Valiant Hearts: Test: Vier Kriegsmüde kämpfen gegen das System

Test Sandro Odak
Valiant Hearts macht mit seiner tragischen Geschichte richtig Lust auf Frieden: Das Anti-Kriegsspiel erzählt von vier Teilnehmern des Ersten Weltkriegs, die eigentlich alle gar nicht teilnehmen wollen.
Quelle: Ubisoft

Valiant Hearts erzählt die Geschichte vierer Charaktere im Ersten Weltkrieg. Doch anders als viele Shooter erzählt das Adventure keinen Heldenepos über den Krieg, sondern dreht sich um die Motivation hinter vier Kriegsteilnehmen, die müde sind vom ewigen Kampf. Bittersüß, bierernst und brutal traurig.

Heute vor genau 100 Jahren erschoss ein serbischer Nationalist das österreichische Thronfolgerpaar. Gemeinhin gelten die zwei als erste Opfer des Ersten Weltkriegs – des Großen Kriegs. Und während der Zweite Weltkrieg häufig Modell stand für Videospielentwicklungen, geriet der Erste fast in Vergessenheit. Vielleicht, weil die Technik 1914 noch nicht modern genug war, um in Shootern stattzufinden. Vielleicht aber auch, weil ein Leben in den Gräben Verduns oder Yperns einfach nicht lang genug dauerte, um einen typischen Militär-Heldenepos daraus zu stricken. Auch der D-Day war ein Tag voller Opfer, aber die Grabenkämpfe des Ersten Weltkriegs waren eine ganz andere Geschichte. Es scheint, als sei der einzige Ruhm seinerzeit gewesen, möglichst viele Männer im Gaskrieg oder bei Erstürmungen in den Gräben sterben zu lassen. Viele Soldaten starben als junge Männer, manchmal zu 10.000enden am Tag. Das ist nicht der Stoff, aus dem ein Shooter gemacht ist.

Gut, dass Valiant Hearts kein Shooter ist, sondern ein Mix aus Adventure, Action-Plattformer und interaktivem Geschichtsbuch in Comicform. Hundert Jahre nach dem Start des Großen Kriegs will Ubisoft daran erinnern, mit einem gleichermaßen bunten, süß anmutenden, handgezeichneten wie aber auch todtraurigen Abenteuer.

Perspektivwechsel
Der deutscher Kommandant ist ein Sidekick-Bösewicht. Der eigentliche Feind ist der Krieg selbst. Quelle: PC Games Der deutscher Kommandant ist ein Sidekick-Bösewicht. Der eigentliche Feind ist der Krieg selbst. Statt einem Hauptcharakter zu folgen, erzählt Valiant Hearts die Geschichten von vier spielbaren Figuren. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder, auch wenn sie zum Teil an der französischen Frontlinie verteilt agieren. Karl lebt bei Ausbruch des Kriegs als Deutscher mit seiner französischen Frau und Schwiegervater Emile in Frankreich. Schon in den ersten Momenten macht Valiant Herats klar, dass die folgenden Stunden nicht geprägt sind von nationalistischem Pathos. Karl und Emile werden beide zum Kriegsdienst eingezogen – der eine in Frankreich, der andere in Deutschland – obwohl sie beide eigentlich mehr mit der Gegenseite verbindet, als mit der eigenen. Ein klares Feindbild gibt es daher nicht. Schuld ist für die zwei Charaktere weder Deutschland noch Frankreich – Schuld an all dem Schmerz ist nur der Krieg, den keiner von ihnen will.

So bleibt ein Aufeinandertreffen der beiden auch nicht aus. An der Front und in einem Kriegsgefangenenlager treffen Emile und Karl aufeinander, die Szenen sind rührend. Die Aussage klar: Hier treffen sich zwei, die keine Lust auf Töten haben und nur mitmachen, weil sie gezwungen werden. Aktiv töten kann man in Valiant Hearts eh nicht. Feinde greift man nur selten direkt an. Meist sind es Verteidungsszenarien, in denen tatsächlich mal jemand getötet wird. Oder die Macher lassen einen mit dem Gefühl zurück, jetzt tatsächlich etwas Schlechtes getan zu haben. Dabei verzichtet Valiant Hearts aber nicht auf Tote, nein. Im Vorder- und Hintergrund liegen fast überall Leichen. Das Adventure zeigt trotz der verniedlichenden Comic-Grafik die volle Härte eines entmenschlichenden Kriegs. Es lässt den Spieler nur nicht daran teilhaben, um seine pazifistischen Motive zu unterstreichen. Zum Schluss verheizen die Offiziere so viele Leben, dass die erste sinnige Gewalthandlung des Spiels auch zugleich die traurigste ist.

Es sind simple Rätselketten, die man lösen muss. Quelle: PC Games Es sind simple Rätselketten, die man lösen muss. Nur einer der vier spielbaren Charaktere, "Lucky Freddie", nimmt freiwillig am Krieg teil. Er ist amerikanischer Staatsbürger in der Fremdenlegion und auch er hat persönliche Gründe, wieso er unbedingt kämpfen will. Früh erkennt man, dass ein tiefer Schmerz in ihm sitzt. Er spät erfährt man, was in seiner Vergangenheit vorgefallen ist. Sein Kampfeswille macht ihn zu einer Art Kriegsheld, aber auch einem Kriegsmüden. So viel Trauer, Verlust und Tod wie er gesehen hat, bringen ihn dazu den Krieg zu verabscheuen – und doch ist er selbst in seiner Heimat ein Symbol für den Krieg. Es waren anfangs nur wenige amerikanische Kriegsfreiwillige, deren Berichterstattung in den USA einen Ansturm bei Militäreinschreibungen verursachte.

Die letzte Figur ist eine belgische Krankenschwester, die auf der Suche nach ihrem Vater freiwillig an der Front arbeitet, in der Hoffnung ihn aus den Händen der Deutschen zu befreien. Und hier kreuzen sich die Wege unserer Helden: Der Befehlshaber, der ihren Vater entführt hat, steht auf Freddies Abschussliste ganz oben. Emile, Karl und ein Sanitätshund kommen eher zufällig dazu. Es entstehen Freundschaften, über die Grenzen der vorgeschriebenen (National-)Grenzen hinaus.

Leichte Rätsel, lächerliche Actionpassagen
Der Comicstil trägt dazu bei, dass Menschen und nicht Krieg in den Mittelpunkt rückt. Quelle: PC Games Der Comicstil trägt dazu bei, dass Menschen und nicht Krieg in den Mittelpunkt rückt. Der Grafikstil von Valiant Hearts macht viel von seinem Charme aus. Die Macher hätten sicher zwischen vielen Modellen wählen können. Krieg ist in, supermoderne, hochauflösende Realgrafik daher auch. Aber das hätte vermutlich nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Stattdessen arbeiten die Macher mit einem gutmütigen Comiclook. Der bringt die Absurdität des Krieges noch mehr zum Vorschein und schafft es, dass der Fokus des Abenteuers auf den Motiven und Hintergründen der Charaktere liegt und nicht bei der Darstellung des Krieges.

So komplex die Geschichte auch ist, im Kern von Valiant Hearts steckt ein ziemlich simples Adventure. Es sind oft nur einfache Rätsel und Rätselketten. Um im Kriegsgefangenenlager seiner Arbeit nachzukommen, soll Emile dem bierbäuchigen, klischee-deutschen Lagerkommandanten Wursteintopf bringen. Ein Wachmann lässt ihn aber nicht in die Küche, bevor der Hund nicht Wasser bekommen hat. Am Wasserturm fehlt jedoch ein Hebel. Erst wenn Emil den in einer Art Subquest findet, kann er in die Küche und in einem Schalterrätsel den Eintopf zubereiten. Die Aufgaben sind manchmal lustig, oft klischeebeladen und manchmal sogar rührend. Auch das hat Valiant Hearts seinem hervorragenden Storytelling zu verdanken: Man fühlt mit den Charakteren mit und kann ihre Gedankengänge nachvollziehen.

Eher schwach sind die Plattform- und Action-Passagen von Valiant Hearts. So fährt man mit Pariser Taxen an die Front und muss in einem Geschicklichkeitsspiel langsameren Autos und Gegenständen auf der Fahrbahn ausweichen. Oder im Grabenkrieg auf Granatenbeschuss achten, der sich mit einem schwarzen Schatten am Boden ankündigt. Die Passagen passen irgendwie nicht zum Spiel, jedoch zum Comiccharakter der Spielgrafik.

Interaktive Geschichtsstunde
Solche Action-Szenen an Bord von Taxis oder Panzern nerven. Quelle: PC Games Solche Action-Szenen an Bord von Taxis oder Panzern nerven. In den Missionen geht es schon ziemlich akkurat zu, doch Valiant Hearts vermittelt auch durch Meta-Gameplay viel Geschichtswissen. Wer will, kann sich zu Beginn jeder Mission über einige Parameter seines jetzigen Standorts informieren. Während Emile im Kriegsgefangenenlager Würstel für den deutschen Kommandanten brät, kann man nachlesen wie es in der Kriegsgefangenschaft wirklich zuging. Außerdem haben die Macher überall in der Spielwelt Sammelobjekte versteckt, etwa Postkarten von Soldaten, Hinterlassenschaften und kleine Glücksbringer. Auf diese Weise erzählen sie die Geschichte von marokkanischen, kanadischen, amerikanischen und indischen Kompanien, von denen hierzulande nicht so viel bekannt ist. Durchs Sammeln dieser Gegenstände fühlt man sich auch nicht oberlehrerhaft über den Krieg unterrichtet, sondern entwickelt ein ganz eigenes Interesse an den Themen.

Achtung, Gamebreaker!
Während unseres Tests mussten wir an drei Stellen des Spiels eine Mission komplett von vorn beginnen, weil Bugs ein Fortkommen verhindert haben. Wichtige Objekte, die eben noch rumlagen, verschwanden etwa, nachdem wir zuerst ans andere Ende eines Levels gelaufen sind, um eine Subquest zu Ende zu bringen. Weil die Charaktere immer nur ein Objekt tragen können, muss man sich manchmal entscheiden welches man mitnimmt - dass man danach nicht mehr zurückkehren kann oder es einfach verschwindet, sollte nicht passieren! Weil die Fehler jedoch an relativ unproblematischen Stellen zum Neuladen passierten und uns darüber hinaus keine weiteren Bugs auffielen, verzichten wir auf eine Abwertung.

Meinung

Wertung zu Valiant Hearts: The Great War (PC)

Wertung:

8.0 /10

Wertung zu Valiant Hearts: The Great War (XBO)

Wertung:

8.0 /10

Wertung zu Valiant Hearts: The Great War (PS4)

Wertung:

8.0 /10

Wertung zu Valiant Hearts: The Great War (X360)

Wertung:

8.0 /10

Wertung zu Valiant Hearts: The Great War (PS3)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
toller Comic-Grafikstilvier spielbare, sehr menschliche Charaktereviele Sammelobjektetotal liebenswerte Sidekickseine wertvolle Betrachtungsweise des Kriegs, abseits von Gewaltexzessen in Shootern
simple Rätselnervige Actionpassagenmehrere Gamebreaker-Bugs entdeckt
Fazit

Valiant Hearts ist ein interaktives Kunstwerk, das einem die Unmenschlichkeit des Krieges vor Augen führt, ohne selbst daran teilnehmen zu müssen.

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