Grafikblender zu sein?

Test Sandro Odak

An Ryse: Son of Rome für die Xbox One scheiden sich die Geister: Die einen sehen Potential in dem Titel, der die technischen Fähigkeiten der Xbox One präsentiert, die anderen meckern über das lahme Gameplay. Fakt ist: Crytek ist durchaus für Grafikblender ohne viel spielerische Tiefe bekannt. Wir haben den Launchtitel nun selbst gespielt.

Cryteks CryEngine gehört zu den technisch herausragendsten deutschen Produkten dieser Zeit. Auch wenn Firmen den großen Reibach mit Spielen in Amerika und Asien machen und auch meist dort entwickeln – die technische Basis kommt dieser Tage ziemlich oft aus Frankfurt. Mit Ryse: Son of Rome wagen sich die hessischen Entwickler nun an ein völlig neues Genre: Während sie früher immer Shooter produzierten, die irgendwie mehr Techdemo waren als ernstzunehmendes Spiel, entwickelte die Truppe um Cevat Yerli nun ein Hack & Slay. Die Zielvorgabe ist relativ klar: Die Xbox braucht etwas, das irgendwie so sein soll wie God of War. An dieser Vorgabe haben die Entwickler sogar relativ gut festgehalten. Gott, ist Ryse: Son of Rome blutig! Man schneidet darin germanischen Barbaren Arme, Beine und Köpfe ab, spießt sie auf, erschießt sie mit Bögen… Mit der Zeit fließt in Ryse so viel Blut, dass ganze Landstriche in einer rötlich schimmernden Brühe untergehen, dem Blut der Gefallenen.
Marius, ein Sohn Roms…

Ryse: Son of Rome im Xbox-One-Test (2) Quelle: PC Games Ryse: Son of Rome im Xbox-One-Test (2) Das Setting von Ryse: Son of Rome ist erquickend frisch. Nach so vielen Sci-Fi-Shootern von Crytek, Weltkriegsspielen allgemein und Fantasy-Mittelalter-Schlachtplatten im Action-Genre kommt die im antiken Rom angesiedelte Actionplatte mit einem völlig neuen Szenario daher. Und einem ganz schön geschichtsträchtigen! Das römische Reich bietet mit seiner über tausend Jahre langen Geschichte immerhin einen Schauplatz mit viel Inhalt. In Ryse steuern wir Marius Titus, einen Legionärs-General, der den Kaiser bei einem Barbaren-Angriff auf seinen Palast beschützt. In einem Tutorial bekämpfen wir die ersten Männer und retten den dickbäuchigen Herrscher – nur um mit ihm erst das richtige Spiel einzuläuten. Die beiden schließen sich in einer Gruft unter den Mauern der Stadt ein und Marius beginnt zu erzählen… Von seinem Vater, seiner Ausbildung, die zu einem ausführlicheren Tutorial wird, und einem Angriff der Barbaren. In einer emotionalen Szene versucht man die Familie vor den Wilden zu retten. Doch gerade als so etwas wie die erste Beziehung und das erste Band in Ryse: Son of Rome entsteht, sterben alle. Zugegeben, Tränen kullern nicht, aber die Szene ist bei weitem besser inszeniert als alles, was Call of Duty: Ghosts abliefert.

Danach, so erzählt Marius Kaiser Nero in dem dunklen Verließ, ist unser Protagonist auf Rache aus. Der frisch ausgebildete Legionär ließ sich in die 14. Legion versetzen, die in Britannia ihren Dienst schiebt. Britannia, das war damals noch wildes Land, besetzt von den Römern und doch so weit außen und abgeschnitten vom Reich, dass die Truppen größtenteils auf sich selbst gestellt waren. Vor allem aber war es das Land, das die Barbaren beherbergte, die Marius Vater getötet haben. Marius bekommt seine Rache: Er tötet in den blutigen Flashback-Szenen hunderte, tausende Wilde und steigt die Ränge der Armee hinauf. Ein paar hübsche Story-Wendungen hat Ryse: Son of Rome dann auch parat, wenn auch der große WTF-Moment eigentlich schon von Anfang an über der Szene in der Gruft schwebt. Am Ende fühlt sich das Storytelling etwas plump an, die ganze Kampagne dauert auch nur etwa sechs bis sieben Stunden. Aber enttäuschend oder langweilig ist die Geschichte von Ryse: Son of Rome glücklicherweise nie.

Zeigt was die Xbox One kann

Ryse: Son of Rome im Xbox-One-Test (5) Quelle: PC Games Ryse: Son of Rome im Xbox-One-Test (5) Als einer der wenigen Launchtitel zeigt Ryse: Son of Rome wirklich, was in der Konsole steckt. Vor Release gingen zwar Horrormeldungen rum. Die native Auflösung ist auf 900p verringert worden, Full HD ist nur noch hochskaliert. Dem fertigen Produkt sieht man das aber kaum an. Selbst wer still stehenbleibt, wird von der grafischen Leistung von Ryse überrascht. In Stadtkarten in Rom, York oder dem Heimatort von Marius genießt man in den wenigen ruhigen Momenten des Spiels die herrliche Weitsicht von Ryse und sie wunderschönen Effekte. Und trotz aufskalierter Optik begeistern die Spielumgebungen mit knackig scharfen Texturen und richtig vielen Details. Selbst abseits der spielrelevanten Pfade gibt's sich Crytek Mühe, die Szenerie lebendig und authentisch wirken zu lassen. Dort verstecken sich auch die meisten Sammelobjekte. Beleuchtung und Effekte hauen einen wirklich um und zeigen: Ryse ist einer der wenigen Next-Gen-Titel, die auch wirklich einer Next-Gen würdig sind! Hier hat keine Current-Gen-Version zu Kompromissen für Kompromisse gesorgt, die Actionplatte ist einfach wunderschön.

Richtig gut gefallen hat uns die unauffällige Wegfindung. Marius Pfad wird fast ständig von roten und blauen Fahnen, Tüchern und Bannern gesäumt. Sie stehen immer dort, wo man als nächstes lang muss, passen aber perfekt ins Bild. Denn sie wedeln hübsch im Wind, passen allgemein zur Szenerie und liegen an den wenigen Kletter-Parts im Spiel sozusagen als Decken auf den Stufen aus, die man gehen soll. Das hält die Atmosphäre am Leben und unterbricht sie nicht durch eine unnötige HUD-Einblendung, etwa durch Pfeile oder Linien am Boden.

Auch bei der Gewaltdarstellung lässt sich Crytek nicht lumpen: So wie bei der Umgebung hat Crytek die Charaktere von Ryse unheimlich aufwendig modelliert. Protagonist Marius schimmert in seiner silbrigen Rüstung, sein blutroter Waffenrock sticht in manchen Szenen richtig leuchtend hervor. Und selbst die Gesichtszüge der Gegner ändern sich in langen Fights. Wenn Marius richtig in Fahrt ist, kann man ihnen die Panik fast ansehen. Und plötzlich hackt man Germanen, Pikten und Co. Arme und Beine ab, durchstößt Körper und schlitzt Kehlen auf. Das zelebriert Crytek förmlich in mehreren Dutzend brutalen Finishing Moves. Mehr als 70 davon gibt es.

  1. Seite 1 Ryse: Son of Rome im Test: Story und Grafik
  2. Seite 2 Ryse: Son of Rome im Test: Fades Gameplay, Fazit und Wertung
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