Die E3 ist für Gamer ein magischer Ort, der von Mythen umgeben ist. Die VIPs, die rein dürfen, können alles anspielen, sprechen mit den wichtigsten Leuten und führen spannende Interviews. Das dachte auch unser Reporter Sandro Odak, der 2013 zum ersten Mal live in Los Angeles dabei war. Für ihn brach diese Traumwelt zusammen: Nichts davon ist real. Er fragt sich: Brauchen wir überhaupt noch eine E3?
Aus der Ferne ist die E3 der heilige Gral für Gamer. Die Fachbesuchermesse im LA Convention Center ist zwar nicht die größte der Welt, die Gamescom besuchen zum Beispiel 200.000 Besucher mehr im Jahr, aber die wichtigste. Dieses Jahr war meine erste E3 vor Ort. Mit großen Erwartungen bin ich hingeflogen und mit dem Bild im Kopf, dass ich seit meiner Jugend habe: Hier ist der Mittelpunkt der Gaming-Welt. Alle großen westlichen Publisher haben hier einen Stand, wer ein neues Produkt ankündigen will, tut es hier. Im Juni. Wenn alle da sind. Wieso auch bis August warten und einen Haufen meist amerikanischer Entwickler nach Deutschland einfliegen?
Aber ist die E3 wirklich so wichtig für die Videospielindustrie? Ist sie wirklich der Ort, an dem nur Business stattfindet? Nein. Schon lange nicht mehr. Sonst würden Publisher nicht mehrere Millionen Euro teure Stände aufbauen, auf denen Live-DJs das Publikum bespaßen. Dann gäbe es auch keine Warteschlangen zum Anspielen. In meiner Traumvorstellung einer perfekten Fachmesse hat jeder einen Termin und anständig vorausgeplant. Das passiert aber nicht. Stattdessen heißt es warten. Weil Tausende Besucher mit komischen blauen Zutrittspässen auf Einlass vor Ständen warten und entweder mal schnell spielen wollen oder nur Messe-Geschenke suchen. Solche Besucherpässe können Industrie-Vertreter beantragen oder ESA-Mitglieder verteilen. Nicht dass sie alle falsch wären. Aber anscheinend kennt jeder jemanden, der jemanden kennt, der bei EA arbeitet und bereit ist, so einen Wisch auszudrucken. Mit einer professionellen Fachbesuchermesse hat das nichts zu tun. Die E3 könnte sich die ganze Farce sparen und einfach wirklich eine Publikumsmesse starten. Für die Publisher wäre das sicher kein schlechtes Geschäft: Ihre eh schon millionenteuren Stände würden sich dann wenigstens wirklich lohnen.
Alles anspielen ist also nicht möglich. Aber vielleicht trifft man wenigstens auf die wichtigsten Entscheider. Andrew House? Don Mattrick? Shigeru Miyamoto? Wenigstens Peter Molyneux? Nein. Termine mit ihnen sind so gut wie unmöglich, vor allem für deutsche Medien. Die meisten Upper-Class Manager verstecken sich eh in abgelegenen Meeting-Räumen, treffen Analysten und Geschäftspartner und betreten den Showfloor gar nicht. Stattdessen schicken sie ahnungslose Produzenten zur Presse. Wer ein solches Interview hat, bekommt immer die gleichen Antworten. Jeder Entwickler auf der E3 ist geschult und soll nur das sagen, was die PR-Abteilungen gedruckt sehen wollen. Ein Gespräch kann man mit niemandem führen und falls man es doch versucht, gucken die Befragten meist ratlos zum PR-Manager. Der ergreift dann das Wort: "Das haben wir noch nicht bekanntgegeben.", "Das kommentieren wir nicht." und (mein Liebling!) "Das war eine Meinungsfrage. Bitte stellen sie nur Fragen zu Fakten." Natürlich frage ich nach Meinungen! Natürlich frage ich nach unbekannten Dingen! Wenn ich wissen will, welche Anschlüsse die Xbox One hat, lese ich das Fact Sheet und vergeude nicht wertvolle Sekunden eines Interviews, das meist nach fünf Minuten vorbei ist!
Am meisten erschrocken war ich jedoch von den Pressekonferenzen. Journalisten sind dort nicht eingeladen, um vor Ort Bericht zu erstatten. Sie sind reine Staffage. Medienvertreter sollen Hallen füllen und brav klatschen. Auf Fragen geht keiner der Veranstalter ein, dafür ist einfach zu wenig Zeit. Auch Fakten sind zweitrangig. Hauptsache irgendwie einen Prominenten zeigen, der vom Telepromter abliest, wie geil ein Spiel sei. Peter Moore von Electronic Arts wendet sich vor der Konferenz sogar an die Anwesenden und entschuldigt sich, dass Licht und Kamerakräne vielleicht manchmal die Sicht stören. Das müssten wir ertragen, weil alles so aufgebaut ist, dass man es mit der Kamera gut einfangen kann. "Viel Spaß bei der Show und vergesst nicht zu lächeln! Millionen Menschen schauen zu." Für EA, Sony und Microsoft sind die Journalisten in Los Angeles die Dekoration, um Millionen Menschen an ihren TV-Geräten und PCs den Eindruck zu vermitteln, hier passiere etwas Wichtiges.
Nintendo hat erkannt, dass man Millionen Dollar sparen kann, wenn man seine Pressekonferenz einfach von vornherein aufnimmt. Dann gibt es keine Dia-Show bei der Vorführung (Hallo Assassin's Creed 4!), keine Wasserflaschenwerfer (Hallo EA!) und keine Ton-Aussetzer (Hallo Microsoft!). Ganz ehrlich: Wenn man eh nur ein paar Trailer zeigt und zwischendurch Promis für wenige Sekunden auf die Bühne hetzt - wieso dafür eine Arena mieten?
Das traurigste an der Sache ist: Die Leute lassen es mit sich machen. Sie kommen und lassen sich von Publishern instrumentalisieren. Und dann klatschen sie und jubeln. Sie rasten vollkommen aus. Als Sony den Preis der Playstation 4 verrät, stehen hunderte Menschen auf ihren Füßen und schreien vor Glück. Ich stehe auch und fotografiere wortlos vor mich hin. Abwechselnd fokussiere ich auf Jack Tretton und das Publikum und weiß nicht, was hier die wirkliche Story ist. Der Preis der PS4? Oder die Unprofessionalität von knapp 4000 Menschen in einer Sporthalle, die später Nachrichten, Kolumnen und Vorschauen schreiben werden. Jetzt im Moment sind sie nur Fanboys, die Sony geile Bilder zum Übertragen liefern. Aber hoffentlich lächeln sie nett. Millionen Menschen schauen zu.