AC Unity: Assassin's Creed Unity im Test: Wer hoch klettert, fällt tief

Test Sandro Odak
Gestatten, Arno Dorian. Hauptcharakter von Assassin's Creed Unity. Das könnte der Grundstein einer neuen AC-Generation sein - legt aber einen Fehlstart hin.
Quelle: Ubisoft

Es sollte das beste Assassin's Creed Spiel aller Zeiten werden. Ubisoft hat die Engine ordentlich aufgebohrt, am Storytelling geschraubt und die weniger beliebten Teile der Vorgänger wegrationalisiert. Herausgekommen ist ein Spiel, das polarisiert.

"Ubisoft das neue EA." "Unity unspielbar." "Ubisoft Aktienkurs auf Talfahrt." Die Artikel-Überschriften dieser Tage überschlagen sich in Superlativen. Viele im Netz reden darüber, dass Assassin's Creed Unity völlig verfrüht auf den Markt kam. Dass die Qualitätskontrolle danebenging. Dass das Action-Adventure wegen seiner vielen Fehler unspielbar ist. Offensichtlich haben die ein anderes Spiel gespielt als ich.

Ja, Unity ist verbuggt und weit davon entfernt, fertig zu sein. Aber unspielbar ist übertrieben. Es hat 14 Stunden gedauert, bis ich meinen ersten Game-Breaker Bug gefunden habe. Der war ziemlich nervig, immerhin war ich gerade mitten in einer der großen Überfall-Missionen und hatte es soweit geschafft, alle sekundären Ziele zu erreichen, ohne aufzufallen. Dann fror meine Xbox One ein. Doch nach einem Reboot ging das Spiel exakt da weiter, wo ich starb. Die sekundären Ziele – waren gespeichert. Nur ein paar Gegner waren wieder gespawnt.

Performance: Schwach!
Pay to Win: Ohne es groß zu bewerben, versteckt Ubisoft Mikrotransaktionen im Charakter-Menü. Gegen Echtgeld gibt es Level-Ups! Quelle: Polygon Pay to Win: Ohne es groß zu bewerben, versteckt Ubisoft Mikrotransaktionen im Charakter-Menü. Gegen Echtgeld gibt es Level-Ups! Ganz unter den Teppich kehren kann man die schwache Performance von Assassin's Creed Unity aber auch nicht. Eigentlich waren 30 Frames pro Sekunde angepeilt. Angeblich, um den "cineastischen Look von Kinofilmen" zu unterstreichen. Ganz oft sind es aber viel weniger. Wenn Arno durch Fenster krabbelt, ruckelt das Bild. Wenn Arno durch belebte Straßen rennt – Stottern. Das fällt in einem Third-Person-Spiel nicht ganz so leicht auf, wie in einem Shooter. Aber das Stottern von Assassin's Creed Unity ist deutlich spürbar.

Auf der anderen Seite: Mein Gott, sieht das gut aus! Die meisten Gebäude sind so detailreich wie noch nie in einem Assassin's Creed Spiel zuvor! Es gibt Innenareale. Zimmer und ganze Gebäude, die man ohne Ladezeiten betreten kann. Auf den Straßen stehen Dutzende, teils Hunderte Menschen herum. Ihnen allen kann ich zuschauen. Zuhören, wie sie versuchen ihre ulkige französische Sprache wütend klingen zu lassen. Wenn niedrige Bildwiederholraten der Preis sind für diese offensichtliche Schönheit – dann kann ich damit leben.

Ärgerlich ist es natürlich trotzdem, wenn ich wieder mal durch ein "Loch in der Textur" durch den Boden falle, mich beim Klettern verhake oder in Wand stecken bleibe. Dann hilft meist nur noch die Schnellreise-Funktion. Oder einfach ein kalter Neustart. New-Gen-Konsolen sind richtige PCs geworden. Wenn ihr Cache voll ist, muss man ihn nun manuell leeren, sonst fängt das Spiel an verrückt zu spielen.

Ein Überangebot an Aufgaben
Ermittlungsmissionen, in denen man mehrere Verdächtige beschuldigen kann, sind die seltenen guten Ausnahmen in der Open-World. Quelle: Ubisoft Ermittlungsmissionen, in denen man mehrere Verdächtige beschuldigen kann, sind die seltenen guten Ausnahmen in der Open-World. Ein Open-World-Spiel lebt von der Vielzahl seiner Aufgaben. Assassin's Creed galt für mich lange als ein positives Beispiel, wie man das bewerkstelligt. Neben dem Hauptpfad der Geschichte warteten massig Nebenaufgaben, Meta- und Minispiele auf mich. In Assassin's Creed Unity habe ich nun aber das erste Mal das Gefühl, dass es reicht. Meine Karte ist voll mit Symbolen. Verstecke hier, Assassinen-Missionen da. Story hier, Sammelaufgabe dort. Aber fast alles auf der Karte fühlt sich generisch an. Die Hauptgeschichte hat Ubisoft zwar toll inszeniert und hangelt sich durch ein Sammelsurium an historischen Referenzen. Aber abseits dieses Hauptpfades langweilt mich das virtuelle Paris schnell. Auf der Straße stehen zwar hunderte Menschen und brüllen jemanden oder etwas an. Aber sie machen nichts. Mit ihnen passiert nichts. Manchmal kann ich Diebe fassen oder Mörder umbringen. Aber ansonsten ist die Welt von Assassin's Creed Unity tot.

Viele Nebenmissionen sind dem Koop-Part gewichen. Darin muss ich mit Freunden Aufgaben lösen, die eine kleine Geschichte erzählen. Nette Idee, doch die Aufgaben wiederholen sich schnell. Vielleicht wäre es an der Zeit für eine Missions-Sandbox, denn irgendwann habe ich denselben Typen oft genug vor der Guillotine bewahrt.

Überfälle erinnern an Hitman: Erst sorgt man für Ablenkung, dann killt man sein eigentliches Ziel. Quelle: PC Games Überfälle erinnern an Hitman: Erst sorgt man für Ablenkung, dann killt man sein eigentliches Ziel. Besonders perfide ist die absurde Anzahl von Kisten, die Ubisoft in Paris verteilt hat. Früher waren sie dafür da, um Leute zum Erkunden zu bewegen. Wer einen verrückten Kletterweg rauf auf einen einsamen Turm gefunden hat, konnte sich sicher sein, eine Kleinigkeit zu bekommen. Das stimmt immer noch. Viele Kisten stehen auch in Unity als Belohnung hinter verschlossenen Türen. Doch nicht jede kann man auch öffnen: Manche Kisten sind blau, rot oder gelb. Um sie öffnen zu können, muss man mit dem Dietrich umgehen können, mit Uplay und dem AC-System "Initiates" verbunden sein (was in den ersten Tagen nicht ging, weil die Server zusammenbrachen) oder die Companion App bedienen. Wie lächerlich ist das? Um eine Kiste zu öffnen, muss ich nun zuerst das Gamepad weglegen und eine Mission auf dem Handy machen.

Eines der wichtigen Meta-Games, mit denen man Geld verdient, hat Ubisoft nun auch in die App verlagert: Die Bruderschaft, die für Arno Meuchelmissionen ausführt, kann man nun nicht mehr aus dem eigentlichen Spiel losschicken. Stattdessen ist das komplette Feature aufs Smartphone abgewandert. So kann man auch unterwegs in der Ubahn noch Geld aufs Konto des Hauptspiels schaufeln – aber nimmt gleichzeitig jedem, der die fast 500 MB große App nicht installieren möchte oder kann, die Chance dazu.

Verbesserte Steuerung, gehobener Schwierigkeitsgrad
Paris ist eine beeindruckende Kulisse - bleibt aber bis zuletzt reine Deko. Quelle: Ubisoft Paris ist eine beeindruckende Kulisse - bleibt aber bis zuletzt reine Deko. Lange versprochen war eine verbesserte Steuerung. Mit dem Parkoursystem schafft es Ubisoft auch, extreme Verbesserungen einzuführen. Mit dem rechten Trigger aktiviert man den Parkour-Lauf. Arno macht den Rest eigentlich von selbst. Er rollt sich über Mauern ab, hüpft über Gegenstände hinweg und geht mit vollem Körpereinsatz vor. Drückt man A/X, versucht er nach oben zu klettern, mit B/Kreis hangelt er sich nach unten. Endlich kann Arno im vollen Lauf auch bergab klettern. Früher musste ich immer anhalten, mich von der Dachkante hangeln und dann langsam nach unten klettern. Oder springen, mit der Gefahr, dass sich die Spielfigur verletzt oder gar stirbt. Im Vergleich mit den Vorgängern sind Bewegungen viel geschmeidiger und wirken flüssiger. Aber von absolut unfallfreiem Parkour-Lauf zu sprechen, ist übertrieben. Die Bewegungen sehen zwar flüssiger aus, Arno bleibt aber genauso häufig an Wänden hängen wie zuvor. Manchmal reicht es, nur noch einen Zentimeter nach rechts zu klettern, um dann den nächsten Griff erreichen zu können. Immer wieder bleibt Arno aber einfach auf Dächern und Wänden stehen, weil es nicht mehr weitergeht.

Mit dem linken Trigger geht Arno hingegen in einen Schleichmodus. Tolle Idee, die das Gameplay massiv bereichern könnte. Doch der Schleichmodus ist verbuggt. Je nachdem wo Arno in Deckung geht, kann es passieren, dass er selbstständig hinter einer Mauer aufsteht oder einfach zur Tür reingeht, obwohl er am Türstock in Deckung gehen sollte. Halbhohe Mauern und Brüstungen machen Unity besonders viele Probleme. Immer wieder passiert es Arno, dass er eigentlich in Deckung ist und einen Gegner mit der versteckten Klinge über die Brüstung ziehen will, dann aber statt der Exekution aufsteht und selbst zu Fischfutter verarbeitet wird.

Grafisch ist Unity eine Wucht: Satte Farben, viele Details, hohe Auflösung. Quelle: PC Games Grafisch ist Unity eine Wucht: Satte Farben, viele Details, hohe Auflösung. Wird Arno mal entdeckt, ist es oft um ihn geschehen. Die KI hat in Unity ordentlich dazugelernt. Wenige Treffer und Arno geht zu Boden. Seine Feinde hingegen vertragen viel, sind zum Teil gepanzert und parieren viele Schläge. Wenn sie Hilfe rufen, muss man entweder fliehen oder von vorn beginnen. Anders als in den Vorgängern warten die Gegner nicht mehr darauf, bis sie mit Zuschlagen an der Reihe sind, sondern stechen und schlagen kreuz und quer. Die Krux der modernen Zeit: Anders als im Mittelalter und der Piratenzeit hat während der französischen Revolution jeder Soldat eine Pistole oder gar eine Muskete. Während Arno als in den Zweikampf mit richtig mächtigen Feinden verstrickt ist, setzen sie von außen an und strecken ihn mit ein, zwei Schuss dahin. Manchmal ist das richtig unfair – und kann für Frust sorgen. Der erhoffte Effekt der Entwickler: Spieler sollen mehr schleichen. Das aber klappt ja auch nicht richtig. Vielleicht wäre an dieser Stelle ein verstellbarer Schwierigkeitsgrad die bessere Lösung gewesen.

Meinung

Wertung zu Assassin's Creed: Unity (XBO)

Wertung:

7.0 /10

Wertung zu Assassin's Creed: Unity (PS4)

Wertung:

7.0 /10
Pro & Contra
tolle, hochauflösende Grafikneue Parkour-Steuerungwunderhübsche Zwischensequenzentolle Inszenierung mit historischen Personenspannender Koop
Performance-Schwächen mit starken Framedrops und Ruckelpartienviele Bugsunausgegorener SchleichmodusOnline-Anbindunglangweilige Open-Worldunsympathische Charakterehoher, nicht anpassbarer Schwierigkeitsgradentfernte Spielelemente aus den Vorgängern
Fazit

Assassin's Creed Unity könnte der Startschuss für eine neue Generation des Action-Adventures sein - legt aber wegen vieler Fehler und fragwürdiger Design-Entscheidungen einen Fehlstart hin.

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