#womenaretoohardtoanimate: Warum ich die Petition für weibliche Charaktere in Assassin's Creed Unity unterschrieben habe - Kommentar

Kolumne Sandro Odak
In Assassin's Creed Unity tauchen Frauen nur als Opfer von Übergriffen oder aufgespießt auf. Der falsche Weg, findet Gamezone-Autor Sandro Odak, und hat daher die Petition für spielbare Meuchelmörderinnen in Unity unterschrieben.
Quelle: Gamezone

Es war ein nur ein kleiner Nebensatz, der Ubisoft während der E3 2014 in einen kleinen Shitstorm steuerte. Frauen zu animieren, das sei einfach zu viel Arbeit. Deshalb gibt es keine weiblichen Meuchelmörder in Assassin's Creed Unity. "Skandal!" schrien viele. Zurecht, findet unser Autor Sandro Odak.

von Sandro Odak

Für Ubisoft hätte die E3 2014 zum absoluten Erfolg werden können. Spannende Pressekonferenz ohne langweilige Lücken. Gutes Line-Up (wenn auch fast ausschließlich mit Serientiteln) und ein paar richtig fette Knaller. Die Gameplay-Videos aus Assassin's Creed Unity und Far Cry 4 sahen hervorragend aus, Rainbow Six: Siege war immerhin ein Überraschungstitel. Und dann fragt irgendjemand, warum es eigentlich keine weiblichen Meuchelmörder gibt. Die Antwort ist entwaffnend: "Ein weiblicher Charakter bedeutet, dass wir sehr viele Animationen und Kostüme neu machen müssen. Es hätte die Arbeitszeit verdoppelt."

Noch am gleichen Tag rollt der Shitstorm-Zug (sozusagen das Gegenstück zum Hypetrain) los. "Skandal!" schreien die einen. Der Protest firmiert unter dem Hashtag #womenaretoohardtoanimate. "Halt's Maul, Feminazi!" antworten die anderen. Wer letzte Woche Twitter und Artikelkommentare gelesen hat, fragt sich: Was sind das bitte für Menschen, die so im Internet, ähm, schreiben? Argumentieren kann man dazu nämlich nicht sagen. Viele Beiträge sind voller Beleidigungen und Drohungen. Die Antis argumentieren, weshalb sie gerne Frauen in Spielen hätten. Die Anti-Antis aber haben das Argumentieren aufgegeben – sie schäumen einfach vor Wut. "Wie können es diese "Gutmenschen" wagen, etwas zu kritisieren, das ich mag?", wird vielen durch den Kopf gehen. Vielleicht aber geht ihnen auch gar nichts durch den Kopf. Weil sie einfach auf Krawall aus sind. Weiße, reiche Männer regen sich über eine Benachteiligung auf, die sie nie erfahren haben.

Fakt ist für mich aber: Es gibt Frauen in Videospielen. Laut Statistik der amerikanischen Entertainment Software Association (dem Ausrichter der E3) stellen Frauen heute 47% der Spieler. Der Einwand, dass viele von ihnen nicht die typischen Männerspiele spielen, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber erklärt mal jemandem, der seit 200 Stunden die perfekte Sims-Familie erzieht und alle Skills und Stats "aufgelevelt" hat, dass sein Spiel gar kein richtiges Game sei! Vielleicht liegt die Unterrepräsentation von Frauen aber nicht nur an den Call of Dutys, Battlefields und League of Legends da draußen, sondern auch an der Community, die dahinter sitzt. Ich kenne Frauen, die Shooter oder MMOs spielen. Viele von ihnen wollen trotzdem nicht im öffentlichen VoiP-Chat mitsprechen, weil es dann im besten Fall dumme Kommentare gibt, im schlechtesten Fall zu dummen Anmachen oder gar Stalking führt. Um ehrlich zu sein: Mit all diesen Kids, die mir ins Mikrofon brüllen, dass sie meine Familie vergewaltigen, will auch ich nichts zu tun haben. Online-Gaming ist zu einem Sammelbecken für sozial degenerierte Vollidioten geworden. Klar dass es da nach außen hin scheint, dass das Genre von Machos besetzt ist.

Und nun kommt Ubisoft daher und sagt (durch die Blume): Ja, Frauen in Videospielen gibt es. Aber es war uns halt zu viel Arbeit, sie in unser Videospiel auch zu inkludieren. Denn genau darum geht es: Inklusion. Ich habe nichts dagegen, wenn es männliche oder weibliche Helden gibt. Ich verlange von keinem, dass man neben Rambo auch Ramba spielen kann. Oder einen Laurence Croft. Ich will niemandem die Zensurschere anlegen und vorschreiben, wie er sein Spiel zu entwickeln hat. Wenn ein Studio eine Geschichte schreibt, die einen geschlechterspezifischen Helden erfordert – okay. Diese Freiheit hat jeder Autor. Und ich akzeptiere sie.

Aber Videospiele sind auch das interaktivste Medium von allen. In den Grenzen, die die Engine und das Entwicklerteam absteckt, habe ich die Entscheidungsgewalt. Und wenn sich jemand lieber mit einer Frau identifiziert – dann lasst sie oder ihn doch einfach! Mich ärgert dabei nicht mal so sehr, dass es keine weiblichen Assassinen gibt. Ich bin verärgert über die offensichtliche Lüge, dass weibliche Charaktere den kompletten Produktionsplan über den Haufen werfen würden. Es ist nicht so, dass Frauen plötzlich vier Beine und drei Arme hätten, die man neu "motion-capturen" müsste. Und auch eine Boob-Bounce-Engine wie in DoA braucht keiner. Es hätte nicht mal einer Umschreibung der Kampagne bedurft. Der Held ist männlich. Okay, I get it. Vielleicht kommen wir ja irgendwann mal bei AAA-Blockbustern wie Assassin's Creed dahin, wo Rollenspiele schon seit Jahren sind. Nämlich dass es von jedem Dialog zwei Versionen gibt. Eine mit "er" und eine mit "sie". Da sind wir noch nicht angekommen. Einen der Koop-Assassinen weiblich zu machen, wäre aber ein guter erster Schritt dahin.

Meine Kollegin und Chefredakteurin von PC Games, Petra Fröhlich, hat in ihrem Kommentar geschrieben: "Ernsthaft, Leute, kommt mal wieder runter. Es ist Nur. Ein. Spiel." Sie argumentiert, dass nicht jedes Spiel ein politisches Statement ist und nicht jedes diesem Anspruch gerecht werden muss. Dem stimme ich nur teilweise zu. Spiele können Kunst sein. Aber nicht jedes Spiel ist auch automatisch Kunst und Ausdruck eines künstlerischen Schaffens. Den Vorgang runterzuspielen, halte ich für falsch. Der Hashtag #womenaretoohardtoanimate ist ein Ruf nach gesellschaftlicher Inklusion, nicht nach politischen Statements. Spiele werden erwachsen. Vielleicht sollten auch Entwickler das langsam begreifen und mit ihren Spielen eine größere Zielgruppe ansprechen als bisher. Anders als die Klischeewelt in Videospielgeschichten hat sich die Realität der Spielerwelt in den letzten 30 Jahren durchaus gewandelt.

Ob eine Unterschriftensammlung wie die bei change.org diesen Umstand beseitigt? Ich weiß es nicht. Aber jede Unterschrift setzt ein Zeichen. Deshalb habe auch ich signiert.

tl;dr: Ein weißer Mann regt sich darüber auf, dass seine Mitgamer anscheinend kein Empathiegefühl für Inklusion haben.

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