Der neue Taktik-Shooter der Enemy-Territory-Macher Splash Damage heißt Dirty Bomb. Geradlinige Action, viel Team-Gameplay und der Fokus auf PC-Spieler haben uns gut gefallen. Alles deutet darauf hin, dass der nächste Counter-Strike-Killer ein Free2Play-Spiel ist. Wenn doch nur die Monetarisierung fair genug bleibt...
Splash Damage mag kein großer Name sein, doch fast jeder ernsthafte Multiplayer-Spieler kennt die Titel, hinter denen das Londoner Studio stand: Return to Castle Wolfenstein, Wolfenstein: Enemy Territory und Enemy Territory: Quake Wars gehören zu den Multiplayer-Schwergewichten am PC. Die Titel wurden zu zeitlosen Klassikern, die eine ganze Generation von Taktik-Shootern geprägt haben. Danach kam die Durststrecke: 2011 veröffentlichte Splash Damage Brink zusammen mit Bethesda. Der Shooter war verbuggt und online so gut wie unspielbar. "Das haben wir versaut", gesteht einer der Entwickler. Wer Splash Damage hört, denkt automatisch an diesen Reinfall - eigentlich unfair, denn seitdem hat das Studio durchaus andere erfolgreiche Projekte veröffentlicht. Der Multiplayer-Modus von Batman: Arkham Origins zum Beispiel stammt aus dem Londoner Studio.
Nun wollen es die Briten erneut wissen. Seit Jahren arbeiten sie bereits an Dirty Bomb. Ein Spiel, das bereits zwei Namensänderungen durchlaufen musste und es einem schwer macht, es ins Herz zu schließen. "Wir machen ein Spiel für die Nische", erklärt Jeremy Greiner von Nexon. "Es gibt keine Konsolen-Version, keinen Singleplayer. Wir halten uns nicht lange mit Casual-Spielern auf und machen es niemandem einfach." Greiner ist zwar vom amerikanischen Publisher Nexon, der ein Interesse daran haben dürfte, dass so viele Leute wie möglich Dirty Bomb spielen. "Aber sind wir mal ehrlich: Ich habe diesen Job nur, weil ich 10.000 Stunden lang Enemy Territory gespielt habe. Ich will selbst einen Core-Shooter!"
Die Technologie für eine Konsolenadaption ist da. Die hauseigene Engine ist skalierbar und läuft auch auf Xbox One und Playstation 4. Ein anderes Team im Haus arbeitet auch schon für einen anderen Kunden an einem solchen Spiel. "Aber Dirty Bomb ist unser Baby", sagt Paul Wedgwood, Gründer und CEO von Splash Damage. "Es geht um Movement, Geschwindigkeit und Präzision beim Zielen. Das können wir auf Konsolen natürlich auch erreichen, aber nur durch Kompromisse. Und wir wollen unser Gameplay nicht durch Autoaiming zersetzen. Nicht mal ein bisschen." Ein Mann mit Prinzipien.
"Wir machen, was Gamer vor ein paar Jahren geliebt haben."
Quelle: Splash Damage
Perks und Items sind austauschbar. Die Ausrüstung muss aber vor Spielbeginn festgelegt werden.
Der klassische PC-Shooter kehrt also zurück. Ein bisschen Enemy Territory, ein bisschen Counter-Strike. Ganz wenig Battlefield und Call of Duty. Splash Damage orientiert sich eher an Valves Comic-Shooter Team Fortress 2, fährt den Humor-Level aber etwas runter, und MOBAs. Die Charaktere? Überzeichnet, aber nicht völlig durchgedreht. Die Umgebung: Realistisch und ernsthaft, aber mit ein paar Seitenkniffen. "Wir wollten nie so authentisch sein wie Call of Duty oder Battlefield. Aber auch nicht so durchgedreht wie Borderlands. Wir stehen irgendwo dazwischen, so im Mittelfeld. Und wir wollen etwas unkonventionelles machen."
Unkonventionell, so kann man vor allem das Helden-Charaktersystem nennen. Aus mehr als 15 Söldnern wählt man drei aus, die man mit ins Gefecht nimmt. Waffen, Items und Perks wählt man vorher aus und kann jeden Charakter dadurch individualisieren. Zwischen diesen drei Figuren wechselt man vor jedem Respawn. Mehr Auswahl? Gibt es nicht. Vorausplanen ist angesagt! Auf überflüssigen Schnickschnack verzichten die Macher. Hüte, Halsketten oder sonstigen optischen Kram, den man Spielern für teures Geld andrehen könnte, gibt es nicht. Ebenso kann man Waffen nicht einfach einkaufen und damit seinen Charakter pushen. "Wir wollen faires Free2Play für alle." Hoffentlich bleibt es dabei.
Generell orientiert sich das Monetarisierungsmodell von Dirty Bomb an Counter-Strike: Global Offensive. Items, Perks und Loadouts gibt es in Waffenkisten, die man als Belohnung für gewonnene Runden bekommt. Wer nicht so lange warten will, kann mit harter Währung nachhelfen. Jedoch ist in den gekauften Kisten nichts drin, was man sich nicht mit ein bisschen Zeit auch erspielen könnte. Auch Hearthstone geht einen ähnlichen Weg: Boosterpacks gibt es entweder gegen freigespielte Ingame-Währung oder eben echtes Geld.
Die Spielmodi
Quelle: Splash Damage
Stopwatch: Dieses gepanzerte Fahrzeug müssen wir begleiten. Die Verteidiger versuchen es zu verlangsamen.
Bei den Spielmodi konzentriert sich Splash Damage auf zielbasierte Karten. Team Deathmatch gibt es nicht. Das wäre zu einfach und das Gameplay im Deathmatch ist nur wenig auf Teamplay ausgelegt. "Jeder kann ein einsamer Wolf sein", erzählt Neil Alphonso, Lead Game Designer. "Ein Teamspieler zu sein und im richtigen Moment seine Unterstützungsfertigkeiten zu verwenden, zeichnet einen guten Spieler aus." Wie erfrischend neuartig. Bei unserem Studiobesuch konnten wir zwei Karten und zwei Modi anspielen: Stopwatch und Extraction. Ersteres sollten vor allem Fans von Enemy Territory wiedererkennen! Ein Team agiert als Angreifer, ein anderes verteidigt. Drei Phasen hat Stopwatch: Zuerst müssen wir als Angreifer ein Fahrzeug erobern, dann das Fahrzeug begleiten und zu einem Zwischenziel bringen. Von da an spawnen EMP-Bomben im "Kofferraum", die wir ins finale Ziel tragen. Am Ende zählt nicht, wie viele Kills jemand hatte, sondern nur die Uhrzeit. Nach den drei Phasen wechseln beide Teams die Seiten, wer es schneller schafft, gewinnt.
Extraction spielt sich sogar noch taktischer. Auch das ist ein asymmetrischer Spielmodus, aufgeteilt in Angreifer und Verteidiger. Doch diesmal geht es um Spielziele, nicht die Zeit. In der Londoner U-Bahn kämpfen wir darum, Punkte einzunehmen. Wird ein Punkt erobert, rückt die Spielmap zum nächsten weiter - das erinnert an das Gameplay des Rush-Modus aus Battlefield. Spannend daran ist, dass die Karten mit heimtückischen Sekundärzielen aufwarten. Einen der Punkte können wir zum Beispiel viel leichter einnehmen, wenn wir zuerst die Türen rechts und links aufsprengen. Dann gibt es vier Wege rein und raus - und eine Menge Seiten, zu denen man reinschießen kann. An anderer Stelle können wir Generatoren lahmlegen, um eine sonst nicht passierbare Abkürzung zum Ziel frei zu machen. Verteidiger müssen das im Hinterkopf behalten und reagieren. Sie können den Generator wieder anwerfen oder die Türen reparieren - besser wäre natürlich im Vorfeld schon eine gute Planung. Die vielen unterschiedlichen Spielziele trennen die Spreu vom Weizen: "Hier wird sich zeigen, wer wirklich im Team spielen kann!"
Quelle: Splash Damage
Der Handlungsort: London. Das Setting: Realistisch. Doch Splash Damage nimmt sich und seine Charaktere nie so ganz ernst.
Die Gameplay-Mechanik ist auf schnelle Action und viel Hip-Fire ausgelegt. Jede Waffe hat zwar auch einen Kimme-Korn-Zielmodus. Die angepeilte Zielgruppe ist aber die, die auch in Counter-Strike nicht durchs Visier gucken musste, um zu wissen wo die Kugel einschlägt. Die Bewegungen sind schnell, sogar Skill-Moves sind möglich. Wer lang genug übt, kann durch Walljumps richtig coole Moves aneinanderreihen. Dirty Bomb bleibt aber immer team-orientiert. Wenn man getroffen zu Boden sackt, kann jeder andere Mitspieler einem aufhelfen. Eine klassische Medic-Klasse gibt es nicht. Erst wenn man am Boden liegend nochmal getroffen wird, ist man endgültig tot. Dann kann ein spezialisierter Charakter einen wiederbeleben - der kann aber nicht heilen. Dafür gibt es wieder eine andere Figur... So bricht Dirty Bomb das traditionelle Klassen-Gameplay auf. Uns hat das gefallen. Grafisch ist der Shooter auf einem guten Weg und erinnert vom Charakterdesign ein bisschen an Brink - nur nicht in ganz so abgedreht.
Meinung
In eigener Sache:
Wir haben Dirty Bomb bei Splash Damage in London mehrere Stunden lang angespielt. Videomaterial und Screenshots konnten wir selbst aufnehmen. Anreise und Unterbringung hat der Publisher Nexon bezahlt. Einen Einfluss auf den Inhalt der Vorschau nahm das nicht.
