Dwarf Fortress oder: Warum verlieren Spaß macht - Leserspecial

Special LeKlopper

In Zeiten, in denen Spiele durch Grafikpracht, hollywoodreife Inszenierung und einsteigerfreundliche Bedienung bestechen, geht ein Spiel den gegenteiligen Weg. Dwarf Fortress ist minimalistisch designed, seine Geschichten schreibt es selbst, seine Steuerung ist eine Herausforderung. Aber trotzdem macht es Spaß.

Ich blicke auf eine blühende Landschaft voll grüner Weiden, riesiger Wälder, majestätischer Berge, reißender Gebirgsflüsse und wunderbarer Fabelwesen. Zumindest stelle ich mir die Ansammlung von buntem ASCII-Code so vor. Inmitten dieses Wunderwerks ist eine Zwergenfestung in den Berg geschlagen. Einer der Zwerge da unten trägt den Namen Stindhät. Und wenn er statt dieses blauen Smileys ein richtiges Gesicht hätte, würde er mich mit einer Mischung aus Trübsinn und Wut anstarren und dabei undeutlich Verdammter Idiot! murmeln. Er hat dazu ein gutes Recht, denn der Idiot vor dem Rechner hat sechs seiner Kollegen auf dem Gewissen und Stindhät weiß ganz genau, dass er der nächste sein wird.

Dwarf Fortress ist das erste Spiel seit gefühlten Äonen, bei dem ich die Anleitung konsultieren muss. Und zwar nicht nur um die eine oder andere Tastenbelegung nachzuschauen. Ich lese sie von vorne bis hinten, weil ich sonst keine Ahnung habe, was zu tun ist. Da unten siechen meine Zwerge dahin und ich drücke nur hilflos irgendwelche Tasten. Es empfiehlt sich eindeutig, die Instruktionen immer geöffnet zu haben und dazu noch einige Tutorials im Internet zu lesen, denn Dwarf Fortress lässt sich so intuitiv bedienen wie ein Atomreaktor. Jede Taste ist mit einer wichtigen Funktion belegt und wildes Probieren führt über kurz oder lang zum Super-GAU.

Und was jetzt? Quelle: Bay 12 Games Und was jetzt?
Kein Zweifel: Dwarf Fortress hat eine Lernkurve wie eine Betonwand. Sofort nach dem Start habe ich keine Ahnung, was da überhaupt passiert. Das ist ungewohnt in einer Zeit, in der sich Spieler an Standards in jedem Genre gewöhnt haben, in der eingängige Tutorials alles schnell und griffig erklären, in der große Pfeile und blinkende Kreise den nächsten Schritt überdeutlich markieren.
Aber nicht hier. Irgendwas wird berechnet, irgendwelche Zahlen erscheinen und ein bunter Matsch aus ASCII-Zeichen breitet sich aus. Was da auf dem Bildschirm passiert, erinnert an das Kontrollzentrum eines Industriekomplexes voll blinkender Zahlen, kryptischer Begriffe und undurchdringlicher Schemata von verworrenen Produktionsketten und Kühlsystemen.

Hinter all dem verbirgt sich eine komplexe Logik. Dwarf Fortress erschlägt mich zwar zunächst mit der schieren Menge an Möglichkeiten, deren Bedienung zwar ungewohnt, ist aber doch einfach und durchdacht. Das Problem besteht darin, all das auch richtig anzuwenden. Und dann ist da ja noch die Grafik. Jenes Wirrwarr aus Buchstaben, Zeichen und Zahlen in grün, braun und grau verrät mir zunächst wenig und erinnert an ein klassisches Rogue-like, als das Dwarf Fortress im Adventure-Mode auch durchaus spielbar ist. Irgendwas blinkt, dahinten bewegt sich was und in einer Ecke breitet sich Schwärze aus. Wieder ist es zwingend erforderlich, eine externe Informationsquelle zu bemühen.

Zum Glück ist alles einfacher, als es zunächst aussieht. Ich gewöhne mich schnell an die ungewohnte Darstellung und irgendwann geschieht das kleine Wunder: Wie in der Matrix verwandeln sich die konfusen Ketten aus Zahlen und Buchstaben auf einmal in eine bunte Fantasywelt! Da stehen sie, die sieben Zwerge meines anfänglichen Spähtrupps! Dort erhebt sich der Berg, den wir bald zu unserer Festung aushöhlen werden! Und dort ist das Wäldchen, das uns zunächst Baumaterial und Nahrung bieten wird! Dwarf Fortress hat begonnen!

In den ersten paar Stunden schicke ich meine Zwerge zielsicher in einen grausamen Tod nach dem nächsten, weil ich es einfach nicht besser weiß. Meistens verhungern sie, haben Krankheiten durch Mangelernährung, werden von Bären oder Wölfen gefressen und einmal sogar von einem Barsch. Ich bin mir sicher, dass das noch lange nicht die Spitze des Eisbergs war und ich noch viele weitere Todesarten entdecken werde. Ich habe da scheinbar ein großes Talent. Doch trotz einer fatalen Fehlentscheidung nach der anderen verliere ich nicht das Interesse daran, ein paar weitere unschuldige Zwerge Opfer meiner hilflosen Experimente werden zu lassen. Das ist die große Stärke von Dwarf Fortress. Losing is fun! steht auf dem Starbildschirm. Und verrückter weise stimmt das!

Glückliche Zwerge in ihrer Festung. Quelle: Bay 12 Games Glückliche Zwerge in ihrer Festung.

Ich lerne aus meinen Fehlern. Langsam, ganz langsam entwickle ich mich von einem unbeholfenen Idioten zu einem weniger unbeholfenen Idioten. Der nächste Trippelschritt auf der Lernkurve des Todes ist sichtbar. In ein paar Stunden bin ich sicher nur noch ein Idiot und einige Dutzend tote Zwerge später kann ich mich vielleicht damit brüsten, zu einem stümperhaften Amateur aufgestiegen zu sein, der seine Schutzbefohlenen wenigstens ein paar Tage über die Runden bringt, bevor sie qualvoll sterben. Ehrgeiz stellt sich ein. Wenn ich es schon nicht zähmen kann, will ich dieses Monster von einem Spiel wenigstens ein paar Stunden in Schach halten. Und die anfängliche Blockadehaltung gegen diesen so Einsteiger unfreundlichen Klotz weicht einem großen Respekt gegenüber dem, was hier geschaffen wurde.

Ähnlich wie bei Minecraft braucht es ein wenig Zeit und Beschäftigung mit dem Spiel, um festzustellen, dass hier viel mehr möglich ist als nur Höhlen zu buddeln und Bäume zu fällen. Sehr viel mehr. Wie im Survival-Modus bei Minecraft muss auch hier erst einmal eine grundlegende Schutzbehausung gebaut werden, bevor die Zwerge mit der Beschaffung von Nahrungsquellen beauftragt werden und sich später dann damit beschäftigen, die Rohstoffe des Bergs zu plündern, um daraus Werkzeuge und Waffen herzustellen, die weitere Tätigkeiten möglich machen. Doch ist die Existenzgrundlage erst einmal gesichert, gibt es keine Grenzen mehr. Friedliches Farmen ist ebenso möglich wie Massenschlachten gegen verfeindete Völker. Riesige Städte können errichtet werden oder man zieht als Nomadenvolk plündernd durchs Land. Große Helden können erschaffen werden, die legendäre Mythenwesen bezwingen. Oder vernachlässigte Zwerge stürzen in die Depression und laufen Amok.

Wer sich erst einmal mit der unüberschaubaren Anzahl von Befehlen und Fertigkeiten arrangiert hat und diese Fähigkeiten richtig zu nutzen weiß, dem bietet Dwarf Fortress die größte Sandbox der Videospielgeschichte. Da kann ein GTA V nicht einmal im Ansatz mithalten. Und sie wird zunehmend größer. Das bereits seit elf Jahren in Entwicklung befindliche Spiel der Brüder Zach und Tarn Adams wächst und wächst mit jedem Update. Dabei ist es offiziell immer noch im Alpha-Status. Dwarf Fortress sprengt die Grenzen des bisher Dagewesenen. Nach einer Woche mit den Zwergen kratze ich immer noch nur an einer kleinen Ecke der Oberfläche. Ich habe noch keinen Zwergenkatapult gebaut, noch keine ausgeklügelten Fallen erschaffen, noch keine Dämonen bekämpft und immer noch nicht den verdammten Barsch gefangen, der meinen Zwerg getötet hat. Aber all das will ich noch tun. In einem Spiel ohne festgelegte Ziele gibt es nur persönliche Herausforderungen, die jeder sich selbst schaffen muss. Vielleicht ein der wichtigsten Lektionen von Dwarf Fortress neben der einen, ganz großen: Losing is fun!

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