South Park: Der Stab der Wahrheit im Test: Humor ist, wenn man über Fäkalien, Juden und Hakenkreuze trotzdem lacht
Test
South Park: Der Stab der Wahrheit ist ein Spiel voller Skandale. Erst verschob Obsidian das RPG mehrfach, dann ging Publisher THQ pleite. Dann war es lange ruhig. Kurz vor dem Start plagen Zensur-Skandale und Uncut-Rufe die Entwickler, am Ende nehmen Händler deutsche Versionen wieder vom Markt. Wir haben hinter die ganzen Shitstorms geguckt und festgestellt: Die Aufregung ist umsonst. South Park ist ein tolles, einsteigerfreundliches RPG zum Totlachen. Und ja, sie haben Kenny getötet!
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Der Neue in South Park
Der Neue ist in der Stadt – und er ist nicht gerade das gesprächigste Kind. Eine kleine Familie zieht aus dem Unbekannten in die typische amerikanische Kleinstadt. Angeblich, so die Eltern im vertraulichen Gespräch, um die Dämonen, die den Kleinen verfolgen, loszuwerden. Welche das sind – darüber schweigt das Spiel bis zum epischen Ende. Warum einen neuen Charakter im South-Park-Universum einführen? Klar, damit Cartman, Butters und Co. nicht zu kurz kommen und jeder seinen Helden so formen kann, wie er es sich wünscht. Wer wäre schon gerne Opferknecht Kenny?
Quelle: PC Games
Tabulos schon die Klassenwahl: Sei ein Krieger, Magier, Dieb oder Jude.
Zu Beginn scheint in South Park alles noch friedlich zu sein. Die Kids spielen in ihren Gärten Ritter, unterteilt in Menschen und Elfen. Der Neue schließt sich den Menschen an und schwört: Er wird den Stab der Wahrheit beschützen. Die Namens- und Klassenwahl ist schon ulkig genug: "Wie sollen wir dich nennen, neuer Krieger?" Ich tippe meinen epischen RPG-Namen ein; irgendeinen mystisch-elbisch anmutenden Begriff, den mir mal so ein Namengenerator ausgeworfen hat. "Du hast Arschloch eingetippt. Ist das korrekt?" – Nein! Hab ich nicht. Und trotzdem heiße ich von nun an Douchebag, steige aber im Rang auf. Vom einfachen Arschloch über Ritter Arschloch bis hin zu König Arschloch! Jedes Mal, wenn mich jemand mit dem Namen anspricht, gackere ich ein pubertäres Kichern in mich hinein.
In diesem Stil geht South Park: Der Stab der Wahrheit rund 15 Stunden lang weiter. Es folgt ein ekliger Fäkalwitz auf den nächsten, im Prinzip dreht sich sogar alles ums Furzen. Die magische Fähigkeit des Neuen sind nämlich seine Blähungen. Sie kann er anzünden oder sogar so stark anstauen, dass Gebäude einstürzen. Wer irgendeine Form von Niveau in Stick of Truth erwartet, hat bei diesem Spiel danebengegriffen. Ganz im Zeichen der tabulosen TV-Serie macht sich das Spiel, immerhin stammt die Geschichte von den Original-Autoren, über alles und jeden lustig. Juden, Regierung, Großkonzerne, Medienunternehmen… Keiner ist sicher vor der plumpen Satire. Man braucht schon einen besonderen Humor, um über viele der Geschichten zu lachen, aber wer South Park mag, ist schon auf der sicheren Seite. Ein wenig zu makaber sind einige Passagen in einer Abtreibungsklinik, auf einem UFO und im Analtrakt von Mr. Slave, dem schwulen Lack-und-Leder-Typen. Doch in der deutschen USK-18-Fassung auf Konsolen wurden sie eh geschnitten – dazu aber später mehr.
Quelle: PC Games
Es geht nicht nur um den Stab der Wahrheit: Langsam kristallisiert sich eine Geschichte mit Aliens, Gnomen, der Regierung und Al Gore heraus.
Überrascht hat mich persönlich die lange Spielzeit von Stick of Truth. Als ich nach einigen Stunden die wichtigsten Aufträge erledigt habe und kurz vor dem Stab der Wahrheit stand, kamen die Eltern herbei. "Kleiner! Wo warst du denn? Wir haben uns Sorgen gemacht? Jetzt aber ab ins Bett." So geschieht es häufiger. Mehrfach war ich sicher – jetzt ist das Spiel vorbei. Und plötzlich stehen die Eltern, denen man als Gnom später beim Vögeln zugucken muss und einen Bosskampf zwischen den Hängetitten der Mutter führt, da und kündigen die Nachtruhe an. Das zieht die Spielzeit schön in die Länge und sorgt auch für die eine oder andere Abwechslung. Eine Passage auf einem UFO startet etwa, als mein Krieger Arschloch schläft. Am Ende dreht sich nicht alles nur um das lustige Live Action Roleplaying Game, das anscheinend alle Kids aus South Park spielen. Es geht auch um Aliens, Nazi Zombies, finstere Regierungsagenten und darum, die ganze Stadt vor dem Unheil zu bewahren. Diesen Bogen schlagen die Autoren hervorragend. South Park: Der Stab der Wahrheit fühlt sich von Anfang bis zum Schluss wie eine ultralange Superepisode an.
Einsteigerfreundliches RPG
Im Kern von Stick of Truth steckt ein sehr einsteigerfreundliches, unkompliziertes RPG mit Stein-Schere-Papier-Prinzip. Jede Spielfigur hat bestimmte Werte und ist für Spezialattacken mal mehr, mal weniger empfindlich. Viele Einheiten vertragen Feuer nicht und erleiden besonders viel Schaden wenn ich einen Feuerzauber (eine Silvesterrakete… haha!) benutze. Nazis sind aber zum Beispiel bei Ekel-Attacken resistent. Wer so doof ist, dem ist bestimmt nichts peinlich und der kann auch nicht angewidert sein. Coole Message, danke Obsidian.
Quelle: PC Games
Die Spitze der Videospielevolution: Von Track & Field zum Kacken in South Park.
Damit Kämpfe nicht zum reinen Statistikvergleich verkommen, setzt Obsidian auf ein aktives Kampfsystem. Jeder Schlag muss in einem kleinen Minigame ausgelöst werden. Meistens ist das ein Geschicklichkeitsspiel, in dem es darum geht im richtigen Moment den Knopf zu drücken. Manche Spezialattacken verlangen aber richtige Fingerfertigkeit. Gelingen so perfekte Schläge, gibt es Schadensboni und Spezial-Effekte. Weil ich einen entsprechenden Skill gelernt habe, erhält mein Arschloch für jeden perfekten Stromschlag einen automatischen Schild, der ihn vor Gegenschlägen schützt. Bis zum Schluss bleibt das Kampfsystem auch spannend. Dank vieler unterschiedlicher Party-Mitkämpfer erlebt man immer wieder neue Attacken und hat nie das Gefühl, immer dieselben Kombos in die Tasten zu hauen. Manch eine Animation dauert dafür sehr lang. Butters Spezialattacke ist zum Beispiel eine 80er-Comicfigur, die mehrere Superattacken ausführen kann. Bis es aber soweit ist, vergehen jedes Mal mehrere Sekunden mit dem immergleichen Film. Hat man das 20, 30 oder 40 Mal gesehen, will man die Attacke, auch wenn sie wirklich überragend stark ist, gar nicht mehr verwenden.
Die Missionsstruktur ist, entgegen vieler RPG-Kollegen, sehr überschaubar. König Cartman und später auch die verfeindeten Elfen geben die großen Hauptmissionen aus, daneben gibt es noch einen Haufen Sammelobjekte und Sidequests von vielen bekannten Gesichtern aus South Park. Für Mr. Slave sollen wir zum Beispiel ein Paket bei der Post abholen, dessen Silhouette an einen Dildo erinnert und das vibriert… Was da wohl drin sein könnte? Nachdem wir es ihm bringen, verspricht er uns im Kampf zu helfen. Neben ihm tauchen Jesus, Hankey the Christmas Poo und Lu Kim als Spezialcharaktere auf. Bei besonders harten Gegnern (nicht jedoch Bossen) machen sie One-Hit-Kills. Besonders komisch sind die Animationen: Mr. Slave springt mit seinem Arsch voran auf einen Feind und lässt ihn verschwinden. Jesus steigt mit einer M16 vom Himmel herab und ballert wild um sich, Mr. Poo beschwört einen "Shitstorm", einen Tornado aus Scheiße. Die wenigen Male, in denen man diese Gehilfen ruft, hat man immer was zu lachen!
