Deutscher Computerspielpreis: Die Förderung will jeder, der Preis interessiert niemanden
SpecialAm Donnerstagabend wurde in München der Deutsche Computerspielpreis 2014 in einer feierlichen Gala verliehen. Begleitet wurde er von kleinen und großen Skandalen - die Veranstaltung blieb aber ereignislos. Schade, denn die Förderung durch die deutsche Politik wünscht sich jeder - der Preis aber interessiert keinen. Ein Kommentar von Sandro Odak.
ein Kommentar von Sandro Odak
Man kann es schon als Schaulaufen bezeichnen, was am Donnerstagabend im Postpalast in München geschieht. TV-Kameras, Pressefotografen und eine Menge Sicherheitsleute stehen eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn vor dem Eingang. Jeder halbwegs gut gekleidete Mensch, der aus einer schwarzen Limousine steigt, wird dutzendfach abgelichtet. Bis jemand mal nachfragt: "Wer ist das eigentlich?" – "Keine Ahnung." Das Blitzlicht verstummt. Die Fotografen warten auf die Stargäste des Abends, allesamt aus der Politik: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt verleiht den Preis, mit ihm kommen Staatsministerin Ilse Aigner, Staatssekretärin Dorothee Bär und die ehemalige Bundesumweltministerin Monika Griefahn. Sonst sind nur B-Promis da. Galileo-Reporterinnen, DMAX-Auto-Reporterinnen, Voice-of-Germany-Gewinnerinnen. Und Götz Otto, der eigentlich keinen Bock hat hier zu sein. Er spricht in seiner Laudatio darüber, wie langweilig das Leben als altgedienter Schauspieler ist. Man hat viel Zeit, geht halt mal von dieser zur nächsten Gala. So kommt es mir auch vor.
Quelle: Sandro Odak
Ein Schaulaufen von B-Promis (im Bild: Yasmin Hunzinger, Kim Sander und Band).
Schon vor diesem Abend war die Veranstaltung heftig kritisiert worden. Warum vergibt ausgerechnet Alexander Dobrindt diesen Kulturpreis? Aus Insiderkreisen hört man, dass das früher zuständige Kulturstaatsministerium keine Lust auf neue Medien hätte. Die neue Ressortaufteilung kommt ganz gelegen: Der neue von der CSU soll's machen, der ist ja auch für digitale Autobahnen zuständig. Alexander Dobrindt spricht den Konflikt auf der Bühne kurz an, ist aber davon überzeugt, dass der Preis seinem Ressort und der tatsächlich sehr versierten Dorothee Bär gut stehen wird.
Auftritt Kalypso: Der Spielevertrieb aus Worms lehnte seine Nominierung als bestes Serious Game 2014 öffentlich ab, weil ihm vorab zugetragen wurde, dass der Preis dieses Jahr nicht vergeben wird. Das Brimborium war groß, die Erklärung aber einleuchtend: Keines der nominierten Spiele erfülle die Voraussetzungen, um zum besten Serious Game gewählt zu werden. Siegfried Schneider, ehemaliger Medienminister Bayerns, lobt jedoch einen Sonderpreis aus. Für die Macher von "The Day the Laughter stopped". In dem "Spiel" erlebt man eine Vergewaltigung aus Sicht des Opfers. Sehr emotional, sehr berührend. Aber eigentlich nicht im Rahmen der Anforderung an ein Serious Game. Deshalb soll der Preis in Zukunft offener werden, "für neue Kategorien und für Genres, die wir bisher nicht abdecken." Der Computerspielpreis soll alle Games aus Deutschland abdecken – auch die verhassten Shooter?
Und dann war da noch der öffentlichkeitswirksame Austritt zweier Jury-Mitglieder. Heiko Klinge und André Peschke verließen die Jury, weil sie einem Sonderpassus nicht zustimmen konnten. Der besagt: Wenn ein USK18-Spiel zum besten Spiel gewählt werden sollte, können nur drei von 35 Jurymitgliedern bestimmen, dass der Preis nicht im Namen der Politik verliehen wird. Stattdessen wird er umbenannt, in Sonderpreis der Jury, und komplett von den Verbänden gezahlt. Ein mutiger Schritt, der für viel Öffentlichkeit gesorgt hat. Ob es die Regel im nächsten Jahr noch geben wird? Hoffentlich nicht. Denn auch USK18-Spiele sind heute Kultur. Der angeschlossene Lara-Award hat das unterstrichen. The Last of Us kassierte gleich zwei Prämien als bestes internationales Spiel und wer GTA 5 seine kulturelle Bedeutung für die Jugend absprechen möchte, verkennt die Realität.
Jeder will Förderung, keiner interessiert sich für den Preis
Quelle: Sandro Odak
Die Fachkompetenz bringt Dorothee Bär, Staatssekretärin beim BMVI, mit.
Die Schizophrenie der deutschen Spieleindustrie hört man in Gesprächen in München raus. Klar, jeder wünscht sich eine Würdigung von Videospielen als Kulturgut. Auch die Politik weiß das. Dorothee Bär und Dr. Peter Tauber, Generalsekretär der CDU, können zumindest aus dem Stegreif glaubwürdig zu dem Thema sprechen und wirken, als ob sie verstehen was sie sagen. Aber keiner will ihn, den Preis. Die Branche belächelt die Veranstaltung. Die Großen brauchen die dotierte Auszeichnung nicht, die Kleinen – die davon wirklich profitieren könnten – kennt niemand. Vielleicht ist es an der Zeit, Förderung und Auszeichnung voneinander zu trennen. Wenn die Regierung Geld in Spieleentwickler stecken würde, wäre vielen mehr geholfen, als im Nachhinein die Produktion zu ehren.
Den Computerspielpreis muss man nämlich als Kulturförderpreis betrachten: 150.000 Euro bekommt der Hauptsieger des Abends. Das ist eine riesige Investition in deutsche Studios! Die anderen Preise sind mit 75.000 Euro dotiert. Aber hier gibt es eine Diskrepanz. Will man nun die kleinen Studios unterstützen? Oder den Großen Steuergelder in den Rachen werfen, für eh schon erfolgreiche Produkte? Es ist gut, das Crysis 3 dieses Jahr nicht gewonnen hat, denn es war kein herausragendes Spiel.
Nächstes Jahr soll sich der Computerspielpreis weiterentwickeln. Das Kategorie-Korsett soll entflechtet und vereinfacht werden, damit Anwendungen, wie das deprimierend gute "The Day the Laughter stopped" auch regulär ausgezeichnet und gefördert werden kann. Die USK18-Klausel fliegt nach der heftigen Kritik hoffentlich komplett raus. Wenn wir deutsche Spiele auszeichnen, dann müssen wir auch alle darstellen können! Und wenn dann auch die Verbände, BIU, Stiftung digitale Spielekultur und G.A.M.E. begreifen, dass alle Welt bereit ist für USK18-Titel, dann schafft der Deutsche Computerspielpreis vielleicht die Wende. So ist er eine Witzveranstaltung, die jedes Jahr nur durch die vielen Mini-Skandälchen auffällt.