Killerspiele: Kommentar zum Amoklauf-Simulator Hatred: Muss man Gewaltorgien verbieten?
Kolumne
Seit Ende vergangener Woche geistert der Trailer eines völlig unbekannten, polnischen Studios durchs Netz: Hatred ist eine Art Amoklauf-Simulator. Ein Skandal, selbst unter hartgesottenen Gamern. Darf man das nun gut finden? Muss man das verbieten? Oder hält das der "Kulturbetrieb Videospiele" aus? Ein Kommentar von Sandro Odak.
Zuletzt hat sich die Gamer-Community mit sexistischen Anfeindungen aus Teilen der Gemeinschaft nicht gerade vorbildlich verhalten. Doch als ein völlig unbekanntes, polnisches Studio Ende vergangener Woche den Trailer zum Amoklauf-Simulator "Hatred" veröffentlichte, besannen sich die Gamer erneut. Fast unisono verurteilten sie das Machwerk.
Der Trailer sorgte für Aufsehen: Eine dunkle, langhaarige Figur erklärt, dass ihr Name nichts zu Sache täte. Nur die Tat zählt. Der Protagonist von Hatred hasst Menschen und will möglichst viele von ihnen bei seinem Untergang mit in den Tod reißen. Was folgt, sind wirklich abartige Szenen. Exekutionen von Frauen, Farbigen und Polizisten. Einem Mann rammt der Langhaarige seine Pistole in den Mund und drückt ab. Wer den Trailer sieht und nicht angewidert ist, kann nicht ganz normal sein. Völlig korrekt titelt zum Beispiel die Gamestar: "Ein Spiel für Loser!"
Die Macher selbst behaupten von ihrem Spiel, dass sie keine Lust mehr auf Political Correctness hatten. Scheinheilig sei die Branche, weil sie ein Spiel, das Pixelgewalt einfach auf eine Spielspaßkomponente reduziert, nicht auch als Kunstwerk anerkennt. Doch hier irren die Polen: Jedes Spiel kann ein Kunstwerk, kann Kulturgut sein. Aber nicht alle Spiele sind automatisch Ausdruck künstlerischen Schaffens. Es gibt brutale, perverse Spiele. Postal, Manhunt und Grand Theft Auto bestehen fast nur aus Gewalt zum Eigensinn. Doch was die Spiele haben ist Kontext. Die herzustellen ist meist die wahre Kunst. Postal versteht sich selbst als eine bissige Satire des amerikanischen Lifestyles, Manhunt und GTA sind subversive Gesellschafts- und Medienkritiken. Sie bestehen aus viel Gewalt, aber die wird kanalisiert zu einer Message. Die kann kritisch sein, dem Mainstream entsprechen, egal. Aber es gibt sie. Das macht GTA für mich zu einem der wichtigsten Kulturwerke der Neuzeit. Mit Folter und Geheimdienstaffären hat sich die Jugend von heute sicherlich mehr in den entsprechenden GTA 5 Szenen beschäftigt, als nach den Skandalen in Abu Ghraib.
Was die Macher hinter Hatred nicht verstehen: Ein Spiel, das einfach nur Gewalt und den Tod Unschuldiger propagiert, hat nichts in dieser Auflistung von mutigen, kritischen Titel zu suchen. Ihr Werk ist von Trollen für Trolle. Das Studio wollte Aufmerksamkeit und hat sie bekommen. Die Tour ist schon bekannt. Die Entwickler verdienen gut an der Empörung vieler, sie bereichern sich an den Unangepassten.
Aber nun nach Zensur zu schreien, ist der falsche Weg. Hatred soll ruhig erscheinen. In Deutschland sorgt ein engmaschiges Netz von Jugendschutzeinrichtungen dafür, dass der Titel nie in den Handel kommen wird. Online wird man den Titel zwar bestimmt bekommen, auch als Jugendlicher. Aber er verspricht ein Flop zu werden. Wie schön wäre es dann zu sehen, dass bei der Veröffentlichung dieses Machwerks die Spiele-Community beisammensteht und den Release einfach ignoriert. Das wäre auch eine nette Nachricht nach außen: Guckt her, wir sind doch irgendwie erwachsen geworden.
Niemand will dieses Spiel, niemand braucht es. Aber verbieten müssen wir es deshalb noch lange nicht.
Was meint ihr zu diesem Thema? Steht Hatred auf künstlerischem Boden? Gibt es einen Platz für Amoklauf-Simulatoren im "Kulturbetrieb Videospiel"? Oder wollten die polnischen Macher gezielt durch Sensationsmarketing auffallen? Sagt uns eure Meinung zu Hatred in den Kommentaren!
