Kann es gut gehen, wenn Gamezone Starcraft 2: Heart of the Swarm ausgerechnet von einem Mann testen lässt, der in zehn Jahren Starcraft noch nie eine anständige Online-Partie gewonnen hat? Klar kann es, denn der zweite Teil der SC2-Trilogie ist vor allem eine Offenbarung für Singleplayer. Blizzard bietet mehr vom gewohnt brillanten Spielprinzip. Was das Ding kann (und was nicht), verrät Andreas Peter im Test!
Kinder, wie die Zeit vergeht – ich werde echt ein alter Mann. Ich rieche schon bald so alt, wie der Kollege Grubmair aussieht – klares Indiz für den fortgeschrittenen Alterungsprozess. Stellt Euch vor: Erst gestern sitze ich an meinem Laptop und spiele mich begeistert durch die Storykampagne des gerade frisch erschienen StarCraft 2: Wings of Liberty. Traurig blickte ich nach dem viel zu schnell erreichten Ende der Scifi-Oper auf den Monitor: Wie gerne hätte ich nach den Geschicken der Menschen auch gleich noch die bereits angekündigte Kampagne der Lieblingsaliens aller Spieler, der Zerg, in Angriff genommen.
Quelle: PC Games
Starcraft 2: Heart of the Swarm im Gamezone-Test (2)
Aber halb so schlimm, Blizzard sagte ja, ich müsste nur kur warten: Das zweite Addon der auf eine Trilogie angelegten Gesamtausgabe von StarCraft 2 war ja quasi für die nächsten zwölf Monate angekündigt. Das könnte meine Ungeduld gerade noch verkraften. Die erste Inkarnation bot mit Hearts of Liberty eine großartige Singleplayer-Kampagne und stellte ganz klar die Mehrspieler-Echtzeitreferenz dar, die im Multiplayer wie weiland der Vorgänger Starcraft das Erste für viele Jahre zu unterhalten wissen würde.
Drei echte, ehrliche Erdenjahre später (vergleiche Blizzard-Ankündigungsjahr, ähnlich zu rechnen wie Katzen- und Hundejahre): Endlich landet die lange versprochene zweite Kampagne, Heart of the Swarm benannt, in unserer Redaktion. Wir ziehen gesammelt unsere kritische Spock-Augenbraue hoch (für junge Menschen: vergleiche Star Trek, Originalserie).
Denn viel ist im Spielezirkus passiert die letzten 36 Monate. Unter anderem fiel Blizzard durch die nicht unkritisch aufgenommene Veröffentlichung von Diablo 3 und einiger umstrittener Monetarisierungsversuche virtueller Güter im Dauerbrenner World of Warcraft (vergleiche Simpsons – Montgomery Burns) auf. Dabei verlor Blizzard – nicht ganz zu Unrecht - bei vielen Spielern das Image vom weißen Ritter der Spieleindustrie - Echtgeldauktionshäuser und Pixel-Reittieren mit Europreisschildern dran sei Dank. It's no gaming world for old men anymore (vergleiche schlechte Englisch-Kenntnisse des Autors).
Quelle: PC Games
Starcraft 2: Heart of the Swarm im Gamezone-Test (3)
Egal. Flink den StarCraft-2-Client aktualisiert, den neuen Key in das battle.net eingetippt (Starcraft 2 bleibt auch mit dem Herz des Schwarms always online) und ab geht die Luzzi (vergleiche schlechte Sprüche der achtziger Jahre). Der vergessliche Autor dieser Zeilen tat nicht schlecht daran, nach drei Jahren Kampagnenabstinenz die Geschichte der Fraktion der Menschen eben noch mal auf Wikipedia nachzulesen ("...and previously on Starcraft"), denn Heart of the Swarm setzt im Geschehen nahtlos ans Ende des ersten Teils an. Neueinsteiger ins Starcraft-Universum kaufen sich bitte zuerst die erste Episode, denn abgeholt wird hier von Blizzard niemand. Das Spiel ist nur für Stammgäste. Wie in der guten alten Zeit ziehen uns die brillanten Rendersequenzen sofort mitten ins Spielgeschehen, wo die ehemalige Königin der Zerg, bürgerlich Sarah Kerrigan, von ihren Freunden in einer abgelegenen Raumstation von ihren traumatischen Erfahrungen aufgepäppelt wird. Und nach ihrer ausführlichen Alien-Erfahrung als Zerg-Mutter wieder zu ihrer Menschlichkeit zurückfinden soll.
Doch auch die friedlichste Ex-Zerg-Herrscherin kann nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Imperium von nebenan nicht gefällt. Sondern es in der armen Sarah eher eine ultimative biologische Waffe sieht, die es zu entführen und zu beherrschen gilt. Kaiser & Co. unterschätzen allerdings die noch in Kerrigan schlummernde Alien-DNA, und Sarah, durch die Trennung ihrer doch gerade erst wiedergefundenen großen Liebe zum äußersten getrieben, überzieht den Feind mit einem endgültigen Rachefeldzug. Und zwar: Rachfeldzug, zerg-style. Und "zergen" ist nicht umsonst ein geflügeltes Wort im Kanon des Internetslang auch in Nicht-Gamer-Kreisen geworden. Kerrigan lässt zergen.
Quelle: PC Games
Starcraft 2: Heart of the Swarm im Gamezone-Test (6)
Dem geneigten Spieler präsentiert sich eine großartige, spannende Kampagne, die abwechslungsreicher kaum präsentiert werden könnte. Zwölf bis fünfzehn Stunden allerbeste Science-Fiction-Unterhaltung werden in zwanzig Missionen geboten, kein Einsatz gleicht dabei dem anderen. Vom brutalen "zergen" mit Unmengen von Angriffsaliens, ergo ordentlicher Massenschlachten, bis hin zu Einsätzen mit einer Hand voll Spezialeinheiten, ist alles geboten. Dazu kommen sieben Evolutions-Missionen, in denen wir je zwei neue Fähigkeiten zum Testen bekommen, um uns schlussendlich für eine der beiden zu entscheiden. Diese so gewonnenen Fähigkeiten dürfen wir für den Rest der Kampagne behalten.
Aus der drei Jahre alten Engine hat Blizzard noch einiges herausgekitzelt - die Präsentation der Spielegrafik ist auf der Höhe der Zeit, Blizzards Markenzeichen, die Rendersequenzen, knallen wie eh und je und unterstützen perfekt die Atmosphäre des Science-Fiction-Spektakels. Großen Spaß hat es uns dabei auch bereitet, Kerrigans Psi-Fertigkeiten auszubauen, ein kleiner Rollenspiel-Aspekt in Starcraft 2:HotS, um so unseren persönlichen Spielstil mit einzubringen.
Achtung Starcraft-Veteranen: Die Schwierigkeitsgrade einfach und normal bieten dem erfahrenen Spieler vielleicht fast zu wenig Herausforderung, was im Einzelspielermodus den Rassenstärken der Zerg-Einheiten geschuldet ist - wer mehr Herausforderung möchte, sollte gleich auf "schwer" beginnen. Auf normal sind nicht mal die neu eingeführten Boss-Kämpfe so richtig happig. Angst vor ablenkenden Nebenmissionen muss von Euch ADHS-Gamern auch niemand haben, insgesamt wird der Intellekt vom Spielszenario nicht überfordert: Die Space-Opera geht weiter, die Sprüche der Protagonisten sind laut und direkt. Aber verdammte Axt, um mit den weisen Worten einer bekannten GrandPrix-Gewinnerin zu sprechen: Genau so soll Starcraft sein! Nein, die Story ist nicht Shakespeare, ja, es ist Popcorn-Kino, okay, ein oder zwei Wendungen sind an den langen Rastahaaren Kerrigans herbeigezogen. Egal. Es kracht, und das ist gut so.
Quelle: PC Games
Starcraft 2: Heart of the Swarm im Gamezone-Test (8)
Unseren Mutiplayer-Test von StarCraft 2 haben wir an einen bekennenden Battle.net-süchtigen Kollegen ausgelagert, der sich bereits seit der Beta mit den neuen Einheiten im Mehrspielergefecht auseinandersetzt. Danke, Steve! Insgesamt angetan ist die Spielerschaft von der Annahme von Spielerkritik durch die Entwickler während der letzten 12 Monate, viel Tester-Input ist tatsächlich in die Verkaufsversion eingeflossen – leider auch mit dem kompletten Weglassen neuer, zu starker Einheiten, die eventuell noch vor dem Erscheinen des dritten Kampagnenpakets nachgepatcht werden. Revolutionäre Neuerungen solltet ihr nicht erwarten, das fein austarierte Gleichgewicht der Fraktionen bleibt erhalten. Neu findet sich ein Clansystem, mit dem wir im battle.net unsere virtuellen Kegelvereine gründen und verwalten dürfen. Eine massiv verbesserte, ausgeklügelte Skirmish-Funktionen lädt den Spieler ein, in Ruhe auch raffiniertere Taktiken zu lernen, bevor er im Mensch vs. Mensch Multiplayer verprügelt wird. Sollten der Kollege Sven Huber und meine Wenigkeit die Zeit finden, werden wir Euch die nächste Woche noch ein entsprechendes "Let's Play Video" nachliefern. Spielt man mit einer verbündeten KI, darf man dieser nun sogar kurze Anweisungen zur Spielweise geben, die sie bevorzugen soll.
Das Matchmaking verfeinert sich durch Erfahrungspunkte, die durch gewonnene Spiele gesammelt werden und der besseren Gegnerzuordnung dienen
Last but not least gibt es sieben neue Einheiten für Eure neuen Siegesstrategien. Eher am Ende des Entwicklungsbaums eines Matches angesiedelt, tauchen sie noch relativ selten in den offenen Schlachten des battle.net auf, was sich mit dem offiziellen Erscheinen von HotS sicherlich bald ändern wird. An der der feinen Austarierung der Spielstärke der einzelnen Parteien hat sich bislang nichts verschlechtert.
