Mit Beyond: Two Souls hinterlässt Designer und Visionär David Cage ein beeindruckendes Werk. Er verknüpft Videospiele und Filme. Mit dabei sind unter anderem Ellen Page und Willem Dafoe. Sie bringen ihre Hollywood-Erfahrung in die mysteriöse, unheimliche und dennoch actiongeladene Geschichte um Jodie und Aiden ein. Film oder nicht: Kann das neue Quantic Dream Werk einen würdigen Schlussstrich unter die endende PS3-Ära setzen?
Jodie Holmes (gespielt von Ellen Page, bekannt aus u. a. X-Men: Der letzte Widerstand oder Inception) war bereits von Geburt an anders. Schmerzlich bekommt sie es in ihrer Kindheit zu spüren. Dank ihrer Fähigkeit steht sie immer wieder im Mittelpunkt des Interesses. Unter Gleichaltrigen verbreitet sie meist mehr Angst und Schrecken als ihr lieb ist. Denn an ihrer Seite wandelt ein unsichtbarer Geist aus einer anderen Welt, den sie Aiden nennt und der sich so gar nicht an die Gepflogenheiten der Menschen hält. Da fliegen mal die Stühle umher und so manches Kind bezeichnet Jodie als bösartige Hexe. Selbst banale Dinge wie eine Schneeballschlacht und eine Geburtstagsparty mit Teenagern enden in einer Katastrophe. Dabei kann sie gar nichts dafür, denn die Laune des Begleiters lässt sich nicht beeinflussen.
Aiden ist aber nicht nur für Jodies Mitmenschen ein Graus, auch sie fürchtet sich vor dem Ungewissen und reagiert nicht selten sensibel auf übernatürliche Phänomene in ihrer Umgebung. Sie sieht Monster, trifft auf von den Toten Auferstandene und manchmal zeugen ihre Visionen von einem Verstand, der nahe am Abgrund zwischen Wahnsinn und Realität wandelt.
Bruchstück für Bruchstück ergibt sich die Story
Quelle: Sony
Beyond: Two Souls im Test: Willem Dafoe verkommt trotz Format zu einer reinen Nebenfigur - schade!
Im Labor von Wissenschaftler Nathan Dawkins, gespielt von Willem Dafoe (Spider-Man, Platoon), lernt sie, Aiden unter Kontrolle zu halten. Und sie findet sich damit ab, dass eine unsichtbare Macht sie stets beschützen und bevormunden wird. Nathan begleitet Jodie von ihrer Kindheit an wie ein Ziehvater bis ins Frauenalter. Doch dann fliegt die Forschung auf. Schon bald findet sie sich als taffe CIA-Agentin wieder und durchlebt das Trauma der rücksichtslosen Kriegsführung.
Die von Quantic Dream eingesetzte Erzählweise ist zugleich atemberaubend und einnehmend. Die Szenen schrecken aber auch ab und sind zum Teil extrem verwirrend. Quantic Dreams erzählt die Geschichte bruchstückhaft und chronologisch völlig durcheinandergewürfelt. In den Zeitperioden springen die Macher antizyklisch hin und her. Erst nach etlichen Stunden ist man in der Lage, die Puzzlestücke in einen logischen Kontext zu bringen. Die Szenen, die beständig zischen dem Kindesalter von etwa 8 Jahren, der Teenagerin und dem Zeitalter unter den Fittichen der CIA hin und her wechseln, wirken völlig zusammenhanglos. Teils scheinen sie wie aus der Luft gegriffen zu sein und erzählen Dinge, die auf dem ersten Blick rein gar nichts zur eigentlichen Problematik mit dem unnatürlichen Wesen Aiden und der Frage nach dem Leben nach dem Tode beitragen.
Quelle: Quantic Dream
Beyond: Two Souls im Test : Die Regierung bekommt Wind von Jodies Fähigkeiten und bildet sie als Agentin aus.
Erst nach zehn Stunden ergibt sich ein Gesamtbild, welches bitter enttäuscht. Über einen extrem langen Zeitraum wird der Spannungsbogen aufgrund zahlreicher Lücken und offenen Fragen gewaltig hoch gehalten. Man erwartet Großes. Man erwartet Atemberaubendes. Ja, man erwartet die Story seines Lebens und genießt den Ausflug im cineastischen Stil in vollen Zügen. Doch letztendlich endet alles in einem narrativ sehr ernüchternden Showdown. Dabei hätte Beyond: Two Souls zahlreiche weitere Denkanstöße liefern können, etwas zum Nachdenken und etwas, das sich nachhaltig auf die Sichtweise des Spielers hätte auswirken können. Director David Cage schafft es nicht, diesen Bogen zu schlagen. Der Meister verirrt sich im 2.000 Seiten langen Manuskript und kommt erst zum Schluss wirklich auf den Punkt. Es gibt sogar Diskrepanzen zwischen Aussagen und späteren Situationen, in denen man sich fragt, warum es nicht zum verbalen Schlagabtausch kommt. Wieso rebelliert Jodie nicht einfach, wenn ihr alles zuwider ist? Scheinbar erinnert sie sich nicht an ihre eigenen Grundsätze. Fehler, die wirklich zu vermeiden wären!
Ich weiß, die ganze Beschreibung klingt sehr subtil und vielleicht sogar recht oberflächlich. Vermutlich können einige meine Gedankengänge auch kaum mehr folgen, wenn sie zu wenig über Jodie Holmes und ihr dramatisches Leben wissen. Dann fällt es nicht einfach, obiges wirklich nachzuvollziehen, vor allem da die zahlreichen Trailer und Vorabberichte ein grandioses, filmisches Werk vermuten lassen. Tiefer in die Details der Hintergrundgeschichte von Beyond: Two Souls möchte ich aber nicht eintauchen, die Karten quasi nicht auf den Tisch legen. Einerseits da diese wie schon seinerzeit in Heavy Rain beeinflussbar ist und jeder etwas anderes erlebt, andererseits aber auch um euch die Spannung und den Trieb, mehr über das außergewöhnliche Mädchen in Erfahrung zu bringen, nicht vorab zu nehmen. Denn eines ist klar: Um hier nur annähernd mitreden zu können, muss man auf seine ganz eigene Weise durch die kunstvoll inszenierte Welt wandeln.
Hollywood auf Besuch bei Quantic Dream
Quelle: Quantic Dream
Beyond: Two Souls im Test: Ellen Page spielt die Protagonistin Jodie perfekt.
Letzteres ist Quantic Dream beeindruckend gelungen und gehört mit zum Besten, was wir bis dato in einem Videospiel zu Gesicht bekommen haben. Beyond: Two Souls ist eine atemberaubende Hollywood-Inszenierung geworden, die genauso gut über die Leinwand hätte flimmern können. Mit Ellen Page und Willam Dafoe in den Hauptrollen und zahlreichen weiteren Schauspielern wie Eric Winter und Kadeem Hardison haben sich die Entwickler professionelle Unterstützung ins Haus geholt. Sämtliche Zwischensequenzen sowie die Bewegungen in den spielbaren Szenen haben die Schauspieler im Motion Capture Studio aufgenommen. Das haucht den Charakteren Leben ein. Wenn Jodie im wackelnden Zug auf der Flucht vor den Gesetzeshütern ist oder ein harmonisches Techtelmechtel mit ihrem Arbeitskollegen angeht, sorgen filmreife Animationen für einen hohen Realitätsgrad. Vor allem die Mimik und Gestik ist auf einem beispiellosen und brillant hohen Niveau. Selbiges gilt auch für die Dialoge, die im deutschen von den originalen Synchronstimmen übernommen wurden. Ob nun filmische Sequenzen oder spielbare Szene, jeder Kommentar – sei er situationsbedingt oder vorgegeben – fügt sich nahtlos ein. Alles wirkt wie auf dem Schlachtfeld per Kamera festgehalten bzw. eher plump ausgedrückt wie aus einem Guss.
