Project CARS: Der Simulator für Fortgeschrittene im Gamezone-Test

Test Peter Grubmair Sven Huber
Project CARS: Der Simulator für Fortgeschrittene im Gamezone-Test
Quelle: PC Games

Da bei Gamezone die Konsolen im Mittelpunkt stehen, haben wir uns mit dem Test etwas mehr Zeit gelassen, auch um den Multiplayer ausführlich testen zu können. Lest jetzt, warum wir Project Cars, trotz diverser Macken, für die augenblicklich beste Rennsimulation auf Konsolen halten.

Was hat mir Project Cars den Einstieg schwer gemacht. Denn statt mich an der Hand zu nehmen und mich an all den Wahnsinn heranzuführen, offeriert es einem von Anfang an alles auf einem riesigen Tablett. Rotzfrech steht der Titel vor dir und scheint geradezu hämisch darauf zu warten, dass du einen falsche Entscheidung triffst und gleich Mal die harte Realität einer Rennsimulation kennen lernst, die nichts verzeiht.

Project Cars: Der Simulator für Fortgeschrittene im Gamezone-Test Quelle: PC Games Quasi im Auslieferungszustand, mit all den vorgegebenen Einstellungen und Settings versuchte ich mein erstes Rennen offline im einem Kart und sah kein Land. Die KI-Fahrer zogen mir gnadenlos davon und ich kam durch keine einzige Kurve sauber durch. Entweder stand ich quer oder verabschiedete mich ins Grün. Unsteuerbar erschienen mir die kleinen Kisten. Also einfach Mal eine andere Klasse ausprobiert und in ein richtiges Auto gestiegen. Da lief es kaum besser. Schon der geringste Fahrfehler führte zum Aufschaukeln des Wagens, der dann nicht mehr abgefangen werden konnte.

Zeit also, sich die Einstellungen genauer anzusehen, irgendwas konnte da nicht stimmen. Und das ist genau die Stelle an der das wahre Abenteuer mit Project Car beginnt. Ich kann jedem Einsteiger nur empfehlen sich zu Beginn ein Fahrzeug und eine Rennstrecke auszusuchen und dann wirklich alle Einstellmöglichkeiten durchzugehen. Dabei niemals mehrere Dinge auf einmal verstellen, sondern immer nur eine und dessen Auswirkung sofort austesten. In Project Cars will wirklich jedes Auto und jede Piste einzeln erobert werden, und wenn ihr glaubt, jetzt habt ihr es im Griff, fangt ihr in einer anderen Fahrzeugklasse wieder ganz von vorne an.

Das beginnt mit der Lenkung, die vorgegebenen Werte sind mit einem Gamepad kaum spielbar. Reduziert die Lenkempfindlichkeit und die tote Zone auf ein Minimum, damit wird euch das Fahrzeug deutlich weniger oft in den Kurvenausfahrten ausbrechen. Wenn ihr dann so langsam ein Gefühl für die sehr direkte Steuerung entwickelt, könnt ihr die Empfindlichkeit wieder erhöhen. Erst dann macht es Sinn sich den Fahrhilfen zuzuwenden, die sich quasi Stufenlos einstellen lassen. Das alles ist wirklich harte Arbeit und braucht seine Zeit, macht aber auch den Reiz des Titels aus. Seit langer Zeit empfinde ich Project Cars als eines der wenigen Rennspiele, die sich aus der Cockpitperspektive am besten fahren lassen. Normalerweise bevorzuge ich Motorhaube oder Verfolgerkamera, nicht so hier. Denn nur im Inneren des Fahrzeugs bekommt man selbst die kleinste Bodenwelle hautnah mit und plötzlich kommt man mit vorher unsteuerbaren Autos zurecht.
Wie schon erwähnt, gibt es bei Project Cars keine Autos oder Strecken freizuschalten, alles ist von Anfang an verfügbar. Selbst die Karriere verlangt nicht von einem mit den Karts zu beginnen um dann bei den F1-Bolliden anzukommen. Es steht uns völlig frei, bei welchem Team und in welcher Klasse wir anfangen wollen. Das gefiel mir im ersten Augenblick recht gut, denn ich mag die kleinen Karts nicht und war froh sie auslassen zu können, birgt aber auch den Nachteil, dass so keinerlei Motivation entsteht. Man fährt einfach, was man will. Zudem benutzt Project Cars in der Offline-Karriere dieses altbackene Kalendersystem, simuliert also irgendwelche Zeiträume in denen die einzelnen Events stattfinden. Dazu hat sich tatsächlich auch noch jemand die Mühe gemacht Dutzende E-Mailtexte zu verfassen, die man zugeschickt bekommt. Es wird sicher Spieler geben, die sich daran nicht stoßen. Ich persönlich finde so etwas schrecklich und altbacken. Generell gehört die komplette Aufmachung und Präsentation abseits der Rennstrecke selbst nicht zu den Stärken von Project Cars.

Project Cars: Der Simulator für Fortgeschrittene im Gamezone-Test Quelle: PC Games Aber all das ist vergessen, sobald man im Cockpit sitzt und seine Runden dreht. Wenn es im Boxenfunk heißt, dass der Wagen und die Reifen noch kalt sind, dann ist das nicht einfach nur ein Spruch. Kalte Bremsen greifen deutlich schlechter und versetzen den Bremspunkt, ein kaltes Differential lässt den Wagen leichter ausbrechen und kalte Reifen sind sowieso der Horror. Darum bloß nicht treiben lassen und die ersten Runden des Trainings dazu nutzen um zu erfahren, wie lang der Wagen braucht, bis er warm wird und zu seiner Höchstleistung aufläuft. Dieses Wissen dann in die Qualifizierung mitnehmen und all seine Fahrkunst aufbringen um eine möglichst gute Zeit einzufahren. Denn im Rennen selbst ist es unglaublich schwer Plätze gut zu machen. Das liegt zum einem am riesigen Starterfeld von 20 Fahrern (am PC sogar mehr), sowie an der recht gelungenen KI der Computerfahrer.

Ich würde zwar sagen, dass die KI nicht ganz an die Drivatare in Forza herankommt, welche auf den Fahrleistungen echter Spieler beruht, sie ist trotzdem recht gelungen. Keine Spur davon, dass die Computerfahrer krampfhaft die Ideallinie verteidigen. Stattdessen entstehen richtige Positionskämpfe, recht faire sogar. Versucht man zu überholen, wird einem Platz gemacht. Beging man einen Fehler, versucht die KI nicht einen abzuschießen, sondern weicht aus, weil auch sie jeden Schaden am Fahrzeug zu vermeiden sucht. So machen Offline-Rennen Spaß. Auch sollte man sich nicht schämen den KI-Level herunterzuschrauben, wenn man trotz aller Mühe einfach kein Rennen gewinnt. Denn auch diese Voreinstellung ist im Auslieferungszustand ziemlich hoch gewählt.

Project Cars: Der Simulator für Fortgeschrittene im Gamezone-Test Quelle: dualshockers.com Um das Ganze nicht zu trocken wirken zu lassen, muss ich euch unbedingt von einem Event erzählen, der besser nicht demonstrieren könnte, warum Project Cars eine so gelungene Simulation ist. In der Offline-Karriere fuhr ich einen Renault Clio, einen Wagen, der kalt fast unsteuerbar ist und der Regen auch nicht besonders mag. Ganze drei Runden brauchte die Kiste im Training, bis sie endlich auf Touren kam, und selbst dann waren erst drei der vier Reifen auf Temperatur. Doch es reichte aus um die erste Bestzeit hinzulegen und sich an die von der Ideallinie vorgegebenen Bremspunkte heranzutrauen. Ich legte also noch ein paar sehr gute Rundenzeiten hin und erwartete, in der Qualifizierung ähnlich gut abzuschneiden. Pustekuchen! Noch voll mit den Werten der optimalen Betriebstemperatur des Clios in den Daumen flog ich gleich aus der ersten Kurve. Also erneut langsam den Wagen auf Temperatur gebracht, doch mir ging die Zeit aus, ich landete nur im Mittelfeld und musste das Rennen von der zwölften Position aus starten. Nur gut, dass man die Rennen mit vorgewärmten Reifen beginnt. Der Start verlief auch gut, ich holte eine Position auf, schnitt dann aber eine Kurve zu spät an und flog ab. Bei der wütenden Rückkehr auf die Piste nahm ich auch noch den Weg über die Curbs und beschädigte mir die Lenkung. Also ab in die Box zur Reparatur. Auf dem Weg dahin begann es zu regnen und so kam es, dass ich als erster wieder mit Regenreifen auf der Strecke war. Das verschaffte mir einen so großen Vorteil, dass ich schlussendlich Fünfter wurde. Dieser fünfte Platz fühlte sich besser an, als viele Siege in anderen Rennspielen.

Der Online-Modus: Himmel und Hölle zugleich

Wie auch offline, so überlässt Project Cars auch online dem jeweiligen Host die komplette Entscheidungsgewalt über das Setting. Er lägt die Länge des Trainings und der Qualifizierung fest, oder lässt diese komplett weg, bestimmt ob die Cockpitperspektive erzwungen wird, welche Fahrhilfen erlaubt sind usw. Das kennen wir so schon aus vielen Rennspielen und das ist, verzeiht mir die Ausdrucksweise, der blanke Wahnsinn. Selbst wenn man das misslungene Matchmaking der Xbox One außer Acht lässt, auf der PS4 kann man wenigstens aus einer Server-Liste wählen, muss man schon sehr viel Geduld aufbringen, bis man endlich eine Session gefunden hat, die den eigenen Vorlieben entspricht. Dann steht man aber vor dem nächsten Problem, nämlich dass sich die Spieler nie so rücksichtsvoll verhalten, wie es die Simulation eigentlich verlangt. Es gibt immer einen oder mehrere, die entweder aus Unvermögen oder aus reiner Absicht die anderen Fahrer abschießen. Ist das Schadenssystem aktiviert und man wurde gegen die Begrenzung katapultiert, kann man das Rennen eigentlich schon aufgeben. Da tröstet es einen auch nicht, dass der andere seinen Wagen ebenfalls demolierte, all die Mühe und Zeit die man im Training und der Qualifizierung aufwandte, sind für die Katz. So wie es augenblicklich ist, kann man vernünftige Rennen online eigentlich nur mit einer Gruppe Spieler spielen, die man kennt.
Dazu gesellen sich noch weitere Probleme, die dieses undurchdachte System mit sich bringt. Verbindet man sich mit einer Session in der die Qualifizierung bereits startete, kann man selbst nicht mehr daran teilnehmen und muss das darauffolgende Rennen von hinten beginnen. Damit könnte man noch leben, wäre man die Zeit bis dahin nicht in die Lobby verbannt. Ich kam schon in Sessions mit 45 Minuten langer Qualifizierung, so lange warte doch kein Mensch, um an dem Rennen danach teilnehmen zu können. Leider gestattet es einem die Online-Suche nicht diesbezüglich vernünftige Filter zu setzen. Man kann lediglich die gewünschte Fahrzeugklasse, die Länge des Events (also ob mit oder ohne Training und Qualifizierung) und die Fähigkeitsstufe wählen, mehr nicht. Daraufhin wird man einfach in eine der nach Suchkriterien passende Session geworfen.

Project Cars: Der Simulator für Fortgeschrittene im Gamezone-Test Quelle: PC Games Das alles wäre nicht so schlimm, wenn es auch noch vorgegebene Spielvarianten gäbe. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass es fest vorgegebene Rennen, mit vorbestimmten Parametern in bestimmten Fahrzeugklassen gäbe. Da weiß man worauf man sich einlässt und alle Spieler mit derselben Vorliebe landen zusammen dort, wo sie hinwollen. Klar, werden jetzt Einige sagen, man kann doch auch selbst eine Session erstellen. Kann man, aber versucht das Mal in der Praxis. Voll bekommt man so eine Session nicht, denn sobald mehr als die Hälfte der Teilnehmer auf Start drückten, startet diese, und die Zahl derer, die wegen des misslungenen Matchmakings eigentlich was anderes suchten und die Session irgendwann wieder verlassen, ist verdammt hoch. So kommt es dann, dass man manchen Event mit acht oder mehr Spielern startet und das Rennen dann zu Zweit beendet. Will man sich also wirklich spannenden Online-Rennen widmen, mit allen tollen Features die Project Cars bietet, muss man sich mit Freunden verabreden, sonst funktioniert das nicht.

Technische Probleme

Von der konzeptionellen Schwäche des Online-Modus abgesehen, kämpft der Titel auch noch mit technischen Problemen. Die decken wirklich ein breites Spektrum ab. Von Crashes, die einen direkt zurück ins Dashboard werfen, über schwarz bleibende Screens bis hin zur Auflösung der Session mitten im Rennen, habe ich alles erlebt. Auch leidet der Titel auf der Xbox One an seltsamen Lags, die nicht nur online auftreten, sondern auch offline. Für mehrere Sekunden beginnen Spiel und Sound zu stottern, was im falschen Moment fatale Konsequenzen nach sich zieht. Doch für all die Probleme haben uns die Slightly Mad Studios inzwischen Besserung versprochen und ich denke schon, dass man sie allesamt beheben kann. Dazu zählt auch das Problem mit dem Xbox One-Controller, der bei heftigen Lenkbewegungen das Lenkrad voll in die falsche Richtung einschlagen lässt.

Grafik und Sound

Sound-technisch bekommen wir in Project Cars wahrlich erste Sahne geboten. Jede Kameraposition bietet uns exakt die korrekte Soundkulisse. Wählen wir die Helmperspektive, hören wir alles sogar gedämpft, wohingegen uns in der Motorhaubensicht jedes einzelne Aggregat regelrecht anbrüllt. Man hört sogar den Unterschied zwischen einem kalten und warmen Reifen. Lediglich bei der Umgebung leistet man sich kleinere Schwächen, wie das immer absolut gleiche Motorengeräusch der vorbeifahrenden Fahrer, wenn man in der Box steht.

Project Cars: Der Simulator für Fortgeschrittene im Gamezone-Test Quelle: PC Games Was die Grafik betrifft, und dabei beziehe ich mich ausschließlich auf die Konsolenversionen, bekommen wir sehr gute Kost geboten, wenn auch keine Überragende. Wie man es von einer Simulation erwarten kann, war eine hohe Framerate einfach wichtiger, als die korrekteste Abbildung der Schatten, jedes Grashalmes oder zu vieler Details im Innenraum. Die Cockpits sind zwar herrlich ihren Vorbildern nachempfunden, sehen trotzdem sehr nach Computergrafik aus und nicht wirklich echt. Im Rennen kommt es schon vor, dass die Autos vor einem wirken, als würden sie schweben und besonders im Replay offenbart Project Cars seine grafischen Schwächen. Trotzdem, schlecht sieht nichts aus, doch Gran Turismo und Forza haben da leicht die Nase vorn, das von ihnen gelieferte Bild wirkt einfach einen Tick natürlicher. Zu den grafischen Highlights von Project Cars hingegen gehört das Wettersystem. Das beginnt mit dem grau werdenden Himmel bevor der Regen einsetzt, dem vielleicht natürlichst wirkenden Nebel den ich je auf Konsolen in einem Rennspiel sah, und hört noch nicht mit den Tropfen auf der Windschutzscheibe auf, die sich physikalisch korrekt im Fahrtwind bewegen und von den Wischern zur Seite geschoben werden.

Meinung

Da nicht jeder ein Rennspielcrack ist, haben wir auch einen bekennenden Sonntagsfahrer auf die Piste geschickt um euch ein Zweitfazit aus Sicht des Hobbyrasers anzubieten.

Meinung

Wertung zu Project CARS (XBO)

Wertung:

8.8 /10

Wertung zu Project CARS (PS4)

Wertung:

8.8 /10
Pro & Contra
Sicher nicht der höchste Simulationsgrad, aber hoch genugHervorragende MotorensoundsHerrlich gestaltete Pisten die jedes Schlagloch fühlen lassenTraining und Qualifizierung die man gerne fährtRecht gelungene KIDeutlich spürbare ReifenunterschiedeHervorragendes WettersystemEnorm umfangreiche Einstellmöglichkeiten am Fahrzeug
Altbackenes Kalender- und E-MailsystemVoreinstellungen zum VerzweifelnMatchmaking aus der HölleMitunter ewige Wartezeiten in der LobbyWirklich alles bereits freigeschaltet, das nagt etwas an der Motivation

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