Wie wohl sieht die ideale Gesellschaft aus? Eine Frage, an der sich schon die antiken Philosophen die Zähne ausbissen. "Hüter der Erinnerung" nimmt sich diesem Thema erneut an und liefert uns ein Quasi-Remake von "Logan's Run" in modernem Gewand ab.
Könnt ihr euch noch an "Logan's Run" erinnern? In Deutschland wurde er mit dem unsäglichen Titel "Flucht ins 23. Jahrhundert" in die Kinos gebracht. Basierend auf der Romanvorlage von William F. Nolan und George Clayton Johnson beschreibt er die ideale Gesellschaft der Zukunft, in der sich die Menschen dem totalen Vergnügen hingeben können, bis sie 30 Jahre alt werden. Dann werden sie zur "Erneuerung" ins Karussell geschickt. Jeder glaubt daran im Karussell aufzusteigen, um dann erneut geboren zu werden. Dies geschieht dann in den staatlich kontrollierten Aufzuchtstationen. Die Wahrheit ist natürlich viel grausamer. Um die Zahl der unter der Kuppel eingesperrten Menschen im Zaum zu halten, werden die Dreißigjährigen getötet und die gleiche Anzahl neuer Menschen wird nachgezüchtet. Wer gegen das System rebelliert, der bekommt es mit den Sandmännern zu tun, der Polizeimacht der Zukunft. Natürlich dreht sich in Logan's Run alles um Logan, einem Sandmann der hinter den Vorhang schaut. Er erkennt was abgeht und flüchtet aus der Kuppel, wo er einen alten Mann findet, der in einer verfallenen Bibliothek mit seinen Katzen wohnt und ihn lehrt, was die Menschheit einst ausmachte. Mit diesem Wissen gewappnet kehrt Logan zurück und befreit die vermeintlich ideale Gesellschaft aus ihrer Kuppel.
Quelle: Studiocanal GmbH
Durch die tägliche Injektion können die Menschen keine Farben mehr sehen.
Mit diesem Eindruck im Kopf begab ich mich zur Vorführung von "Hüter der Erinnerung", der im Original "The Giver" heißt, was mich frappierend an die bescheuerte Namensgebung von Logan's Run in Deutschland erinnerte. Doch umso größer war meine Neugier. Die zwei inzwischen veröffentlichten Trailer deuteten viel zu genau auf Logan's Run hin. Die ideale Gesellschaft die unter einer Kuppel lebt, der alte Mann in der Bibliothek, der Junge der aus der Gemeinschaft auszubrechen versucht, all das kann doch kein Zufall sein? War es auch nicht, wie ich nach der Vorführung wusste.
In "Hüter der Erinnerung" wird die ideale Gesellschaft beschrieben, die nur aufrecht gehalten werden kann, indem man den Menschen ihrer Emotionen beraubte. Es gibt keinen Hass mehr, keine Missgunst und keine Liebe. Freiwillig injizieren sich die Bewohner unter der Kuppel jeden Morgen ein Medikament, welches ihnen nicht nur die Emotionen nimmt, es nimmt ihnen auch die Fähigkeit Farben zu sehen. Die komplette Welt erscheint in Grautönen. Dies funktioniert, weil man nicht vermissen kann, was man nie kennenlernte. Kontrolliert wird die Gesellschaft vom Rat der Ältesten, die den Nachkommen ihre Berufe zuweisen und dafür sorgen, dass niemand aus der Rolle fällt. Ein Karussell, wie in Logan's Run gibt es nicht mehr, stattdessen schickt man die Leute einfach nach "Anderswo", wann immer man es für nötig hält. Dies geschieht sogar schon im Säuglingsalter, wenn sich das Leben aus dem Reagenzglas nicht schnell genug entwickelt. Niemand stößt sich daran, da alle gefühllos sind.
Quelle: Studiocanal GmbH
Fiona entdeckt ihre Liebe zu den Neugeborenen.
Bereits an diesem Punkt beginnt der Film zu scheitern. Denn wir erleben junge Menschen die mit Freude Ballspielen oder am Sportunterricht teilnehmen. Wir erleben die Begeisterung der jungen Fiona (Odeya Rush), die eine besondere Liebe zu den Neugeborenen entwickelt, wir bemerken wie Jonas (Brenton Thwaites) von Anfang an die Ungereimtheiten bemerkt, und wir erleben seinen Freund Asher (Cameron Monaghan), der technisch recht begabt ist und offensichtlich auch Neid und Missgunst empfindet. All das unter der täglich injizierten Droge, die alle Emotionen unterdrücken soll. Zugegeben, man unternimmt den Versuch dies zu erklären, indem es einen Unterschied zwischen Gefühl und Emotion geben soll, so recht funktionieren aber will das nicht.
Größter Kritikpunkt aber dürfte der namensgebende "Giver", der Geber (Jeff Bridges) sein, der die Rolle des alten Mannes in der Bibliothek aus Logan's Run übernimmt. Er befindet sich nicht außerhalb der Kuppel sondern nur am Rand und bewahrt dort die Vergangenheit der Menschheit auf, in seinem Kopf und in seinen Büchern. Er lebt mit Duldung der Alten unter der Kuppel, welche aus irgendwelchen Gründen die Vergangenheit doch nicht ganz sterben lassen wollen. Man erlaubt ihm, jeweils einem Auserwählten die Erinnerungen aus der Zeit vor der Kuppel weiterzugeben, damit er auch zukünftig die nächsten Alten beraten kann. Eine aberwitzige Idee, die natürlich schief gehen muss, worauf der gesamte Film basiert.
Quelle: Studiocanal GmbH
Der Hüter vermittelt dem Auserwählten das vergessene Wissen.
Jeff Bridges, der den Hüter der Erinnerung spielt, den Giver, leistet einen guten Job. Vielleicht einen zu guten Job. Von Anfang an ist klar, was sein Plan ist und man fragt sich unweigerlich, weshalb ihm die Alten so viel Freiraum lassen. Es macht Sinn, dass der "Giver" und der "Receiver" gewisse Freiräume genießen, viel zu offensichtlich aber ist, dass dies zum Untergang der idealen Gesellschaft führen muss. Leider viel zu schwach fällt die Rolle von Odeya Rush aus, die sich wahrlich alle Mühe gibt ihrer Rolle Profil zu verleihen. Doch man gesteht ihr nicht mehr zu als das kleine Bienchen zu sein, die zu schwach für alles und zu stark für nichts ist. In einer Szene der Niedertracht blüht sie kurz auf und beweist, dass sie mehr ist als nur die optische Mischung aus Christina Ricci und Chloë Grace Moretz, doch viel mehr wird nicht daraus. Hauptdarsteller Brenton Thwaites hingegen legt sich wirklich ins Zeugs, doch auch seine Rolle wird mit dem unbefriedigendem Ende des Films ad absurdum geführt. Nicht unerwähnt lassen darf man Meryl Streep als die Älteste, die schon öfter bewiesen hat, dass sie auch eiskalte Charaktere hervorragend verkörpern kann, was ihr auch in diesem Film gelingt.
Hüter der Erinnerung – The Giver kommt am 2. Oktober 2014 im Verleih von Studiocanal GmbH in die deutschen Kinos.
