Remember Me im Test: Ob wir uns an Nilin in ein paar Jahren noch erinnern?

Test Alexander Winkel

In der konträren Zukunftsvision von Dontnod Entertainment gehört Augmented Reality ebenso zum Alltag wie das Beeinflussen von Erinnerungen. Ein gar schrecklicher Gedanke, dass unsere Aufzeichnungen im Hirn nicht nur digitalisiert gespeichert, sondern auch manipuliert werden können. Damit gehört das Blitzdings-Gerät der Man In Black definitiv der Vergangenheit an. Warum Capcoms Remember Me tatsächlich aber keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, wird unser Test klären.

Wir schreiben das Jahr 2048. Das Paris der Zukunft besticht mit bekannten barocken und klassischen Bauten und auch der Eifelturm befindet sich noch inmitten der Metropole, doch der Wandel der Technik integriert das altbekannte Stadtbild in eine visionäre aber glaubhafte Digitalwelt. Wohin man auch geht, sei es die Innenstadt mit ihren Cafés, seien es die Einkaufsmeilen oder die Vororte, peppige Reklame, protzige Preisschilder und flackernde Hinweistafel erscheinen vor dem geistigen Auge und TV Bilder werden im luftleeren Raum projiziert. Die Datenbrille des berühmten Suchmaschinenanbieters wirkt gegen die Neonfarben und klaren Schriften in Remember Me wie ein billiges Kinderspielzeug. Zusammen mit den zahllosen liebevollen Details erschuf Entwickler Dontnod Entertainment ein Kunstwerk zwischen Mirrors Edge und einer postapokalyptischen, digitalen Zukunft. Das Artdesign ist einzigartig und gefällt, auch wenn uns die 8+1 Episoden meist durch eher dunkle Slums oder die Kanalisation führen und der Regengott ein fast beständiger Begleiter der adretten Nilin ist.

Remember Me (7) Quelle: DSOGaming / http://www.dsogaming.com/news/remember-me-sweetfx-vs-vanilla-comparison/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=remember-me-sweetfx-vs-vanilla-comparison Remember Me (7) So grandios das Artdesign von Remember Me auf dem ersten Blick, vor allem im Stillleben als Screenshot, auch sein mag, so unbewegt und steril wirkt das Neo-Paris der nahen Zukunft nach nur wenigen Minuten auf den Spieler. Trotz der zahlreichen Details wirken die Flaniermeilen seelenlos. Verlockend wäre ein Blick in die Auslage der Geschäfte und Marktstände, man möchte um Preise feilschen oder mit den Leuten reden, doch Nilin wird wie am roten Faden und mit riesigen Scheuklappen durch die Welt gezogen, ohne jegliche Interaktion oder Erkundung. Verlaufen ist nicht, dafür sorgen orangefarbene Pfeile die stets markieren, wo man sich entlang hangeln oder hochklettern muss bzw. welche Abgründe zu überwinden sind. Prinzipiell aber auch ein Vorteil, denn ohne diese Hilfe käme man sich teilweise nahezu verloren vor. Derart intuitiv und übersichtlich wie einst ein Prince of Persia oder die Assassins Creed Spiele ist die Kletterei in Remember Me letztendlich nicht. Mitschuld trägt die meist starre Kamera, die oft spärlich beleuchtete Abschnitte nur mühevoll passend einfängt und Nilin häufig in den bitteren Tod stürzt. Heftige Ladepausen bis zur Wiederbelebung strapazieren dabei gewaltig die Geduld!

Remember Me (8) Quelle: DSOGaming / http://www.dsogaming.com/news/remember-me-sweetfx-vs-vanilla-comparison/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=remember-me-sweetfx-vs-vanilla-comparison Remember Me (8) Die zahlreichen Laufpassagen und Kletterparcours durch geradlinige Welten gehören nicht zu den Glanzstücken von Remember Me. Es fehlt der Anspruch, es mangelt an Motivation und selbst die nach und nach immer stärker eingestreuten Denkaufgaben – da Nilin immer wieder neue Fähigkeiten erlernt – entpuppen sich eher als zeitraubend und bisweilen sogar gähnend langweilig denn spannend und unterhaltsam. Da richtet sich der Fokus eindeutig auf die tolle Grafik und eine im Ansatz hoch interessante Hintergrundgeschichte. Persönliche Erinnerungen lassen sich mittlerweile digitalisieren, kaufen und verkaufen. Das hat fast etwas von Total Recall, nur dass die Gedankenmanipulation durchaus dauerhaft ist. Schön, wenn Fußballer und Bayern Veteran Bastian Schweinsteiger seinen verpatzen Elfmeter aus dem Champions League Finale dahoam löschen kann, die machtgierige Technologie-Industrie manipuliert das Volk aber mit allen Mitteln und züchtet willenlose Sklaven. George Orwells 1984 Klassiker klopft an die Türe und "Big Brother is watching you".

Kein Wunder also, dass eine Elite-Gedächtnis-Jägerin mit der Fähigkeit, in die Gedanken der Menschen einzudringen und Erinnerungen sowohl zu stehlen, als auch zu verändern, unweigerlich als Staatsfeind Nummer 1 in den Hochsicherheitstrakt geworfen wird und ihr Hirn einen rigorosen Reset erfahren musste. Nach der Flucht setzt Nilin alles daran, ihre wahre Identität aufzudecken und zu erfahren, was tatsächlich in der Vergangenheit vorgefallen ist. Nebenbei werden die Befreier unterstützt und sie erlangt wieder den Ruf der Gedächtnis-Jägerin, welche sich gegen die Technologie wendet und der grausamen Industrie einen Strich durch die Rechnung machen möchte. Dennoch, ein Selbstzweifel nagt am Gewissen und so ganz sicher fühlt sie sich bei den zahlreichen Aktionen für die Aktivisten gegen das Regime nicht. Einiges kommt ihr viel zu heftig vor. Was ist richtig? Was ist falsch? Und vor allem, was ist die Wahrheit? So manche Dinge kann man sich als Spieler schnell aus den verdeckten Einzelheiten zusammen reimen, andere wiederum können durchaus überraschen. Der Plot kommt bisweilen komplex rüber, wird aber in gesunden Häppchen vorangetragen, auch wenn hier und dort sich immer wieder, vielleicht auch extra passend zum Thema Gedächtnisschwund, Lücken auftun. Die Sprachausgabe fügt sich ins Gesamtbild und hat ein paar gute Sprecher auf Lager, andere wiederum haben ihren Job definitiv verfehlt. Lippensynchron ist aber gar nichts!

Remember Me (13) Quelle: DSOGaming / http://www.dsogaming.com/news/remember-me-sweetfx-vs-vanilla-comparison/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=remember-me-sweetfx-vs-vanilla-comparison Remember Me (13) Die besonderen Fähigkeiten der schemenhaften, mysteriösen Kämpferin sorgen für innovative Gameplay-Elemente. Hervorzuheben ist der Erinnerungs-Remix. Nilin rührt einmal mit dem Kochlöffel durch die Erinnerungen einer Person und würzt die dortigen Ereignisse ganz nach ihrem persönlichem Geschmack. Will heißen, beim hin und her spulen des abgespielten Gedankenvideos können wir spezielle Ereignisse auslösen, die unterschiedliche Effekte mit sich bringen. Dies verändert die Perspektive, die Ereignisse und das Geschehene, ohne dass die betroffene Person davon erfahren muss. Kling ganz cool, oder? Ist es auch, vor allem geschichtlich. Leider finden diese magischen Moment nur sehr selten statt und für des Rätsels Lösung gibt es auch hier wieder nur einen einzigen Weg. Ausprobieren ja, doch nur eine Kombination bringt Nilin tatsächlich ans Ziel. Es gibt kein "was wäre, wenn"! Darüber hinaus werden angezapfte Erinnerungen verwendet, um dank überlagerter Bilder vor Augen den Pfad durch das schlauchartige Paris zu finden, Fallen zu entdecken oder Türkombinationen zu knacken. Augmented Reality wird vom Entwickler Dontnod Entertainment fast schon auf die Spitze getrieben.

  1. Seite 1 3rd-Person-Action mit innovativen Gameplay-Elementen
  2. Seite 2 Fazit & Wertung
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