Gray Matter überzeugt vor allem mit seiner mysteriösen Geschichte, die den Spieler bis zum Ende bei der Stange hält.
Mit der Gabriel Knight-Reihe hat sich Jane Jensen unter Adventure-Freunden ein Denkmal gesetzt. Nach vielen Jahren der Auszeit kehrt die Autorin mit Gray Matter allerdings wieder zurück auf die Bühne der Videospiele. Gray Matter musste viele Verschiebungen auf sich nehmen und gilt als die Adventure-Hoffnung für das Jahr 2010. Da bereits zu viele Titel an zu hohen Erwartungen gescheitert sind, darf man gespannt sein, wie sich Gray Matter schlagen wird.
Die Welt der Zauberei und Studenten
Gray Matter
Die junge Sam strandet ungewollt vor einem alten Herrenhaus als ihr klappriges Moped den Geist aufgibt. Durch einen Zufall wird sie für die neue Assistentin von Dr. Styles gehalten und nimmt aufgrund von Geldmangel und Alternativen diese Möglichkeit zunächst an, auf die Gefahr, dass sie zu jeder Zeit auffliegen könnte. Dr. Styles erscheint zunächst als ein mürrischer Mann, bei dem man nicht genau einschätzen kann, was er eigentlich vorhat. Da ist es umso beunruhigender, dass man für ihn einige Studenten zusammentrommeln muss, die bei einem Experiment teilnehmen sollen, wie man selbst auch. Das ist zunächst schwieriger als gedacht, da Dr. Styles in Oxford einen sehr schlechten Ruf inne hat. Die Geschichte kommt in den ersten 2-3 Stunden nur langsam in Fahrt, da man lediglich die Orte abklappert und versucht einige Studenten zu überzeugen. Danach baut Gray Matter allerdings eine düstere und mysteriöse Stimmung auf, die nach und nach von unerklärlichen Phänomenen durchzogen wird, an denen Fox Mulder seine Freude gehabt hätte.
Gray Matter
Sam sucht akribisch nach vorstellbaren Erklärungsansätzen, während man als Spieler zunehmend in die Handlung hinein gezogen wird. Was auch am stimmungsvollen Handlungsort, dem historischen Oxford, liegt, das jede Menge Geheimnisse zu bieten hat. Da man stellenweise die Rolle des zunächst unsympathischen Dr. Styles übernimmt, wird auch hier schnell klar, um was es ihm bei den Experimenten eigentlich geht. Jane Jensen hat es schon immer verstanden, glaubhafte Charaktere zu erschaffen, was ihr in Gray Matter erneut gelungen ist. Die Hauptcharaktere sind sehr gut ausgearbeitet und geben nach und nach Preis, was ihnen so alles im Leben widerfahren ist. Sie reagieren zunehmend glaubhaft und sind nicht den typischen Videospiel-Klischees unterworfen, obwohl man sich beim Design von Dr. Styles vielleicht etwas weniger am Phantom der Oper hätte orientieren sollen. Sam ist hingegen eine sympathische, junge und aufgeweckte Frau, der man ihre Handlungen sofort abkauft. Zudem hat sie ein Fable für Zaubertricks, was ihr einen weiteren Schuss Einzigartigkeit verpasst, ebenso wie ihr investigatives Engagement.
Gray Matter
Doch selbst die vielen Nebencharaktere bekommen eine greifbare Persönlichkeit, weswegen ein homogenes Zusammenspiel entsteht. Größtenteils bleibt Gray Matter ernst, dennoch sorgt die gute Sam mit einigen amüsanten oder gerissenen Kommentaren immer wieder für witzige und bemerkenswerte Szenen. Das Abenteuer rutscht allerdings nie ins Lächerliche ab. Der Humor ist wohl dosiert, während die Mystery-Handlung im Vordergrund steht. Zwischendurch wird die Geschichte in Comic-Sequenzen weiter gesponnen. Der Stil ist sicherlich ein Stück weit Geschmackssache, doch mir hat er keinesfalls gefallen. Auf mich wirkt er eher wie ein krasser Stilbruch. Unterstrichen wird die gelungene Atmosphäre von der nahezu perfekten deutschen Sprachausgabe. Hier hat sich der Publisher dtp entertainment aller größte Mühe gegeben. Der Soundtrack von Robert Holmes, der seit Gabriel Knight 3 übrigens nicht aktiv war, ist zum einen einzigartig, zum anderen mitreißend und begleitet das Geschehen vortrefflich.
Oxford wie es leibt und lebt
Gray Matter
Technisch regiert der Zwiespalt: Gray Matter bietet viele bis ins kleinste Detail ausgearbeitet Umgebungen, die dezent animiert sind (Rauch, Bäume wanken leicht, Wasserbewegungen etc.) und das historische Oxford mit seinen geschichtsträchtigen Gebäuden wohlig schön einfangen. Dennoch geschieht sehr wenig auf dem Bildschirm, weswegen das Gesehene in der heutigen Zeit etwas zu statisch und karg daher kommt. Nur selten kreuzt ein Passant unseren Weg, Gray Matter hätte einfach mehr animierte Objekte vertragen können. Vor den 2D-Hintergründen agieren die 3D-Figuren. Diese sind zwar ausreichend detailliert gestaltet, können jedoch keine Emotionen vermitteln, was Atmosphäre kostet. Zudem sind die Animationen extrem hakelig und grob ausgefallen. Es sieht einfach furchtbar aus, wenn sich Sam hölzern durch die Szenerie bewegt. Einige Animationen hätte man zudem am Besten gleich weggelassen, so zum Beispiel das Verstauen der Gegenstände im Inventar, welches dazu führt, dass teils riesige Objekte wegploppen.
Gray Matter
Die Multiple-Choice-Dialoge sind sehr gut inszeniert. Hier scheint jeder Satz haargenau ausgearbeitet zu sein und einen Sinn zu ergeben. Aus diesem Grund hört man eigentlich immer sehr gespannt zu, obwohl man sich grundsätzlich nur durch alle Auswahlmöglichkeiten klickt. Etwas falsch machen, kann man nicht. Glücklicherweise ist Sam auch nicht die größte Plaudertasche, wodurch Dialoge kaum länger als 3-4 Minuten dauern und sich nicht unnötig ziehen. Um sich durch Oxford zu rätseln, sind diese allerdings notwendig und tragen einen großen Teil zur Stimmung bei. Wer nicht will, drückt sie schnell weg, was allerdings keines Falls zu empfehlen ist, da selbst die unwichtigste Figur einen passenden Synchronsprecher spendiert bekommen hat.
