World of Tanks für Xbox 360 im Test: Schnelle Panzeraction, kopfloses Multiplayer-System

Test Sandro Odak
World of Tanks für Xbox 360 im Test. (12)
Quelle: Wargaming

Im Februar startete World of Tanks auch offiziell auf der Xbox 360 durch. Das Free2Play-Spiel, das auf dem PC zu einer der beliebtesten Online-Simulationen überhaupt gehört, war final veröffentlicht worden. Wir haben uns in Panzer und Artillerie geschwungen und getestet: Was kann die Konsolen-Version im Vergleich mit dem PC-Original?

Lustige Anekdote von 2010: Auf dem PC ist gerade Metro 2033 der Hit, irgend so ein Psycho-Apokalypse-Russen-Shooter. Gamezone sitzt noch in den alten Büros im Münchener Osten. Im April ruft irgendein Spielentwickler an, osteuropäischer Dialekt. Sie wollen vorbeikommen, uns ihre Simulation vorstellen. "Wie hieß das Studio noch mal?", frage ich nach, auf Englisch natürlich. "Wargaming.net! Big business in Russia! You will like it." Naja, kann ja nicht schaden. Ein paar Tage später der Termin. Irgendein Victor kommt vorbei, zusammen mit einer der schönsten Blondinen der Gamesbranche. Was sie macht, weiß ich bis heute nicht. Seine Vision: "Leute bekommen das Grundspiel umsonst und müssen nur für spezielle Panzer bezahlen. In Online-Schlachten treten sie gegeneinander an." Er hat einen Laptop dabei, auf dem ich den englischen Prototyp spielen kann.

Ich steige ein, finde das Spiel abstoßend hässlich und sterbe innerhalb von 14 Sekunden. Von da an habe ich eigentlich keinen Bock mehr auf diesen Termin. Was mir Victor erzählt, halte ich für aus der Luft gegriffen. Panzerspiele aus dem Zweiten Weltkrieg… Ja, das mag vielleicht in Russland super laufen, aber bei uns? Der Deutsche hat ja eher ein gespaltenes Verhältnis zur Nazizeit, eine Heldenverehrung ist bei uns eher unüblich. Als dieser Victor weg ist, lachen wir im Büro ein bisschen, haken den Termin ab und denken uns: Von dem Mann werden wir wohl nie wieder hören.

Haben wir auch nicht. Einerseits, weil unser Büro damals ein chaotischer Haufen war. Wir hatten zwei Zimmer in einem Postversandlager, der Meetingraum roch nach dem chinesischen Mittagessen vom Vortag und war auf der einen Seite vollgestellt mit Kisten. Wäre ich Gast bei uns gewesen, hätte ich uns vermutlich auch auf die "Nie wieder anrufen"-Liste gesetzt. Andererseits, weil "dieser Victor" mit seiner Panzer-Klitsche Wargaming durch die Decke gegangen ist, was niemand von uns geglaubt hat. Victor Kislyi, CEO von Wargaming, ist heute mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein gemachter Mann. World of Tanks ist ein weltweites Phänomen geworden, seine Partys sind legendär: 2012 flog er die Band LMFAO zur Gamescom ein, ein paar Monate zuvor spielten sie noch ein Halbzeitkonzert beim Super Bowl! Zum 15ten Jubiläum lud er The Offspring nach Weißrussland. Zugegeben, in meiner Karriere als Videospieljournalist habe ich nur einmal eine ähnlich falsche Entscheidung beim Einschätzen eines Produktes getroffen: Als ich Riot Games bei einer Vorabpräsentation ins Gesicht gesagt habe, dass ich ein Spiel, dass man mit lol abkürzt, nicht ernstnehmen kann.

Deine Mudder spielt World of Tanks!

World of Tanks für Xbox 360 im Test. (3) Quelle: Wargaming World of Tanks für Xbox 360 im Test. (3) Vier Jahre später kann ich meinen Fehler eingestehen: Als Victor gesagt hat, dass "dieses Free2Play" der Renner im Netz wird, hatte er Recht und ich Kleingeist hatte Unrecht. Anscheinend stimmt es, es gibt Leute, die Echtgeld für Ingame-Gold ausgeben, um sich dafür Panzerzeugs zu kaufen und anders auszusehen als andere Panzerfahrer. Und: Trotz meines vorschnellen Fazits ist World of Tanks eine spannende Onlinesimulation geworden. Auf der Xbox 360 sowieso, denn auf Konsolen fehlen bislang ähnliche Spiele. Um World of Tanks für Xbox 360 zu spielen, benötigt man lediglich ein Xbox Live Goldkonto und Internet. Das Basisprogramm ist kostenlos und schlanke 75MB groß. Aber nicht täuschen lassen: Nach dem Start zieht sich World of Tanks ein Ingame-Update und aktualisiert sich so selbstständig. Großer Tabubruch bei Microsoft! Nachdem man jahrelang den Big-Playern wie Valve untersagt hat, eigene Serververbindungen aufzubauen, darf World of Tanks nun doch ran.

In der Garage stehen mehrere unterschiedliche Panzermodelle – leichte, mittelschwere und schwere Panzer, Artilleriegeschütze und Erkundungspanzer – mit denen man in die schnelle Schlacht fahren kann. Das Matchmaking macht ein Algorithmus und schmeißt mich mit bis zu 29 Mitspielern auf ein Spielfeld. Viel mitreden kann ich dabei leider nicht: Weder die Karte, noch den Spielmodus kann der Spieler selbst wählen. Und auch das Team, mit dem ich kämpfe, ist zufallsgeneriert. Ich habe zwar ein kleines Platoon aus zwei Mitspielern, aber darüber hinaus kann ich nicht mit Freunden zusammenspielen. Selbst wenn: Ein Match dauert meist nur wenige Sekunden bis Minuten, danach gehen alle ihrer Wege. Auf einem gemeinsamen Server wie in Battlefield, Call of Duty oder Counter-Strike bleibt man nicht. Das nervt ein wenig und macht richtiges Teamplay und den eSport-Gedanken kaputt. Dafür aber geht es superschnell. Das Matchmaking dauert selten mal länger als fünf bis zehn Sekunden, schon bin ich zusammen mit einem Haufen anderer Hobby-Panzeristen, die ich nicht kenne und die trotzdem unaussprechlich böse Dinge über meine Mama sagen.

World of Tanks für Xbox 360 im Test. (5) Quelle: Wargaming World of Tanks für Xbox 360 im Test. (5) Wenn es dann doof läuft, bin ich schon in den ersten Sekunden hinüber. Denn in World of Tanks kommt es auf Teamplay an. Ein leichter Beobachtungspanzer markiert mich und macht mich für Feinde sichtbar. Schwere Panzer und Artillerie nehmen mich dann aus den hinteren Reihen unter Beschuss. Sie sind sozusagen die Sniper unter den Panzern: Weitsicht und hohe Reichweite. Dafür sind die meisten von ihnen langsam, manche können sogar nur geradeaus schießen. Wenn dann ein kleiner, wendiger Schützenpanzer um sie herumtänzelt, sind sie so gut wie verloren. Die Server sind super ausbalanciert. Durch das automatische Matchmaking kommen nicht zehn schwerfällige Superpanzer zusammen, sondern ein bunter Mix aus allen Fraktionen. Eigentlich sollte das mit dem Teamplay super klappen. Aber Pustekuchen. Weil in jeder Runde neue Spieler mit von der Partie sind, kommt weder ein gemeinsames "Wir-Gefühl" auf, noch kann man wirklich langfristig Taktiken einstudieren. Hat man eben so toll mit XxXwEaPoNiZeRxXx zusammengearbeitet, ist er in der nächsten Runde ausgetauscht mit CallOfDutyFanKuschelz1995, der zwar noch keine Haare auf dem Sack hat, aber wieder unaussprechliche Dinge über meine Mama weiß. Während World of Tanks auf dem PC eigentlich ein recht ernsthaftes Spiel ist, deren Fans im Durchschnitt erwachsen sind, spielen World of Tanks für Xbox 360 anscheinend nur 12-Jährige, deren Eltern festgestellt haben, dass dieses Call of Duty den Karl-Uwe immer so aggressiv macht.

Eine spannende Panzersimulation

World of Tanks für Xbox 360 im Test. (6) Quelle: Wargaming World of Tanks für Xbox 360 im Test. (6) Im Kern von World of Tanks steckt jedoch eine spannende, gut funktionierende Panzersimulation "light". Je nach Stellung des Fahrzeugs macht die Panzergranate mehr oder weniger Schaden. Wenn mein Projektil schräg auftrifft, prallt es an der Hülle ab und verursacht nur einen Kratzer. Wenn ich aber frontal treffe, penetriert* das Geschoss die Hülle und frisst sich tief in den Stahl. Wenn man Panzer an den ungeschützten Rückseiten oder Flanken trifft, machen sie mehr Schaden. Ein Treffer in den Boden kann den Tank sogar komplett zerstören. Dafür gibt es sogar Taktiken: Ein schneller, leichter Panzer lockt sein Ziel über einen Hügel. Ein schwerer Panzer wartet, getarnt in einem Gebüsch auf seine Chance. Sobald der Feind über die Kuppe fährt, schießt er. Das Ergebnis ist in jedem Fall verheerend. Wenn der Gegner dann noch nicht tot ist, dann zumindest bewegungsunfähig. Wie sein großer Bruder am PC kennt World of Tanks unterschiedliche Trefferzonen. Motor, Panzerketten, Turmsteuerung und Kanone können unabhängig voneinander kaputtgehen. Je höher der Schaden ist, desto wahrscheinlicher ist der Ausfall einer oder mehrerer Komponenten. Wer dann kein Reparatur-Kit gekauft hat, ist aufgeschmissen. Denn ein Panzer, der sich nicht mehr bewegen und zielen kann, ist ein leichtes Ziel.

(*Anmerkung an alle Zwölfjährigen: Bitte beachtet, wie unser Autor an dieser Stelle nicht kindisch in Gelächter ausgebrochen ist als er penetriert geschrieben hat!)

Ganz so stahlhart wie die PC-Version ist die Panzersimulation aber nicht. Denn auch wenn es einen umfangreichen Panzershop gibt, frei kann man sich seine Modelle nicht zusammenstellen. Stattdessen kauft man auf der Konsole einzelne Pakete mit Panzerkomponenten und wählt diese dann aus. Am PC kann man frei wählen welche Panzerketten, Turmaufbauten und Pnazerbreiten man verbauen möchte. So baut man sich individuell seinen Traumpanzer zusammen und kann besser auf Negativaspekte eingehen. Auf der Konsole wird das ein wenig ad absurdum geführt.

Auch schade: Bislang gibt es in World of Tanks für Konsole nur Panzer aus drei Fabrikationen. Tanks aus Deutschland, Großbritannien und USA ziehen ihre Furchen auf der Xbox 360, Russland, Japan, China und Frankreich fehlen komplett. Der Technologie-Baum, mit dem man sein Panzer-Repertoire ausbaut und erforscht, könnte auch nur schwer noch unübersichtlicher sein. Häufige Verzweigungen und Untermenüs machen es zur Qual einen neuen Panzer zu kaufen oder Upgrade-Pakete freizuschalten. Viele Beschreibungstexte offenbart das Spiel, wenn es sie überhaupt gibt, erst durch Klick auf eine Taste. Ein gemeiner Laie wie ich ist mit Bezeichnungen wie Pz. Kpfw. 38 Turm Ausf. G. überfordert. Mehr übersichtliche Informationen täten gut.

Ein überzeugendes Free2Play-Prinzip

World of Tanks für Xbox 360 im Test. (8) Quelle: Wargaming World of Tanks für Xbox 360 im Test. (8) Wargaming hat schon vor Jahren den Leitsatz Free2Win geprägt. Das Motto der Weißrussen: Wer World of Tanks ohne Einsatz von echten Moneten spielt, soll keinen Nachteil haben. Tatsächlich klappt das auf der Xbox 360 ganz gut. Das automatische Matchmaking bringt einen mit Spielern der ungefähr gleichen Erfahrungsstufe zusammen. Wer Kohle investiert, kürzt im besten Falle die Zeit ab, bis er die fetten Panzer freischaltet. Dann spielt er aber auch mit echten Profis zusammen. Bis zum High-End-Bereich macht es daher eigentlich überhaupt keinen Sinn, Geld auszugeben. Fast alles kann man auch mit Ingame-Geld kaufen. Davon gibt es auch reichlich: In jedem Panzer sammelt man Tank XP. Diese Erfahrungspunkte sind nur dafür da, um den Technologiebaum freizuschalten. Daneben gibt es allgemeine Erfahrungspunkte, die für den "Levelaufstieg" sorgen. Hat man den Technologiebaum entwickelt, kann man einzelne Panzer, Ressourcen und Items mit Silbermünzen kaufen. Auch sie bekommt man Ingame. Will man nicht warten, dass man sich dieses Silber verdient, kann man Gold ausgeben das kostet jedoch echtes Geld. Die Preise variieren zwischen 5€ und 80€.

Zusätzlich zu frischen Panzermodellen kann man mit Gold auch einen Premiumdienst freischalten. Hat man den gekauft, bekommt man zwei- bis viermal so viel Erfahrung am Ende einer Runde – und steigt dadurch schneller auf. Das ist fair: Weder verkauft Wargaming Spielern mit tiefem Geldbeutel fertige Levelstufen, noch unschlagbare Superpanzer. Sie verkürzen nur die Zeit für die, die sich ernsthaft nach oben spielen wollen.

Technik: Ordentliches Mittelmaß

World of Tanks für Xbox 360 im Test. (12) Quelle: Wargaming World of Tanks für Xbox 360 im Test. (12) Grafisch reißt World of Tanks keine Bäume aus. Die Panzer sind zwar mit viel Liebe zum Detail modelliert und auch entsprechend hochwertig zusammengebaut, da sie unterschiedliche Trefferzonen haben, doch bei der Umgebung straft sich diese Detailverliebtheit ab. Vor den verwaschenen Hintergründen sehen die Panzer fast schon zu gut aus. Es gibt zwar Häuser, Bäume und Sträucher, die Sichtschutz geben, doch ein Feedback ob man nun getarnt ist gibt es nicht. Das mag vor allem Neulinge verstören. Sie müssen sich erst dran gewöhnen, dass man Panzer, von denen man weiß wo sie sind, sie aber nicht sieht, nicht treffen kann. Das ist eine Spielmechanik, die schwer zu begreifen ist.

Die Steuerung ist im besten Falle haklig. Standardmäßig benutzt World of Tanks die Tramsteuerung, die man aus Halo kennt. Mit dem linken Stick gibt man Gas und lenkt gleichzeitig, der rechte Stick steuert den Feuerturm. Das sorgt für Ungenauigkeiten, vor allem wenn man sich auf der Stelle drehen will. Präziser ist eine Steueroption mit den Schultertasten als Gas und Bremse. Die ist jedoch etwas versteckt.

Meinung

Wertung zu World of Tanks (X360)

Wertung:

7.0 /10
Pro & Contra
hübsch modellierte Panzerkostenlos und faires F2P-Prinzipviele unterschiedliche Trefferzonenansprechende Physik-Engineguter Einheitenmix und passendes Balancing durch automatisches Matchmakingsehr schnelle Action
wenn man stirbt, muss man bis zum Ende der Runde warten oder den Panzer bis zum Ablauf des Timers stehen lassenSteuerung suboptimal und nicht präziseTeamplay kommt nicht auf, weil alles zufällig erstellt istPlatoon aus nur drei SpielernTech-Tree ist unübersichtlichPanzer können nicht individuell verändert werden wie am PCnur drei Panzer-Nationen verfügbar
Fazit

World of Tanks für Xbox 360 ist eine nette Panzersimulation, die sich durch sehr schnelle Gefechte auszeichnet. Ernsthafte Online-Duelle macht das komische Online-System aber zunichte.

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