Hacker: Kommentar: Sony Pictures Hack und der Umgang mit Leaks

Kolumne Sandro Odak
Hacker geben sich martialisch - und manchmal entwickeln sie sich zu Whistleblowern und Helden der Freiheit. Doch die Daten sollten von verantwortungsvollen Journalisten durchsucht werden, nicht von aufmerksamkeitsgeilen Boulevard-Blogs!
Quelle: facebook.com

Sony Pictures wurde gehackt, tausende Gigabyte wurden gestohlen und nun tauchen sie im Internet auf. Es ist die Aufgabe der Presse, sich durch diese Datenberge zu wühlen. Aber wann sollte man auch darüber berichten?

Hacker einer Gruppe, die sich Guardians of Peace nennt, sind vor wenigen Wochen virtuell bei Sony Pictures Entertainment eingebrochen und haben einen großen Teil der IT-Infrastruktur zerstört. Fast alle Bürorechner sollen sie überschrieben haben. Statt dem persönlichen Desktop war nur noch das Bild einer brennenden amerikanischen Flagge zu sehen.

Die Guardians of Peace, die nun Kinogängern mit Terrorangriffen vom Ausmaß von 9/11 drohen, haben aber nicht nur zerstört. Sie haben auch gestohlen – ja, fast gebrandschatzt. Mehrere Terabyte Daten sollen sie von den Servern heruntergeladen haben. E-Mail-Postfächer, FTP-Inhalte, Gesundheitsdaten und Visaanträge kann nun jeder einsehen, der das Internet kennt. Für Journalisten ist das ein gefundenes Fressen. Redakteure auf der ganzen Welt durchforsten die Daten nach Hinweisen auf illegale Aktivitäten – auch ich. Wichtige Verbindungen sind aus den Dokumenten bereits ersichtlich geworden.

Sony, die Anti-Piraterie-Organisation MPAA und die Homeland Security sollen etwa Gespräche mit Google geführt haben, um das Internet zu zensieren. Google-Manager sind darüber empört. Im Geheimen versuchten Hollywood-Studios einen bereits gescheiterten Gesetzesentwurf wiederzubeleben. Und sie entwickeln Taktiken zur Bekämpfung von Online-Piraterie, die schon nicht mehr im rechtlichen Graubereich liegen. Außerdem offenbaren Geschäftsberichte abweichende Bezahlung von weiblichen und farbigen Mitarbeitern. Das sind Nachrichten, die nicht nur berichtenswert sind, weil sie gelesen werden, sondern weil diese Informationen von öffentlichem Interesse sind. Sie tragen zu einem wichtigen gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess bei, so wie die Veröffentlichung geheimer Staatsdokumente über Abhöranlagen, Folter, Geheimgefängnisse und illegale Tötungen.

Diese Enthüllungen kennen jedoch auch ihre Grenzen. Auch wenn große Teile von Sonys IT-Daten bald öffentlich sein werden, die Beteiligten haben ihr Recht auf Privatsphäre nicht verloren. Dass Adam Sandler keine guten Filme macht und Angelina Jolie eine verwöhnte Göre sein soll, hat keinerlei nachrichtlichen Wert. Auch private Gespräche unter Freunden werden nun zitiert, als wären sie öffentliche Bekenntnisse. Das ist falsch und muss aufhören.

Die amerikanische Verfassung mag die Veröffentlichung geheimer Daten, auch illegaler erworbener, schützen. Das deutsche Presserecht auch. Doch das Presseethos gebietet, Lappalien auszulassen. Diese Boulevard-Meldungen schaden der Pressefreiheit. Das Gros der Informationen sollte durch eine ausgebildete, verantwortungsbewusste Redaktion gehen, nicht von klickgeilen Aufmerksamkeitsblogs veröffentlicht werden. Denen hätte sich auch nicht die Frage gestellt, ob Jennifer Lawrence geheime E-Mailadresse wichtiger ist als die Tatsache, dass Sony-Manager die Kinder von Freunden im Firmenjet durch die USA kutschiert haben könnten.

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