Mittelerde: Mordors Schatten: Mittelerde: Mordors Schatten im Test: Ein Schatten im Land der Orks
Test
Mittelerde: Mordors Schatten ist nach einigen Lego-Auskopplungen der erste ernsthafte Versuch, Tolkiens Fantasie-Universum zu einem Spiel zu machen. Monolith vermischt das Tolkiens Welt mit einer Open-World wie in Assassin's Creed und dem Kampfsystem der Arkham-Reihe.
Nachdem Electronic Arts jahrelang eher halbgare Lizenzprodukte in Tolkiens Fantasy-Universum Mittelerde veröffentlichte, fiel die Marke vor einigen Jahren wieder Warner in den Schoß. Doch auch die hatten erst nur Lego-Spiele und ein mäßig erfolgreiches Koop-Spiel in petto. Nun kommt der erste ernsthafte Versuch, das Material in ein richtig cooles Spiel zu verpacken: Entwickler Monolith verabschiedet sich von den schnöden, bereits ausführlich erzählten Geschichten der Ringträger und nutzt Mittelerde als Setting für eine vollkommen neues Abenteuer: Talion, ein gondorianischer Waldläufer, bewacht in der Zeit zwischen Saurons erster Niederlage und seiner Wiederkehr da schwarze Tor. Truppen aus Mordor ermorden ihn am Anfang des Spiels in einer rührenden Backflash-Szene, zusammen mit seinem Sohn und seiner Ehefrau. Doch der Anführer der feindlichen Truppen lässt ihn nicht einfach ins Jenseits zu seiner Familie ziehen. Er verflucht Talion dazu, Mittelerde als Geist zu durchwandern. Ganz dumme Idee, denn der Geist Talions ist auf Rache aus!
Quelle: PC Games
Talion will Ioreths Tod rächen.
Wie praktisch, dass der Waldläufer ausgerechnet einem der bekanntesten Charaktere aus der Tolkien-Bibel Silmarillion über den Weg läuft. Ein alter Elb, der selbst seit Jahrtausenden Mittelerde als Geist heimsucht und mit jemandem aus Mordor ein Hühnchen zu rupfen hat, schließt sich dem Waldläufer-Geist an. Zusammen sind sie ein unschlagbares Team: Talion besitzt noch einen Körper, kann in seiner menschlichen Gestalt auf der Erde wandeln. Der Elb hingegen besetzt die Welt der Geister für sich. Zusammen machen sie sich auf den Weg, mit ganz unterschiedlichen Zielen, um sich an ihren Häschern zu rächen.
Mordor – eine langweilige Steppe voller Orks
In der ersten Hälfte von Mordors Schatten sucht Talion ausgerechnet in Mordor nach den Mördern seiner Familie. Nachdem er einer der letzten Wächter am Schwarzen Tor war, stand es für die Rückkehr Saurons sperrangelweit offen. Und mit ihm kehrten fürchterliche Gestalten in das Land des Feuers zurück: Orks, Ghule und Uruk-Hai. Vor allem mit letzteren, den Elite-Truppen Mordors, muss er sich herumkämpfen. Im ganzen Land haben sie Lager aufgebaut und halten menschliche Sklaven.
Quelle: PC Games
Blutige Finisher-Moves hat Talion auf jeden Fall drauf!
Die Steppe ist eine offene Spielwelt voller Zwangsarbeiter und marodierender Orks. Unterteilt ist die Welt in verschiedene Gebieten, jedes einzelne hat einen silbernen Geisterturm. Erst wenn Talion ihn erklimmt und seinen Geister-Schmiedehammer darauf herabbrausen lässt, schaltet man das Gebiet auf der Minimap frei. Das erinnert an Ubisofts Spielmechanik aus Assassin's Creed – und fühlt sich genauso an! In jedem Gebiet warten wenige Haupt- und mehre Nebenmissionen, die für Abwechslung sorgen. Und natürlich eine Menge Sklavenbefreiungen: Jedes Mal, wenn man einen Trupp Orks ausschaltet, bedanken sich ein paar Gefangene. Richtige Folgequests geben leider nur die seltensten von ihnen.
Eines fehlt dieser offenen Welt: Atmosphäre und eine lebendige Umgebung! Anders als ein GTA oder auch Assassin's Creed ist Mordor nur bevölkert von Feinden. Egal wo Talion steht – ein paar Orks sind immer in Sichtweite. Was fehlt sind ein paar Städte mit freundlich gesinnten NPCs. Gesprächspartner, Auftraggeber, meinetwegen sogar nur Kulissen! Aber Mordors Schatten versagt mir diesen Wunsch und zwingt mich dazu, immer wieder die Schnellreise-Funktion zu verwenden, wenn ich nicht wieder durchs halbe Land rennen will und eine Horde Orks dabei hinter mir herziehe.
In der zweiten Spielhälfte verlagert sich Talions Abenteuer zwar an die grünen Hügel und Dämme eines Küstengebiets und das grau-braune Einerlei Mordors ist passé – aber lebendiger ist auch diese Welt nicht. Mordors Schatten fühlt sich an wie ein GTA, in dem es keine neutralen und friedlichen NPCs gibt. Als wäre L.A. oder New York nur von Gangstern bevölkert und als würden diese Gangster alle paar Minuten wieder spawnen, wenn man sie tötet.
Quelle: PC Games
Ein bekanntes Gesicht: Gollum spielt in Mordors Schatten eine Nebenrolle.
Auch mit seinem Storytelling gewinnt Monolith keinen Preis. Selbst wenn Talions Motive erkennbar werden, inhaltlich gut gezeichnete Charaktere sehen anders aus. Daneben verblassen die anderen Figuren noch mehr. Gollum bekommt eine unterhaltsame Nebenrolle, außerdem lernen wir ein paar neue Kreaturen Mittelerdes kennen, zum Beispiel den machtgeilen Ork Ratbag. Aber deren Geschichten werden in kurzen Zwischensequenzen abgespult, ohne das Gefühl nun wirklich einen epischen, narrativen Bogen zu spannen. Fans der Bücher sollten sich übrigens in Acht nehmen: Damit Mordors Schatten ein spannendes Spiel ist, pfeift es auf viele Konventionen von Tolkiens Welt. Es ist ein Actionspiel mit einer lose an den Büchern und Filmen angelehnten Geschichte – zu viel Buchtreue kann man Monolith aber nicht unterstellen. Der kuriose Auftritt Saurons könnte vielen Puristen sauer aufstoßen – die Geschichte dahinter ist nur lose am Mittelerde-Universum angelehnt. Trotzdem schön: Wenigstens sind diese Szenen einzigartig, weil sie nicht schon zuvor in einem Film von Peter Jackson durchgenudelt wurden!
Kampfsystem und Charakter-Anpassung
Quelle: PC Games
Abwehren, immer nur abwehren! Die Dreiecks-Taste braucht ihr oft!
Während Monolith bei der Ausgestaltung der Spielwelt patzt, gelingt ihnen eines ganz vortrefflich: Das Kampfsystem macht einfach Spaß! Die Prügelsteuerung könnte direkt aus Rocksteadys Arkham-Serie stammen und setzt voll auf Timing. Im Prinzip braucht man gar nicht viele Tasten, wichtiger ist die zeitliche Abstimmung. Und mit jedem Schlag baut man auch noch einen Kombo-Counter auf. Hat man genug Schläge gelandet, kann man Spezialattacken auslösen. Auf Tastendruck macht Talion dann blutige Finisher-Moves oder teilt sich in Geist- und Realwesen auf. Dann können Talion und sein Elbenbegleiter zwei Angreifer gleichzeitig abwehren – cool! Steckt er selbst einen Treffer ein, fängt der Counter bei null erneut an. Abwehr ist daher genauso wichtig wie Angriff.
Zu Beginn des Spiels sind die Kämpfe fast unschaffbar schwer. Vor allem Hauptmänner, die eine Eskorte bei sich haben, kann man zu Beginn nur schwer flachlegen. Der Schwierigkeitsgrad ist enorm! Doch mit der Zeit lernt Talion neue Tricks. Ein umfangreicher Talentbaum ermöglicht es ihm, für Erfahrungspunkte, abgelegte Neben- und fertige Hauptmissionen neue Fähigkeiten freizuschalten. Dadurch werden Kämpfe einfacher. Schade, dass die coolen Fertigkeiten erst relativ spät kommen. So gibt es eine Art Geistzauber, mit dem Talion willensschwache Orks auf seine Seite ziehen kann. Fortan kämpfen sie gegen ihre eigenen Männer. Doch die Fertigkeit schaltet man erst so spät frei, dass man sie kaum noch braucht. Zu dem Zeitpunkt hat man schon so viele Fertigkeiten und Schwert-Updates freigeschaltet, dass man auf den Zauber meist verzichten kann.
Apropos Waffen-Upgrades: Talion kann seine Waffen nicht ablegen oder wechseln. Er behält sein Schwert, einen Dolch und einen Bogen im gesamten Spiel. Aber diese Waffen kann er aufwerten. Jede hat Slots für Runen, die Angriffsboni geben. Wie in einem RPG geht es dann um Prozentwerte. Haut man lieber mit 10,6% mehr Schaden zu, oder ist einem eine 2,1%ige Chance auf einen One-Hit mehr wert? Die Runen sind zwar zufallsgeneriert und ziehen einen dadurch schnell in eine Loot-Spirale! Selten hat es mir mehr Spaß gemacht, unterschiedliche Komponenten zu mischen und neue Runen auszuprobieren. Dadurch wird auch das Kampfsystem, das auf nur drei Waffen basiert, nicht langweilig.
Saurons Armee rettet Mordors Schatten
Quelle: PC Games
Saurons Armee besteht aus Fußsoldaten, Offizieren und Häuptlingen. Die wichtigen haben Namen und eine Persönlichkeit - und sie streiten untereinander. Genial!
Langweilige Open World hin, geniales Kampfsystem her, wenn es ein Feature gibt, das den Kaufpreis von Mordors Schatten auf jeden Fall wert ist, dann ist es Saurons Armee. Unter all den vielen generischen Orks finden sich ganz viele einzigartige. Sie haben einen Namen und einen Rang in der feindlichen Armee und wenn sie Talion töten – was oft passiert – steigen sie im Rang auf. Sie bekommen mehr Macht und verändern sich mit der Zeit. Sie werden zu Talions Nemesis! Ein spezieller Uruk ging mir im Test besonders auf die Nerven. Durch dumme Zufälle hat er mich bestimmt fünf- oder sechsmal getötet. Sein Werdegang in Saurons Armee war wie ein Raketenstart. Vom Bodyguard stieg er rasant zum Hauptmann, später sogar zum Häuptling auf. Jedes Mal wenn ich auf ihn traf, verhöhnte er mich. Bis ich seine Schwäche ausnutzte!
Jeder Offizier hat eine kleine Geschichte und Fähigkeiten. Mein Großmaul-Ork etwa war nicht anfällig für Fernangriffe und Schleichattacken. Und er war besonders gepanzert, sodass ihm selbst der Nahkampf wenig auszumachen schien. Doch irgendwann fand ich seine Sollbruchstelle. Ein Fußsoldat, den ich verhörte, verriet mir, dass er panische Angst vor Caragors hat. Das sind monsterähnliche Reittiere, die einen Ork einfach verspeisen können. Mit Talions Geistzauber habe ich einen gezähmt und bin ins Lager meines Erzfeinds eingeritten. Schon als er das Vieh sah, fiel ihm das Herz in die Hose! Der Kampf war danach ein Leichtes: Hoch zu "Ross" stieß ich mit meinem Schwert herab und ließ den Caragor zubeißen. Nach wenigen Sekunden war der Häuptling tot. Was für ein Gefühl!
Selbst wenn man ein paar wichtige Offiziere ausschaltet – andere kommen nach. Das Nemesis-Feature allein hat dafür gesorgt, dass mich Mordors Schatten bei Laune hielt. Denn selbst, wenn ein ich einen von den Obermotzen nicht erwischt hab und er entkommen konnte oder mich tötete: Dadurch stiegen sie im Rang auf und brachten mir später, wenn ich sie doch erwischt hab, mehr Machtpunkte ein. Die wiederrum braucht man, um bestimmte neue Fertigkeiten freizuschalten. Ein genialer Ansporn!
Technik
Quelle: PC Games
Grafisch reißt Mordors Schatten keine Bäume aus.
Technisch sieht Mordors Schatten zwar gut und modern aus, reißt sich aber auch kein Bein aus. Vor allem an einer Front enttäuscht das Action-Adventure: Die Steuerung ist, wenn man nicht gerade im Kampf ist, relativ unpräzise. Fast alle Moves führt man aus, indem man X/A gedrückt hält. Nicht immer führt Talion deshalb den Move aus, der mir eigentlich vorschwebte. Klettern klappt zwar solange gut, wie man nur irgendwie nach oben kommen muss, aber wenn man versucht, sich anzuschleichen und unentdeckt zu bleiben, kommt Monoliths Mittelerde-Spiel nicht an seine Vorbilder (Assassin's Creed oder Batman) ran.
