Eine vielleicht etwas kurze aber grandios unterhaltende Reise durch die atemberaubende Zukunftsvision von Ninja Theory.
Mit "Kung Fu Chaos" startete das Team ins Videospielzeitalter, mit "Heavenly Sword" schrieb Ninja Therory Geschichte und mit "Enslaved - Odyssey to the West" blickt der Entwickler in die Zukunft - eine Vision, die geradezu berauschend und erschreckend zugleich auf den Zuschauer wirkt. Die oftmals verzückenden Bilder, kombiniert mit einigen verstörenden Szenen liefern das ungleiche Paar Trip & Monkey auf ihrer Reise nach Westen. In Anlehnung an den klassischen Roman steht uns mit dem neuesten Geniestreich von Ninja Therory ein solides Meisterwerk der postapokalyptischen Interpretation ins Haus, welches aber durchaus auch seine Schwächen aufzuweisen hat.
Enslaved: Odyssey to the West
Der Alarm ringt ohrenbetäubend, während sich das rote Licht in den durch Dunkelheit geschundenen und empfindlichen Augen einbrennt. Etwas regt sich auf dem riesigen Flugschiff. Mit der Nase am Bullauge seines Gefängnisses muss der muskelbepackte Gefangene mit seinen weißen Stachelhaaren mit ansehen, wie eine adrette, flammig-rothaarige Frau sich mit aller Gewalt einen Weg in die Freiheit bahnt. Die Strähnen dicht zusammen geflochten und hochgesteckt, mit knappen Shirt die Figur betonend, kann Trip die Ähnlichkeit zur Amazone Nariko aus "Heavenly Sword" nur mühevoll verbergen. Deren knallharte Züge spiegeln sich ebenfalls in den mit Tränen durchfluteten Pupillen wieder. Ohne mit der Wimper zu zucken lässt sie die ihr unbekannten Gefährten auf dem Sklavenschiff hinter sich zurück und versucht ihre eigene Haut zu retten.
Enslaved: Odyssey to the West
Das Chaos bricht aus, Maschinen überhitzen und explodieren und der Hüne Monkey kann sich aus seiner extrem engen Zelle befreien - der Spieler greift erstmalig ins Geschehen ein und erlebt den atemberaubenden und kinoreif inszenierten Auftakt zu "Enslaved - Odyssey to the West". Mit knappen Erläuterungen werden die wichtigsten Handgriffe gelehrt: Springen, klettern, rennen und wenn sich einer der Soldaten in ihren futuristisch anmutenden Kampfanzügen oder einer der bestialischen Roboter sich in den Weg stellt, wird kurzerhand der Stab ausgepackt. Angriffe mit dem Schild abgewehrt, erhöht ein herzhaft geschwungener Hieb das Denkvermögen der Blechbüchsen und geht die Aggression mit der menschlichen Kampfmaschine durch, werden die Feinde gar in ihre Bestandteile aus Schrauben, Zahnräder und pechschwarzem, gerne auf die Kamera verteiltem Öl zerlegt.
Das ungleiche Bündnis
Enslaved: Odyssey to the West
Wirklich zimperlich geht Monkey mit seinen Peinigern nicht gerade um und wer kann es ihm letztendlich auch verübeln? Dennoch muss er sich nach der Bruchlandung des riesigen Flugschiffes mitten in New York schmerzhaft dem Willen der heißen Rothaarigen beugen. Noch während sich sein Körper von den Strapazen erholt und er im Koma weilt, nutzte Trip die Gelegenheit und verpasst ihm ein umprogrammiertes Sklavenstirnband. Braver "Hund" und bei Fuß - ansonsten setzt es eine ordentliche sowie äußerst schmerzhafte Dosis elektrostatischer Ladung mitten ins Hirn. Ganz ehrlich, da würden auch wir über die Unverschämtheit der guten Trip hinweg sehen, den Kopf niedlich zur Seite neigen, die Augen lieblich kullern lassen und folgsam hecheln.
Enslaved: Odyssey to the West
Dabei steckt ein tieferer Sinn dahinter. Trip mag sich aus den Klauen der Sklavenhändler befreit haben, doch inmitten des postapokalyptischen Szenarios wimmelt es von Gefahren. Seien es die völlig maroden und zerfallenen Häuserschluchten der einst schillernden amerikanischen Metropole, oder aber die zahlreichen an Terminator erinnernden Blechmaschinen mit scharfer Bewaffnung und Bewegungssensoren, der Heimweg in ihr beschauliches und friedliches Dorf ist beschwerlich und mit dem Muskelberg Monkey an ihrer Seite rechnet sie sich bessere Überlebenschancen aus. Da haben wir es mal wieder, vollkommen kühl und absolut durchdacht gehen die Frauen ans Werk, um ihren Willen uns Männern aufzuzwingen und den Sieg einzufahren.
Ein wahres Zukunftsmärchen
Enslaved: Odyssey to the West
Inmitten einer sich seit über 150 Jahren frei ausbreitenden Flora und Fauna staunt man über das farbenprächtige Szenario, welches Ninja Therory auf den Bildschirm zaubert. Noch nie wirkte New York derart einladend, mit seinen wuchernden Ranken, Schlingpflanzen, Bäumen und sich im seichten Wind wiegenden Gräsern. Man glaubt fast den Duft der Blumen in der Nase kitzeln zu spüren, so beeindruckend wirken die Bilder eines eher unüblichen postapokalyptischen Szenarios. Doch die an Monika Thamms "Lebonara" erinnernde grüne Oase ist nur eine Haltestelle auf dem weiten Weg nach Westen. Auch die vom Staub der Steppe zerklüftete Felsschluchten, schmierig ölige Roboterfriedhöfe und Industrieanlagen und die sandige Wüste bieten optische Reize in Hülle und Fülle. Wenn das Team etwas gekonnt umgesetzt hat, dann ist es das postapokalyptische Szenario, welches dank der herrschenden Macht der Roboter-Maschinen an bekannte Filme mit dem guten alten Gouverneur Arnold Schwarzenegger erinnert. Doch weder sprangen die Entwickler auf dem beliebten Zug des Steam-Punk auf, noch liefert das Spiel die düsteren Bilder der genannten Kinofilme. "Enslaved" kommt mit einer eigenständigen Welt daher!
