inFamous: Second Son im Test: Optisch eine Wucht, inhaltlich nicht fehlerfrei

Test Sandro Odak
inFamous: Second Son im Test: Delsin Rowe tritt an, um Seattle aus dem Griff eines Polizeistaats zu befreien - und sein heimatdorf zu retten.
Quelle: Sony

inFamous: Second Son ist da, der Vorzeigetitel exklusiv für Sonys Playstation 4. Wir haben das Open-World-Spiel getestet und überprüft, ob der Shooter mehr als nur hübsche Grafik drauf hat. Wir wollten wissen: Was steckt unter der Haube? Schafft es Sucker Punch Productions eine ähnlich organische Welt wie GTA zu generieren? Erfahrt es in unserem Review!

Delsin Rowe. Wer mit so einem Namen gestraft ist, muss ja auf die schiefe Bahn geraten. Der Indianer-Sprössling macht es seinem Bruder auch wirklich nicht leicht: Mehrfach muss ihn der Polizist einbuchten, oft wegen Vandalismus. Delsin ist ein Sprayer und Gesetze gelten für ihn nicht. Als er plötzlich Superkräfte bekommt, gehen ihm die Pferde durch. Doch diese Kräfte werden nicht gern gesehen. Das Department of Unified Protection, kurz D.U.P., kerkert sogenannte Conduits ein. Im Volksmund nennt man sie auch Bioterroristen. Direkt zu Beginn von inFamous macht Delsin Bekanntschaft mit der Regierungsbehörde und ihrer Chefin – warum sie daraufhin abziehen, ohne Rowe zu verhaften, bleibt bis zum Schluss ein Rätsel. Es ist nur eine von vielen inhaltlichen Schwächen, mit denen inFamous leben muss.

Je nach ausgewählter Kraft kann Delsin fliegen oder schweben. Quelle: Computec Media Je nach ausgewählter Kraft kann Delsin fliegen oder schweben. Um seinem Dorf, das bei dem D.U.P.-Angriff in keinem guten Zustand zurückgelassen wird, zu helfen, reist Delsin mit seinem Bruder nach Seattle, dem neuen Hauptquartier der D.U.P. Die Stadt ist komplett abgeriegelt und zum Hochsicherheitsgelände gemacht worden. Auf dem Weg ins Herz der D.U.P. befreien wir also ganz nebenbei auch noch die Stadt von den Unterdrückern. Denn auch wenn anfangs alle Angst vor den Conduits haben – die Komplettüberwachung der Stadt und die Sonderrechte, die sich die D.U.P.-Truppen herausnehmen, gehen der Bevölkerung auf die Nerven.

Während Cole MacGrath, der Held der zwei Vorgänger, noch ängstlich und zurückhaltend war, was seine Kräfte angeht, ist Delsin Rowe richtig begeistert. Er kriegt gar nicht genug davon, sieht sich selbst als eine Art Superheld. Diese Ausstrahlung steckt auch Spieler an. Viel häufiger als im Vorgänger benutze ich die Mächte, um angeschlagene Zivilisten zu heilen oder Drogenbanden zu zerschlagen. Und eben das D.U.P zu vertreiben.

Nebenmissionen wiederholen sich

Solche Kern-Relais muss Delsin in einem Großteil der Nebenmissionen zerstören - irgendwann nervt's. Quelle: Computec Media Solche Kern-Relais muss Delsin in einem Großteil der Nebenmissionen zerstören - irgendwann nervt's. Delsins Geschichte spielt in einer relativ offenen Welt. Eine Brücke in der Mitte teilt die Stadt in zwei Zonen, abgesehen davon kann Delsin aber von Anfang an hinreisen wohin er will. An jeder Ecke warten Abenteuer, das gaukelt einem zumindest die Minimap vor. Doch wer sich länger abseits der Story-Hauptpfade befindet, stellt Wiederholungen fest. Im Prinzip läuft alles darauf hinaus, D.U.P.-Truppen aus einem Stadtteil zu vertreiben, sie also zu töten. Wer mobile Einsatzzentralen zerstört, macht besonders viel Punkte wett. Am Anfang der Kampagne macht das noch Spaß, doch die Aufgaben wiederholen sich. Am Ende ertappt man sich dabei, dass man immer wieder denselben Kampf führt, einen Container zu Klump haut oder Graffiti an die Wand sprüht.

Was inFamous fehlt, ist der Flair einer Open-World. In dem 3rd Person Shooter steckt kein bisschen vom genialen GTA, das einem wirklich das Gefühl gab, in Los San… Angeles zu sein. Es fehlt das Gefühl in einer lebendigen Stadt zu sein. Ansätze davon sind zwar da. So erwacht Seattle mit jedem Prozentpunkt, den man die D.U.P. verdrängt zum Leben. Aber so ein paar geskriptete Straßenmusiker, gut gelaunte Menschen und wiedereröffnete Cafés machen eben noch lang nicht die Erzählung besser. Sie sorgen nur für ein bisschen authentische Atmosphäre. Weil die Nebenmissionen so wenig bedeuten, fühlt man sich fast schon dazu gezwungen, die Kampagne im Affentempo zu Ende zu führen – Spielzeiten unter zehn Stunden sind keine Seltenheit.

Dafür bietet inFamous wenigstens zweimal Spaß: Weil Delsin sich an einigen wenigen Stellen entscheiden kann, wie er reagiert, kann man das Helden-Abenteuer gut oder böse durchspielen. Je nach Entscheidung verändert sich der Verlauf der Kampagne. Als Delsin den Conduit Fetch findet, kann er sie dazu verleiten mit ihm wahllos Demonstranten zu töten oder ihr beibringen, ihre Kraft zu zügeln und Drogenbanden ausschalten. Diese Entscheidungen haben Einfluss auf den Verlauf der Kampagne und den Ruf Delsins in der Stadt. Ist er gut, helfen ihm die Bürger Seattles am Ende sogar bei der Erstürmung der D.U.P., ist er ruchlos, fordern sie seine Verhaftung.

Enttäuschendes RPG-Feature

Je nach ausgewählter Kraft kann Delsin fliegen oder schweben. Quelle: Computec Media Je nach ausgewählter Kraft kann Delsin fliegen oder schweben. Im Interview vor wenigen Wochen haben die Entwickler noch groß getönt: "Wir haben tonnenweise gute Ideen für Superkräfte. Denk einfach daran, was es so in einer Großstadt gibt, was man absorbieren kann!" Ich habe dran gedacht und aus dem Stegreif fallen mir ein: Wasser, Eis, Strom, Glas, Licht. Als die Entwickler gesagt haben, das wäre zu wenig, ihnen würde viel mehr einfallen, war ich freudig überrascht. Ich habe wirklich darauf gehofft, dass Delsin eine Vielzahl von Kräften absorbieren kann und sie, je nach Einsatzlage, austauschen muss. Etwa weil ein spezieller Gegnertyp nur mit bestimmten Kräften verletzt werden kann.

Aber im Interview haben die zwei Entwickler, der Game Design Director und der Bsuiness Development Manager, dass die größte Frustration beim Entwickeln von Spielen das Herausschneiden von Features sei. "Wir hatten viele tolle Ideen, aber nicht genug Zeit." Genau so fühlt sich inFamous: Second Son an. Drei Superkräfte erlernt Delsin im Lauf der Kampagne. In einem RPG-System kann er sie ausbauen, Fähigkeiten wie Rauchbomben oder Lichtblitze verbessern. Es fühlt sich an, als würde man wirklich diesen Charakter formen, vor allem auch, weil der Technologiebaum von Delsins Karma abhängt. Ist er ein guter Kerl, der Zivilisten hilft und seine Gegner nur fesselt und nicht tötet, kann er heilende Fähigkeiten freischalten. Ist er ein Bad Boy, gibt es Vernichtungsschläge oben drauf. Am Ende der Kampagne, in einem total verglitchten Bosskampf, bekommt er eine vierte Kraft an die Hand – und muss sie verwenden. Das ist ein Schlag ins Gesicht jedes Charakter-orientierten Spielers. Als würde man mir am Ende eines epischen Mittelalter-RPGs für den großen Endkampf die Adamantiumrüstung und das Diamantenschwert wegnehmen und sagen "Hier hast du einen Holzdolch, der keinen Schaden macht. Greif den dunklen Lord an!" Wow, hat das genervt!

Tolle Grafik, ungenaue Steuerung

Spiegelungen und Lichteffekte sind vor allem bei Nacht eine Wucht! Quelle: dualshockers.com Spiegelungen und Lichteffekte sind vor allem bei Nacht eine Wucht! Nur bei der Grafik hat Sucker Punch Productions nicht zu viel versprochen. inFamous; Second Son ist der beeindruckendste Titel der Next-Gen aktuell. Vor allem die Nachtlevel haben es mir angetan: Wenn sich auf den nassen Straßen und den Fassaden der Metropole die vielen hundert Neonlichter spiegeln, dann hat das schon seinen ganz eigenen Charme. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich einfach auf einem Dach stehe und die bunten Straßenzüge anschaue. Es gibt Ecken, die laden einfach zum Verweilen ein.

Wer schon von der Spielgrafik begeistert ist, wird in manchen Zwischensequenzen die Arme in die Luft werfen vor Jubel. Vor allem die Gesichtsanimationen sind so genial gelungen, dass cineastische Meisterwerke wie Beyond zum Greifen nah sind. Ein paar Szenen sehen zwar auch unfertig und unrund aus und ab und an bricht die Framerate in Seattle ein, aber allgemein ist inFamous ein Augenschmaus und zeigt, was in der Playstation 4 steckt.

Beim Klettern tritt Delsin gern mal daneben... Quelle: Computec Media Beim Klettern tritt Delsin gern mal daneben... Enttäuschend ist leider die unpräzise Steuerung, vor allem wenn Delsin klettern muss. Hierbei hilft vor allem die Neonkraft, mit der man dank eines Fähigkeiten-Addons unendlich lang an Fassaden hochspurtet. Wer aber gerade nur Rauch zur Verfügung hat, muss klettern – eine Qual. Delsin tritt permanent daneben und springt an Vorsprüngen, an denen er sich festhalten kann, vorbei. Das nervt. Ebenso dass Delsin trotz seiner Superkräfte überall hängen bleibt. Rennt er über eine kleine Hecke, kann das die Steuerung total durcheinander bringen. Einer der Tiefpunkte in Sachen Steuerung ist der Bosskampf: Permanent muss ich Attacken ausweichen, doch der Boden ist vollgestellt mit kleinen Bäumchen, Trümmern und Zeug. Delsin bleibt permanent irgendwo hängen und stirbt dann. Am Ende erledige ich den Endboss sogar durch einen Glitch: Der Riesengegner bleibt in einem Baum hängen und kann sich nicht mehr bewegen. Leichtes Spiel – aber mit Sicherheit kein erhabenes Gefühl…

Abseits von Jump and Run Szenen funktioniert die Steuerung aber erfreulich gut. Gerade die Kämpfe gehen leicht von der Hand, das Schulter-Zielsystem ist präzise. Mit der Neonkraft, eine Art Snipergewehr, lässt sich sogar kurz die Zeit verlangsamen, um noch besser zu zielen. Ein Deckungssystem vermisse ich nicht – dafür habe ich ja die coolen Superheldenkräfte. Wenn Feinde mal hart zurückschlagen, kann ich immer noch wie ein Blitz abhauen.

Meinung

Wertung zu inFamous: Second Son (PS4)

Wertung:

7.5 /10
Pro & Contra
Grafik haut einen umtolle Grundidee mit einem Helden, der Kräfte absorbiert…Delsin zieht seine Kräfte aus der Umwelt und kann so schnell auf Situationen reagierenKampagne teilt sich in Gut und Böse auf, theoretisch zwei GeschichtenSeattle ist eine große, offene Weltenglische Originalspur liegt bei (und wir empfehlen sie herzunehmen…)
Nebenmissionen nerven mit der Zeit und wiederholen sich… aber drei Kräfte im Verlauf der Kampagne plus eine Vierte ist ein WitzKlettermechanik und Steuerung unpräzisekeine emotionale Bindung an die Stadt und ihre Bewohner – ob sie befreit werden oder nicht geht mir als Spieler überhaupt nicht naherecht simples Moralsystemgelegentliche Framedrops, Clippingfehler und Glitchesdas Ende ist ein Schlag ins Gesicht von Charakter-Spielern
Fazit

Wunderschöner Beweis, wie die Next-Gen auszusehen hat. Aber inhaltlich mangelt es inFamous: Second Son an richtigem Open-World Sex-Appeal.

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