Die 80er Jahre. Synonym für fragwürdige Musik, noch fragwürdigere Klamotten (Neonfarben und Schulterpolster? Seriously?) und natürlich für knallharte, testosterongesteuerte Actionhelden. Wer diese Glanzzeit des schlechten Geschmacks verpasst hat, bekommt nun Gelegenheit ein Stück Nostalgie zu erleben.
Rambo, John J.
John J. Rambo. Kaum eine Filmfigur steht so sinnbildlich für die 80er Jahre Actionblockbuster wie der von Stallone verkörperte Vietnamveteran. Insgesamt vier Verfilmungen und auch einige wenige Versoftungen wurden der ursprünglichen Buchvorlage bislang beschert. Unabhängig von einem möglichen fünften Kinofilm beschenkt uns der polnische Entwickler Teyon nun mit einer weiteren Versoftung. Wem nun kein Licht aufgeht, der muss sich nicht schämen. Teyon glänzte bislang in erster Linie durch ramschige Handheld-Minispielsammlungen und die hundsmiserablen Heavy Fire-Titel. So viel sei schon einmal verraten: Teyon bleibt sich treu.
Rambo ist tot
Rambo: The Videogame im Test (3)
Ja, das ist kein Spoiler. Das Spiel beginnt mit Rambos Beisetzung. Wie das sein kann, wird euch im Laufe der gigantischen und umfangreichen Kampagne näher gebracht. Die drei Kapitel orientieren sich dabei an Rambo 1 bis 3, der aktuellste Film (John Rambo) wird dezent ignoriert. Die "Handlung" erzählt euch ein kartoffelnasiger GI, quasi als Grabrede. Kann man so machen, muss es aber nicht. Nach relativ kurzer Ladezeit geht es auch direkt los und wir landen, ganz getreu der Vorlage, in der Haut von Rambo direkt in einem Gefangenenlager. Die Flucht aus diesem dient auch gleichzeitig als Tutorial. Es stellt sich allerdings die Frage: Wer braucht bei einem Railshooter/Lightgun-Shooter denn bitte ein Tutorial? Hier ist dein Fadenkreuz, richte es auf den Gegner und drück ab… Ende. Aber gut, man nimmt was man kriegen kann.
Das erste Kapitel orientiert sich wie bereits gesagt an Rambo: First Blood. "Orientiert" deswegen, weil man sich mehr als einmal diverse künstlerische Freiheiten nimmt, die Filmfans wie ein Tritt in die Eier vorkommen werden. Fans der Romanvorlage sollten einen noch weiteren Bogen um das Spiel machen, da sie bereits durch den Film genug gelitten haben. Das zweite Kapitel wirft euch in den Dschungel auf der Suche nach vergessenen Kriegsgefangenen. Das dritte, und glücklicherweise letzte Kapitel versetzt euch dann gemäß der Filmtrilogie direkt ins staubige Afghanistan. Dort gilt es böse Russen (das Feindbild der 80er schlechthin) zu massakrieren und Col. Trautman zu befreien. Dabei wirkt Rambo wie eine der typischen Kinobegleitversoftungen – nur eben knapp 30 Jahre zu spät.
Too little, too late
Rambo: The Videogame im Test (5)
Knapp 30 Jahre zu spät wirkt auch die Technik. Ok, es gibt mehr als 8 Bit und 16 Farben, vereinzelt haben wir sogar die eine oder andere schöne HD-Textur gesehen, aber der Rest des Spiels sieht einfach nur schlecht aus. Fangen wir bei den Klongegnern an. Was bei Star Wars noch Sinn macht, ist bei Rambo einfach ein Armutszeugnis. Es spielt keine Rolle, ob ihr gegen amerikanische Polizisten, vietnamesische Soldaten oder russische Speznas antretet. Der einzige Unterschied ist die Farbe der Uniform und die Kopfbedeckung. Dabei wird, getreu den Filmen, jedes Klischee bedient. Die Amis tragen Basecaps und Sheriffhüte, der Vietcong dreieckige Korbhüte und die Speznas Helme. Ansonsten gleicht sich das Kanonenfutter. Wir glauben sogar, dass der Grabredner zufällig auch Vietcong Nr. 38 bzw. Speznaz Nr. 145 war. Offenbar ein Doppelagent und ein perfider Plan von Rambos Gegnern.
Viel schlimmer als die Klongegner sind deren Klonsprüche. Wir schwören hoch und heilig: sollten wir noch einmal "He's a man, not a god" hören, dann laufen wir höchstpersönlich Amok. Ebenso wie der Soundtrack laufen die Kommentare von Gegnern auf Endlosschleife. Wieder und wieder und wieder und wieder und wieder. Das wäre vielleicht noch zu verschmerzen, hätte man gute Sprecher und eine gute Soundqualität. Aber nein, wenn schon Lizenz dann richtig. So hat man die Sprachsamples schlicht und einfach von den Film-DVDs gesampelt, mit entsprechender Einbuße bei der Qualität. Einfach armselig. Unser persönliches Highlight waren jedoch die Samples nach Beendigung eines Kapitels bzw. nach dem Bildschirmtod. Schließt ihr eine Mission ab, hört ihr ein gepresstes "Mission accomplished" von Rambo, was nicht nach Erfolg klingt sondern eher als würde er gerade er versuchen eine ganze Wassermelone auszukacken. Noch nerviger ist nur das Sample nach eurem Ableben. Ein gebrülltes "John" ist alles, was ihr zu hören bekommt. Fragt sich nur wer da brüllt wenn Rambo die meiste Zeit alleine unterwegs ist? Vielleicht einer seiner Widersacher, der das mit dem Erschießen doch im Nachhinein bereut?
Rambo: The Videogame im Test (6)
Was das genügt euch noch nicht? Ok wir haben noch mehr. Sprechen wir nach Technik und Sound mal kurz über Gameplay. Das ideale Gameplay bietet die Gratwanderung zwischen Herausforderung und Spaß. Rambo: The Videoshame schafft es keines von beidem zu bieten. Weder Herausforderung noch Spaß. Klar, Railshooter sind jetzt kein Genre, das mit komplexen Combos aufwartet. Aber was sich gerade die 360-Verson leistet, ist eine bodenlose Sauerei. Wieso wir das betonen? Ganz einfach. Auf dem PC habt ihr mit der Maus eine passable Eingabeperipherie für das Genre, auf der PS3 könnt ihr mittels Move noch einen halbwegs brauchbaren Lightgun-Shooter daraus machen. Aber auf der 360 seid ihr dazu verflucht das Pad zu benutzen. Jeder der sich so was bei einem Railshooter/Lightgunshooter freiwillig antut, schubst auch kleine Katzenbabys vom Gehsteig. Aber halt, Teyon hat ja ein Herz für Konsoleros und spendiert euch eine Art Target-Lock – oder wie wir es nennen - Auto Aim from Hell. Das System ist einfach beschissen (entschuldigt den Ausdruck) umgesetzt worden. Jedes Mal wenn ihr euch in Deckung begebt verzieht auch euer Fadenkreuz. Das altbekannte "in Deckung ausrichten, rauslehnen, abknallen" funktioniert nicht. Zwar klebt das Fadenkreuz an eurem Gegner aber es lässt damit auch keine gezielten Schüsse mehr zu. Besonders blöd ist das in Kapitel 1. Dort erklärt euch das Spiel nämlich "es gibt mehr Punkte wenn ihr die Polizisten nur entwaffnet". Dank Auto Aim from Hell ist das aber reine Glückssache.
Ach ja: Im Endeffekt ist es sogar egal, da ihr trotzdem die Bonuspunkte für Headshots bekommt. Überhaupt ist die ganze Punktezählerei höchst eigenwillig. So bekommt ihr z.B. bei einem QTE (ja dazu kommen wir gleich) 9823 Punkte angezeigt, euch werden aber 10000 gutgeschrieben. Merkwürdig, es geht aber noch kurioser: Wir haben eine der reinen QTE-Passagen, bestehend aus ca. 10 QTEs, mehrmals nacheinander gespielt. Jedes Mal alle QTEs perfekt absolviert, am Ende variierten unsere Gesamtpunkte zwischen 150.000 und 220.000. Wieso? Keine, verdammte, Ahnung.
Einer geht noch
Rambo: The Videogame im Test (7)
Wo wir nun aber schon einmal das Thema QTE ansprechen. Offenbar hat Teyon wirklich versucht, jedes jemals erfundene Feature in dieses Machwerk zu packen. Teilweise bestehen ganze Missionen nur aus einer Abfolge von Quick Time Events. Zwei Minuten, zehn Knöpfchen drücken. Mission accomplished. Das ist noch nicht alles. Teyon hat auch Perks eingebaut und ein Levelsystem. Und ratet was der erste von 20 Perks ist den ihr freischaltet? Flinke Finger – Kein QTE geht mehr daneben. Ihr wollt noch einen drauf legen? Gern. Wir haben nun also eine kurze Sequen, die nur aus QTEs besteht. Ein Perk, das dafür sorgt dass QTEs nie mehr schiefgehen und eine abschließende Punktevergabe, die als Level Up dient. Na ahnt ihr worauf das hinausläuft? Mission starten, einfach ablaufen lassen, Punkte einsacken, aufleveln. Mission neu starten, ablaufen lassen, Punkte einsacken usw. usw. Macht man das drei bis vier Stunden, dürfte man den Maximallevel 20 erreicht haben. "Wer ist so masochistisch" fragt ihr euch? Nun, wir denken jeder der sich dieses Stück Softwaremüll antut schreckt auch vor so was nicht zurück.
Abgesehen davon könnt ihr mit diesem "Trick" die Spielzeit nahezu verdoppeln. Rambo ist nämlich, trotz gehäufter Bildschirmtode (JOHN!! JOHN!!) im dritten Kapitel in knapp 3 Stunden durchgespielt. Ja in Worten "DREI STUNDEN" und damit waren wir noch langsam. Ein Blick in die Highscorelisten zeigt, dass Spielzeiten von unter einer Stunde möglich sind – und das sind keine Einzelfälle oder Speedrunprofis. Dafür 30-40 Euro zu verlangen ist eine bodenlose Frechheit.
Wenn noch einer muss...
Quelle: Reef Entertainment
Rambo: The Videogame im Test (9)
Ihr seid immer noch nicht überzeugt, dass Rambo Müll ist? Ihr denkt immer noch: "Hey ich bin Fan und mag Lightgunshooter also greif ich zu"? Wie klingen geskriptete Treffer? Nun zugegeben, die Treffer sind nicht wirklich geskriptet. Aber es verwundert dann schon, wenn nur noch ein Gegner vor uns steht, dieser sich gerade in einer Nachladeanimation befindet und trotzdem fangen wir uns zwei bis drei Treffer ein. Flogen die Kugeln etwa so langsam, dass sie uns erst Sekunden nach dem Abfeuern erreichen? Hatten die Kugeln Angst vor Rambo (was bei dessen Aussehen verständlich ist) und haben sich nicht getraut ihn zu treffen? Waren sie vielleicht verwirrt, weil wir in Deckung waren und haben gelauert bis wir wieder auftauchen? Wir werden es nie erfahren. Der Umstand, dass ein nachladender Gegner uns trotzdem erschießt, hat uns so manchen Tod gekostet. Na gut, den hätten wir mit dem Wutfeature hinauszögern können. Mit Kills ladet ihr nämlich einen Wutbalken auf. Einmal aktiviert färbt sich das Bild, Gegner werden hervorgehoben, Rambo schreit als würde ihm die Sacknaht aufreißen und jeder getötete Gegner gibt ein wenig Gesundheit zurück. Andere töten für die eigene Heilung – fast schon poetisch.
Noch ein letzter Absacker
Rambo: The Videogame im Test (2)
Wem dies alles nun noch nicht genügt um zu erkennen dass man Rambo: The Rotzgame besser einäschern sollte und sich denkt: "Hey wenigstens die Story find ich gut", der wird sich schon im ersten Kapitel mächtig wundern. Könnt ihr euch erinnern wie viele Menschen Rambo in First Blood getötet hat oder besser gesagt wie viele Menschen starben? 10? 20? 120? Wir verraten es euch. Einer. In der Filmvorlage stirbt genau ein Mensch in First Blood. Nun wäre das für einen Railshooter ein wenig lahm, also lässt uns Teyon einfach mal in der Stadt Amok laufen und haufenweise FBI-Agenten und Polizisten über den Haufen ballern. Werktreue? Wird überbewertet. Versteht uns nicht falsch. Wir lieben Rambo (zumindest 1-3). Rambo: First Blood war ein genialer Film, der neben Spannung auch ein gehöriges Maß an Sozialkritik mit sich brachte und selbst als Versoftung hätte man ein geiles Survival-Stealth-Game draus machen können. Rambo 2 und 3 waren dann eher No-Brainer, aber als solche auch noch damaliger Genrestandard und brachten so geniale Dialoge mit sich wie: "Was ist das?" "Blaues Licht" "Und was macht das?" "Es leuchtet blau".
Was Teyon hier abliefert, hat wirklich keinerlei Existenzberechtigung. Nach zwei Stunden waren wir noch versucht es als Satire abzutun, quasi als spielbare Hommage an die 80er, aber nicht mal dass gelang uns. Wenn ihr eine spielbare Hommage an die 80er wollt, empfehlen wir euch Far Cry: Blood Dragon. Das ist günstiger und um Klassen besser.
