Wings: Remasterd Edition im Test - Nostalgische Bruchlandung

Test Philipp Mentel
Wings: Remasterd Edition im Test - Nostalgische Bruchlandung
Quelle: Kalypso Media / Cinemaware

Neuauflagen älterer Spiele auf den Markt zu bringen ist neuerdings Trend auf der aktuellen Konsolen-Generation. Ein bisschen die Grafik aufgehübscht, an der Auflösung gedreht und fertig ist das Produkt. Da zwischen Alt und Neu in diesem Falle nur wenige Jahre liegen (wenn überhaupt), werden sich meist nur schwerlich Unterschiede feststellen lassen können. Cinemaware's Wings: Remastered Edition ist ebenfalls eine Neuauflage. Dieses Mal allerdings von einem Klassiker aus dem Jahr 1990. Ob das Spiel im Jahr 2014 ebenfalls noch zu überzeugen weiß, zeigt unser Test.

Cinemaware erlangte Mitte der 1980er Jahre durch das Amiga Strategie-Rollenspiel Defender of the Crown frühe Berühmtheit. Das Spiel war nicht nur Grafisch ansprechend, sondern auch Spielerisch überzeugend. Man erreichte durch die Genre-Mischung aus Strategie, Rollen- und Actionspiel ein breites Publikum und schnell wurde das Spiel auch auf vielen anderen damaligen Systemen veröffentlicht, wie dem C64, der nochmal spielerische Neuerungen mit sich brachte. 1991 dann wurde Cinemaware aufgelöst, nachdem man sich bei der verzögerten Veröffentlichung von S.D.I. verspekuliert hatte und mit stark sinkenden Verkaufszahlen kämpfte.

Wings: Remasterd Edition im Test - Nostalgische Bruchlandung Quelle: Kalypso Media / Cinemaware Grund hierfür: Raubkopien. Das leidige Thema in der Zeit, in der sich der Amiga für solcher Art Kopien am besten eignete. 1990 wurde Wings veröffentlicht und auch hier spielten Raubkopien Cinemaware übel mit. Bereits vor dem offiziellen Releasedatum waren zahlreiche Wings-Kopien im Umlauf. Jetzt, im Jahr 2014 – also zwei Jahre nach der "Wiedergeburt" von Cinemaware, ist das erste große Projekt der Entwickler veröffentlicht worden: die Neuauflage von Wings. Die erste Kickstartet Kampagne im Jahr 2012 verlief wenig rosig – 350.000$ waren das Ziel, doch nicht einmal 15% des Ziels wurden erreicht.

Erfolgreiche Kickstarter Kampagne

Wings: Remasterd Edition im Test - Nostalgische Bruchlandung Quelle: Kalypso Media / Cinemaware 2014 dann nochmal der Versuch mit Wings: Remastered Edition endlich den Nerv der Masse zu treffen. Mit Erfolg: das dieses Mal niedriger angepeilte Ziel von 85.000$ wurde erreicht. Man hatte es nun verstanden erst einmal klein anzufangen. War die Kampagne aus dem Jahr 2012 noch auf ein komplettes, teureres Spiel ausgelegt, fing man 2014 mit kleineren Brötchen an zu backen. So stellte man eine Liste auf, in der man auflistete, mit welchen Inhalten man bei wie viel erreichten US-Dollar rechnen darf. Diese Liste besteht immer noch und das ultimative Ziel, die 350.000$ wurden noch nicht erreicht. Wohl aber schaffte man es das Grundgerüst fertig zu stellen.

Genau dieses Grundgerüst ist es, auf welchem man nun aufbaut. Je mehr Geld also eingesammelt wird, desto mehr zusätzlicher Content wird bereitgestellt werden. Von weiteren Missionen, alternativen Szenen, bis hin zu einem "animierten Flugplatz" (was das wohl bedeuten mag?) sowie neuen Kampagnen. Sogar Versionen für den Mac und die PlayStation stünden bereit. Das Letzte große Ziel ist dann die ursprünglich geplante Director's Cut mit einer weiteren alliierten Kampagne sowie neuen Minispielen und Behind-the-Scenes Material.

Melde mich Startklar, Oberst Farrah!

Wings: Remasterd Edition im Test - Nostalgische Bruchlandung Quelle: Kalypso Media / Cinemaware Zu Beginn erstellen wir uns einen eigenen Piloten. Wir legen fest, wie er heißen soll und wie seine "Skills" ausschauen sollen. Davon gibt es insgesamt vier Stück: Fliegen, Ausdauer, Mechanik und Schießen. Verteilen können wir am Anfang einige wenige Punkte und müssen entscheiden, ob wir alles gleichermaßen erhöhen wollen oder ob wir auf bestimmte Sachen verzichten. So bedeutet ein niedriger Fliegen-Wert zwar nur, dass man weniger Manövrierfähig ist und Schießen, wann unser Maschinengewehr kurzerhand blockiert, dennoch sind das schon eher kosmetische Auswirkungen und so wirklich stark bemerkt man nur, wenn man einen Skill vollständig ausbaut – zulasten der anderen Fertigkeiten.

Haben wir also nun unseren Piloten ins Leben gerufen, stehen wir als Leutnant an der untersten Stelle der Nahrungskette. Oberst Farrah weißt uns in der Pilotenschule auf die wichtigsten Sachen hin und gewährt uns im Tutorial einen ersten Einblick in das Gameplay. Als Unterleutnant des 56. Geschwaders ist es im 1. Weltkriegsszenario von 1916 bis 1918 unser Ziel, möglichst nicht zu sterben und natürlich in der internen Rangliste (Abschüsse sind ganz wichtig!) nach oben zu steigen, was gleichbedeutend mit einer Beförderung ist. Das Ziel ist also klar: Oberst Farrah überzeugen und schnell zum Major werden.

Ich kann bis Drei zählen!

Wings: Remasterd Edition im Test - Nostalgische Bruchlandung Quelle: Kalypso Media / Cinemaware Wings: Remastered Edition bietet insgesamt gut 200 Missionen. Problematisch ist nur eines: es gibt nur drei Missionstypen. Ja nur drei, das lässt sich an einer gesunden Hand klar abzählen. Während wir uns also durch die netten Tagebuch-ähnlichen Texte klicken, arbeiten wir im Prinzip nur stumpf diese drei Missionen in unterschiedlichster Reihenfolge ab. Der häufigste Typ sind ganz klar die Luftkämpfe, einer der Schwerpunkte des Spiels. In diesen gilt es unseren Piloten in seinem Jagdflieger (wahlweise grün oder gelb) zu helfen, indem wir die markierten Feinde ausschalten. Unser Maschinengewehr ist dabei unser einziger Freund, also müssen wir ein wenig Nähe zum Gegner kriegen und dann volle Möhre abdrücken – solange es nicht überhitzt und wir komplett ohne Bewaffnung im Luftraum stehen.

Isometrisch wird es dann in den sogenannten Tiefflügen. Vor jeder Mission bekommen wir kurz und knackig aufgezeigt, was unser Ziel ist. Entweder müssen wir einen Zug mit unserem MG-Feuer zerstören oder ganz, ganz viele Soldaten umnieten. Dabei bewegen wir uns vor und jeweils zur Seite. Letzteres ist wichtig, da unser Gegner unten nicht schläft und sich wehrt. In den Bombardierungen geht es dann in der Vogelperspektive darum, bestimmte Bereiche (oft Häuser oder Schiffe) zu zerstören. Dabei dürfen wir dieses Mal Bomben nutzen. Wem die roten Hilfsmarkierungen das Spiel zu einfach machen, der kann diese auch in den Optionen ausstellen. Grade in Luftkämpfen ist das nochmal ein deutlich intensiveres Spielerlebnis.
Der Absturz

Wings: Remasterd Edition im Test - Nostalgische Bruchlandung Quelle: Kalypso Media / Cinemaware Selbst der legendäre "Rote Baron" war nicht Unbesiegbar. Werden wir im Spiel zu schwer getroffen oder fliegen (warum auch immer man sich so dämlich anstellen muss) voll auf den Boden zu, dann sterben wir. Neben der obligatorischen Beerdigungs-Szene werden wir vom Spiel dann gefragt, ob wir Fortsetzen wollen oder eben nicht. Tun wir das nicht, ist der Pilot aus der Liste gestrichen und wird unter dem Menüpunkt "Denkmal" mit der Anzahl der Abschüsse und abgeschlossenen Missionen gewürdigt. Wem das Ganze zu hart ist, der kann auch weiterhin mit seinem Piloten weiterarbeiten. Neben dem Sterben können wir außerdem auch noch Ziele verfehlen – nach drei roten "R" war es das und wir stehen wieder vor der Wahl abzutreten oder weiterzumachen.

Mein schlauer Zettel sagt mir... nichts mehr! Damit wäre der größte Gameplay-Aspekt, den das Spiel zu bieten hat, abgedeckt. Cinemaware bleibt hier ganz Nahe am Klassiker und hat wenig essenziell Neues reingebracht. Das ist auf der einen Seite gut, auf der anderen Seite aber auch schlecht. Zwar vergrault man damit nicht den geneigten Spieler, der den Klassiker damals sein Eigen nennen konnte, begeistert dafür aber kaum neue Spieler. Denn ganz unter uns: Abwechslung und interessante Missionen bietet das Spiel nicht oder nur geringfügig und ist gemessen mit heutigen Standards einfach zu schwachbrüstig. Zu Gute halten muss man aber, dass zumindest die Texte aus dem Tagebuch teilweise recht amüsant Geschehnisse im 1. Weltkrieg (ob fiktiv oder nicht) kommentieren und dabei die sonst sterile Aufmachung auflockern.

Alles so verwaschen von hier oben...

Wings: Remasterd Edition im Test - Nostalgische Bruchlandung Quelle: Kalypso Media / Cinemaware Grafisch sieht die Neuauflage besser aus als das Original. Das war es dann aber auch schon. Wer mit spektakulär inszenierten Luftkämpfen, tollen Details und zeitgemäßen Animationen gerechnet hat wird enttäuscht. Gemessen an den zur Verfügung stehenden Mitteln sind die verwaschenen und detailarmen Texturen (grade in den Luftkämpfen) und die altbackenen Animationen (z.B. stirbt in den Tiefflügen jeder Soldat gleich) vielleicht auch erklärbar. Vielleicht hätte man aber auch mehr Geld woanders abgezwackt und in einen besseren 3D-Grafiker gesteckt. Immerhin sieht der eigene Jagdflieger vernünftig aus und auch das Schadensmodell geht in Ordnung. So sieht man an den Einschusslöchern, wie stark man getroffen wurde und ein bisschen Blut spritzt auf den Bildschirm, sobald wir einen Treffer kassiert haben.

Soundtechnisch hat man den Fans ein kleines Schmankerl im Options-Menü gelassen. Doch zuerst zum Remastered-Soundtrack, der verdammt gut geworden ist. In Anlehnung an das Original sind die Klänge nun klarer und aufpolierter. Auch die Hintergrundgeräusche in den Luftkämpfen sind stimmig, auch wenn die grafische Komponente dem nicht mehr gerecht wird. Wer Fan des Originals ist und in alten Erinnerungen schwelgen will, der kann unter den Optionen den klassischen Soundtrack auswählen. Was die Steuerung anbelangt, darf man sich entweder ganz auf die Tastatur, Maus oder das Gamepad (nicht getestet) verlassen. Zumindest die Steuerung per Tastatur oder Maus (oder beides gleichzeitig) ist einfach zu erlernen. Das Spiel selbst stellt uns also vor keine großen Steuerungstechnischen Kniffe oder dergleichen.

Ins Cockpit setzen oder nicht?

Wings: Remasterd Edition im Test - Nostalgische Bruchlandung Quelle: Kalypso Media / Cinemaware Vor dem Kauf des Spiels sollte man sich die Frage stellen, ob man sich auf eine Neuauflage einlassen soll, die zwar besser aussieht als das Original, dafür aber absolut nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Denn eines muss man sich klar machen: den Zeitgeist von damals kann man nicht so einfach 20 Jahre weiter transportieren und die eigenen Erinnerungen und Erfahrungen an Wings könnten beim Spielen der Neuauflage vielleicht getrübt werden, weil man heutzutage anderes gewohnt ist. Fans der ersten Stunde müssen also abwägen und es steht außer Frage, dass viele diese Neuauflage auch gut finden werden, weil sie differenzieren können und wissen, was sie erwartet – sonst hätten sie das Projekt bei Kickstartet auch nicht großzügig unterstützt.

Aus heutiger Sicht steht fest: Wings ist nicht gut. Weder spielerisch noch technisch. Einzig die kommentierten Geschehnisse, quasi die Rahmenhandlung, ist stimmig. Mit Wings: Remastered Edition wird man also eher weniger eine jüngere Zielgruppe ansprechen dürfen. Schade, denn das Potenzial vom Spiel an sich ist sicherlich da. Auch ein älterer 3D-"Screenshot" aus der ersten Kickstarter Kampagne zu den Luftkämpfen sieht deutlich besser aus (mehr Details, an sich hübscher) als es dann letztlich im Spiel umgesetzt werden konnte. Dass dabei die finanziellen Mittel eine Rolle spielen ist klar, klar ist zudem auch, dass das Spiel noch nicht fertig ist. Zumindest in dem Sinne nicht fertig, wie Cinemaware es geplant hat.

Meinung

Wertung zu Wings! Remastered Edition (PC)

Wertung:

6.0 /10
Pro & Contra
Luftkämpfe sind nettTagebuch-ähnliche Einträge lockern das Geschehen immer wieder aufpassende Soundkulissealter Soundtrack mit dabeieinfache und eingängige SteuerungDeutsche Lokalisierung (nur Texte)mehrere Piloten erstellbarauf Wunsch kein Permanenter Toddrei Schwierigkeitsgrade + abstellbare Zielhielfe (intensiveres Spielerlebnis)viele Missionen (rund 200)Schadensmodell in Ordnung
Texturarmut (keine Details, Verwaschen)nur drei Missionstypen (Originalspiel bedingt)fehlende Abwechslungaltbackene Animationen (z.B. sterbende Soldaten in Tiefflügen)durch schwache Technik entsteht kaum Atmosphäresteriles „drumherum“viele, teils interessante, Inhalte noch nicht enthalten (Kickstarter Unterstützung muss steigen)
Fazit

Cinemaware bewegt sich mit Wings: Remastered nahe am Original, technisch und spielerisch ist der Titel aber nicht mehr zeitgemäß.

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