Marios treues Reittier ist mal wieder auf Solopfaden unterwegs. Während die Spielmechanik an Yoshi's Island erinnert, könnte der Look aus Großmutters Wollkörbchen entsprungen sein: Jeder Gegner und jeder Gegenstand ist aus Wolle!
Woollywood auf der Wii U
Es ist immer eine heikle Sache, wenn ein Spiel voll auf einen bestimmten Look setzt. Das kann das auf der einen Seite eine Chance und auf der anderen Seite auch ein Fluch sein. Wenn man diesen Stil nämlich nicht bis in die letzte Konsequenz durchzieht und nicht alles genau auf das Thema abstimmt, dann wirkt es schnell lieblos und langweilig. Wird es hingegen mit der nötigen Liebe zum Detail umgesetzt, dann kommt ein Titel wie "Yoshi's Woolly World" dabei heraus. Nintendo hat es mal wieder geschafft kreativ zu sein, einfach mal etwas anderes zu machen und zwar so richtig! Yoshi sieht aus, als wäre er gerade Omis Stricknadel entsprungen und wirklich alles in seinem neusten Abenteuer wirkt total authentisch. Jeder noch so kleine Gegenstand fügt sich ins große Ganze ein und ist irgendwo vernäht, aufgeklebt oder auf andere Weise verbunden. Man hat an alles gedacht. In manchen Levels sind kleine Pailletten angebracht, die winzigen Knopfaugen der Gegner sind realistisch integriert worden und auch sonst wirkt es wie aus einem Guss. Häufig kann man sich das Schmunzeln nicht verkneifen. In einem Vulkanabschnitt, in dem Lava fließt, sieht diese aus wie ein gestrickter rot-orangener Teppich. Auch das Auftrennen von Stoffen kann sehr amüsant sein, denn an einigen Plattformen stehen lose Schnüre hervor, an denen Yoshi mit der Zunge ziehen kann, sodass sich ganze Plattformen in Windeseile zersetzen und als Wollknäuel in Yoshis Magen landen. Das "Zerstören" eines Gegners ist rein optisch ein weiteres Highlight, da diese jeweils in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt werden und sich mit einer lustigen Animation in die einzelnen, bunten Fäden auflösen.
Quelle: Nintendo
Viel Liebe zum Detail: Selbst kleinste Objekte bestehen aus Wolle.
Doch nicht genug, denn auch die verschiedenen Stoffe verhalten sich sehr realistisch. So gibt beispielsweise der wollige Boden nach, wenn Yoshi drauf tritt oder Wände falten sich gerafft zusammen, wenn sie auf die Seite geschoben werden. Yoshi selbst sorgt auch für einige Hingucker. Wenn er seinen Flatterflug beginnt, wird aus seinen Füssen ein kleiner Fadenpropeller und beim Rennen drehen sie sich wie Räder. Betritt er eine Röhre, so werden seine einzelnen Fäden eingesaugt. Auch bewegliche Gegenstände oder Elemente aus der Natur kommen selbstverständlich gestrickt daher. Besonders bei Feuerbällen, Flammen, Wasser oder Eis sieht das wirklich interessant aus.
0815-Story, aber Spielmechanik vom Feinsten
Nintendo ist nicht unbedingt dafür bekannt, dass sie den hauseigenen Titeln eine besonders verstrickte (Achtung Wortspiel!) Story spendieren. Ein xtes Mal kommt eine Prinzessin abhanden, Bananen werden geklaut oder ein bitterböser Oberschurke hat irgendwas verzaubert. So ähnlich ist es natürlich auch dieses Mal wieder. Der böse Zauberer Kamek kommt in die Welt der Yoshis, will unbedingt die Wolle haben, aus denen sie gemacht wurden und löst sie zu diesem Zweck in ihre Bestandteile auf. Die gesammelte Yoshi-Wolle nimmt er in einem großen Sack mit, verliert unterwegs immer wieder ein paar Knäuel und wird von den wenigen, noch "vollständigen" Yoshis gestört. Nun gilt es die Wollknäuel zu beschaffen und die Yoshis wieder zusammenzusetzen. Zwischen den Levels wird selten mal etwas zur Geschichte preisgegeben, aber die gibt ja auch nicht besonders viel her...
Quelle: Nintendo
Die Geschichte mag recht lahm sein, trotzdem ist die Wollwelt ein Top-Jump-and-Run!
Das schmälert den Spielspaß aber keineswegs, denn eigentlich erwartet man auch gar keinen Tiefgang in diesem Bereich. Den gibt es dafür in Sachen Spielspaß und Gameplay. Die Spielmechanik ist im Grunde genommen zwar sehr simpel, aber schafft es trotz allem über lange Zeit zu begeistern. Es kommt eigentlich nie Langweile auf, weil immer wieder neue Elemente auftauchen und man nicht einfach nur Altes aufgewärmt bekommt. Auch in den weiter fortgeschrittenen Welten gibt es noch neue Plattformen, Gegner oder Gameplay-Mechanismen, denen man noch nicht über den Weg gelaufen ist. Das ist in diesem Genre eher selten, da man irgendwann meist alles gesehen hat und dann einfach nur Kombinationen aus den einzelnen Elementen vorgesetzt bekommt (mehr Gegner, noch kleinere Plattformen, zusätzliche Feuerbälle oder sonstige Dinge...). Das ist erfreulich und hat den tollen Nebeneffekt, dass man immer neugierig ist auf die nächste Welt. Nicht nur, wie diese wohl aussehen mag, da es jeweils auch unterschiedliche Themen gibt, wie etwa eine Cookie-Welt, verschiedenste Elemente wie Feuer, Wasser... oder sogar ägyptische Pyramiden- und Wüstenlandschaften, welche auch musikalisch wunderbar inszeniert sind. Man freut sich vielmehr auf das, was man spielerisch noch alles entdecken kann und da gibt es bis zum Ende immer wieder die ein oder andere Überraschung. Während man anfangs häufig Plattformen erst mit Wolle überziehen muss, damit man sie richtig betreten kann, muss Yoshi später das Feuer einer brennenden Plattform schlucken, um dann sicheren Fußes weitergehen zu können. Hier und da schwingt er sich von einem Wollpendel zum anderen oder hüpft auf Riesenseifenblasen durch die Gegend. Faltbare Keks-Plattformen oder babytaugliche Mobile-Plattformen sind nur ein paar weitere ausgefallene Ideen, die den einfallsreichen Schöpfern dieser zuckersüßen Welten entsprungen sind.
Erstmal gibt es von den bekannten Kettenhunden auch sozusagen eine Rohvariante. Diese besteht lediglich aus Drähten und ist ziemlich aggressiv und schnappfreudig, bis ihr sie mit Wollte ummantelt und so zum Stillstand bringt. Jetzt kann man den "angezogenen" Kettenhund sogar gefahrlos umher rollen, aber auf Wunsch auch einfach wieder die Wolle abziehen und schon wird er wieder zum gefräßigen Ungetüm. Für so manches Rätsel ist das von entscheidender Rolle.
Gegner in allen Formen und Farben
Quelle: Nintendo
Den Singleplayer kann man maximal zu zweit spielen. Einen echten Multiplayer gibt es nicht.
Auch andere Gegner sind nicht immer so leicht zu durchschauen. Es gibt beispielsweise Feuerhunde, deren Feuerbälle man mit der Zunge abfangen muss, ihnen damit dann das Maul stopft und schlussendlich per Kopfsprung den Gar aus macht (selten war diese Formulierung treffender). Dann dürfen natürlich auch die bekannten Shy Guys nicht fehlen, die nicht nur farblich in allen Varianten auftauchen, sondern auch ihr Verhalten verändern. Die normalen lassen sich einfach fressen, aber andere kommen mit Kung Fu daher, müssen erst entwaffnet oder von ihren Stelzen geholt werden. Dabei muss man sich manchmal so einiges einfallen lassen.
Wie man das schon aus Yoshi's Island kennt, kann jeder gefressene Gegner entweder direkt wieder ausgespuckt werden oder er wird weiterverarbeitet zu einem Ei, das euch auf Schritt und Tritt folgt. In diesem Fall ist es kein Ei, sondern ein kleines Wollknäuel. Das kann dann jederzeit auf andere Gegner abgefeuert werden und per Zielkreuz wird natürlich wieder die genaue Richtung bestimmt. Neben dieser praktischen Eigenschaften, kann Yoshi seinen Widersachern auch auf die Mütze springen und seine bekannte Stampfattacke vollführen, bei der er mit Pepp in Richtung Boden schmettert und dann mit dem Gesäß sogar ganze Blöcke zerstören kann. Viel mehr hat der knuffige Dino aber nicht auf dem Kasten. Hier und da verwandelt er sich noch in ein Motorrad, Flugzeug, Regenschirm, Riese oder eine Buddelmaschine. In einer Welt werden die Wollknäuel durch kleine Flauschvögel ausgetauscht, auf deren Flugspuren Yoshi laufen kann. Ansonsten war es das aber im Grunde genommen.
Trickanstecker, Amiibos und Boni
Quelle: Nintendo
Der Look ist anders, das Gameplay wie immer: Yoshi frisst Gegner und kann sie "als Waffe" wieder ausspucken.
Wer Yoshi dennoch zu ein bisschen Zusatzpower verhelfen möchte, der kann die gesammelten Trickanstecker einsetzen. Leider kosten sie euch aber einige der gesammelten Edelsteine und haben einen begrenzten Effekt, der nur ein Level lang anhält. Beispielsweise werden alle Wollknäuel größer als normal, sodass man bessere Geschosse hat. Oder man kann in keinen Abgrund mehr fallen, sondern wird einfach wieder nach oben katapultiert. Es gibt auch den Trickanstecker, der einen vor Hitze schützt oder bewirkt, dass es ständig Wassermelonen "regnet", damit Yoshi deren Kerne wie Munition auf die Feinde schießen kann.
Wer noch mehr Unterstützung will, der kann auch den wirklich äußerst süßen Woll-Yoshi-Amiibo kaufen und schwupp, erhält man im Spiel direkt einen doppelten Yoshi. Die beiden Dinos werden dann gleichzeitig gesteuert und verhalten sich wie Zwillinge. Bewegt man den Stick nach rechts, gehen beide nach rechts... Eigentlich ist ein doppelter Held ja schon eine Unterstützung (sowohl durch Amiibo als auch durch einen zweiten Spieler), aber manchmal kann einem gerade das zum Verhängnis werden. Etwa wenn man sich mehr auf den einen der beiden konzentriert und nicht sieht, dass man damit vielleicht vom zweiten Yoshi selbst aufgefressen wird. Manchmal erwischt man den Zweityoshi dann in einem solch unpraktischen Moment (beim Auffressen oder mit einem Wollknäuelschuss), dass man direkt in die Tiefe stürzt und dann gleich wieder am letzten Checkpoint beginnen muss. Diese sind übrigens recht spärlich verteilt.
Quelle: Nintendo
Extrem selten: Nintendo veröffentlichte Woll-Amiibos. Sie waren meist am ersten Tag ausverkauft.
Auch sonst ist das Spiel nicht unbedingt ein reiner Spaziergang. Hier und da kann es auch mal ein bisschen kniffelig werden, aber unfair ist es wirklich nie. Wer aber wirklich alle Blumen und alles Yoshigarn einsammeln möchte, der kann sich hier und da schon mal die Zähne ausbeißen. Doch es lohnt sich, denn mit dem Yoshigarn kann man seinem Lieblingsdino neue Designs spendieren. So sieht er einmal ganz dunkel aus, wird zum getarnten Shy-Guy, könnte mit einem Vogel verwechselt werden oder ist einfach nur knallbunt. Wie es einem gerade gefällt. Diese Designs kann man dann auch auf dem Amiibo speichern.
Wenn ich groß bin, werde ich mal ein ... Bossgegner!
Auch die Bossgegner sind alles andere als unfair. Ganz im Gegenteil. Kamek sucht sich jeweils einen der Feinde der entsprechenden Welt aus, zaubert ihn groß und stark und lässt diesen dann gegen euch antreten. Leider verläuft dieser Kampf aber oft recht ähnlich. Meistens müsst ihr den Gegner an einer empfindlichen Stelle treffen, dann dreht sich dieser auf den Rücken oder ist benommen und streckt euch seine Schwachstelle entgegen. Diese dann drei Mal mit einem beherzten Sprung und einer Stampfattacke bearbeiten und schon ist der Gegner Geschichte. Hier hätte man sich vielleicht ein bisschen mehr einfallen lassen können und die Kämpfen hätten auch ruhig ein wenig fordernder sein dürfen. Besonders, da man ja auch noch per Trickanstecker Vorteile "ermogeln" kann.
Quelle: Nintendo
Die Wolloptik wurde auch ins Gameplay integriert.
Das ist vielleicht eine der sehr rar gesäten Schwachstellen des Spiels. Ähnlich ist es beim Umfang. Es gibt zwar einige Welten und man kann, besonders durch die vielen Boni, lange Spaß mit dem Spiel haben, aber gegen ein Mario-Abenteuer ist es verhältnismäßig doch recht kurz ausgefallen.
Ebenso werden Technikjunkies die Grafik bemängeln, denn es ist mit Sicherheit kein Spiel, mit dem man seinen Freunden zeigen kann, wie realistisch und toll Videospiele heute aussehen können. Dafür zeigt der Titel aber, dass Videospiele heutzutage auch kreativ, atmosphärisch und einzigartig sein können. Dieser Textilstil macht zu jeder Sekunde deutlich, wie viel Herzblut die Entwickler investiert haben und das merkt man auch beim Spielen von Anfang bis Ende.
