Metal Gear Solid 5: Ground Zeroes im Test: Darf man heilige Kühe auch umschubsen?
Test
Viele Jahre ist es her, dass uns Hideo Kojima zuletzt mit einem Teil seiner Metal Gear-Reihe beglückt hat. Jetzt ist Ground Zeroes erschienen, aber eigentlich kein komplettes Spiel. Der Prolog bereitet nur auf Phantom Pain vor. Wir verraten euch ob dieser Snack Appetit auf mehr macht oder ob Snake seine besten Tage hinter sich hat.
Mit Legenden ist es so eine Sache
Quelle: Kojima Productions
Snake kann alle Fahrzeuge selbst lenken.
Hideo Kojima ist einer der größten Entwickler unserer Zeiten. Egal ob man nun Fan der MGS-Reihe ist oder nicht, geschätzt würden sicher mehr als 90% aller Gamer diesem Satz zustimmen. Gefühlte 5% würden gar nicht verstehen, wieso man so etwas überhaupt noch fragen muss und sich wieder vor ihren Kojima-Altar hocken, um noch ein Räucherstäbchen anzünden. Tja und dann gibt es noch die übrige Handvoll Menschen, die ihn für einen überbewerteten Wichtigtuer halten. Unabhängig davon sind sich aber sicher alle einig, dass die Metal Gear Solid-Reihe einen entscheidenden Einfluss auf Videospiele im Allgemeinen, und Stealth-Games im Besonderen, hatte. Nun erschien also endlich Metal Gear Solid 5: Ground Zeroes, allerdings handelt es sich noch nicht um einen echten fünften Teil. Ground Zeroes ist gewissermaßen eine Prolog-Ausgabe, böse Zungen behaupten sogar es sei nur eine Bezahldemo. Als Tester steht man nun vor einem kleinen Dilemma. Wie gestaltet man den Test? Bewertet man nun ausschließlich das vorliegende Material, unabhängig davon welchen Namen es trägt, wer seine Vorfahren/Nachfolger sind und wessen Kind es ist oder berücksichtigt man den gesamten Kanon, seine Relevanz für Videospiele und den Legendenstatus seines Entwicklers? Nach langem Hin und Her und vielen Diskussionen haben wir uns für die erste Variante entschieden.
Kuba, immer eine Reise wert
Quelle: Kojima Productions
Neben der Hauptstory warten dutzende Nebenmissionen - aber gehören die wirklich zur Quintessenz, die MGS ausmacht?
Kuba, bekannt für Zigarren, bärtige Diktatoren und amerikanische Folterlager. Ein solches Lager stellt auch die Spielwiese für Ground Zeroes dar. Eure Gegner? Marines, Überwachungskameras, Suchscheinwerfer und Wachtürme. Eure Mission: befreit 2 Gefangene aus dem Lager und sorgt für eine sichere Exfiltration via Helikopter. Wie ihr dabei vorgeht, bleibt euch überlassen. Metal Gear Solid 5 bietet euch quasi zum ersten Mal eine Pseudo-Open World. Pseudo deswegen, da das Missionsgebiet als solches immer noch abgegrenzt ist. Innerhalb dieses Areals habt ihr jedoch völlige Bewegungs- und Handlungsfreiheit. Euer erstes Ziel wird euch dabei freundlicherweise noch auf der Karte markiert. Wie ihr hinkommt, bleibt euch überlassen. Rennt ihr a la Rambo einfach mitten durch, ballert auf alles was sich bewegt und werft mit Granaten um euch, widerspricht dies zwar der "Philosophie" der Spielreihe, führt euch am Ende aber auch zum Ziel. Alternativ nehmt ihr euch Zeit, sucht einen Beobachtungspunkt und kundschaftet das Lager erst einmal mit eurem Feldstecher aus. Praktischerweise werden dabei auch gleich alle erspähten Gegner markiert. Diese Marker seht ihr jederzeit auf eurer Minimap. Haltet ihr kurz inne, werden außerdem auch die Silhouetten der Gegner durch die Wände sichtbar (Objekte wie Kameras werden natürlich auch markiert). So vorbereitet schleicht ihr euch ungesehen durchs Lager, lenkt Wachen mit geworfenen Magazinen ab oder schaltet sie heimlich von hinten aus. Dabei habt ihr diverse Möglichkeiten, wie ihr mit eurem Opfer verfahren wollt. Verhört ihr es, erfahrt ihr unter Umständen wertvolle Hinweise zur Map, wie z.B. die Lage von Kameras. Ihr könnt es außerdem zwingen einen nahestehenden Kameraden zu rufen, um so zwei Gegner mit einem Schlag auszuschalten.
Zuletzt müsst ihr dann noch entscheiden ob ihr den Wachmann in Morpheus Arme legt oder lieber gleich zu Hades schickt. So oder so solltet ihr ihn danach nicht rumliegen lassen, sondern besser irgendwo in einem kuscheligen, dunklen Eckchen ablegen. Euer bester Freund als Heimlichtuer: die altbekannte Tranquilizer-Gun. Werdet ihr entdeckt, schaltet das Spiel in eine Art Bullettime. Dann habt ihr noch kurz die Chance den Gegner der euch entdeckt hat auszuschalten. Schafft ihr es nicht, könnt ihr die dicke Wumme zücken und alle anrückenden Gegner eliminieren oder schleunigst das Weite suchen und euch verstecken. Nach kurzer Zeit werden die Suchtrupps dann wieder auf ihre Positionen zurückkehren und ihr könnt einen erneuten Schleichangriff starten. Ach ja, eine dritte und äußert spaßige Variante wollen wir euch nicht vorenthalten: Schleicht euch in die Basis und schaut euch ein wenig um. In der Nähe des Heliports findet ihr einen Panzer. Ach haben wir schon erwähnt, dass ihr seit neustem alle Fahrzeuge besteigen und nutzen könnt? Den Rest überlassen wir mal eurer Phantasie.
Stichwort: Panzer
Quelle: Kojima Productions
Snakes Mission: Gefangene aus einem Folterlager in Kuba retten.
Wer die alten Teile der Reihe kennt, wird sich noch daran erinnern, dass neben Wachen, Hunden und Kameras zu einem gewissen Teil auch die Steuerung eurer Gegner war. Diese fühlte sich in den Vorgänger bisweilen sperrig an unkomfortabel. Hier hat Kojima deutlich nachgebessert. Zwar sind einige Buttons immer noch doppelt belegt und die Aktion auch von der Dauer des Tastendrucks abhängig, aber Snake ließ sich noch nie so geschmeidig von Deckung zu Deckung bugsieren wie hier. Einzig einige kontextsensitive Befehle haken ein wenig, aber damit kann man leben da diese nur selten gebraucht werden. Wer mit der Standardbelegung nicht glücklich ist, kann in den Optionen auch andere Steuerungsschemata wählen, wir bevorzugten die Version Shooter A.
Regentropfen, die an mein Dächlein klopfen
Quelle: Kojima Productions
Grafisch erstaunt Ground Zeroes durch wundervolle Beleuchtung.
Optisch sieht die von uns getestete PS4-Version schon richtig gut aus. Besonders die Gesichtsmimik in den Cutscenes gefiel uns sehr gut. Die Bewegungen von Snake wirkten sehr geschmeidig und nicht mehr so abgehackt wie in den Vorgängerspielen. Das Szenario bei Nacht und Regen wirkt extrem stimmig. Überall bilden sich kleine Pfützen, Fahnen knattern im Wind und der Regen perlt an Snakes Anzug ab. Leider wirken alle Charaktere bisweilen noch etwas "plastikhaft". Ob dies nur dem Regen bzw. dem Nässeeffekt geschuldet ist wird sich dann im Hauptspiel zeigen. Der Effekt beschränkt sich aber in erster Linie auf die Kleidung der Charaktere und fällt darum auch nicht allzu dramatisch ins Gewicht.
Shitstorm oder Sturm im Wasserglas
Jeder, der sich auch nur halbwegs mit dem Hobby Videogames befasst, hat die Kontroverse um Ground Zeroes sicher mitbekommen - Stichwort: Spielzeit bzw. Spielumfang. Kurz nach Release gab es im Web bereits die ersten Stimmen, die von einer Spielzeit von gerade mal 8 Minuten berichteten. Das ist sicher der Extremfall, aber selbst wir haben es bei einem unserer Testdurchläufe in deutlich unter 30 Minuten geschafft die Gefangenen zu befreien und abzutransportieren. Klar gibt es noch eine Handvoll Nebenmissionen zu absolvieren und Highscores zu sammeln (nach dem ersten Durchspielen stand der Zähler bei knapp 10% Komplettierung), aber normalerweise kauft man sich ein Metal Gear wegen der Hauptstory und nicht wegen abgeschlossenen Herausforderungen wie "Zerstöre alle Geschütze". Einen Bosskampf, seit jeher ein Markenzeichen der Serie, gibt es auch nicht. "Man kann die Hauptmission doch aber mehrmals durchspielen und alle Möglichkeiten ausprobieren", ist ein häufiges Argument der Kojima-Jünger. Dem entgegnen kritischere Naturen, dass man auch eine kostenlose Demo mehrmals durchspielen kann um alternative Lösungsmöglichkeiten zu testen. Außerdem ist es nicht jedermanns Sache eine Mission wieder und wieder zu spielen und jeden Stein auf links zu drehen.
Quelle: Kojima Productions
Die Spielwelt von Ground Zeroes ist offen, wie und wann man seine Aufgaben löst entscheidet man selbst.
Die Frage, die man sich eben stellen muss: Wieso werden z.B. Polyphony Digital für Gran Turismo 5 Prologue (oder auch Turn10 für Forza 5) ob des vermeintlich geringen Umfanges und des Preis-Leistungsverhältnis scharf kritisiert, während man bei einem MGS "Prologue" argumentiert, dass man es eben mehrmals spielen kann. Außerdem sei es doch von Kojima, der ja ein Genie ist und dementsprechend über jede Kritik erhaben (O-Ton eines Fanboy). Wer sich mal zurück erinnert, bereits bei MGS2 Sons of Liberty gab es eine Prologue-Version, diese war damals allerdings deutlich als Demo deklariert und lag div. Spielen als Gratis-Goodie bei. Außerdem bot sie die serientypischen Cutscenes (ok die gibt bei Ground Zeroes auch am Anfang und am Ende) und einen Bosskampf. Selbst Konami hat im Vorfeld eingesehen, dass der ursprüngliche Preis (40,- für die Nextgen-Versionen) wohl überzogen war und hat ihn auf knapp 30,- reduziert. Was bleibt, ist aber trotzdem der fade Beigeschmack für eine (umfangreiche) Demo, die früher mal als Gratisdisc verteilt worden wäre. Die Entscheidung, ob man bereit ist das zu unterstützen oder zu boykottieren, kann und muss jeder Spieler mit sich selbst und seinem Portemonnaie treffen.
