Wolfenstein: The New Order im Test - Ein erfrischend altmodischer Shooter
Test
Mit Wolfenstein: The New Order liefert Machine Games einen sehr soliden First-Person-Shooter ab, der längst vergangene Tage wieder aufleben lässt, nämlich die endlose Suche nach Health-Packs und das mutwillige Zerstören von Kisten. Abgesehen davon, bekommt man schnelle und unkomplizierte Action sowie ein trashiges Nazi-Szenario geboten, das aber auch ernste Töne anschlägt.
Hätte, hätte Fahrradkette
Das Szenario von Wolfenstein: The New Order ist einigermaßen originell. Als William "B.J." Blazkowicz startet man im Jahr 1946 das Abenteuer. Zu diesem Zeitpunkt sind die Nazis im Gegensatz zur Realität noch gar nicht besiegt, ganz im Gegenteil, sie sind drauf und dran den Krieg zu gewinnen. Warum das so ist, wird anfangs noch gar nicht so klar. Das geschieht eher im späteren Verlauf des Spiels. Fakt ist, die Nazis haben überlegene Jets, riesige Mechs, Roboter-Kampfhunde und andere mechanische Monstrositäten auf Lager. Die Alliierten haben dem nichts entgegen zu setzen. Nach dem ersten Level bzw. Prolog fällt der Protagonist aufgrund eines "kleinen" Kriegsunfalls für 14 Jahre ins Wachkoma. Als er 1960 wieder aufwacht, haben die Nazis die gesamte Welt unterjocht. Selbst Amerika musste kapitulieren, weil auf New York eine Atombombe fallen gelassen wurde. Innerhalb von 16 Kapiteln schließt man sich dem Widerstand an und bekämpft von nun an die Nazis. Der Hauptfeind ist General Totenkopf, der als Oberbösewicht herhalten muss.
Quelle: Bethesda
Wolfenstein: The New Order im Test (2)
Der rote Faden innerhalb der Story ist nicht besonders kreativ. Aber insgesamt erzeugt der Shooter eine interessante Mischung aus Trash und auch ernsthaften und bedrückenden Situationen. Wenn man das kritisch sieht, kann man behaupten, dass sich die Entwickler bei Machine Games nicht so richtig entscheiden konnten, ob sie lieber ein völlig abstruses Szenario verwenden wollen, oder sich eher den grausamen Taten der sadistischen Nazis widmen möchten. Einige Abschnitte im Spiel sind emotional und kurze Zeit später kämpft man halt gegen Mechs sowie Panzerhunde. Noch ein Beispiel: B.J. lässt seinen Gefühlen in Monologen manchmal freien Lauf, dann macht er etwas später wieder einen flachen Witz. Diese Kontraste ziehen sich durch das gesamte Spiel. So etwas kann man negativ auffassen, aber insgesamt ist der Spagat gelungen. Die Entwickler hätten natürlich auf all zu abgedrehte Einfälle verzichten können, um etwas glaubwürdiger zu wirken, doch dann wäre Wolfenstein wohl kein richtiges Wolfenstein mehr.
Old-School-Shooter und "back to the roots"
Quelle: Bethesda
Wolfenstein: The New Order im Test (3)
Wolfenstein: The New Order ist im Prinzip "just another f***ing" Shooter, aber irgendwie ist er doch anders als die Call of Dutys und Battlefields dieser Zeit. Der Titel orientiert sich an den Shootern der 90er und frühen 2000er Jahre, als man sich noch nicht für ein paar Sekunden in Deckung begeben musste, damit sich die Gesundheit wieder voll regeneriert. Wird man von den Nazischergen zu oft mit Blei voll gepumpt, muss man sich nach blinkenden Health-Packs und Panzerung umschauen, denn anders wird die Gesundheit nicht aufgefüllt. Weltretter sollten die Level also durchaus etwas gründlicher absuchen, um wieder zu Kräften zu kommen. Der Running-Gag schlechthin: Kisten zerstören, um an Items zu gelangen.
Man mag es auf den ersten Blick vielleicht gar nicht glauben, aber ein Titel ohne automatische Gesundheitsgeneration spielt sich deutlich anders. Man agiert viel schneller, muss sich mehr bewegen und kann sich nicht ewig verschanzen, denn irgendwann ist es um die Gesundheit geschehen. Ständig geht es darum, nach Health zu suchen, was auch für Munition gilt, denn so eine Knarre in Wolfenstein ist recht schnell leer geschossen. Es ist jedoch etwas zu mühselig, die ganzen blinkenden Items manuell einzusammeln. Man schaut irgendwie ständig auf den Boden. Mir hätte ein automatisches Einsammeln besser gefallen, drüber laufen und fertig. Es gibt in den Leveln ohnehin sehr viel Sammelbares. Interessante Zeitungsausschnitte oder Briefe geben Auskunft über die Geschehnisse in der neuen Weltordnung, während Engima-Codes zur Freischaltung neuer Modi eingesammelt werden. Und dann wären da noch Schätze oder Schallplatten.
Schnelles Arcade-Gameplay, aber Schleichen geht auch
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Wolfenstein: The New Order im Test (4)
Keine Frage, Wolfenstein: The New Order ist ein schneller Arcade-Shooter, bei dem es ordentlich kracht. Die Steuerung ist präzise und erlaubt actionreiche Schusswechsel. Sogar ein rudimentäres Deckungssystem ist vorhanden, das aber seinen Zweck erfüllt. Und da Deckung teilweise zerschossen werden kann, genauso wie kleinere Teile der Level-Architektur (Betonpfosten usw.), muss man ständig in Bewegung bleiben. Aber es geht nicht nur ums Ballern, denn meistens ist es etwas klüger, sich bedeckt zu halten und etwas zu schleichen. Wer möchte, kann sich an Feinde anschleichen und sie aus kürzester Distanz messern oder sie mit dem Schalldämpfer der Pistole erledigen. Das ist bei Offizieren besonders empfehlenswert, da diese über Funk Verstärkungen rufen können. Da die Soldaten fest vorgegeben Routen haben, kann man sich ganz gut einprägen, wann und wo man zuschlagen sollte.
Das Schleichsystem ist nur "OK", mehr auch nicht, denn man kann nicht immer besonders gut abschätzen, ob man nun gesehen oder gehört wird, oder nicht. Zudem ist es kaum möglich zu reagieren, wenn der Feind den guten B.J. erspäht. Bei Metal Gear Solid, Splinter Cell und Co. bekommt man eher die Chance, seinen Fehler auszubügeln. Oft darf man selbst entscheiden, ob man etwas ruhiger agieren will, aber es kommt vor, dass man schleichen muss, weil man sich zum Beispiel durch ein Gefangenenlager bewegt. Höchstens ein Messer steht da zur Verfügung. Insgesamt ist die Mischung aus brachialer Ballerkost, die natürlich eindeutig überwiegt, und dem leisen Vorgehen, jedoch gelungen.
Irgendwie stumpfsinnig, aber auch abwechslungsreich
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Wolfenstein: The New Order im Test (8)
Wolfenstein: The New Order erfindet das Rad natürlich nicht neu. Das Spiel bietet rein gar nichts, was es nicht schon in anderen Shootern gab. Aber das funktioniert gut und es macht Spaß. Fast schon erfrischend ist der Umstand, dass es kaum geskriptete Szenen gibt, wie man sie bei Call of Duty hinter jeder Ecke findet. Wolfenstein: The New Order ist erfrischend altmodisch. Und Abwechslung wird auch genügend geboten. Wie schon erwähnt, kann man sich durch einige Abschnitte schleichen. An anderer Stelle klemmt man sich hinter ein Geschütz oder steuert einen Mech. Der Shooter-Alltag wird immer wieder von diesen netten Sequenzen unterbrochen, die leider häufig zu kurz ausfallen. Die gute gemachten Bosskämpfen bieten ebenfalls etwas Adrenalin und sind meist ein ziemlich schwerer Brocken.
Während der Kampagne kommt man immer wieder ins Berliner Hauptquartier des Widerstands zurück. Diese Abschnitte zählen zu den eher ruhigen Momenten. Man unterhält sich mit den durchaus interessanten Charakteren, erforscht ein wenig die Umgebung und erledigt ein paar harmlose Botengänge. Das hört sich zwar nicht sonderlich spannend an, aber B.J. kann immerhin ein wenig durchatmen und mit seiner Freundin rummachen. Und die Klospülung darf er auch betätigen, der Wahnsinn. Wolfenstein: The New Order ist relativ umfangreich, zumindest für einen Shooter. 12 bis 15 Stunden sind es, was aber davon abhängt, wie man spielt und welcher Schwierigkeitsgrad angewählt wird. Hinzu kommt noch, ob man denn unbedingt alle Sammelgegenstände haben möchte.
Jedoch besteht Wolfenstein: The New Order wirklich nur aus dieser einen Singleplayer-Kampagne. Es gibt keinen Koop-Modus, keine Online-Herausforderungen und auch keinen Multiplayer-Modus. Lohnen sich also die 60 Euro für bis zu 15 Stunden Spielzeit? Zunächst wären da die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade, die einige Gamer sicherlich zum erneuten Durchzocken motivieren werden. Gleich im ersten Kapitel muss man sich zudem zwischen dem Tod zweier Charaktere entscheiden. Abhängig davon, wer überlebt, wird eine anderen Zeitlinie eröffnet. Fortan bekommt man in Cutscenes etwas andere Dialoge zu sehen und es werden unterschiedliche Perks freigeschaltet. Weltbewegend sind diese zwei Zeitlinien zwar nicht, aber in Verbindung mit einem höheren Schwierigkeitsgrad kann man Wolfenstein: The New Order durchaus ein zweites Mal angehen, danach dürfte für die meisten Spieler aber Schluss sein.
Ein eher konventionelles Waffenarsenal
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Wolfenstein: The New Order im Test (7)
Bei so Sachen wie mechanischen Hunden mag man meinen, dass Wolfenstein: The New Order etwas abgedrehtere Waffen zur Auswahl stellt, aber das ist nicht der Fall. Stattdessen gibt es eine Pistole, Shutgun, Sturmgewehr, Scharfschützengewehr, Granaten und Co. Erwähnenswert ist vielleicht der Umstand, dass man fast alle Knarren im Akimbo-Style nutzen kann. Mr. Blazkowicz hält also zwei Waffen gleichzeitig in der Hand. Dadurch geht zwar die Präzision flöten, da das Zielen über Kimme und Korn nicht mehr möglich ist, doch dafür hat man auf kurze Distanz doppelt so viel Feuerkraft zur Verfügung.
Eine Besonderheit, die Wolfenstein: The New Order zumindest etwas von der Konkurrenz abhebt, ist das sogenannte Laserkraftwerk, das sich sogar aufrüsten lässt. Das dient zwar auch als Energiewaffe gegen Feinde, doch mit der zweiten Funktion werden Gitter und Abdeckungen aufgeschweißt. Das Aufschmelzen von Ketten, an denen gerne irgendwas befestigt ist, ist ebenfalls möglich. Dies geschieht jedoch nicht automatisch, man muss die Form schon selbst ausschneiden. Ist die Öffnung zu klein und man bleibt hängen, was übrigens all zu oft geschieht, muss halt nochmals angesetzt werden. Auf Dauer ist das etwas lästig. Die Level sind zudem nicht so linear und "schlauchig" designt, wie man vielleicht meint. Es gibt durchaus alternative Wege und teils sind die Gebiete sogar ein wenig offen gestaltet. Es ist demnach durchaus Raum für taktische Variationen vorhanden.
Wolfenstein: The New Order bietet ein kleines aber feines Vorteilssystem. In den Kategorien Heimlichkeit, Taktik, Angriff und Zerstörung kann man gleich mehrere Perks freischalten, die zum Beispiel das Schleichen vereinfachen, zu mehr Muntionskapazitäten führen oder die Durchschlagskraft verbessern. Dafür muss man kleine Aufgaben erfüllen: Fünf Stealthkills, 20 Tötungen mit Granaten oder 40 Headshots, die meisten Aufgaben sehen in etwa so aus und führen immerhin dazu, dass man seine Spielweise ein wenig ändert, auch wenn die Perks keine weltbewegenden Unterschiede ausmachen. Ein netter Einfall sind sie jedoch allemal.
Die Technik als größter Kritikpunkt
Quelle: Bethesda
Wolfenstein: The New Order im Test (10)
Wenn es schon etwas zu meckern gibt, dann über die Technik. So richtig angekommen ist Wolfenstein: The New Order noch nicht in der neuen Konsolen-Generation. Auf der PlayStation 4 und der Xbox One wirken die meisten Texturen sehr verwaschen und die Animationen der Charaktere machen einen steifen und leblosen Eindruck. Vor allem die Mimik der Figuren ist schon fast aus der Shooter-Steinzeit. Das sieht furchtbar altbacken und rudimentär animiert aus. Spiele wie The Last of Us sind Meilenweit voraus. Ein "boah sieht das geil" aus wird wohl niemand von sich geben, denn dafür liefert die id Tech 5 Engine (kommt auch in Rage zum Einsatz) einfach zu wenig Spektakuläres ab. Etwas unschön ist auch der Stilbruch zwischen Gameplay-Grafik und einigen Zwischensequenzen, die merklich besser aussehen als der Rest des Spiels.
Machine Games kann das aber mit viel Liebe zum Detail ausgleichen. Das Versteck der Widerstands ist zum Beispiel toll ausgearbeitet. Und auch die Abwechslung bezüglich der verschiedenen Orte lässt matschige Texturen oder wenig eindrucksvolle Lichteffekte fast vergessen. Ob ein Berlin, das wir so nicht kennen, das völlig umgebaute London, ein Zug, ein Arbeitslager und noch vieles mehr, B.J. wird an sehr viele unterschiedliche Orte geschickt. Natürlich sind Dinge wie Panzerhunde ziemlich abwegig, aber Machine Games hat ebenfalls Dinge erschaffen, die von den Nazis tatsächlich schon in irgendeiner Form in Planung waren, wie die Jets oder die riesige Ruhmeshalle, die im Spiel mitten in Berlin steht.
Quelle: Bethesda
Wolfenstein: The New Order im Test (12)
Die Entwickler versprechen auf der Xbox One und der PlayStation 4 eine Auflösung von 1080p und 60 Bilder pro Sekunde. Und tatsächlich sind keine Ruckler während des Tests aufgefallen. Größere Grafikfehler sind auch nicht vorhanden. Wolfenstein: The New Order ist in Sachen Optik zwar keine Wunderwaffe, aber die Technik ist sauber programmiert. Die KI der Gegner ist für einen Arcade-Shooter zweckmäßig. Die Soldaten gehen in Deckung und benehmen sich bei Schusswechseln einigermaßen nachvollziehbar. Sie sind keine großen Leuchten, aber eigentlich erwartet man das nicht von so einem Spiel dieser Art. Dennoch kommt es zu Aussetzern, was vor allem im Nahkampf geschieht. Hier entstehen oft wenig schlüssige Verhaltensweisen, die teils albern wirken. Der Soldat schießt scheinbar lieber. Der Soundtrack von Wolfenstein: The New Order ist übrigens stimmig und begleitet das Geschehen sehr passend. Allerdings bleibt da auch nichts hängen. Die deutsche Sprachausgabe kann ebenfalls zu den gelungeneren Arbeiten gezählt werden.
Die deutsche Version, kein Platz für Nazis
In Deutschland wurde sämtliche verbotene Symbolik entfernt, wozu unter anderem die Hakenkreuze zählen. Die Nazis werden zudem mit keinem Wort erwähnt. Es ist immer nur von dem "Regime" die Rede. Zwar weiß natürlich jeder Spieler, wer damit gemeint ist, aber genannt wird da nichts. Im Vergleich zum englischen Original wurden zusätzlich einige Texte geändert, um möglichst keinen Hinweis auf die Nationalsozialisten zu geben. Wenn es um die Gewalt geht, ist Wolfenstein: The New Order hingegen ungeschnitten. Mit Splatter-Effekten und Blut wird jedenfalls nicht gegeizt, übertrieben wirkt deren Einsatz allerdings nicht.
