Sniper Elite 3 ist offener und größer als all seine Vorgänger. Aber dennoch: So richtig entfalten will sich die Spielidee nicht. Eine Geschichte wird nur angedeutet, auf richtige Inszenierung legen die Macher überhaupt keinen Wert. Das Spiel von Rebellion zeichnet sich einzig und allein durch seine Gewaltspitzen aus. Ein bisschen ekelhaft, wie unser Test zeigt.
Seit mehreren Minuten liege ich hier in einem Scharfschützennest und warte. Als ich mich hergeschlichen hab, fuhr auf der Straße ein gepanzertes Fahrzeug hin und her. Es kam von links, und verschwand rechts außerhalb der Karte. Es kam mindestens dreimal vorbei. Meiner Logik folgend kommt es also auch wieder vorbei, wenn ich jetzt zum Schuss oben bereitstehe. Aber es passiert nichts. Fünf Minuten verharre ich. Fünf Minuten, in denen die Wachen ihre Routine-Patrouillen ablaufen. Fünf Minuten, in denen in regelmäßigem Abstand ein Flugzeug vorbeifliegt und Krach macht. Also verlasse ich den Posten und schleiche weiter. Und gerade als ich mitten auf der Straße stehe, kommt der Truppentransporter wieder vorbei. Lautes Gebrüll von allen Seiten und einen Moment später bin ich tot. Toll. Danke, Sniper Elite!
Ein Sniper-Shooter
Quelle: PC Games
Sniper Elite 3 im Test (2)
Die Sniper-Elite-Reihe war bislang eine mittelmäßige Shooter-Reihe, die im englischen Oxford von Rebellion entwickelt wurde. Der größte Kritikpunkt: Sehr schlauchig und öde. In der Hinsicht haben sich die Entwickler verbessern können. In Sniper Elite 3 trifft man auf große, offene Levels. Das tut dem Shooter ganz gut. Jede Aufgabe lässt sich auf verschiedene Wege lösen, das gibt ein Gefühl von Freiheit. Und auch die Reihenfolge ist oft frei wählbar. Zuerst die Kanone rechts ausschalten, um sich dann schleichend seinem Ziel von hinten zu nähern? Oder doch über die linke Flanke einfallen, ein Snipernest erobern und das Hauptziel aus der Ferne abknallen? Die Entscheidung trägt jeder selbst. Das gefällt uns.
Doch in Sachen Inszenierung und Story ist Sniper Elite 3 noch immer ein Witz. Der Handlungsort ist zum ersten Mal außerhalb Europas. Protagonist Karl Fairburne soll eine Wunderwaffe der Deutschen im Wüstenkrieg ausfindig machen und ausschalten. Das ist die Rahmengeschichte. Mehr ins Detail gehen die Macher leider auch in den Missionen nicht. In fast jedem der acht Levels fühlt man sich wie in einem Spielplatz ausgesetzt: "Hier ist die Wüste, da sind die Deutschen – schieß!" Selbst die wenigen Zwischensequenzen sind ereignislos. Meist zeigen sie lediglich einen neuen Gegner, selten fügen sie etwas wirklich Elementares zur Geschichte hinzu. Das ist schade, denn durch sein "stealthiges" Gameplay baut Sniper Elite 3 eine gute Atmosphäre auf. Hätte Rebellion mehr darauf geachtet, auch drumherum eine zumindest akzeptable Geschichte zu stricken, würde Sniper Elite 3 sicher in einem besseren Licht stehen. So konzentriert sich alles auf das Gameplay – und das kann leider nur an einer Front beeindrucken: Bei der Gewaltdarstellung.
Ein bisschen schleichen und dann beim Sterben zugucken
Quelle: PC Games
Sniper Elite 3 im Test (1)
Im Kern erinnert Sniper Elite 3 an ein Schleichspiel Fairburne muss durchs hohe Gras waten und am besten immer im Schatten bleiben. Es zählt die Line of Sight, als Spieler hat man aber den Vorteil, durch die 3rd Person Perspektive einen besseren Überblick auf das Geschehen zu haben. Die meisten Kills macht man dann, entgegen dem Spieltitel, auch nicht mit seinem Scharfschützengewehr. Messer und schallgedämpfte Pistole sind viel häufiger dran. Dann schnell die Leichen verstecken und keinem fällt was auf. Zum Gewehr greift Fairburne meist nur dann, wenn in der Nähe auch eine Geräuschkulisse ist. Einen Stromgenerator kann man etwa so sabotieren, dass er nicht mehr rund läuft und Explosionsgeräusche von sich gibt – die perfekte Tarnung für einen Abschuss!
Die Snipermomente zelebriert man dementsprechend richtig. Ein Snipernest muss man erst still und leise einnehmen, dann legt man sich hin, wartet auf einen angenehmen Ruhepuls. Atmung beachten. Wenn dann der Motor knittert: Abschuss. Und was für einer! Zielt man besonders gut, schaltet Sniper Elite sofort in eine Ultra-Slowmotion um und verfolgt die Kugel. Wir sehen das Opfer, das noch nichts von seinem Pech weiß – und plötzlich eine Röntgenkamera, die den Weg durch berstende, splitternde Knochen zeigt. Am Ende zerstört das Projektil die Gedärme des Opfers. Alles platzt. Die Geräusche – ein bisschen ekelhaft. Die Belohnung: 20 Erfahrungspunkte. Mehr gibt es, wenn das Opfer einen höheren Rang hatte oder man ihn kunstvoll ermordet.
Durch den Mangel an geschichtlichen Höhepunkten dreht sich alles in Sniper Elite 3 um diese gewaltverherrlichenden Momente. Was manch einen vielleicht nicht stören würde, wenn die Killcam einen nicht immer wieder aus dem "Flow" des Spieles ziehen würde. Vor allem wer mehrere Gegner abknallen muss, hat am Ende der Videosequenz ein Problem neu anzulegen. Natürlich kann man die Kamera abschalten – dann bleibt aber das Spiel wirklich komplett ereignislos.
Schlaue KI, maue KI
Quelle: PC Games
Sniper Elite 3 im Test (5)
Wenigstens reagieren die NPC-Feinde relativ schlau. Haben sie ein komisches Geräusch gehört, weil Fairburne nicht geduckt schleicht, rufen sie nach Hilfe und erkunden, wo es herkam. Haben sie einen mal entdeckt, merken sie sich seinen letzten Standort. Dort sieht man dann einen Geist seiner selbst. Das muss nicht schlecht sein: Wenn alle Gegner einen da links erwarten, kann man sie vielleicht von rechts flankieren. Leicht ist Sniper Elite 3 deshalb auch nicht: Wer nicht schleichen will und stattdessen mit der Maschinenpistole vorprescht, überlebt nicht lang. Und selbst wer versucht, sich minutiös an die Regeln zu halten, ist nicht ganz sicher vor ein paar Überraschungen der Gegner.
Mau sieht es aber aus, sobald die NPCs einen entdeckt haben und man davonkommt. In diesem Fall muss man meist nur 50 Meter in die entgegengesetzte Richtung fliehen. Irgendwann, so die Spiellogik, verlieren die Wachen schon ihr Interesse. Ungewöhnlich, wenn man doch eben gerade noch zwei ihrer Kollegen umgenietet hat. Schafft man es zu fliehen, kehren die Soldaten einfach auf ihre Posten zurück – als wäre nichts gewesen. Das ist ein Kompromiss zwischen Spielbarkeit und Langeweile eines Snipershooters, den ich so nicht nachvollziehen kann.
Nicht mal Bosse hauen vom Hocker
Quelle: PC Games
Sniper Elite 3 im Test (6)
Ein richtiger Kracher sollen die Bossgegner am Ende eines Levels darstellen. Enttäuschend: Oft sind es einfach nur Panzer, die plötzlich auftauchen. Zwar gibt es auch einen Panzerschreck-Raketenwerfer – doch Sniper Elite 3 würde nicht Sniper Elite heißen, wenn man den Panzer nicht auch kaputtsnipen kann. Das eigentliche Ziel dieser Boss-Begegnungen: Die winzigen Lüftungsschlitze des Motors zerschießen, um nach mehreren Treffern den Dieseltank des Panzers in die Luft zu jagen. Es entbricht ein Minispiel, das sich komplett auf die Positionswechsel ausruht: Wenn Fairburne vor dem Panzer auftaucht, sucht der dort nach ihm und achtet nicht auf sein Hinterteil.
Grafisch zeigt sich Sniper Elite 3 von einer ganz akzeptablen Seite. Zwar merkt man dem Shooter seine Grobheit schon an, Rebellion kaschiert aber viel durch hübsche Lichteffekte. Nur bei den Animationen Fairburnes hakt es noch gewaltig: Er ist in seinen Bewegungen sehr ungelenk und störrisch, sodass er an manch einer Ecke ungewollt und unbemerkt hervorsteht und vom Gegner ertappt wird. Weil er nicht springen kann, machen ihm schon winzige Höhenunterschiede zu schaffen. Die letzten Zentimeter einer Rampe einfach runter- oder hochspringen? Ist nicht. Auch die muss die Spielfigur noch ablaufen. Sowas ist ärgerlich, zumal Sniper Elite 3 nicht wenige Hindernisse und Deckungen in seinen Levels einsetzt.
Einen Mehrspielermodus bietet Sniper Elite 3 übrigens auch. Zum einen kann man die Kampagne kooperativ mit einem Freund zusammenspielen, was wirklich Laune macht. Zum anderen gibt es auch klassische Modi gegeneinander. Es gilt zu beachten, dass man ein Sniper-Spiel spielt. Entsprechend hoch ist die "Camper-Quote". Besonders amüsant ist in dem Fall ein Spielmodus, in dem es nur um möglichst weit entfernte Abschüsse geht. Besonders lang hält der Multiplayerspaß aber nicht an: Wenige Karten machen schnell mürbe. Immerhin fesselt die Kampagne für bis zu vierzehn Stunden
