2010 veröffentlichte City Interactive die (selbsternannte), eher mittelprächtige, Scharfschützensimulation Sniper: Ghost Warrior. 3 Jahre und eine neue Engine später beglückt man uns nun mit Teil 2. Ob der Nachfolger ein Blattschuss ins Herz der Gamer wurde oder eher ein Streifschuss, erfahrt ihr hier in unserem Test.
Quelle: City Interactive
Sniper: Ghost Warrior 2 im Gamezone-Test (1)
One Shot, One Kill
Dschungeldickicht. Ein leichter, kaum spürbarer Windhauch lässt die Blätter träge schwingen … Insekten surren durch die Luft, die zum Schneiden dick über einer Lichtung hängt. Auf der Lichtung bewegen sich 3 Gestalten in Khakiuniformen … sie lachen, scherzen, erzählen sich unflätige Witze. Dann geht auf einmal alles ganz schnell. Eine der Gestalten sackt lautlos in sich zusammen, wenige Augenblicke später auch die Zweite. Der dritte Uniformierte nimmt seine AK47 in Anschlag und sucht verzweifelt die Umgebung ab nach einem Hinweis auf den Angreifer. Nur wenige Augenblicke, kaum 2 Atemzüge, und auch das dritte Opfer sinkt tödlich getroffen auf den Dschungelboden. Ungefähr 900 Meter entfernt auf einer Anhöhe erheben sich zwei konturlose Schatten. Einer schließt die Abdeckung über dem Zielfernrohr während der andere sein Fernglas verstaut und über Funk die Meldung absetzt: "Team Alpha an Basis. Drei Tangos down. Kehren ins Basislager zurück."
Scharfschützen - kaum eine andere Truppengattung übt eine solche Faszination aus. Der Mythos von disziplinierten, perfekt ausgebildeten Elitekillern, die wochenlang auf den einen Schuss warten. Ein Schuß, ein Treffer, ein toter Gegner.
Quelle: City Interactive
Sniper: Ghost Warrior 2 im Gamezone-Test (2)
Diese Faszination versucht City Interactive uns nun bereits zum zweiten Mal in spielbarer Form zu präsentieren. Teil 1 war damals noch ein unausgegorener Mix aus Scharfschützenspiel und Call of Dutyesken Run & Gun Sequenzen. Damals wurden wir mit eher durchwachsener Dschungeloptik (damals unter Verwendung der Chrome Engine 4 von Techland) und einer, später gepatchten, übermenschlichen Gegner-KI konfrontiert. Das ging so weit, dass Gegner bei einem Fehlschuss sofort wussten wo der Spieler steckt und selbst aus größter Distanz mit einem Sturmgewehr präziser schossen als jeder Scharfschütze mit seinem Spezialgewehr. Auf den höheren Schwierigkeitsgraden bedeutet ein Fehlschuss damit quasi den sicheren Tod des Spielers. Realistisch sagen die einen, Spielspaß-Killer sagen die anderen. City Interactive gelobte Besserung, besorgte sich eine neue Engine (CryEngine 3), schmiss die Run-&.Gun-Sequenzen über Bord und wollte sich auf das Wesentliche konzentrieren: Scharfschützengeballer und taktisches Vorgehen.
Biowaffen, Terroristen, CIA ... gähn!
Die Story von Sniper: Ghost Warrior 2 könnte belangloser kaum sein. Terroristen klauen Biowaffen, die CIA hat auch ihre Finger mit drin bla bla blubb. Versteht uns nicht falsch, wir haben per se nichts gegen eine Handlung die alle oben genannten Elemente enthält, aber was hier präsentiert wird, ist einfach nur 08/15-Klischee-Story und kann uns in Zeiten eines Bioshock, das gezeigt hat wie man Shooter und Story unter einen Hut bringt, nicht mehr vom Hocker hauen. Aber mal ernsthaft: Wer spielt schon Modern Call of Warfare wegen der Handlung oder schaut einen Michael Bay Film wegen der tiefgründigen Charakterzeichnungen?
Quelle: City Interactive
Sniper: Ghost Warrior 2 im Gamezone-Test (3)
Lassen wir also die Story einfach Story sein und konzentrieren uns auf das, was Sniper: Ghost Warrior 2 von der Masse der Shooter abheben soll: Das Scharfschützengameplay. Wie bereits angedeutet verzichtet man hier auf Passagen, in denen wir mit einem Sturmgewehr eine beinah endlose Litanei an Gegnern besiegen muss. Als Quasi-Ersatz dienen hier nun eingestreute Moorhuhnpassagen. Eine normale Mission läuft in der Regel wie folgt ab: Briefing incl. Militärischer "Fachbegriffe": Der Spieler muss sich von Zielpunkt zu Zielpunkt schleichen, dabei Gegner nach eigenem Ermessen "snipern" (ist es mal stockdunkel habt ihr die Wahl zwischen einem Nachtsichtgerät oder einer Thermooptik), via Stealthkill erstechen oder teilweise auch umgehen (ja auch das ist stellenweise möglich) nur um am Ende der Mission seine eigentliche Scharfschützenposition zu erreichen. Dort angekommen packt er eine noch größere Sniperwumme aus und das Spiel wechselt in eine reine Zieloptik. Nun kann man nur noch den Atem anhalten damit der Puls und damit die Zieloptik ruhiger werden und zwischen den Zoomstufen wechseln. Storytechnisch wird das so erklärt dass man nun eben seinem Team den Weg frei räumt oder Feuerunterstützung gibt. Nettes Detail am Rande, das Spiel registriert wie schnell und hart ihr den Abzug (RT) durchzieht. Reißt ihr daran verzieht eure Waffe stärker, zieht ihr ruhig und gleichmäßig am Abzug könnt ihr recht schnell das nächste Ziel ins Visier nehmen. Sind diese Moorhuhnsequenzen absolviert, bei denen ihr sogar of die Ziele und die Reihenfolge vorgegeben bekommt, schleicht und meuchelt man sich zum Abholpunkt und die Mission ist zu Ende.
Dschungelgeschädigte Spieler können aufatmen. City Interactive spendiert nun neben Dschungel auch noch andere Settings, u.a. ein halb zerstörtes Sarajevo. Für optische Abwechslung vom dschungelgrün ist also gesorgt.
Neuer Grafikmotor und alte Schwächen?
Quelle: City Interactive
Sniper: Ghost Warrior 2 im Gamezone-Test (5)
Wie eingangs erwähnt setzt City Interactive nicht mehr auf die Chrome Engine 4 sondern auf Cryteks Cry Engine 3. Wer nun einen Hochglanz-Shooter wie Crysis 3 erwartet muss seine Erwartungen zurückschrauben. Sniper ist keine Grafikreferenz und sieht auch im Vergleich schlechter aus als Cryteks hauseigener Shooter. Trotzdem ist die Grafik ein Schritt nach vorne im Vergleich zum Vorgänger und trotz leichtem flimmern ab und an ansehnlich geraten. Die Gegner-KI ist im Vergleich zum Vorgänger auch besser, schwankt aber stellenweise immer noch zwischen einem taubstummen Blinden und einem Hellseher. Allerdings treffen euch die Gegner nicht mehr aus 400 m Entfernung genau zwischen die Augen (feindliche Sniper mal ausgenommen).
Kommen wir nun zum Thema Schwierigkeitsgrade. Von Beginn an hat man die Wahl ob man lieber einen leichteren Schwierigkeitsgrad wählt oder die volle Härte des Sniper-Lebens erfahren möchte. Leider ist die Kluft zwischen den Schwierigkeitsgraden sehr groß geraten. Auf Normal werdet ihr massiv unterstützt beim finalen Schuss. Das Spiel berechnet Wind, Ballistik usw. automatisch und zeigt euch mittels eines roten Punktes wo euer Projektil landen wird). Ein Abschuss wird so beinah zum Kinderspiel. Auf den höheren Stufen bleibt diese Arbeit euch alleine überlassen. Ihr müsst anhand von Windrichtung, Entfernung, Puls und Atmung abschätzen wie viel ihr vorhalten müsst. Fehlschüsse sind hier anfangs an der Tagesordnung und führen dementsprechend häufig zur Entdeckung und oft auch zum Bildschirmtod (geheilt wird übrigens mit Medipacks und begrenzter Selbstheilung). Das Erfolgserlebnis bei einem erfolgreichen Abschuss ist dafür umso größer.
Quelle: City Interactive
Sniper: Ghost Warrior 2 im Gamezone-Test (6)
Scharfschützen sind einsame Wölfe…
…außer sie sind im Multiplayer unterwegs. Den MP-Part von Sniper kommt eher schmalbrüstig daher. Zum Release waren nur 2 Maps sowie Team Death Match verfügbar. Mittlerweile wurde aber ein kostenloser MP-DLC nachgereicht. Die absolvierten Matches waren aber eher langatmig (was will man denn auch sonst erwarten bei Scharfschützen die sich belauern) und haben uns persönlich nur wenig Spaß gemacht. Eingefleischte Sniper werden aber durchaus ihren Spaß daran haben.
