Madden NFL 17 im Test: Dem Leder-Ei geht die Luft aus

Test Thomas Pfnür
Madden NFL 17 (6)
Quelle: Electronic Arts

Im Vorfeld gab es bei dem einen oder anderen NFL-Star Irritationen bezüglich der enthalten Spieler-Ratings in Madden NFL 17. Besonders Dez Bryant machte seinem Ärger Luft und kommentierte die Abwertung in diversen Interviews durchaus mit einer gewissen Häme. Uns ist aber noch mehr aufgefallen als die geänderten Spielerwerte, nämlich dass sich sonst leider ziemlich wenig getan hat.

Dein Weg ins Ziel

Es mag kaum verwundern, dass bei einer Franchise, wie Madden NFL, die uns im jährlichen Rhythmus mit neuen Spielen versorgt, irgendwann der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir uns über den Sinn des aktuellsten Ablegers Gedanken machen, ja sogar Gedanken machen müssen. Gerade auch dann, wenn der Vorgänger enorme spielerische Qualitäten aufwies und das Weiterentwicklungspotential schon damals nahezu ausgeschöpft schien. Mit Madden NFL 17 haben wir also nun diesen Zeitpunkt erreicht und wir müssen uns tatsächlich diese lästige Sinnfrage stellen. Mit kritischem Ausgang, denn leider wird relativ schnell klar, im aktuellen Ableger der Football-Franchise gibt es zu wenig neues, dafür aber viel zu viel bekanntes Spielgefühl - da gehen einem schnell die Argumente aus, weshalb man für diesen Titel Geld auf den Tresen legen soll. Zwar will uns Electronic Arts durch ihre Pressemitteilungen über die nach Publisher-Meinung unzähligen Gameplayneuerungen vom Gegenteil überzeugen, doch gelingen mag das eigentlich zu keinem Zeitpunkt. Im Endeffekt bleibt es dabei, will man überhaupt die feinen Unterschiede zum Vorgänger finden, muss man schon sehr lange, vor allem aber sehr genau suchen.

Madden NFL 17 (7) Quelle: Electronic Arts Madden NFL 17 (7) Wohl eines der auffälligeren neuen Features ist hierbei der Wegassistent, der euch über einen simplen Pfeil grafisch darstellt, wohin sich euer Spieler bei den eingegebenen Steuerbefehlen hinbewegen wird. Ein nettes Gimmick, das aber wohl nur Neueinsteiger richtig ansprechen wird. Selbigen gibt die Erweiterung dann aber doch auch diese durchaus passende Hilfestellung, um bei der teilweise richtig intensiven Verteidigung leichter nach Freiräumen für einen möglichst erfolgreichen Lauf zu suchen.

Ebenfalls weniger für die Madden NFL-Kenner ist die Vereinfachung der Spielzugansagen innerhalb der Defensive gedacht. Wer sich mit den durchaus vorhandenen Feinheiten der Verteidigungstaktik nicht näher beschäftigen will oder kann, dem wird im aktuellen Ableger die Möglichkeit gegeben, nur noch grobe Verteidigungsvorgaben beim Call zu machen, den Rest übernimmt dann das Spiel automatisch. Das vereinfacht natürlich den Zugang zur Materie Football, wird aber die wirklichen Fans wohl kaum reizen können, legen diese doch gerade auf Strategie und selbstgewählte Spielzüge besonders großen Wert. Dies bietet Madden NFL 17 zwar auch alles weiterhin, aber halt nahezu unverändert.

Wohl dann mal für alle könnte hingegen interessant sein, dass nun jedem Spielertypen auch spezielle Moves zugeordnet sind. So könnt ihr etwa bei kleinen Running Backs mit besseren Jukes und Spins rechnen, während starke RBs vor allem mit Trucks und Stiff-Arms auftrumpfen können. Aber auch hier greift das Spiel wieder in die Kiste mit den Anzeigehilfen und gibt, falls gewünscht, optische Empfehlungen über den gerade besonders effektiven Special Move ab. Gelegenheitsspieler, die sich kaum mit den Feinheiten der Steuerungsbefehle beschäftigen können, werden es EA sicher danken.

Ein Quarterback wirft den Ball über das halbe Feld. Quelle: play4 Madden NFL 17 (5) Aber jetzt mal Klartext: Mit was für Besonderheiten kann eigentlich der Hardcore-Gamer rechnen? Was für Neuheiten findet der Fan der Sportart? Und der Besitzer des Vorgängers? Wenn wir ehrlich sind, nicht wirklich viel. Die KI gibt sich etwas authentischer, was sich vor allem auf das Laufspiel und die Passverteidigung auswirkt. Auch gibt es nun die sogenannten Tackle Battles, die dafür sorgen, dass man bis zum letzten Augenblick um jedes Yard kämpfen kann und das Play tatsächlich erst mit dem Schiedsrichterpfiff beendet ist. Und zu guter Letzt wurden die Special Teams mit einem moderner designten, vor allem aber deutlich direkter zu bedienenden Kickmeter und einigen wenigen neuen Kick-Block-Spielzügen aufgewertet.

Wirklich ändern tut sich dadurch aber auch nichts an diesem komischen Wie-im-Vorgänger-Gefühl, welches man von der ersten Minute an hat, wenn man Madden NFL 17 spielt. Und überhaupt fällt schon sehr deutlich auf, dass sich die größeren Neuerungen, will man sie denn so bezeichnen, nur darum bewegen, die Materie Football zugänglicher zu machen. Gerade in unseren Breitengraden zwar ein durchaus löblicher Ansatz, trotzdem will man bezweifeln, dass dadurch wirklich ein Anreiz für komplett neue Käuferschichten entstanden ist. Besitzer des Vorgängers werden auf jeden Fall nur sehr schwer spielerische Gründe für den Erwerb des aktuellsten Ablegers finden.Lebe den Moment

Eine der wenigen inhaltlichen Neuerung, die bereits erwähnten Spielerwertanpassungen lassen wir mal außen vor, ist schon nach den ersten Minuten in durchaus spektakulärer Weise ersichtlich. In Madden NFL-Tradition werden wir zum Spielstart mal wieder direkt in ein besonderes Spiel geführt, inklusive der entsprechenden Präsentation über Zwischensequenzen und mitreißender Musikuntermalung. Thema der Einleitung ist im aktuellen Ableger aber nicht etwa der Superbowl aus jüngerer Vergangenheit, sondern tatsächlich nur ein simples Ligaspiel zwischen den Rams und den Washington Redskins. Soweit, so unspektakulär. Und auch die zugrunde gelegte Herausforderung, mal wieder muss die Niederlage eines Teams abgewendet werden, ist nicht das Besondere. Nein, das Neue ist, dass die Rams nicht mehr in St. Louis, sondern nach 20 Jahren wieder in Los Angeles beheimatet sind und wir uns auf dem Spielfeld des geschichtsträchtigen Memorial Coliseum befinden. Ja tatsächlich, Madden NFL 17 glänzt mit den aktuellen Saisondaten aller Teams. Wir sind geplättet. Ok, das war jetzt Sarkasmus, aber der sei uns an dieser Stelle auch mal erlaubt.

Der Kicker steht zum Kick-Off bereit und nimmt Anlauf. Quelle: play4 Madden NFL 17 (4) Sarkasmus ist aber auch wirklich nötig, denn wenn dieses Datenupdate schon die auffälligste Neuerung bezüglich der Inhalte ist, dann ist das einfach eine richtige Enttäuschung. Viel hatten wir sowieso nicht erwartet, aber so wenig und einen Umfang, der nahezu deckungsgleich zum Vorjahr ist - und eigentlich auch des Jahres davor, denn bereits im Vorgänger hatte sich nur sehr wenig getan -, dann auch wieder nicht. Positiv kann man aber wenigstens anmerken, dass zumindest auch nichts gestrichen wurde und ihr somit auf die bekannten Inhalte, wie die Modi Ultimate Team, Draft Champions und Franchise, zurückgreifen könnt und analog wie vor 12 Monaten damit auch wieder enormen Spaß haben werdet.

Apropos Franchise. Im Karrieremodus gibt es mit der Erweiterung "Lebe den Moment" wenigstens noch eine Neuheit zu berichten. Hinter der Bezeichnung verbirgt sich die Möglichkeit die Spielvariante Franchise in einer etwas anderen, vor allem aber schnelleren Form zu spielen. Besonders die innerhalb einer Saison stattfindenden Spiele werden hierbei auf die namensgebenden Momente gekürzt, d. h. ihr könnt, müsst aber nicht, nur die entscheidenden Situationen eines Matches auch wirklich spielen, der Rest wird simuliert. Kuriosum am Rande: Bei kurzen Viertellängen von vier oder fünf Minuten ist ein komplett selbst gespieltes Spiel in schnellerer Zeit zu absolviert, als die teil-simulierte Variante "Lebe den Moment". Zumindest einer der Ansätze (schnelleres Spiel) der Entwickler wird hierbei also irgendwie at absurdum geführt.

Ein Spieler mit Ball setzt sich gegen fünf Kontrahenten durch. Quelle: play4 Madden NFL 17 (3) Wie auch immer. Fakt ist, Madden NFL 17 bleibt sich auch beim Umfang treu und spricht mit den Anpassungen innerhalb des Franchisemodus fast ausschließlich den oberflächlichen Spielertyp an bzw. will durch einfachere Bedienkonzepte selbst Nichtkennern das Thema Football schmackhaft machen. Problem hierbei nur, der Fan der Sportart guckt in Röhre. Dies ändert sich zwar ein wenig durch die leichten Karriereanpassungen bezüglich der Spielplanung, welche es nun ermöglichen Gegner intensiver auszuspähen, Strategie besser zu planen und wöchentliche Trainingspläne für jeden einzelnen Spieler intuitiver festzulegen, trotzdem kann das auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich im Endeffekt nur um Marginalien handelt, die dem Modus eben auch kein anderes Spielgefühl verpassen können.

Ebenfalls nicht anders, aber zumindest einen Tick fordernder geben sich im aktuellen Ableger die Trainingsmöglichkeiten. Durch eine neue Konzeptionierung habt ihr nun noch etwas mehr Möglichkeiten z. B. die richtige Lauftechnik für Zonenläufe zu erlernen oder das Deckungsspiel zu perfektionieren. Logisch, dass die deshalb neu integrierten Aufgaben bei der Bewältigung auch neue Reizpunkte bezüglich der Herausforderung bringen. Trotzdem gilt auch hier, dass der Umfang der Änderungen sehr übersichtlich und kaum so tiefgreifend ist, um einen wirklichen Grund zu liefern, sofort zum aktuellen Ableger zu greifen. Vielmehr sind wir wieder dort, wo wir bereits am Anfang waren und stellen uns nach Betrachtung der Inhalte noch stärker die bekannte Sinnfrage.

Stürz dich in die Action

Ein Quarterback hat mehrere Anspielstationen. Quelle: play4 Madden NFL 17 (2) Madden NFL setzt auch im neuen Jahr auf die Ignite Engine. Grundsätzlich sicher keine schlechte Entscheidung, hat sich dieser Spielmotor in den letzten Jahren als durchaus gut weiterentwickelt und in vielen Bereichen auch sehr authentisch integriert erwiesen. Die Spielerbewegungen, die vielen optischen Details und auch die meist flüssige Performance gaben eigentlich nur sehr selten wirklich Anlass zur Kritik. Logisch also, dass man auch im aktuellen Ableger aufgrund der grafischen Darstellung des Spielgeschehens durchaus begeistert ist. Die Präsentation mit all den Feinheiten, wie etwa den Werbeeinblendungen und dem Leben abseits des Spielgeschehens, zieht einen sofort ins Geschehen. Und auch die passend inszenierten Zwischensequenzen, vor allem aber die grandios integrierten Wiederholungen sorgen für den einen oder anderen Wow-Effekt. Getoppt wird das Ganze durch die grandios umgesetzten Wettereffekte. Man spürt praktisch den eiskalten Wind, wenn man mit den Green Bay Packers im verschneiten Lambeau Field um jedes Yard kämpfen muss. Man fühlt sich ins warme Florida versetzt, wenn man ein Abendspiel bei den Buccaneers bestreitet und im Hintergrund das Piratenschiff im gleißenden Sonnenuntergang erstrahlt. Und man ist einfach nur begeistert, wenn man die komplett anderen Lichteffekte im überdachten Ford Fields der Detroit Lions zu Gesicht bekommt. Ihr merkt schon, wir kommen aus Schwärmen gar nicht mehr heraus.

Schön auch, dass die Akustik der tollen Optik in nichts nachsteht und ebenfalls auf ganzer Linie überzeugen kann. Frenetisch anfeuernde Fans, authentische Spielfeldgeräusche und informative Kommentare des englischsprachigen Reporterteams gehören hierbei genauso zum Repertoire, wie ein Soundtrack, der zumindest unseren Geschmack komplett trifft. Zu meckern gibt es somit eigentlich nur wenig - wenn, ja wenn man den Titel für sich sieht.

Ein Runningback springt mit Ball in die Endzone. Quelle: play4 Madden NFL 17 (1) Nur, wo sind die Unterschiede? Gibt es optische und akustische Besonderheiten? Was macht denn Madden NFL 17 in technischer Hinsicht so anders? Die Antwort ist so einfach, wie ernüchtern: Nichts. Was sich beim Gameplay und beim Umfang bereits angedeutet hat, wird im Bereich Grafik und Sound noch augenscheinlicher. Der Vorgänger ist immer und überall präsent - unserer Meinung nach einfach viel zu präsent. Besonders schlecht hierbei, dass selbst Kritikpunkte des letzten Jahres unverändert weiter vorhanden ist. Etwa die Ladezeiten. Tatsächlich müssen wir auch in der aktuellen Version damit leben, mehr den "Loading-Screen" zu sehen, als die eigentliche Spielinhalte. Mag sein, dass das jetzt ein wenig übertrieben ist, aber sowas verärgert einfach und führt, zumindest bei uns, mehr zu Spielfrust, als Spiellust.

Meinung

Wertung zu Madden NFL 17 (PS4)

Wertung:

8.1 /10

Wertung zu Madden NFL 17 (XBO)

Wertung:

8.1 /10
Pro & Contra
spielerisch fordernd……gleichzeitig, aber auch zugänglichNeuerungen bei den Special Teamsguter Umfang……mit einem tiefgängigen Franchise-ModusOnline bietet der Titel viel Spaßnatürlich die aktuellen Datenpassende Grafikmitreißender Sound
viel zu wenig spielerische Änderungendie meisten „Erweiterungen“ fallen kaum aufUmfang praktisch identisch zum Vorgänger……off-, wie online alles wie gehabtunveränderte Technik……leider auch mit langen Ladezeiten……und zu oft auftretenden Clippingfehlerweiterhin nicht lokalisiert
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