Kommentar: Warum niemand Gamer ernstnimmt - nicht mal ich

Kolumne Sandro Odak
Ein Videosieler mit Scheuklappen auf: Warum niemand Gamer ernst nimmt - nicht mal unser Autor.
Quelle: Zeiss

Gamer haben in den Medien ein Problem: Sie werden nicht ernstgenommen. Vollkommen zurecht, findet unser Autor Sandro Odak. Sie können nicht zuhören, wollen nicht verstehen und jagen grundsätzlich jeden validen Rat zum Teufel, wenn er von der falschen Person ausgesprochen wird. Ein Kommentar über Diskussionskultur unter Gamern.

Ein Kommentar von Sandro Odak

Wenn die Medien über Videospiele berichten, dann nicht immer positiv. Der Begriff "Killerspiele" hat sich in den Köpfen der Menschen breit gemacht – auf beiden Seiten. Auch auf unserer. Die Spielepresse fühlt sich seiner Leserschaft so verbunden, dass sie den Begriff in Anführungszeichen schreiben muss (sehen Sie mal zwei Zeilen über dieser nach!), um klarzustellen "das sagen die anderen, nicht wir". Wenn Spieler mal zu Wort kommen, dann schäumen sie gerne vor Wut. Der Shitstorm ist ihre Sprache und blinder Gehorsam "dem Genre gegenüber" ihre Tugend.

Immer wenn Spiele in den Medien sind, vor allem in kritischer Berichterstattung, dann verfallen Gamer in einen Rausch. Berichtet Report Mainz oder kontraste über Themen wie Abzockelemente in Free2Play-Spielen oder mangelhaften Jugendschutz in ebendiesen, baut sich eine schäumende Menge von Gamern auf, die dagegen anschreit. Wie können diese "E-Mailausdrucker" und Vorgestrigen es wagen, sich über ein neues Medium aufzuregen, das sie nicht verstehen? Häufig werden die Absichten der drehenden Redakteure hinterfragt, gerne wird ihnen nachgesagt, eine eigene Agenda zu verfolgen. Dass faktisch Free2Play-Spiele gerne auf suchterregende Spielelemente zurückgreifen, ist da völlig zweitrangig. Dass sie Werbung an Kinder ausrichten und ihnen fast schon beibringen, wie man Papis Kreditkarte knackt, auch. Die Alten dürfen das nicht. Denken diese Menschen eigentlich nach, bevor sie das schreiben? Oder plappern sie es direkt den Spielentwicklern nach, die das gern zu ihren Gunsten ausschlachten?

Vor einigen Wochen lief auf einem Spartensender die Diskussionsrunde ZDF.login. Darin traten Gamer (unter ihnen der ehemalige Gamestar-Redakteur Fabian Siegismund) gegen Spielekritiker an. Ich habe von der Runde sicher nicht viel erwartet, zumal sie schon vor Beginn der Sendezeit im Internet durch Videopostings torpediert wurde. Am Ende lief sie eigentlich ganz gesittet ab – nur einen Konsens fand niemand. Und die Community? Die schäumte. Bei ZDF.login gibt es eine Onlinewahl. Netz-Bewohner können live abstimmen, wer die Debatte "gewinnt". Fabian Siegismund errang fast 100% der Stimmen.

Aber warum? Er und viele Stimmen online widersprachen fast jeder These der Gegenseite – und sei sie noch so valide. Gamer sind in diesem Punkt stur. Wenn der richtige Vorschlag von den falschen Leuten kommt, wird er kategorisch ausgeschlossen. Mehr Rechte für Spieler? Braucht doch niemand. Jugendschutz? Eh überbewertet.

Dann veröffentlichte VICE einen Artikel, der "Videospiele sind der größte Scheiß" hieß. VICE ist in den USA ein recht angesehener, moderner Sender von politischen und tatsächlich lebensgefährlichen Dokumentationen, in Deutschland jedoch nur ein Onlinemagazin für Hipster und Pubertierende, die tatsächlich noch ein bisschen rot werden, wenn sie Begriffe wie Penis oder Vagina lesen. VICE provoziert gerne, hat aber durchaus eine Daseinsberechtigung. Der Artikel, so platt er auch betitelt ist, macht genau das. Er provoziert, beschreibt jedoch viel Wahres. Im Games Journalismus und mit Spielen ist nicht immer alles heile Welt. Wir spielen den 15ten Teil von einem Shooter, der seit zehn Jahren auf der Stelle tritt und wir wissen es. Aber wenn jemand wie VICE das schreibt, dann geht das gar nicht. Meine Facebook Timeline, fast allesamt Medienprofis, ist schier ausgetickt. "Dieser Artikel ist der größte Scheiß" war noch das netteste, was viele dazu zu sagen hatten.

Das ist der Grund, warum niemand Gamer ernstnimmt – nicht mal ich. Sie können keine Diskussion führen. Das kann man an Fanboy-Debatten ablesen, an den Shitstorms die sie führen und in Foren. Gamer wollen nicht vom Rest der Welt bevormundet werden. Dafür opfern sie jeden Rest von Diskussionskultur und Selbstständigkeit auf, um irgendeinen Quatsch nachzuplappern, den jemand anderes zuvor laut rausgepoltert hat. Wer lauter und länger schreit, wird Recht haben. Egal, ob dieser Quatsch direkt aus den Händen der eigentlichen Übeltäter stammt oder nicht.

Ich will das nicht mehr. Ich will eine Community, die mit Worten diskutiert, nicht mit DDOS-Attacken. Ich will mehr Geist in der Diskussion um Games. Und weniger Gepolter. Ich fordere: Wenn das nächste Mal das Fernsehen über Videospiele berichtet… Wie wäre es, wenn wir alle mal zuhören und uns Gedanken darüber machen, um was es wirklich geht, bevor wir mit Fackeln durchs Netz ziehen und an Ü-Wagen der Fernsehanstalten pinkeln? Wie traurig wäre es, wenn mal ein richtig wichtiger Impuls für die Spielebranche ausgerechnet vom Fernsehen oder einer Institution wie der EU ausging, die gerade gegen In-App-Käufe vorgeht, und wir würden ihn nicht hören?

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