Es ist an der Zeit, die Gitarre zu packen und auf die Bühne zu gehen. Zusammen mit Publisher Activision mischt FreeStyleGames die Karten völlig neu und offeriert das wohl kreativste Werk seit Serienschöpfung. Guitar Hero Live ist vor allem atmosphärisch, aber auch dank der neuen Gitarre wunderbar frisch zu spielen. Du bist ein Rockstar und in diesem Spiel kommt man diesem Traum näher als je zuvor! Wir haben uns Stunden und Nächte um die Ohren geschlagen und sind begeistert, aber auch an der einen oder anderen Stelle schockiert. Was ist gut, was nicht? Das wollen wir nun klären!
Wer das Guitar Hero Live Bühnenerlebnis ins Wohnzimmer holen möchte, benötigt eine neue Gitarre – völlig unabhängig ob man bereits auf der neuen Konsolengeneration die Saiten schrubben möchte oder noch auf den älteren den Rockstar mimt. Daher muss man zunächst die Gitarre wie gewohnt zusammenbauen. Der Hals wird kinderleicht auf den Korpus gesteckt und schon ist die Klampfe bereit. Sie ist einen Tick kleiner als das Rock Band 4 Pendant, doch liegt ähnlich gut in der Hand. Der erste Schock sitzt sicherlich, denn neuerdings befinden sich zwei Reihen mit je drei Tasten am oberen Ende des Halses und ersetzten die fünf farbigen Tasten der alten Klampfen. Da kommt also einiges auf uns zu.
Quelle: Activision
Wir halten uns gar nicht lange mit den Details der Plastikimitation auf und starten das Spiel. Nicht ganz unerwartet werden wir von einem Bandkollegen aufgehalten. Ist die Gitarre gestimmt? Sicherlich! Kannst du diese spielen? Fraglich! Daher werden uns die ersten Grundlagen mit der neuen Gitarre aufgedrückt. Der Notenhighway zeigt natürlich nur noch drei Bahnen. Schwarze und weiße Plektren dienen als Noten und müssen wie gewohnt gespielt werden. Nicht nur die Farbe deutet an, ob nun die obere oder untere Saite zu spielen ist, auch die Spitze der Plektren wurden entsprechend ausgerichtet. Nun werden die Noten mit den Tasten und Anschlagschalter wie gewohnt gespielt. Manch einer wird nun lachen. Drei Bünde anstatt bisher fünf zu spielen, da brauch man ja nicht einmal seinen Pinky (kleiner Finger) bemühen. Ich kann jeden nur warnen: Schreit nicht zu früh auf, denn Guitar Hero Live ist spätestens auf dem vierten von fünf Schwierigkeitsgraden extrem herausfordernd. Vor allem wenn es um Akkorde geht, die natürlich über beide Saiten hinweg gespielt werden.
Nur wenige Minuten später erschleicht mich bereits das Gefühl, dass sechs Tasten verteilt auf zwei Saiten eine brillante Neuausrichtung von Guitar Hero darstellen. Dies mag durchaus persönlich sein, doch mir kommen die daraus resultierende Griffe und Noten wesentlich realistischer vor als noch im altbackenen System. Man muss zwar nicht wie früher den Bund wechseln, aber die resultierenden Noten sind durchaus gut mit der Musik abgestimmt. Selbst Veteranen werden gefordert. Es verlangt hohe Fingerfertigkeit und Auffassungsgabe, um auf dem höchsten Schwierigkeitsgraden noch mithalten zu können. Um Nuancen, das muss man Harmonix nach wie vor lassen, sind die Notenfolgen in den Rock Band Spielen aber besser. Es ist nicht viel, aber spürbar vorhanden. Guitar Hero Live macht seinen Job aber dennoch extrem gut.
Als Fluch oder Segen mögen die Fans der Serie sehen, dass ein Song nicht mehr vergeigt werden kann. Es gibt schlichtweg nur einen schlechten Highscore und man muss die maulenden Fans ertragen können. Negatives gibt es aber auch zu verbuchen. Der Anschlagschalter ist extrem laut und mit der Zeit knarren und quietschen auch mal die anderen Tasten, obwohl diese funktionell weiterhin tadellos die gespielten Noten aufnehmen und an das Spiel vermitteln. Spielen wir zu heftig? Das mag durchaus sein. Doch immerhin treibt uns der Spielspaß eines Guitar Hero Live immer weiter an, auch höhere Schwierigkeitsgrade zu meistern und das müssen die Plastikklampfen schließlich auch aushalten.
Quelle: Activision
Einen zusätzlichen Punkt muss ich aber, bevor wir ins eigentliche Spiel einsteigen, ebenfalls noch ausführlich anbringen. Modernes Equipment von Fernseher bis hin zur Soundanlage weist je nach Kombination unterschiedliche Latenzzeiten für Audio und Bild auf. Eine simple Kalibrierung ist vorhanden, mittels dieser werden aber beide Fehler gleichzeitig korrigiert. Je nach Equipment erreicht man dadurch eine akzeptable Spielbarkeit, es ist aber auch gut möglich, dass man nie so ganz zufrieden ist. Eine zusätzliche Option soll die Einstellung angeblich noch verfeinern, doch letztendlich haben wir an einigen Testgeräten ständig herumgespielt und waren dennoch nicht zufrieden. Diesen Umstand merkt man vor allem erst dann, wenn man den hohen Schwierigkeitsgrad angeht und trotz aller Bemühungen unschöne Fehler spielt. Wieso hat man die halb-automatisierte Kalibrierung der Vorgänger gestrichen? Die ist deutlich präziser. Auch Rock Band 4 offeriert mit der Gitarre ein viel genauerer Spielgefühl, selbst bei den in Guitar Hero Live problembehafteten TV-Sound-Kombinationen.
Eine atmosphärische Revolution
Sind die ersten vielleicht mühseligen Gehversuche verdaut, geht die Tour ohne Ladeverzögerung weiter. Backstage bekommt man noch einen Schulterschlag, aufmunternde Worte und man hört bereits das Getöse aus der Halle. Ein zweiter Blick offenbart uns die neue Sichtweise von Guitar Hero Live, denn alles ist aus der Egoperspektive und mit echten Musikern gefilmt. Langsam aber stetig treiben uns die Fans auf die Bühne und mein persönliches Eindruck in den ersten Sekunden und Momenten ist einfach nur noch als "WOW" zu beschreiben. Der Sänger heizt die Meute schon an, der Schlagzeuger sitzt unruhig auf seinem Stuhl und alles sieht nicht nur aus als ob wir wirklich auf der Bühne stehen, es hört sich auch so an und – ein kindliches Gefühl von "Ich bin ein Star" will ich gar nicht leugnen. Als dann die ersten Noten zu "My Songs Know What You Did in the Dark" in das laufende Filmmaterial einfließen, die ersten Töne gespielt wurden und die Party ihren Lauf nimmt, ist man von der Atmosphäre einfach nur erschlagen. So sollte es sich anfühlen und anhören, wenn man vor einem euphorischem Publikum seine Smash Hits schmettert.Ich habe in der heutigen Zeit keine derartigen Dinge mehr auf Konzerten gesehen, da müsste man schon zu einer Wrestling-Veranstaltung in die USA gehen. Ganz ehrlich, die Illusion vor einem echten Publikum zu rocken ist grandios, auch wenn die riesigen Hallen und Open-Air Stadien nicht wirklich bis zum letzten Mann gefüllt wurden, sondern tricktechnisch im Studio entstanden, wie man in einigen Videos aus dem frei zu schaltenden Bonusmaterial erfährt. Spielt ihr gut, schreien sich die Fans ihre Seele aus dem Leib. Vor allem die erste Show ist bereits unglaublich intensiv mit zusätzlicher Interaktion mit dem Publikum, welches zum Klatschen und Singen animiert wird. Wehe demjenigen, der falsche Töne von sich gibt. Die LIVE-Show schwenkt auch schnell mal um. Das Publikum buht euch aus, während die Bandkollegen den Kopf schütteln oder weniger kritisierend versuchen, euch zu motivieren. Leider ist der Wechsel nicht so fließend, wie man es sich wünscht. Auch in manch anderer Hinsicht hat man es etwa übertrieben, es wirkt gar kitschig. Darunter zum Beispiel Plakate, die das Publikum hoch hebt. Trotz diverser Konzerte in meiner jüngsten Vergangenheit bleiben mir aus dem Publikum in der heutigen Zeit eigentlich nur all die Handys im Gedächtnis, die zum Mitfilmen hochgehalten werden. Dass einer ein riesiges "You Suck" Plakat dabei hat, besteht wohl nur in den Träumen der Entwickler.
Quelle: Activision
Die anfängliche Euphorie der Live-Show verflüchtigt sich darüber hinaus ein bisschen, denn auch diese neue Art Guitar Hero zu erleben nutzt sich ab. Das mag auch an den späteren Shows liegen, die bisweilen nicht ganz so interaktiv über die Bühne laufen, sondern recht linear gehalten sind. FreeStyleGames hat sich das perfekte Set für den ersten Eindruck ausgesucht, sowohl musikalisch, als auch bezüglich der Show. Eine richtige Karriere bekommt ihr übrigens nicht mehr vorgesetzt. Zahlreiche Band-Sets mit jeweils 3-4 Songs wurden auf zwei Festivals verteilt, die in den USA und England stattfinden. Diese sind thematisch gruppiert und auf die jeweiligen Musiker abgestimmt. Die einen spielen alternativen Rock, die anderen eher Punk oder doch klassischen Metal. Über den Musikgeschmack kann man ja bekanntlich streiten. Sicherlich auch bei der Auswahl der insgesamt 42 Songs in Guitar Hero Live. Mir persönlich machen die Titel bei weitem mehr Spaß als das was mir Rock Band 4 zu bieten hatte, muss aber gestehen, dass die Genres arg weit hergeholt werden. Mit Dance-Rock (ich sage nur Skrillex), Pop (Katy Parry oder Rihanna) und Indie Folk weicht man doch recht weit vom üblichen Guitar Hero Konsens ab. Wir bekommen teilweise grandiose "gute Laune" Radio-Songs auf die Ohren, ob das aber in Guitar Hero gut ankommt, ist fraglich.
Viel zu schnell sind zudem alle Band-Sets durchgespielt bzw. alle Shows erlebt, doch höhere Schwierigkeitsgrade, jagt auf neue Rekorde, wie auch das Spiel mit einem zweiten Gitarristen wird sicherlich den einen oder anderen eine ganze Weile noch unterhalten können. Ein Sänger darf auch mitmischen, aber nur wenn es mindestens ein Klampfengott auf die Bühne geschafft hat – der Mehrspielerpart ist aber nur für das schnelle Spiel vorgesehen und damit eher eine kleine Enttäuschung. Keine Partner in der Karriere und nur umständlicher Gesang – auch in Anbetracht der Konkurrenz Rock Band 4 ist dies ein Rückschritt in der Serie. Bedenkt man die zahlreicher Radio-Hymnen, eine schwer verständliche Entscheidung. Ebenfalls ärgerlich ist das Fernbleiben eines ordentlichen Trainingsmodus. Weder offline noch online kann ein Song ausgiebig studiert werden und somit ist der Übergang in höhere Schwierigkeitsgrade extrem schwerfällig – vor allem da die Lernkurve recht ruckartig ansteigt.
Das klassische MTV-Format zum selber spielen
Quelle: Activision
Die Live-Shows stellen aber nur den einen Teil des neuen Guitar Hero Live dar. Der zweite Part ist nicht weniger innovativ umgesetzt. Zwei Musiksender streamen Musikvideos 24/7 mit einem wechselnden Themenprogramm von einer halben Stunde bis zu mehreren Stunden. Man fühlt sich versetzt in die 90er Jahre mit Musiksendern wie VIVA oder MTV. Da hier zwingend eine Internetanbindung von Nöten ist, dürfte dies potenziell ein Part sein, der früher oder später eingestellt werden könnte und daher in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr zur Verfügung steht. Doch soweit wollen wir eigentlich noch gar nicht denken und erst einmal genießen, was uns derzeit geboten wird.
Im Gegensatz zu den frei spielbaren Live-Varianten der Spieledisk bieten diese Sender derzeit über 200 verschiedene Titel und der Katalog soll nach und nach erweitert werden. Sofern man den Controller immer wieder mal aktiviert und dieser sich nicht abschaltet, flimmern die Songs über den Fernseher und man kann die Musikvideos genießen, die teilweise bis in die Anfängen des MTV-Formats zurückreichen. Oder aber man steigt per Knopfdruck spontan ein und schon laufen die Plektren wieder über den Notenhighway. Das Grundprinzip ist und bleibt natürlich dasselbe, nur mit ein paar zusätzlichen Features erweitert. Mit jedem Song gewinnt man an Erfahrung und schaltet damit neue Hero-Power Fähigkeiten frei. Diese können zum Beispiel eingesetzt werden, um eine höhere Highscore zu erhalten oder schwierige Passagen auszulassen. Außerdem lassen sich vier Attribute für gesammeltes Geld verbessern um mehr Punkte zu bekommen. Theoretisch verschafft man sich einen Vorteil, praktisch wird man aber auch mit ähnlich gestuften Spielern zusammen geworfen, auch wenn deren Rekorde nicht unbedingt live erspielt wurden.
Bei den Sendern GH TV 1 und 2 muss man als frisch gebackene Rockstar hinnehmen, was auf die Mattscheibe kommt. Überraschungen wird es sowohl negative wie auch positive geben, wobei bei mir letzteres deutlich überwiegt. Man freut sich sogar, wenn einige Lieblingssongs gezeigt werden und greift allzu gerne zur Gitarre. Erstaunlich, wie gut dieses Format funktioniert. Kaum hat man angefangen, sind Stunden vergangen und man hat einiges an Musikgeschichte mitgemacht. Das funktioniert allein, als auch auf einer Party.
Quelle: Activision
Bei einem solch umfangreichen Katalog ist das Bedürfnis aber durchaus gegeben, dass man spontan einen Song rocken möchte – und hier bekommt der GH TV Modus langsam aber sicher einen faden Beigeschmack. Stellt euch eine Gasstätte am Highway vor, in der es noch einen dieser alten Jukebox-Automaten gibt. Selbiges Prinzip greift man auch in GHTV auf. Werft eine Münze ein und spielt einen Song. Werft eine weitere ein und ihr könnt noch einen weiteren Titel schmettern. Die spielinterne Währung ist aber rar gesät. Ihr müsst so einige Songs bei den Musiksendern abarbeiten um nur einmal einen eigenen aussuchen zu dürfen.
Der Clou für Activision dabei sind, nicht ganz unerwartet, entsprechenden Microtransactions. Denn in den jeweiligen Stores der Konsolenhersteller kann man sich für Echtgeld ein paar spielinterne Kröten kaufen und somit öfters spontane Entscheidungen treffen. Herunter gebrochen kostet damit ein Song 15 Cent, was nicht nach allzu viel klingt. Ein ausufernder Party-Abend mit Freunden und reichlich Bier kann da aber dennoch das eine oder andere Sümmchen verschlingen. Diesbezüglich bietet man auch einen 24-Stunden Zugriff für 6 Euro an, was durchaus annehmbar ist. Man kann es drehen und wenden wie man möchte, der eine wird nun mal dagegen lästern, andere sehen dies als zusätzlichen Service. Guitar Hero Live liefert uns immerhin 42 Songs auf der Disc, die jederzeit spielbar sind. Der Online-Service On-Demand ist ein zusätzliches Programm und um all die Lizenzen der Songs sich leisten zu können, möchte Activision das eine oder andere verdienen. Ärgerlich nur, dass man sich nicht wie in Rock Band einen Song einfach für Betrag X kaufen kann. Das würde viele Fans eher begeistern als immer wieder eine Münze in die Jukebox einzuwerfen.
