Es ist schwer ein Spiel zu kreieren, das einer Frau wie Mata Hari gerecht wird, die als Legende die Jahrzehnte überdauert.
"So etwas hatte Paris noch nicht gesehen... aus anmutigen Gesten wurden leidenschaftliche Windungen - und am Ende stand vor den entrückten Damen und Herren der Gesellschaft eine nackte Schönheit." - (Eindrücke eines damaligen Zeitzeugen, der einen Auftritt von Mata Hari gesehen hatte; 1917)
Sie war bereits zu Lebzeiten eine Legende - und blieb es bis heute: die niederländische Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle (1876-1917), besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Mata Hari. Im Sommer 1917 wurde die begehrte Schönheit wegen Doppelspionage und Hochverrat von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und etwa drei Monate später durch ein Erschießungskommando hingerichtet. Dass Mata Hari zu ihrer Zeit als Erotik-Star galt, ist unumstritten. Ob sie - wie immer wieder behauptet - auch eine (Doppel-)Agentin war, ist hingegen nicht eindeutig belegt. Zu widersprüchlich sind die Aussagen aus jener Zeit, zu wenig stichhaltig die Quellen. Ungeachtet dessen bot die Nackttänzerin immer wieder Stoff für unzählige Bücher, Filme, Spekulationen und Mythen. Die beiden Adventure-Profis Hal Barwwod (u.a. "Indiana Jones and the Fate of Atlantis") sowie Noah Falstein (u.a. "Indiana Jones and the Last Crusade") haben die Thematik erneut aufgegriffen und zu einem Point&Click-Adventure verarbeitet. Die Story haben die Entwickler dabei allerdings relativ großzügig ausgelegt. Das Videospiel "Mata Hari" erhebt also nicht den Anspruch historischer Korrektheit, auch wenn es in Ansätzen versucht, wichtige Ereignisse jener Zeit zu beleuchten.
Erinnerungen an eine alte Bekannte
Mata Hari
Das Spiel beginnt im Jahre 1963: Eine alte Dame, die uns als Elsbeth Schragmüller vorgestellt wird, gibt anlässlich eines geplanten Buches über das Leben der Mata Hari ein Tonband-Interview. Frau Schragmüller hat die Tänzerin gut gekannt und sogar mit ihr zusammengearbeitet. Das war vor über fünfzig Jahren. Rückblende: Zu Beginn der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts verweilt Mata Hari in Paris. Schon damals ist sie eine Berühmtheit. Doch in der französischen Hauptstadt gibt es noch viele andere Tänzerinnen. Und Mata wird nicht jünger. Was, wenn ihre weiblichen Reize verblassen und sich irgendwann kein Mann mehr nach ihr umdreht? Ein zweites berufliches Standbein muss also her. Auf einem Ball lernt sie den Schweizer Oscar Samsonet ("Nennen Sie mich Oscar.") kennen. Der ist nach außen hin ein ehrbarer Bürger, von Hauptberuf aber internationaler Agent. Es gelingt ihm, die Tänzerin als Spionin zu gewinnen. Gegen Bezahlung soll sie in seinem Auftrag hochbrisante Geheimnisse von ihren Liebhabern in Erfahrung bringen.
Mata Hari
Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Mata Hari bringt die besten Voraussetzungen für den Job mit, liegt ihr doch die Männerwelt, zu der auch Militärs und Vertreter der Wirtschaft gehören, praktisch zu Füßen. Nicht zu vergessen: Europa steuert auf den Ersten Weltkrieg zu. Jene Organisation, für die Samsonet und zukünftig auch Mata arbeiten, will den Konflikt in jedem Fall verhindern. Dies soll dadurch geschehen, dass Mata Hari mit möglichst allen Seiten Verbindung aufnimmt und den Mächtigen auf diesem Wege Informationen entlockt bzw. indirekt zukommen lässt, damit alle Beteiligten stets über das Vorgehen der Gegenseite im Bilde sind. Die Kriegsgefahr würde sich dadurch quasi neutralisieren, weil es - so die Überlegung - nicht mehr zu einseitig vorteilhaften "Überraschungen" kommen kann, die den Ausbruch eines Krieges begünstigen. Soviel zu der etwas kühnen (um nicht zu sagen: ziemlich absurden) Handlung.
Spionin zwischen den Fronten
Mata Hari
Mata Hari bewegt sich fortan an der Nahtstelle internationaler Agententätigkeiten. Im Vorfeld des heranziehenden Ersten Weltkrieges herrscht insbesondere unter den Europäern Misstrauen. Zu Beginn ihrer Agententätigkeit, die sich im gesamten Spiel auf vier bestimmende Schauplätze (Paris, Berlin, Madrid, Monaco/Monte Carlo) beschränkt, arbeitet sie für die Franzosen. Letztere wollen mehr über ein Geheimvorhaben der Deutschen in Erfahrung bringen, denn die arbeiten gerade an einem Projekt unter dem Decknamen Jules Verne, welches den Bau eines Riesengeschützes zum Inhalt hat. Mata spielt ihre Anziehungskraft auf Männer routiniert aus, knüpft Kontakte zu deutschen Generalstabsoffizieren und anderen Persönlichkeiten. Mitunter geht sie mit den Herren sogar ins Bett. Diese wiederum sind ganz begeistert von ihr ("Dieser Abend war ebenso vergnüglich wie informativ. Ich bin zufrieden."), plaudern bei der Gelegenheit auch gern mal aus dem Nähkästchen und erteilen großzügig Auskunft über getarnte Horchposten und mit Bomben bestückte Luftschiffe. Zugetragen haben sich solche Situationen ("Es steht alles auf Seite 102, Liebste.") sicher nicht. Dass es sich hierbei vielmehr um eine reine Versoftung und nicht etwa um den Tatsachenbericht in Form eines Videospiels handelt, erkennt man auch an anderen Spielabschnitten, die ziemlich gewagt erscheinen.
Mata Hari
Beispielsweise, wenn die prominente Physikerin Marie Curie Mata Hari in Dingen der Liebe um Rat bittet - eine Lebenshilfe für die sich die Nobelpreisträgerin ehrfurchtsvoll bedankt ("Sie geben ein herrliches Experiment in Sachen Humanchemie ab.") -, die Tänzerin ohne umfassende naturwissenschaftliche Vorkenntnisse in einem Versuchslabor irgendwelche Substanzen zusammenmixt, später mit der Präzision eines Elektrotechnikers verzwickte Telefonkästen manipuliert, im Alleingang Flugzeugmotoren sabotiert oder - als Professor Haber verkleidet - eine komplette Giftgasfabrik in die Luft jagt. Auch ihre Funktion als Doppelagentin wirkt etwas aufgesetzt. So arbeitet Mata Hari mal für die Franzosen, dann wieder für die Deutschen - und dies, obwohl ihre Liebhaber genau wissen, dass eine Frau ihres Schlages ein recht freizügiges Leben führt und allein schon deshalb als Sicherheitsrisiko, zumindest aber als nicht besonders vertrauenswürdig einzustufen ist. Weitaus realistischer dürften da schon die vier Verführungstricks Matas (Schmeichelei, Nachgiebigkeit, Zurückweisung, Gewagtheit) sein, mit der sie ihre männlichen Verehrer um den kleinen Finger zu wickeln versteht (eine Methode davon funktioniert immer). Ihrer Bewunderin Mercedes Jellinek, Tochter eines Flugzeugherstellers, entlockt Mata Hari wichtige Informationen dadurch, dass sie ihr einen neuen (orientalischen) Tanz beibringt.
