Satte fünf Jahre haben sich die Mädels und Jungs von Harmonix in ihr Entwicklerstudio zurückgezogen um ihren neuesten Silberling auf den Mark zu bringen. Reichlich Zeit um alles ein wenig reifen zu lassen, die nötige Würze einzustreuen und den nächsten grandiosen Smash-Hit zu landen. Oh wie konnte ich nur so falsch liegen! Rock Band 4 hinkt nicht nur atmosphärisch der Konkurrenz um Welten nach, es fühlt sich dazu auch noch wie eine Rückkehr ins Geburtsjahr 2007 an. Was hat sich Harmonix dabei nur gedacht?
Nach bereits einem musikalischen Abend an der Gitarre, dem Schlagzeug oder dem Mikrofon breitet sich unglaubliche Ernüchterung aus. Das soll das neue Rock Band sein? Zugegeben, das Gameplay ist unverwüstlich und funktioniert prinzipiell auch nach fünf Jahren der Abstinenz wie eh und je. Die kleinen bunten Noten werden gekonnt im Rhythmus des Songs gezupft und gedroschen bzw. die Notenlinien geträllert, bis der Nachbar wegen Lärmbelästigung die Polizei antanzen lässt. Das Positive für alle Spieler, welche nicht ihre Hauptplattform gewechselt haben (sprich von Playstation zur Xbox oder umgekehrt): Viele bereist in den ersten drei Ablegern auf den alten Systemen gekaufte Download-Songs stehen sogleich kostenfrei zur Verfügung und können – leider etwas mühselig nur einer nach dem anderen – in die Plattensammlung aufgenommen werden. Unglücklicherweise stehen, wohl auch aus Lizenzgründen, noch nicht alle Titel zur Verfügung und bezüglich der Importe der Disc-Songs als auch der riesigen Rock Band Network Liste sieht man ebenfalls (noch) voll in die Röhre. Vieles, wofür man bereits einige Kröten abgedrückt hat, steht einfach nicht zur Verfügung. Ärgerlich auch, dass mancher Song sich nicht entscheiden kann, ob man ihn nun kaufen oder laden darf. Freezepop sorgte da für Probleme, obwohl in der Band Harmonix Mitarbeiter spielen.
Quelle: Harmonix
Rock Band 4 (18)
Die bereits zum Start umfangreiche Online-Bibliothek ist einer der ganz großen Pluspunkte und wertet Rock Band 4 auch nachhaltig gewaltig auf. Von Bon Jovi über Green Day bis hin zu Children of Bodom ist die Auswahl gigantisch und kehrt die durchwachsene Liste der Disc-Songs schnell unter den Teppich. Anfänglich schrammelten wir uns durch die Karriere und das schnelle Spiel nur mit den etwa sechzig vorhandenen Songs vom Silberling, so richtig Laune kam aber erst auf, als dann die Download-Songs angezeigt wurden. Als "World-Class Soundtrack" wird die Auswahl bezeichnet. Wir hatten eher das Gefühl, hier wurden recht viele zweit- und drittklassige Klampfensongs zusammengetragen und nur ein Dutzend mehr oder weniger vielversprechender Titel zur Verfügung gestellt. Was die Konkurrenz in Form eines Guitar Hero Live einem um die Ohren schmettert, ist definitiv von besserer Güte und stellt ein Rock Band 4 völlig in den Schatten.
Doch was gibt es zu tun? Im eher mageren Editor wird ein persönlicher Rocker zusammengebaut und direkt danach eine Band gegründet. In der Karriere geht es anschließend von Gig zu Gig, von Tour zu Tour und Festival zu Festival. Mehr Auftritte bedeutet mehr Geld und mehr Fans. Ein Manager hilft dabei, auch wenn die Entscheidungen eher nur schmückendes und wenig einfallsreiches Beiwerk sind. Dennoch werden nicht nur die Accessoires im Shop bezahlbar, das prall gefüllte Konto und die Fans öffnen auch die Tore zur Welttournee über den großen Teich nach Europa und Asien und wo auch immer das Rocker-Publikum sich die Seele aus dem Leib schreit. Wer auf Dolby-Digital spielt, wird dieses tatsächlich wieder hinter sich singen, grölen und jubeln hören. Doch ganz ehrlich, wer auch nur einmal die Show in Guitar Hero Live quasi live, in Farbe und selber auf der Bühne miterlebt hat, kann über die schmächtige Atmosphäre in Rock Band 4 nur noch verbittert lächeln. Es offenbaren sich Noten, die nun mit Effekten verspielter über die Laufbahn scrollen, der Lesbarkeit aber eher weniger dienlich sind. Die virtuelle Band dagegen wirkt weniger erfrischt. Animationen wie aus der Steinzeit, die teilweise auch auf ein Minimum reduziert sind. Ein Bassist, welcher sein Lächeln über gefühlt eine Minute aufrecht hält und keine Mine verzieht, ein Sänger, der nur nach vorne und hinten wippt, dabei Lippensynchronität missen lässt und vor allem auch Bühnenbilder, die zweckmäßig die Clubs präsentieren, aber keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Nicht so altbacken wie es scheint
Quelle: Harmonix
Rock Band 4 (16)
Die feinen Neuerungen stecken bisweilen im Detail. Die Gitarristen dürfen im Freestyle ihren Schrammel-Wahn fast völlig ungeniert ausleben. Wir hämmern nur so auf die Tasten ein und schrubben den Anschlagschalter, um bei den freien Noten ein Wahnsinnssolo hinzulegen. Das hört sich ehrlich gesagt anfänglich ziemlich schräg, wenn nicht gar schmerzhaft an. Spielt man die Gitarre ein wenig zarter, bedachter und lehnt sich auch an den Rhythmus an, der trotz allem im Spiel noch vorgegeben ist, kommen durchaus grandiose Melodien bei raus. Wer das Feature nicht mag, darf es immerhin auch abschalten. Als Drummer wiederum bekommt man neuerdings für Overdrives ein zufälliges Solo eingespielt, was mir persönlich ziemlich nervig vorkam. Vor allem auf dem Extperten-Schwierigkeitsgrad harmonieren die zusätzlichen Noten kaum noch mit dem eigentlichen Rhythmus und man vergeigt dadurch eher mal etwas, als dass der Overdrive anschließend wirklich viel Punkte liefert.
Abseits der Karriere und dem freien Spiel, sorgt der neue Show-Modus für Aufsehen. Er weckt Erinnerungen an den Party-Modus aus längst vergangenen Guitar Hero Zeiten, nur dass nach getaner Arbeit auf der Bühne über den nächsten Song abgestimmt werden kann. Der Show-Modus mag ganz nett sein, denn gerade für eine schnelllebige und unterhaltsame Party ist es äußerst praktisch, dass einige Songs immer vorgegeben werden. Der riesige Nachteil, vor allem für Anfänger: Man erkennt keinerlei Schwierigkeitsgrad, geschweige denn hat man eine Ahnung, was das überhaupt für dubiose Songs sein sollen. Wer im Musikbusiness nicht bewandert ist, steht da wie der Ochs vorm Berg. Keine Vorschau und dann soll man aus dem zweit- und drittklassigen Repertoire einen passenden Song herauspicken? Der Schlüssel zum Spielspaß sind wieder die Download-Songs, wie bereits erwähnt. Denn diese mischen sich ebenfalls unter die Auswahl und lockern das Spiel ungemein auf.Doch was hat Rock Band seinerzeit so grandios gemacht? Der Onlinemodus war es sicherlich nicht, denn wirklich richtig Laune kommt vor allem dann auf, wenn man mit Freunden den Sound schmettert und dabei vielleicht sogar ein Live-Publikum dabei hat. Dieser fehlt in Rock Band 4. Darauf können aber viele sicherlich noch verzichten. Den Trainingsmodus werden Veteranen dagegen schmerzhaft vermissen. Kein Studieren der unmöglichen Stellen von Drageonforce mehr oder erlernen grundsätzlicher Techniken um den Expertenmodus zu meistern. Weder kann der Song langsamer gedreht, noch einzelne Teile im Dauermodus trainiert werden. Auch die Übersicht hat etwas gelitten. Weniger Informationen und dennoch muss man sich zunächst in die Musikbibliothek erst einarbeiten.
Neue Hardware braucht das Land
Quelle: Harmonix
Rock Band 4 (14)
Die gegenüber der Guitar Hero Live Gitarre etwas größerer Plastik-Stratocaster gleicht seinem Vorgänger der ersten Rock Band Generation zumindest in der Größe wie ein Ei dem anderen. Spielerisch fühlen sich die Tasten aber einen Tick angenehmer an und scheinen auch besser verarbeitet zu sein. Nach der erstmaligen Kalibrierung bezüglich Audio und Video-Lag fühlt man sich als Veteran so richtig pudelwohl. Selbst hammerharte Songs wie Through the Fire and Flames werden mit der neuen Hardware grandios geschrammelt und dabei hört sich die Gitarre bei weitem nicht so billig und knarrig an wie das Guitar Hero Live Pendant. Der Drummer vergeigt aber die Show. Warum? Nicht etwa weil ihm die Sticks davon fliegen oder er ein Bewegungslegastheniker ist. Die Hardware vergeigt bei schnelleren Drumfills und vor allem dem Kickpedal etliche Noten. Das Spiel bietet keinerlei Hilfe bezüglich dieses Problems an. Nur Dr. Google lässt recht schnell das Rock Band Forum aufkommen und dazu auch neue Firmware von Mad Catz, die man über einen üblichen PC auf das Schlagzeug aufspielen kann. Sollte jeder unbedient machen! Der Frust verfliegt nahezu vollständig, auch wenn einige Spieler nach wie vor über ungenaue Erkennung der Drums klagen.
Quelle: Harmonix
Rock Band 4 (11)
Doch wieso neue Hardware kaufen, wenn man ein ordentliches Sortiment aus der letzten Konsolengeneration daheim stehen hat? Das leidige Thema der Abwärtskompatibilität. Microsoft spielt hier definitiv den Miesepeter. Auf der Xbox One muss man, dafür kann aber auch der Entwickler nichts, mit Unterstützung kämpfen und sich einen teuren Adapter dazu kaufen, um ausschließlich kabellose Geräte verbinden zu können, während Playstation 4 Besitzer etwas glimpflicher davon kommen. Dort sollten zahlreiche Geräte wohl funktionieren. Was unterstützt wird und was nicht, kann man bei Harmonix immerhin nachlesen. Ärgerlich für alle Besitzer eines teuren ION Drum Rockers für die Xbox 360 oder den MIDI-Adaptern um gar richtige e-Drum-Kits zu verwenden. Drummer-Geeks werden verzweifeln, wenn sie auf die Plastikteller des Rock Band Schlagzeugs ausweichen müssen. Auch die ursprüngliche Stratocaster verweigert dank USB-Kabel die Funktion an der Xbox One. Ein Grund mehr, bei Rock Band 3 zu bleiben und nicht auf die neue Konsolengeneration umzuschwenken.
[Anm. d. Red: Wir haben das Xbox One Bandset getestet und können nur dort mit Sicherheit die Qualität der neuen Hardware beschreiben und auf die Abwärtskompatibilität eingehen. Des weiteren soll Rock Band 4 im Laufe der Zeit weiter ausgebaut werden, so zum Beispiel mit weiterer Unterstützung alter Download-Songs und vielleicht auch wieder altbekannte Spielmodi. Für die Wertung wurden aber natürlich die derzeitige Version verwendet, so wie sie in den Handel kam.]
