Youtube: Youtube: Warum Nintendo im Urheberstreit im Recht ist - Kommentar
Kolumne
Nintendo legt sich mit Youtubern an: An Let's Plays und Spielevideos will der Konzern zukünftig beteiligt werden. Dass das kein reines Wunschdenken ist, sondern auch durchgegriffen wird, musste einer nun feststellen. Nintendo kassierte seine Gewinne ein. Pech gehabt, findet Gamezone-Autor Sandro Odak. Wer Filme machen will, muss sich im Medienrecht auskennen!
Vor allem für junge Leute ersetzen Youtube, Twitch und Social Media nach und nach klassische Medien. Zeitungen? Liest heute niemand. Fernsehen? Ist bei den jüngsten auf dem absteigenden Ast. Sie wollen online und überall unterhalten werden. Sie wollen ein Gefühl von Teilhabe. Und sie wollen Stars, die nahbar erscheinen. Und die bekommen sie. Die Sami Slimanis, Gronkhs oder Y-Tittys dieser Welt teilen ihr halbes Leben mit ihren Fans. Auf Twitter, Instagram, Facebook, Tumblr und natürlich Twitch und Youtube. Und sie verdienen ganz gut daran. Bei vielen reicht es immerhin für einen netten Nebenverdienst, bei einigen ist Youtube sogar ein Fulltimejob. Und ein paar wenige macht diese Berühmtheit auch ziemlich reich. Youtube ist für sie ein Geschäft. Eines, das als Hobby angefangen hat, heute aber kommerziell betrieben wird. Der Satiriker Jan Böhmermann nannte diese Verkaufsmasche in seinem (ziemlich genialen) Stück Eier aus Stahl "Authentizität". Sie ist der Schmierstoff, der Youtube-Persönlichkeiten zu so beliebten Werbefiguren macht.
Wenn diese neuen Internetpersönlichkeiten dann mit traditionellen Medienrechten und durchgreifenden Publishern zusammenstoßen, ist Stress vorprogrammiert. Das war im vergangen Jahr der Fall, als Report Mainz über Schleichwerbung und mangelnde Kenntlichmachung von Werbung berichtete. Und nun trifft es eben den Videospielsektor. Der amerikanische Filmemacher Joe Vargas alias "Angy Joe" ist im Streit mit Nintendo. Er lud ein Video hoch, in dem er mit vier Freunden Mario Party 10 spielte – und natürlich Ingame-Material daraus zeigte. Nintendo jedoch wollte das nicht. Der japanische Konzern erlaubt Youtubern nur bestimmte Spiele zu zeigen. Titel die nicht auf der Whitelist stehen, sind tabu. Darüber hinaus ist ein Programm in Planung, das Nintendo an den Erlösen von solchen Videos mit bis zu 40 Prozent beteiligt.
Weil Angry Joe keine Nutzungsrechteabtretung oder Erlaubnis von Nintendo besaß, um das urheberrechtlich geschützte Material zu zeigen, kassierte Nintendo über das "Content ID" Programm die Umsätze komplett ein – und entzürnte den Youtuber. So sehr, dass er sich via Twitter darüber ausließ und ein Rant-Video auf Youtube veröffentlichte. Das wiederum einen kleinen Shitstorm lostrat. Nintendo – der neue Badboy der Spieleszene?
Das Problem: Content-Ersteller haben das Recht, ihre Inhalte nicht kostenfrei weiterzugeben. Youtuber und Anhänger der neuen "Shareconomy" werden zwar behaupten, dass Let's Plays eigentlich unbezahlte Werbung für Publisher sind. In vielen Fällen ist das vermutlich auch richtig. Die Anbieter müssen dieses Angebot aber nicht annehmen. Vielleicht ist ihnen der Mediaäquivalenzwert (das heißt der Wert der Aufrufe, umgerechnet in bezahlte Werbung) nicht hoch genug, vielleicht entspricht das Format aber auch einfach nicht den Firmenrichtlinien. Bei Nintendo ist vermutlich eher zweiteres der Fall. Der japanische Elektroriese ist sehr bedacht aufs eigene Image und auf Familienfreundlichkeit.
Mit dem Copyright Claim hat sich Nintendo nun alle Erträge an dem Video gesichert. Angry Joe verdient nicht mehr daran – und hat es deshalb vom Netz genommen. Auch das ist sein gutes Recht. Der Ärger darüber ist aber unsinnig. Der Copyright Claim entspricht in etwa der deutschen Lizenzanalogie. Dabei bekommt ein Rechteinhaber einen Schadenersatz, der dem entsprechen soll, was die Lizenz normalerweise gekostet hätte. Wer Material von fremden ohne Einwilligung nutzt, der hat eben gegen das Urheberrecht verstoßen. Das gilt für einen großen oder kleinen Youtuber, genau wie für andere Medien und die Presse. Gamezone hat bereits Abmahnungen bekommen (und bezahlt), weil wir uns Bildrechte nicht gesichert haben. Ich selbst habe Zeitungen, TV-Sender und Verlage abgemahnt, weil sie Inhalte von mir nutzten. Das ist ein gängiger Vorgang, einer der einen Medienschaffenden auch für das Thema sensibilisiert. Mit der Zeit habe ich selbst gelernt, welche Bilder ich nutzen darf, welche nicht. Wo ich Nutzungsrechte anfragen kann, wie viel ich dafür zahlen muss.
Das müssen Youtuber auch begreifen: Wenn sie den Haken bei "Monetarisierung" setzen, werden sie zu Medienmachern. Sie sind keine Hobbyisten mehr, sondern Verleger. Sie müssen sich an Medienrecht, Urheberrecht und zum Teil auch Presserecht halten. Wer das nicht tut, verletzt die Rechte anderer. Ein "Angry Joe", der im Jahr vermutlich einen fünf- bis sechsstelligen Umsatz macht und damit mehr verdient, als die meisten Amerikaner, kann sich nicht um solche Lizenzprobleme herumwinden, indem er so tut, als wäre er kein Medienunternehmer. In Amerika können sich die vielen kleinen Youtuber durch eine "Fair Use"-Regel rausreden. In Deutschland entspricht sie in etwa dem Zitatrecht. Doch wer ein Let's Play aufnimmt oder live streamt, zitiert nicht nur ein bisschen. Und wer damit Geld verdient, der kann sich nicht mit Hobby und Amateurwesen herausreden.
Dass das Thema noch nicht viel explosiver ist, liegt zum größten Teil an den anderen Publishern. Sie treten ihre Rechte freiwillig ab, betteln bei Youtubern regelrecht, ihr Spiel ins Programm aufzunehmen. Sie bezahlen sogar Geld dafür: Microsoft, Sony, Electronic Arts, Warner Bros. und Ubisoft – sie alle haben bezahlte Programme, die Videomachern viel Geld für ein positives Image anbieten. Klug ist Nintendos Schritt also vielleicht nicht – aber im Recht ist der Konzern. Das sollten sich auch die Youtuber klar machen, die nun mit Boykott und Shitstorm drohen.
Tl;dr: Kommerzielle Youtuber sind Medienmacher und Unternehmer, keine Hobbyfilmer mehr. Sie müssen sich in Medien- und Urheberrecht auskennen, wenn sie Filme drehen wollen.
