Der Grafikkartenhersteller Nvidia macht jetzt auch Tablets: Mit dem Nvidia Shield versucht er den Spagat zwischen kleiner Minikonsole und praktischem Gadget. Wir haben getestet, ob das Shield im Hinblick auf Spielbarkeit seine Versprechungen auch erfüllt.
Portables Gaming verspricht Nvidia schon seit Jahren. Mit dem Shield Handheld machte man erste Gehversuche – ein durchschlagender Erfolg war das Gerät, das aussah wie ein fehlproportionierter Riesen-DS, nicht. Der neue Entwurf kommt deutlich moderner daher: Das Shield Tablet ist ein vollwertiges Android-Pad mit glasklarem 8 Zoll 1200p Bildschirm. Als eines der ersten Tablets überhaupt wurde es mit dem aktuellen Android Betriebssystem 5.0 "Lollipop" ausgestattet. Im Test erweist sich das Update sehr positiv: Durch eine effizientere Systemhierarchie sinkt der Stromverbrauch des Shields mit Lollipop im Standby-Modus – der Akku hält länger.
Die Verarbeitung des Shield Tablets ist trotz der Plastikrückwand hochwertig. Besonders auffällig ist die Vorderseite. Links und rechts thronen zwei richtige Stereo-Lautsprecher. Sie sorgen für den besten Sound, den wir bei tragbaren Geräten gehört haben. Mit wuchtigeren Lautsprechern können die Built-In-Boxen zwar nicht gleichziehen, Hohen und Bässe transportieren sie aber erstaunlich gut. Für richtigen Tiefen sorgt ein doppelter Basskanal auf der Rückseite.
Quelle: Nvidia
Rückseite des Shield Tablets: Viel Plastik und kratzeranfällig - aber hochwertig.
Wie viele andere Android-Geräte kommt das Shield Tablet ohne richtige Tasten aus. Auf der Oberseite prangt nur eine (schrecklich körnige) Frontkamera. Die sonst typischen Android-Buttons Home, Zurück und Menü/App Browser sind softwareseitig auf dem Bildschirm und bewegen sich, je nach Ausrichtung des Tablets, zu den Seiten mit. Anschalten kann man das 8 Zoll große Tablet mit einer Sperrtaste auf der Seite. Sie stellt aber im Test ein Ärgernis dar. Zu heftig ist der Druckpunkt, zu schmal und flach die Taste selbst, zu nah an der Lautstärkewippe. Einfach draufklicken, wie man es von einem größeren iPad gewohnt ist, kann man nicht. Meist drücken wir mit dem Fingernagel rein – das kratzt am Lack und wird an der Stelle langfristig zu hässlichen Spuren führen. Im Eifer des Gefechts erwischt man manchmal die Lautstärkewippe – sie ist nur etwa 8 Millimeter entfernt.
An Anschlüssen mangelt es dem Shield Tablet nicht. Der Akku wird über ein Micro-USB 2.0 Kabel aufgeladen und lässt sich mittels Micro-USB Hub zum vollwertigen USB-Eingang umfunktionieren. Daneben steht ein Micro-HDMI zur Verfügung, um das Tablet mit einem nicht beiliegendem Kabel an den Fernseher anzuschließen. Erst der HDMI-Anschluss macht das Shield zu einer vollwertigen Minikonsole. Auf der langen Seite gibt es eine Öffnung für eine microSD-Karte mit bis zu 128 GB Speicher. Damit erweitert man den Hauptspeicher des Tablets, der in der WLAN-Version magere 16 GB umfasst, in der LTE-Version 32GB. Wer das Shield als mobile Spielkonsole benutzen will, sollte dringend eine SD-Karte einsetzen, sonst reicht der Platz hinten und vorne nicht.
Akku und Display
Quelle: PC Games Hardware
An dieses Bild muss man sich gewöhnen: Wegen des hohen Stromverbrauchs sollte man sein Stromkabel immer dabei haben.
Das Nivida Shield besitzt ein sehr spiegelndes Display. Selbst in geschlossenen, schummrigen Räumen muss man die Helligkeit des Tablets recht hoch einstellen, um Spiegelungen zu vermeiden. Draußen bei Tageslicht muss man das Maximum einstellen – ganz neutralisieren kann man dort die Spiegeleffekte nicht.
Die notwendige Helligkeit sorgt von Grund auf für einen höheren Stromverbrauch. Genau der stellt eines der größten Probleme des Shields dar. Ungefähr fünf Stunden hält der Akku bei gemischter Nutzung. Wer spielt, verliert schon nach drei Stunden den Saft. Ohne Stromanschluss kann man nicht mal eine Zugfahrt von München nach Berlin überbrücken. Wer das Shield unterwegs als Spielkonsole benutzen will, muss sich darauf gefasst machen, immer das Stromkabel mitzuführen. Bei der verbauten Hardware aber auch irgendwie verständlich! Leider ist auch die Standby-Zeit unter Durchschnitt. Während andere Tablets (iPad 2. Generation, iPad mini Retina und Samsung Galaxy Tab 4 10.1 getestet) im Ruhemodus ein oder mehr Wochen überleben, geht dem Shield schon nach wenigen Tagen die Puste aus.
Gamepad liegt nicht bei
Quelle: Nvidia
Die magnetische Schutzhülle ist praktisch, kostet aber 30 Euro Aufpreis. Auch der wichtige Game Controller ist nicht umsonst, er kostet 60 Euro!
Der Preis für das Nvidia Shield ist für seine Leistung beachtlich: Die WLAN-Version mit 16GB schlägt mit gerade mal 299 Euro zu Buche, die größere LTE-Variante mit 32 GB kostet 379 Euro. Günstiger schießen kann man das Tablet nicht: Online vertreiben es nur ausgewählte Händler, nicht mal Amazon hat das Gerät im Angebot. Wer zu dem Preis den Umfang einer Spielkonsole erwartet, täuscht sich. Das magnetische Standfuß-Cover kostet weitere 30 Euro, der Shield Game Controller sogar 60 Euro. Ohne kann man die Spielfunktionen faktisch nicht nutzen. Der realistische Anschaffungspreis liegt also bei 470 Euro fürs LTE-Gerät. Klingt happig, ist aber noch immer günstiger als ein iPad (500 bis 800 Euro), Microsoft Surface Pro (800 Euro) oder andere High-End-Android Tablets (Sony Xperia Z, 675 Euro). Die kleine WLAN-Version konkurriert mit ihren 299 Euro sogar mit den Android Mittelklasse-Geräten von Samsung – bietet aber eine massiv bessere Ausstattung.
Besonders haptisch ist der Controller leider nicht. Von Form und Klobigkeit erinnert er an den Wii U Pro-Controller. Wie die Playstation 4 sind die zwei Analogsticks parallel angeordnet. Das sorgt für eine etwas verkrampfte Haltung. Am oberen Rand des Controllers sind virtuelle Android-Touch-Buttons; am unteren Ende ein winziges Touchpad und eine eingebaute Lautstärkewippe. Ungewohnt: Die oberen Buttons bleiben fix, die unteren kann man drücken. Das Touchpad soll übrigens als Mausersatz genutzt werden, wenn das Tablet weit entfernt am Fernseher hängt. Die Steuerung damit ist aber fürchterlich und wegen der verkrampften Haltung des Controllers aktiviert man es manchmal aus Versehen.
Das mag negativ klingen, doch Ehre, wem Ehre gebührt: Trotz seiner Mäkel ist der Shield Controller mitunter das beste und präziseste Steuerelement, dass wir mobil an Handys und Tablets bislang erlebt haben. Gegen die vielen amateurhaften On-Screen-Items, die man einfach anklebt, oder billige Wireless-Geräte gewinnt der Shield Controller und sorgt für ein richtiges Spielgefühl. Er verbindet sich über WLAN mit dem Shield (wie das Wii U Gamepad), um das Element des Input-Lags so weit es geht zu eliminieren. Wer Touch-Spiele spielt, kann übrigens einen extrem gut verarbeiteten Touchpen benutzen, der im Gehäuse steckt und schon beiliegt.
Gaming Performance
Quelle: Nvidia
Aus dem Shield Hub startet man normale Android-Spiele, optimierte Shield-Games oder den Stream von seinem heimischen Steam-Account.
Auf einem Gebiet sahnt das Shield Tablet mächtig ab: Mit seinem Tegra K1 Kepler Grafikprozessor (192 Shadereinheiten) und einer 2,2 GHz ARM Cortex A15 CPU mit 2 GB RAM als SoC (Ein-Chip-System) ist das Shield das schnellste Tablet auf dem Markt. In Benchmarks hängt es Vergleichsgeräte wie das iPad Air und iPad Mini Retina oder vergleichbare Android-Geräte weit ab und erzielt um bis zu 50% bessere Ergebnisse. Das spürt man vor allem in speziell angepassten Spielen. Activision hat beispielsweise Skylanders: Trap Team an den Tegra Chip angepasst. Das Zugpferd ist aber Valves Ego-Shooter Half-Life 2. Den Klassiker gibt es für alle Neukäufer eines Shield-Tablets inklusive des Rätselspiels Portal und Half-Life 2: Episode One gratis.
Grafisch sind die drei Spiele aus der Ego-Perspektive beeindruckend. Mit Mods sieht Half-Life 2 heute vielleicht beeindruckender aus, die "Vanilla-Variante" kann sich aber immer noch sehen lassen. Die Grafikqualität ist in etwa mit der letzten Konsolengeneration vergleichbar. Ärgerlich: Obwohl Portal und Half-Life 2 an das Shield angepasst wurden, kommt es zu hässlichen Ladezeiten. Portal kaschiert das, indem sie immer im Aufzug zum Tragen kommen. Half-Life 2 jedoch unterbricht einen manchmal mitten in einer Zwischensequenz oder einem Feuergefecht. Das Problem gab es auch schon beim Erscheinen – damals vor allem auf Rechnern mit wenig Speicher. Heute ist es jedoch schwer zu begreifen, dass ein extra optimiertes Spiel keine zwei Minuten Mapumgebung im Zwischenspeicher behalten kann, bevor eine 15- bis 30-sekündige Wartezeit anfällt.
Wer sein Gameplay mit anderen teilen will, kann direkt vom Tablet aus einen Twitch-Stream starten oder Videomaterial aufnehmen. Kamera, Mikrofon und Chat lassen sich aktivieren. Dadurch wird das Shield zur vollwertigen Stream-Maschine. Erstaunlich: Selbst in hardwarehungrigen Spielen wie Half-Life 2 geht die Performance nicht in die Knie. Alle Ressourcen für den Stream stecken fest im System und werden nicht einfach vom Spiel abgezwackt.
Für Home-Streamer
Quelle: Nvidia
Micro-USB 2.0, MicroSD und Mini-HDMI: Das Shield ist ein richtiges Anschlusswunder und kann sein Signal an den Fernseher schicken - entweder kabelgebunden oder via Miracast.
Mit Gamestream bietet Shield eine spannende Option für den Heim-Streamer an. Wer eine halbwegs aktuelle Geforce GTX Grafikkarte ab Baureihe 6XX besitzt, kann Steam mit Shield verbinden. Hat man einmal eine Verbindung hergestellt, kann man sich gemütlich auf die Couch setzen und Spiele, die lokal am PC berechnet werden, am Shield und somit am Fernseher spielen. Das ist beeindruckend, um den Lag zu minimieren, begrenzt Nvidia die Auflösung aber auf 720p. Wenn man so will, ist das Shield dadurch eine kleine, portable Steam Machine.
Selbst unterwegs funktioniert dieser Stream via LTE oder WLAN – dafür muss die Verbindung makellos und schnell genug sein. Wer mit langsamen LTE-Tarifen einiger Provider nur 7, 9 oder 16 Mbits erreicht, kann Probleme kriegen. Highspeed-Verbindungen mit bis zu 100 Mbits sind in Deutschland nicht flächendeckend verfügbar – und im Ausland recht teuer. Doch selbst zu Hause muss man auf die Geschwindigkeit des WLANs achten. Nvidia empfiehlt zum Einsatz von Gamestream einen 5GHz Router. Die sind jedoch recht teuer und in Deutschland bislang noch nicht flächendeckend von Internetanbietern ins Programm aufgenommen worden. Ältere 2,4 GHz Netzwerke funktionieren zwar auch, sie sind in Stadtgebieten aber so überlastet und durch Fremdsignale überstrahlt, dass es zu Verbindungsabbrüchen kommen kann.
Gegenwind bekommt das Shield Tablet nun ausgerechnet von Fernsehherstellern. Viele neue Geräte verfügen schon jetzt über Miracast und Intels WiDi Verbindung, womit sie als externer Wireless-Monitor eingesetzt werden können. Die nächste Generation von Bildschirmen wird Tablets wie das Shield oder Simucast-Sticks überflüssig machen – Gaming PCs können theoretisch schon jetzt im eigenen Haus funken. Wer viel unterwegs ist, kann so seine Steamsammlung mitnehmen; vorausgesetzt er lässt den PC an…
Games aus der Cloud
Quelle: Nvidia
Nvidia Grid Gaming: Spiele aus der Cloud - leider noch nicht in Deutschland.
Dass Streams im eigenen Haus bald überflüssig sind, hat Nvidia schon begriffen. Der nächste Schritt heißt deshalb Nvidia Grid: Spiele aus der Cloud! Auf GPU-Servern in der ganzen Welt liegen bislang 20 Spiele, darunter Batman: Arkham City, Dead Island, Borderlands 2 und The Witcher 2. Ab einer Bandbreite von 5 MB/s kann man die Titel auswählen, rund 23 Sekunden laden und den Rest vom Server aufs Tablet streamen lassen. In den USA und Europa ist der Dienst bereits am Start – nur Deutschland fehlt, weil Jugendschutzfragen noch geklärt werden müssen. Erst Cloud-Gaming macht das Shield zu einem vollwertigen mobilen Konsolen-Ersatz – und ausgerechnet das fehlt bei uns.
Meinung
In eigener Sache:
Wir haben ein Nvidia Shield LTE-Tablet (32 GB) zusammen mit einer Handvoll Spiele von Nvidia zum Test gestellt bekommen und konnten in mehreren Hintergrundgesprächen mit den Machern des Tablets sprechen. Einen Einfluss auf den Inhalt des Tests nahm Nvidia nicht.
