Kann Hironobu Sakaguchis Werk den Stein ins Rollen bringen und die RPG Welt endgültig für Xbox Spieler öffnen?
Die Tage sind gezählt! Publisher Microsoft beglückt seine Kunden nach zahlreichem hin- und her endlich mit dem großen Rollenspiel-Hoffnungsträger "Lost Odyssey" - das sogar ein paar Tage vor dem eigentlich geplanten Release. Die Erwartungen bezüglich des japanischen Titels fallen verständlicherweise recht hoch aus, denn mit Hironobu Sakaguchi steht ein Mann hinter "Lost Odyssey", dessen Name Hardcorespieler im Mund zergehen lassen. Einst bei Squaresoft mit "Final Fantasy" groß geworden, versucht er nun auf eigenen Beinen zu stehen. Nachdem "Blue Dragon" zwar ordentlich ausgefallen ist, hartnäckige Kritiker aber nicht zufrieden stellen konnte, muss nun das Pendant zu "Final Fantasy" für den großen Wurf herhalten. Das vollkommen klassisch angehauchte Spielwunder erreicht zwar nicht ganz das große Vorbild, dürfte aber vor allem ältere Semester etliche Stunden vor dem TV fesseln.
Lost Odyssey
Die Menschheit lebt in einer Zeit, in der ein technologischer Fortschritt im Einklang mit der Magie steht. Die magisch-industrielle Revolution führte zu deutlich erleichterte Lebensbedingungen und Wohlstand, einige Leute baden dadurch auch in stattlicher Macht. Macht zu haben ist ein geradezu verlockendes Gefühl, dem kaum einer der Obrigkeiten widerstehen kann. Es kommt, wie es schlussendlich kommen musste: Die drei bekannten Nationen - Republik Uhra, der Ozeanfreistaat Numara und das Königreich Gohtza - sehen in ihrem Gegenüber einen unverwüstlichen und nicht zur Vernunft zu bringenden Feind und liefern sich erbitterte Kämpfe. Ein Blutteppich bedeckt riesige Landstriche und zahlreiche Menschen sterben auf dem Schlachtfeld. Inmitten dieser Auseinandersetzungen finden wir den Söldner Kaim Argonar. Rein äußerlich erkennt man kaum, dass er mittlerweile gute eintausend Jahre auf dem Buckel hat, doch seelisch ist er von den schrecklichen Erlebnissen seines ewigen Lebens stark gebeutelt.
Bildgewaltiges Epos
Quelle: Microsoft
Lost Odyssey
Der Rahmen von "Lost Odyssey" verläuft auf bekannten Pfaden und bietet einen typischen Werdegang mit den klischeehaften Höhen und Tiefen eines klassischen Nippon-Rollenspiels. Die bittersüße und gefährliche Macht hat sich ein neues Opfer ausgesucht, welches alles dafür tun würde, um die große weite Welt zu unterjochen. Einige Handlanger spielen ihre unwissende Rolle, während geliebte Mitmenschen unbewusst und unschuldig in den gefährlichen Sog hinein gezogen werden. Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse - mehr braucht der Fan solcher Rollenspiele nicht zu wissen, um die Story bzw. deren Inhalt deuten zu können. Die anfänglich dünne und auch völlig vorausschaubare Handlung bietet im weiteren Verlauf durchaus Substanz und spätestens ab der Hälfte des Abenteuers gewinnt sie deutlich an Fahrt! Vor allem haben es die Mannen um Hironobu Sakaguchi geschafft, den Plot fast schon filmreif auf den TV-Bildschirm abzubilden. Zahlreiche Videosequenzen begleiten das Abenteuer, welche zum größten Teil mit Sprachausgabe (wahlweise in Japanisch, Englisch, Deutsch, Französisch oder Italienisch) und gelungenen Animationen überzeugen. Hin- und wieder stolpern die Charaktere über virtuelle Steine und zeigen sich allzu hölzern, oder ein Synchronsprecher hatte zu wenig Kaffee am frühen Morgen vor den Aufnahmen, doch größtenteils kann die Präsentation überzeugen.
Lost Odyssey
Die schlichte und in dieser Form dann doch irgendwie bekannte Hintergrundgeschichte bietet einem erfahrenen RPG-Spieler nur wenig sehenswertes, auch wenn die Bildqualität erhaben ist und selbst nörgelnde Kritiker überzeugen wird. Doch "Lost Odyssey" möchte uns auch nicht unbedingt nur die Geschehnisse der heutigen Generation erzählen. Diese nutzt man geschickt aus, um die wenigen Hauptdarsteller und deren Lebensgeschichten in einer aufwendigen Art und Weise darzustellen. Neben einigen wenigen menschlichen Helden wissen vor allem die Unsterblichen aufgrund ihres Alters viel zu erzählen. Kaim leidet aber, genauso wie seine unsterblichen Kolleginnen Seth Balmore, Ming Numara und Sarah Sisulart an einer Amnesie, die nicht ganz ohne Hintergedanken der treibenden Macht eingetreten ist. Manche träumerische und abgelegene Orte oder unscheinbare Situationen fördern Déjà-vu-Erlebnisse und lösen nicht selten unbewusst einen Schalter in der Gedankenwelt der Charaktere aus.
Verträumte Texte
Quelle: Microsoft
Lost Odyssey
Erinnerung an längst vergangene Tage kommen in einer solchen Situation auf und werden in so genannten Träumen wiedergegeben. Diese wurden recht schlicht, für manchen wohl zu spärlich, mit nur wenigen Hintergrundbildern, einer passenden Geräuschkulisse und eingängigen Melodien in Szene gesetzt und in Textform präsentiert. Der Rückblick erläutert zumeist Ereignisse und Zusammentreffen mit völlig unbedeutenden Personen, die eigentlich nicht viel zur Sache tun. Dennoch haben diese eine weit reichende Bedeutung für Kaim und Co.! Oftmals ist der unausweichliche Tod der Sterblichen das Thema, die Angst vor dem Weg in eine andere Welt und die Trauer der Hinterbliebenen. Während die Sterblichen um ihr Leben flehen, kristallisiert sich für die Unsterblichen eine Bitterkeit heraus. Sie leben ewig und müssen mit Ansehen, wie ihre geliebten Mitmenschen irgendwann von die Welt verlassen. Solche mitreisenden Szenen nehmen oft mehr als 15 Minuten in Anspruch, sind künstlerisch aber klasse gemacht. Zwar wünscht man sich eine Sprachausgabe mit einem Erzähler, da die Texte durchaus mühsam zu lesen sind, doch deren Qualität erreicht ein künstlerisch sehr hohes Niveau und fällt linguistisch nicht selten anspruchsvoll aus. Philosophisch, und stets mit zum Nachdenken anregenden Aussagen versehen, spielt der Geschichtsschreiber mit den Gefühlen des Spielers, was eine der ganz großen Stärken des Titels ist. Daher spricht "Lost Odyssey" vor allem etwas ältere Spieler mit Lebenserfahrung an, die sich auch gut in die Lage der leidenden Personen hineinversetzten können. In Gewissen Situationen kann es dann durchaus vorkommen, dass nicht nur den virtuellen Helden Tränen über die Wangen laufen. Die Texte machen einen großen Teil des Titels aus und wer sich nicht mit diesen "Kleinigkeiten" beschäftigt, wird letztendlich auch niemals den eigentlichen Reiz dieses RPGs erkennen. Nicht ganz üblich, dass die Charaktere sowie deren Lebensgeschichten über der eigentlichen Rahmenhandlung stehen - "Lost Odyssey" meistert diesen Spagat aber mit Bravour und haucht seinen Helden dadurch erst richtig Leben ein!
Lost Odyssey
Düster sind aber nicht nur die Gedanken vieler Personen, vor allem wenn sie in der Zeit eines Machkampfes auf dem Schlachtfeld "arbeiten" müssen. Auch das Setting unterscheidet sich von oftmals bunten japanischen RPGs. Keine gestriegelten jungfräuliche Helden oder mit farbenreichen stacheligen Haaren versehene Teenager umfassen die Kämpferriege. Die meisten wurden mit reichlich Lebenserfahrung gesegnet - die vor allem Kaim stark mitgenommen hat. Aus dem einstig fröhlichen Familienvater ist mittlerweile ein mürrischer und wortkarger Söldner geworden, an dessen Schwert das Blut zahlreicher Feinde klebt. Selbst der Weiberheld Jansen - der als eine der wenigen Figuren im Spiel Wortwitz und freche Sprüche in die ansonsten sehr ernste Thematik bringt - kommt mit seinem ewig agierenden Mundwerk nicht gegen die Bitterkeit eines Kaim an. Im Verlaufe des vier Discs umfassenden Epos lernt man aber jeden Hauptdarsteller zu schätzen und schließt alle Helden ins Herz. Dafür bedarf es aber an inhaltlichem Video- und Lesestoff, der gemächlich und in ausgedehnten Häppchen offeriert wird. Die Zeit dafür muss man sich gönnen, ansonsten wird der Spielspaß wohl recht schnell seine Grenzen finden.
