Staffelfinale für Michonne! Telltale Games liefert uns den Abschluss zur Miniserie von The Walking Dead und beendet damit einen Abstecher, der vor allem Zuschauer der äußerst beliebten TV-Serie und Leser der Comics interessieren dürfte. Immerhin erfahren wir hier mehr über einen der interessantesten Charaktere um Rick Grimes und seine Überlebenstruppe. Ist der Kurztrip sein Geld wert oder sollte man The Walking Dead: Michonne doch lieber verfaulen lassen?
Vorbei sind die Zeiten der Titel des Entwicklers, die wie Jurassic Park wieder in Vergessenheit geraten sind. Telltale Games kehrt mit The Walking Dead: Michonne in das Weltuntergangs-Szenario zurück, welches das von ihnen geprägte Genre und vor allem das Studio selber erst berühmt und damit auch beliebt gemacht hat. Nach The Walking Dead avancierten ihre Veröffentlichungen zu Dauerbrennern. Manch einer wird sich dabei gerne an Perlen wie The Wolf Among Us oder Tales from the Borderlands erinnern.
Quelle: buffed
The Walking Dead: Michonne (7)
Mit der nun vollendeten Miniserie wagt Telltale Games den Schritt und erzählt uns die Geschichte von Michonne. Ein jeder Liebhaber der TV-Serie oder Comics kennt die ursprünglich stark in sich gekehrte Frau, welche dank ihrer schnittigen Argumente ein wahrer Segen für jede Zombiekiller-Truppe ist. Niemand sonst geht derart geschickt mit der Klinge um und lässt dabei gnadenlos die Köpfe rollen. Aber sie ist ein Charakter mit Geheimnissen - die zum Teil durch Flashbacks in den anderen Medien aufgelöst wurden. Ein weiterer Teil wird uns nun von den geschickten Geschichtsschreibern in dieser Miniserie dargebracht. Angesiedelt in einer Zeit, in der sich Michonne noch nicht zu Ricks Gruppe gesellt hat und sich vor allem Vorwürfe wegen ihrer Vergangenheit macht. Sie musste ihre Familie vor dem Chaos verlassen. Sie musste mit schmerzenden Herzen ihre Kleinen zurücklassen, zumindest für ein paar Tage. Doch dann kam die Katastrophe, die Apokalypse, welche wir nun seit Jahren im TV, den Comics oder auch in Videospielen verfolgen. Zombies beherrschen von nun an die Welt und trotz aller Bemühungen von Michonne wird der Verbleib ihrer geliebten Töchter Colette und Elodie weiterhin verschleiert bleiben.
Bereits das wirklich opulent in Szene gesetzte Intro, welches an James Bond oder Marvel-Filme erinnert, lässt Anlehnungen an die The Walking Dead Comics erahnen. Herrlich geschnitten, perfekt untermalt, steigt man daher vollen Tatendrang in das Gruselabenteuer. Zu Beginn erleben wir, wie Michonne an die Grenzen ihrer Psyche gerät, kurzen Prozess machen und mit bleihaltiger Argumentation ihr Hirn auf dem Waldboden verteilen möchte. Der letzte Schritt, das letzte Zucken ihres Fingers bleibt aus. Der Wunsch steht ihr ins Gesicht geschrieben, verzerrt, zerrissen, den Tränen nahe. Der Wille ist aber schwach und somit kann Pete, seines Zeichens Matrose, sie letztendlich in seine Mannschaft aufnehmen. Die Crew, bestehend aus einer Handvoll Überlebender. Sie schippern fernab der unsicheren Ufern auf See und halten sich mit Beutezügen und gefundenem Dosenfutter über Wasser. Bis sie auf Grund auflaufen und eine Reparatur nötig wird - der bittere Anfang vom Ende.Von nun an geht es vom Regen in die Traufe. Die Erkundung der naheliegende Fähre endet in einer Gefangenschaft. Prekäre Umstände, denn Michonne und Pete werden mitunter verdächtigt, anderen geholfen zu haben, Nahrungsmittel und weiteres zu stehlen - der Punkt nun, an dem die Geschichte letztendlich ihren schicksalhaften Lauf nimmt. Telltale Games hat über die Jahre hinweg genügend Erfahrung mit dem Skripten von Stories gesammelt und daher ist es kaum verwunderlich, dass auch diese recht gekonnt erzählt wird. Wie für den Entwickler üblich erfahren wir nahezu alles über die Dialoge, welche mit in Sekunden zu verfassenden Antworten dezent gesteuert werden können. Bereits in der ersten Episode kristallisieren sich dabei zwei Fronten heraus, wobei in beiden Fällen kaum zu entscheiden ist, wer nun das Gute und wer das Böse verkörpert. Wir halten natürlich zu Michonne. Gewissensbisse gegenüber manch rabiater Entscheidung unsererseits werden mit einigen Szenen zunichte gemacht. Diese untermauern den gefassten Entschluss. Die Apokalypse verlangt nun mal auch drastische Maßnahmen und zu Beginn ist sehr offensichtlich, dass sich fast jeder mit der Zombie-Situation überfordert fühlt.
Quelle: Telltale
The Walking Dead: Michonne (6)
Telltale Games präsentiert das Geschehen wie gewohnt für The Walking Dead in einer prächtigen Comic-Optik, die wirklich gut das Ambiente einfängt und zudem gekonnt Parallelen zu den Comics schafft. Flotte Schusswechsel, Adrenalin treibende Kämpfe gegen das hirnlose Volk und diverse Klettereinlagen fängt der Kameramann aufwendig und mit kinoreifem Schnitt und einigen tollen Slow-Motion-Effekten ein. Doch spielerisch entfernt sich der Entwickler immer mehr und offeriert uns ausschließlich die vorab gestrickte Geschichte mit zahlreichen simplen Quick-Time-Events. Szenen, in denen wesentlich mehr Interaktion vom Spieler verlangt wird und dieser aus seiner Passivität holt, sind in deren Games mittlerweile extrem selten. Ärgerlich, dass The Walking Dead: Michonne trotz dem Fokus rein auf Story und seiner Entscheidungsmöglichkeiten nicht das Gefühl aufleben lässt, dass man wirklich glaubhaft Einfluss nehmen kann. Vor allem die dritte und letzte Episode war nach den Ereignissen davor geradezu wie in Stein gemeißelt. Warum noch sich Mühe machen, korrekt zu antworten? Maximal das eigene Gewissen spielt da noch eine Rolle.
Quelle: Telltale
The Walking Dead: Michonne (8)
Was The Walking Dead: Michonne aber von den bisherigen Adaptionen hervorhebt, ist der psychische Kampf der Hauptdarstellerin aufgrund ihrer drastischen Verluste. Ein jeder von uns würde an seinem Verstand zweifeln, wenn nicht selten unter Stress die geliebten und für tot erklärten Töchter vor dem geistigen Auge auftauchen - mal schemenhaft am Waldrand, mal blutüberströmt in greifbarer Nähe. Die Miniserie schafft es gar, diese Halluzinationen derart geschickt und geradezu psychedelisch in den Verlauf einzubauen, dass man hin und wieder einen ordentlichen Schock bekommt und sich mehr denn je mit einem Horrortrip konfrontiert sieht. Die Geschichtsschreiber gehen sogar soweit, dass Szenen zwischen Michonnes Realität und ihren Flashbacks fließend ineinander übergehen. Eben hat man noch einem gefährlichen Streuner im Wald den Kopf gespaltet, wird just im nächsten Moment die Klinge aus dem Schädel eines Zombies in ihrer ehemaligen Wohnung gezogen, während der Anrufbeantworter plötzlich fiept und jemand lautstark an die Tür pocht. Wer ein wenig schreckhaft ist, sollte das Abenteuer spät Nachts genießen. Dann macht es auf jeden Fall am meisten Spaß.
Wirklich fließend finden die Auseinandersetzungen aber nur aus Sicht des Storyboards statt, denn technisch kämpft Telltale Games nach wie vor mit ihrer veralteten Engine, die selbst auf leistungsstarken Konsolen wie der Xbox One das Geschehen einfach nicht passabel zum Laufen bringt. Vor allem gegen Ende häufen sich die Ladehemmungen, hängende Hintergrundmusik und starkes Ruckeln. Bei so manchem Hänger hatten wir bereits gedacht, das Spiel würde sich gleich zurücksetzen und wir müssten es neu starten. Telltale Games sollte dringend mal daran arbeiten, denn mittlerweile können sie allein durch die Qualität ihrer Geschichten nicht mehr alleinig überzeugen. Die Konkurrenz schläft nicht und setzt dabei neue Maßstäbe.
