Das Selbstverständnis des Genres der JRPGs hat sich über die Jahre deutlich gewandelt. Nicht nur, dass es heutzutage deutlich weniger Japano-Rollenspiele auf dem Markt gibt, sie alle entfernen sich zudem immer weiter von ihren Wurzeln. Zufallsgenerierte Kämpfe, ein Job-System oder andere klassische Elemente wurden mit der Zeit von ehemaligen Stammgästen auf dem Genrethron mit mäßigem Erfolg weiterentwickelt. Auch die wenigen Neulinge des Bereichs wagen sich selten an alte Tugenden. Doch nun erschien mit Bravely Default von Square Enix ein Rollenspiel für den 3DS, das wie ein Relikt aus alten Zeiten erscheint und sich genauso gut spielt.
Vier Individuen für ein Halleluja
Bravely Default beginnt mit einem Paukenschlag. Im idyllischen Städtchen Norende bricht aus heiterem Himmel die Erde auf und verschlingt das gesamte Dorf. Tiz Arrior, ein Schafhirte, ist der einzige Überlebende der Katastrophe. Doch Norende ist nicht das einzige Opfer unvorhergesehener Naturkatastrophen. Die gesamte Welt wird von speienden Vulkanen und verseuchtem Wasser in Atem gehalten. Auch die energiespendenden Winde bleiben fern. Eine Tatsache, die die Vestalin des Windkristalls Agnès Oblige auf den Plan ruft. Sie möchte die Winde wieder über das Land ziehen lassen und ist deshalb auf der Suche nach dem Windkristall. Dabei kreuzt sie den Weg von Tiz, dem sie sich nach einigem Hin und Her anschließt. Die Party aus insgesamt vier Charakteren wird durch die desertierte Tochter des Großmarschalls Edea Lee und den unter Gedächtnisverlust leidenden Ringabel komplettiert. Immer dabei: Ringabels Tagebuch, das mit zukünftigen Ereignissen gefüllt ist. Natürlich können wir stets einen Blick in das Tagebuch werfen und somit wertvolle Zusatzinformationen erhalten.
Im Grunde reißt die Geschichte rund um unsere vier Protagonisten heutzutage keinen mehr vom Hocker. Der Mechanismus "Suche Artefakt 1,2,3,4 und rette die Welt" ist einfach schon zu oft benutzt worden. Das soll jedoch die interessanten Charaktere in keinem Fall mindern. Die Gruppendynamik durch vier sehr unterschiedliche Persönlichkeiten ist der Hauptantrieb der Geschichte in Bravely Default. Befeuert durch Gruppenmomente, welche wir durch AR-Karten auch in unsere Umgebung projiziert erleben dürfen, hängen wir schon bald mehr an den Lippen der Hauptcharaktere als an der Geschichte selbst.
Brave, Default und der Kampfregler
Quelle: Square Enix
Bravely Default für Nintendo 3DS im Test (5)
Wie eingangs erwähnt, haben in Bravely Default Zufallskämpfe mit unsichtbaren Gegnern ihr Revival. Während wir uns zu Fuß den Weg über die Landschaften der Spielwelt bahnen kommen wir in gewissen Zeitabständen immer wieder mit feindlich gesinnten Kreaturen in Kontakt. Dabei ist der Tag/Nacht-Wechsel dynamisch und wirkt sich auch auf die Variation der Gegner aus. Dank eines Reglers im Spielmenü haben wir jedoch jederzeit die Entscheidungsfreiheit über die Frequenz dieser Begegnungen. Soll ein rapider Levelaufstieg forciert werden, was aufgrund des stark auf Looten und Leveln ausgelegten Spielverlaufs praktisch jede halbe Spielstunde ansteht, drehen wir den Regler voll auf und geraten beinahe mit jedem dritten Schritt an einen neuen Sparringspartner. Sind Ressourcen innerhalb eines Dungeons knapp, oder wollen wir ein bestimmtes Arial einfach nur erkunden, können wir uns der Begegnungen auch vollends entledigen. Eine praktische Lösung, die den Spielverlauf deutlich angenehmer und berechenbarer macht.
Im Kampfbildschirm erfahren wir, woher Bravely Default seinen Namen hat. Die Basis des Kampfsystems ist ein rundenbasierter Ablauf. Auch die zur Verfügung stehenden Mittel erstrecken sich Genretypisch über Waffeneinsatz, Zaubersprüche und Items. Wer nun mit Magie oder Waffen angreift bestimmt das Jobsystem. Aus insgesamt 12 Jobs wie beispielsweise der Ninja oder Mönch kann je nach Belieben mit Primär- und Sekundärfähigkeiten herumprobiert werden. Jeder Charakter kann dabei jeden Job erlernen und isoliert aufleveln. So kann je nach Gegnertyp Job und Ausrüstung getauscht werden. Die nötigen Waren kaufen wir ganz klassisch in größeren Städten in den entsprechenden Shops.
Quelle: Square Enix
Bravely Default für Nintendo 3DS im Test (9)
Alles steht und fällt jedoch mit den sogenannten Battlepoints. Pro Runde werden sowohl wir als auch der Gegner mit den Kampfpunkten ausgestattet. Pro normalem Angriff wird einer abgezogen. Die taktisch interessante Komponente entsteht aus den Kommandos "Brave" und "Default", was rein faktisch gesehen nichts anderes als eine aufpolierte Bezeichnung für Angriff und Defensive ist. Über "Default" können wir bis zu drei Battlepoints ansammeln, müssen dafür allerdings auch drei Runden gegnerischen Angriffen standhalten. Mit "Brave" können wir bis zu vier Angriffe in Serie starten. Der Clou: Es gibt einen Angriffspunkte-Vorschuss. Wir können sie ausgeben, obwohl wir sie noch gar nicht verdient haben. Dafür ist der Charakter danach drei Runden schutzlos und inaktiv. Somit ist gerade mit Gegnern auf Augenhöhe jeder Moment von diversen taktischen Überlegungen geprägt, was das Spiel auf lange Sicht immer auf einem konstanten Motivationslevel hält. Zusätzlich zu normalen Angriffen stehen uns mit der Zeit auch immer mehr Spezialangriffe zur Verfügung, die ebenfalls vom Jobsystem beeinflusst werden. Ein eher fragwürdig umgesetztes Feature ist die sogenannte "Bravely Second". Mit diesem Manöver könnt ihr die Zeit anhalten und einen sofortigen Gegenangriff starten. Um jedoch an die auslösenden Münzen zu kommen, müsst ihr entweder bare Münze im Online Store in die Hand nehmen oder den 3DS acht (!!) Stunden auf Standby halten. Um ehrlich zu sein: Wir halten nicht viel davon, Mikrotransaktionen auf diese Art und Weise in ein Spiel zu implementieren. Zu elementar ist das betroffene Feature für einen Grundpfeiler des Spielablaufs und zu schwach die Option Bravely Second ohne Geld frequentiv nutzen zu können.
Alles besser mit Freunden?
Quelle: Square Enix
Bravely Default für Nintendo 3DS im Test (4)
Bravely Default gibt uns auch die Möglichkeit, die Unterstützung registrierter Freunde zu nutzen. Dafür müssen unsere Freunde noch nicht mal online sein. Dabei kann man sich entweder täglich aufs Neue verbinden oder dauerhaft verbunden bleiben. Auch besteht die Möglichkeit selbst Hilfe anzubieten. Der Vorteil einer dauerhaften Freund-Verbindung besteht unter anderem darin, die Fähigkeiten und Job-Stufen des Verbündeten nutzen zu können. Auch können Kämpfe gegen besondere Gegner als kleines Schmankerl an die Freunde verteilt werden. Diese freuen sich dann über Erfahrungspunkte oder wertvolle Items. Für eine omnipräsente Nebenbeschäftigung, den Aufbau von Tiz' Heimat Norende, sind Freunde ebenfalls nützlich. Je nach Renovierungsstatus des Dorfs gibt es über den Spielverlauf verteilt neue Items oder zum Dank ein kleines Geschenk.
Knuddeloptik und guter Sound
Quelle: Square Enix
Bravely Default für Nintendo 3DS im Test (2)
Die Optik von Bravely Default ist sehr eigen aber stets schön anzusehen. Stadtkulissen wirken wie handgezeichnet und erstrahlen in einem tadellosen 3D-Look. Insgesamt ist der Tiefeneffekt sehr gut umgesetzt und macht vor allem vor malerischer Kulisse einiges her. Die Polygonmodelle der Hauptcharaktere sind toll geraten, auch wenn sie für unseren Geschmack etwas zu klein und pummelig sind. Das Gegnerdesign ist abwechslungsreich, bietet eine große Bandbreite und ist gut über die unterschiedlichen Gebiete der Weltkarte verteilt. Letztere ist ebenfalls liebevoll gestaltet und bietet genug Abwechslung. Die ab und an von uns besuchten Dungeons gehen insgesamt auch in Ordnung, auch wenn uns ein wenig die Abwechslung der Außenwelt fehlt. Hinsichtlich der Audio-Ausgestaltung gibt es ebenfalls nichts zu beanstanden. Die wahlweise englischen oder japanischen Synchronsprecher haben sich im Tonstudio ordentlich ins Zeug gelegt und machen die Figuren angenehm authentisch. Die Begleitmusik ist nicht aufdringlich aber stets präsent. Die Auswahl an Tempi und Kompositionen bleibt im Vergleich mit aktuellen Genrevertretern wenig schuldig.
