Rocksmith im Test: Wir überprüfen, ob man wirklich Gitarre spielen lernt

Test Alexander Winkel

Ja, ja, das durften sich viele Spieler in den vergangenen Jahren anhören: Plastikklampfen gehören ins Kinderzimmer und können schon gar nicht das Gefühl einer Gitarre vermitteln, welche am Lagerfeuer genüsslich gezupft oder auf der Bühne geschrubbelt wird. Und dennoch wurde Guitar Hero zum absoluten Überraschungserfolg und sorgte für eine unglaubliche Flutwelle an Musikspielen. Zuletzt kränkelte das Genre am ewigen Aufguss etablierter Reihen sowie sinnlosen Spin-Offs, doch totgesagte leben bekanntlich länger.

Denn Rocksmith steht seit einigen Wochen in den Händlerregalen und versorgt das Gerne mit frischem Wind. Die mindestens 80 Steine dafür schlagen ein ordentliches Loch ins Portemonnaie, das muss man durchaus erwähnen, doch Software plus beigelegtem Anschlusskabel sind nahezu jeden Cent wert, sofern man über einige Mankos hinweg sehen kann. Das knarrende Plastikzeugs vergangener Tage könnt ihr übrigens ruhig im Keller weiter verstauben lassen und die schwere, echte E-Gitarre heraus kramen. Ob nun das Schnäppchen aus einem Versandhaus, oder eine legendäre original Jackon, eine schicke Fender oder ähnliches Bühnenwerkzeug, jegliche handelsübliche Gitarre oder Bass lässt sich über das speziell für Rocksmith gefertigte Kabel an die Konsole anschließen. Dieses wandelt das Tonsignal um und liefert der Software somit den nötigen Input zur Beurteilung des Könnens. Ja. ihr müsst eine echte Gitarre mit sechs bzw. den Bass mit fünf Saiten schultern und sämtliche Kniffs erlernen, um mit Nirvana, Lynyrd Skynyrd, The Rolling Stones und vielen weiteren auf der Bühne zu bestehen.

Rocksmith im Gamezone-Test (2) Quelle: Videogameszone.de Rocksmith im Gamezone-Test (2) Manch einer wird nun ins Schwitzen kommen, aufgrund der teils schweren Klampfen, aber vermutlich vor allem aufgrund der nicht zu verachtenden Herausforderung. Rocksmith schmeißt uns mit einer Art Karriere zunächst ins kalte Wasser und wer bis dato nicht einmal Erfahrungen mit irgendwelchen Musikspielen gesammelt, geschweige denn eine Gitarre gezupft hat, tut sich zunächst schwer. Ist die Gitarre jedoch erstmals gestimmt (dank Unterstützung sofort erledigt) und die Skepsis gegenüber Rocksmith abgelegt, ist das System schnell durchschaut. Ein Replikat des Gitarrenhals auf dem Bildschirm verdeutlicht recht anschaulich, welcher Bund und welche Saite zu spielen ist, während die Noten ganz ähnlich Guitar Hero oder Rock Band auf die Spielfläche zufliegen. Farben und Ziffern, oder Notenbezeichnungen für Kenner, vereinfachen die Orientierung und sollten Markierungen auf der eigenen Gitarre fehlen, dürften die mitgelieferten Ziffernaufkleber das Manko beheben. Komplexere Techniken erfordern aber auch komplexere Darstellungen wie Piktogramme oder hinterher gezogene Linien. Schlussendlich ist eine Reizüberflutung micht auszuschließen. Die Entwickler haben aber stets versucht, jeglichen Move verständlich darzustellen. Das klappt nicht immer, klar, aber zumeist kann man nicht meckern.

Das Abenteuer beginnt aber eh noch recht recht gemächlich. Anfänglich werden nur einzelne Noten und Tonsprünge abverlangt und man gewöhnt sich an die Haltung der Finger und wie man einzelne Saiten zu bedienen hat. Es geht um das Lesen der Noten, als auch Rhythmusgefühl. Diverse zusätzliche Technikübungen führen uns in die Kunst des Gitarrenspiels ein und lehren wichtige Dinge wie das Notenspiel, Hammer-Ons, Griffe und Akkorde.Wurden mit etwas Übung einige Abschnitte fehlerfrei absolviert, wird noch innerhalb des Songs der Schwierigkeitsgrad langsam, aber stetig angehoben. Zum Schluss steht man im Wohnzimmer und schrubbelt sich den Wolf, um den Gitarrenlegenden alle Ehre zu machen. Bis dahin ist der Weg aber holprig, gar steinig und bisweilen vor allem für unerfahrene Spieler, aber auch Profis richtig nervenaufreibend.

Rocksmith im Gamezone-Test (3) Quelle: Videogameszone.de Rocksmith im Gamezone-Test (3) Denn diese Dynamik im Schwierigkeitsgrad ist sogleich Fluch als auch Segen für Rocksmith. Die Software passt sich dem Können an und vor allem Anfänger erfreuen sich aufgrund früher Erfolge und den durchwegs annehmbaren Klängen, welche sie ihrer Klampfe entlocken können. Die Freude währt aber nie lange. Das nächste Solo, der nächste schnelle Song, oder Technikwechsel sorgt für ein plötzliches Notenwirrwar, welches die Aufnahmefähigkeit überschreitet und extrem frustriert. Notgedrungen spielt man nicht weiter, bis sich die Notenflut beruhigt hat oder wandert in den Proberaum. Dort lässt sich der Schwierigkeitsgrad prinzipiell manipulieren, dennoch bleibt dieser auch hier weiterhin dynamisch und äußerst launisch. Profis wiederum kennen den einen oder anderen Song und wissen, was auf sie zukommt. Sie müssen aber zunächst gelangweilt mehrfach die Tonleitern abklappern, bis Rocksmith mit einem adäquaten Niveau samt ordentlicher Riffs und Akkorden aufwartet.

Das nervt, gewaltig, obwohl man den Entwicklern kaum einen Vorwurf machen kann. Denn die Dynamik an sich ist natürlich eine prima Idee, um jedem Spieler genau das zu geben, was seinem Können entspricht. Dennoch zweifeln wir ein wenig am optimalen Lernerfolg. Nicht nur deswegen wäre eine zusätzliche feste Wahl des Schwierigkeitsgrades wünschenswert gewesen. Es ist auch mehr als ärgerlich wenn man einen bestimmten Song einfach nur aus Spaß an der Freude und am herrlichen Klang der Gitarre und dem eigenen Spiel von sich geben möchte. Alsbald werden Techniken abverlangt, die man erstens noch studieren muss um sie beherrschen zu können und welche zweitens aufgrund gespielter Fehler den akustischen Bühnenauftritt versauen. Immerhin sind es Videospieler, die hier evtl. zu Rocksmith greifen und ab und an auch etwas Fun haben wollen und nicht nur den Gitarrenunterricht vor Augen haben. Für all diejenigen hat Ubisoft übrigens auch einige witzige Minispiele drauf gepackt, welche letztendlich verdeckt auch die Koordination fördern. Sie dienen daher nicht nur der Highscore Jagd, sondern bietet damit auch einen unbewussten Lerneffekt.

Es gibt aber auch zahlreiche kleine Dinge, die an und für sich gar nicht so gewichtig sind, im Ganzen aber doch die Stimmung trüben. Im Technik-Studio werden uns einzelne Übungen vorgegeben, die ein Anfänger auch brav angehen wird. Ärgerlich sind aber die langen Ladezeiten, beständigen Wiederholungen des Lehrers und die dazu viel zu kurzen Übungssequenzen. Kaum ist die Konzentration aufgebaut, wird das Training auch schon wieder unterbrochen und man muss den ganzen Vorspann in der Wiederholung nochmals über sich ergehen lassen. Das Geplapper kann man ja schnell per Taste wegdrücken, dafür müssen wir aber wie natürlich überall im Menü zum Controller greifen. Wir haben schließlich keine Plastikklampfe mehr um den Hals geschnallt, welche sämtliche Buttons ebenfalls bieten würde.

Rocksmith im Gamezone-Test (6) Quelle: Ubisoft Rocksmith im Gamezone-Test (6) Die Navigation ist ebenfalls ein klein wenig widerspenstig und birgt Fehler, die wir schon bei so manch anderem Genrevertreter beklagten. Ist der Auftritt absolviert und wird der nächste Song in der freien Songauswahl angestrebt, landet man unweigerlich am Anfang der Liste. Sämtliche Titel müssen abermals durchgenudelt werden, bis später gelistete Songs irgendwann doch endlich erreicht sind. Unverständlich auch, warum es keine Sound-Preview im Onlineshop gibt. Wer mit Interpret, Band und Titel nichts anfangen kann, muss Youtube bemühen. Intuitiv und durchdacht ist dies sicherlich nicht. Die Songauswahl auf der Disc fällt übrigens recht gemächlich aus. Die Entwickler legen mehr wert auf spielbare Songs, die eine gewisse Lernkurve haben. Deftiger Rock und Metal wird man daher eher missen und muss auf zukünftige Downloads hoffen, die leider mit etwa drei Euro pro Songs recht teuer ausfallen.

Der optimaler Sound wird erzielt, wie auch der Beipackzettel verdeutlicht, wenn möglichst auf digitalen Schnickschnack verzichtet wird. D. h. wenn möglich komplett auf digitalen Sound verzichten, denn jegliche Konvertierung frisst Zeit, welche sich in einem deutlich hörbaren Lag widerspiegelt. Die Gitarrenseite wird angespielt und erst nach wenigen Millisekunden, gefühlten Sekunden, ertönt der entsprechende Sound über die Anlage. Im Falle der Xbox 360 haben wir zum Beispiel selbst mit dem als optimal eingestuftem Audio-Adapter und einem optischen Kabel entsprechendes Phänomen vernommen und mussten auf eine altertümliche Cinch-Verbindung zurückgreifen. Ein Manko, was nicht den Entwicklern verschuldet ist und welches im digitalen Zeitalter leider üblich ist. Daher unser Rat: Wer sich Rocksmith zulegt, sollte auf Dolby Digital und Co. verzichten können.

Rocksmith im Gamezone-Test (7) Quelle: Ubisoft Rocksmith im Gamezone-Test (7) Daher ein Lob, dass trotz solcher Schwierigkeiten die Technik gut umgesetzt ist. Nur wer ganz tief in die Gitarrentektonik blickt, wird auch so manchen Fehler in der Umsetzung finden, z. B. die eher gutmütige Auswertung. Unser Ohr ist ein wesentlich besserer Kritiker, welches Live der Performance lauscht. Da exakt unser Gitarrenspiel aus den Boxen dröhnt, kann man sich ein freudiges Lächeln bei einem gelungenen Gig nicht mehr verkneifen. Rocksmith macht auch aus diesem Grund einfach unglaublich viel Spaß. Jeder Gitarrenspieler, der im heimischen Keller einst ohne Band, ohne Hintergrund, auf sich allein gestellt die Kunst erlernt hat, kennt das Gefühl: Es ist einfach unglaublich herrlich, wenn man nicht alleine ist und ein ganzer Song gleichzeitig offeriert wird.

Meinung

Wertung zu Rocksmith (X360)

Wertung:

7.8 /10
Pro & Contra
das Aus für Plastikklampfen, hier kommt die Zukunft der Musikspieleäußerst unterhaltsam wird das Spiel mit einer echten Gitarre offeriertintuitiv und leicht zu erlernendes System, obwohl wir eine komplexe Gitarre in der Hand haltenSpiel-Interface ist durchdacht und intuitiv umgesetztpassende Technikübungen und ein dynamischer Schwierigkeitsgrad (der Segen) ermöglichen einen optimalen Einstieg für Anfängerwitzige Minispiele, in denen wir den Umgang mit der Gitarre erlernenmotivierende Umsetzung, welche auch der Live-Akustik mit Band-Playback verschuldet ist
das Spiel-Interface kann aber auf hohem Schwierigkeit auch ziemlich überfordernd seinfehlende fest eingestellte Schwierigkeitsgrade rauben die Freude am freien Gitarrenspiel (da der Fluch der Dynamik unweigerlich zur Überforderung führt)Technik-Training ist absolut nervtötend aufgrund Ladepausen und dem wechselhaften Schwierigkeitsgradwiderspenstige Menüs und kleinere Auswahlfehlerfehlendes Sound-Preview im OnlineshopSong-Download mit etwa drei Euro zu teuerSteuerung mittels Controller nervig, aber leider auch nicht vermeidbar

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