Dieser ruchlose und klapprige Bandit akzeptiert nur bleihaltige Argumente – aber ihr habt seine Fäden in der Hand!
Nach The Maw, Splosion-Man und Comic Jumper meldet sich das kreative Team von Twisted Pixel mit ihrer ersten Retail-Veröffentlichung zurück und landet ungeniert einen - wie soll es auch anders sein - gar humorvollen Volltreffer. Selten hat man als Kinect-Spieler derartig viel zu schmunzeln dürfen, doch das ruchlose Klappergestell eines ehemaligen Banditen sorgt auf seinem Rachefeldzug durch den wilden wilden Westen für ordentliche Unterhaltung. Warum The Gunstringer auf seine Art überzeugen kann, erfahrt ihr in unserem Test!
The Gunstringer
Blei pfeift euch um die Ohren, ein klappriger Held hüpft durch die staubige Wüste und der charismatische Erzähler mit seiner rauchigen Stimme gibt zu allem seinen Senf dazu: Willkommen in der Welt von The Gunstringer. Wir können es dem Titelhelden ja gar nicht mal verübeln, dass er wutentbrannt mit seinem Revolver alles über den Haufen ballert, was sich auch nur einen Millimeter über den Bildschirm bewegt. Treulos und hinterrücks hat ihn seine Bande geradezu durchsiebt, kurzerhand drei Fuß unter den Wüstensand geschaufelt und sicherlich auch vollkommen reuelos den Dreck auf dem Gesicht des Helden festgetreten. Mit einer Auferstehung des Doppelkinn haben die Verschwörer sicherlich nicht gerechnet und schon gar nicht damit, dass sie in nächster Zeit auf dem persönlichen Speisezettel dieser Marionette und seines todbringenden Revolvers stehen!
Ein neuer Held betritt die Bühne
The Gunstringer
Doch bevor die Show beginnt, der Vorhang fällt und der Kinect-Spieler die Puppe mit seiner linken Hand zum Leben erweckt, begrüßt uns Twisted Pixel mit der ungewöhnlichen Präsentation. Ein Taxi fährt vor, eine gut gekleidete Zuschauerin steigt würdevoll aus dem Fahrzeug, schlendert in das Theaterhaus und macht es sich auf dem flauschig rotem Sessel bequem - mit Schauspielern und wohl einigen wenigen Entwicklern des Studios gefilmtes Material, welches uns direkt an klassische B-Movie-Kost erinnert. Auch der wohldurchdachte Humor, während die Artisten im Hintergrund in wilder Hast eine Schubkarre voll Dreck anfahren, das klapprige Skelett begraben und die Bühnenshow vorbereiten, lässt uns schmunzeln. Auf was für ein verrücktes Ding haben wir uns da nur eingelassen? Tja, auf einer der kreativsten Rail-Shooter und ein wahnwitziges Abenteuer, welches einem Schubladendenken geradezu Lügen straft!
The Gunstringer
The Gunstringer - so wird die blaue Skelett-Puppe liebevoll genannt, ein Kunstwort aus Gunslinger (Revolverheld) und String (Faden/Schnur) - wird unter tobenden Applaus des Publikums von uns persönlich an Fäden aus seinem Grab gezogen, ist aber noch etwas wackelig auf den klapprigen Beinen. Doch schnell hat man die Gestik durchschaut. Wird die Hand gehoben, hüpft der Revolverheld über Hindernisse und Abgründe hinweg, wird diese stattdessen horizontal bewegt, entgeht man Geschossen und gefährlichen Kanonenkugeln. Mit der rechten Hand werden die Opfer anvisiert und lässt man die Hand wie eine abgeschossene Pistole nach oben schnellen, werden bis zu sechs Ziele zugleich vom Bildschirm gefegt - mehr Patronen passen selten in die Trommel des silbrig glänzenden Argumentationsverstärkers. Flammenwerfer oder Shotgun können den Rachefeldzug bisweilen aber genüsslich versüßen und der Cowboy-Marionette ein imaginäres Lächeln in das abgemagerte Gesicht zaubern. Die Handhabe hat zwar immer wieder mal, wenn auch wirklich selten, so seine Macken, klappt aber sonst recht ordentlich und ist sogar sitzend möglich!
Wenn schon nicht der Feind, so können wir umso mehr lachen
The Gunstringer
Dank reichlich untoter Lebensenergie geht dem Helden nur selten die Luft aus. Der erstmalige Durchgang bis zum finalen Sieg über die ehemalige Banditen-Bande ist wahrlich keine harte Nuss und birgt prinzipiell auch kaum eine Herausforderung - es sei denn ehrgeizige Gesellen sind auf Gold-Auszeichnungen und Moneten für den Shop und deren zusätzlichen Extras wie Videos und Fotos aus. Denn ein Gegentreffer bedeutet auch den Verlust des mühevoll aufgebauten Multiplikators und beeinflusst somit vehement das Ergebnis bei der Abschlussauswertung eines jeden Abschnittes. Dies und die anschließend vorhandenen höheren Schwierigkeitsgrade müssen neben dem abgrundtief genialen Humor aber letztendlich ausreichen, um dem Gunstringer auch nach 3-4 Spielstunden noch treu zu dienen. Denn das Klappergestell flunkert nicht, lässt ohne mit der Wimper zu zucken sofort Blei sprechen und hat innerhalb dieser kurzen Zeit den wilden Westen komplett leer gefegt, da lebt keine Maus und kein Aasgeier mehr! Und nicht nur diesen, wie uns Twisted Pixel zum Schluss mal wieder genüsslich vor Augen hält. Ich vermag mich gar nicht mehr zu erinnern, wann ich ein derartiges Spielende zuletzt bewundern durfte!
The Gunstringer
Die Entwickler sind wahrlich immer und immer wieder für eine glorreiche Idee oder Überraschung zu haben! Ein Blick auf das Artdesign lässt zwar reichlich Raum zur Kritik, denn die Technik ist wahrlich nicht gerade ein Augenschmaus und bietet gar biedere Texturen und matschige Aussichten auf das kunterbunte Szenario, doch der skurrile Kinderzimmer-Stil lässt all diese Mankos nahezu verblassen. Gebastelte Häuser, Bäume aus zusammengesteckter Pappe und bemalte Hintergründe erinnern uns stets daran, dass sich alles auf einer Bühne abspielt, dessen Publikum mit real gedrehten Szenen dargestellt ist und uns vorgaukelt, nicht ein Videospiel vor Augen zu haben. Manchmal müssen die Artisten gar handgreiflich ins Geschehen eingreifen und bringen mit einer Faust das komplette Szenario zum Einsturz. Herzlich amüsant vor allem die zahlreichen Requisiten und Bühnendarsteller: Kuherden gebastelt aus Bierdosen, ein Steckenpferd als Reittier für den Revolverhelden und platte Figuren, die mit einem Schuss einfach nur umkippen - der Titel sprüht einfach vor Kreativität. Und immer wieder liefert uns der Schwenk ins Publikum Begeisterungstürme inklusive Standing-Ovation und einem Blumenhagel, oder empörtes Aufschreien und vor Furcht vergrabene Gesichter, wenn die Geschichte mal wieder unziemliche Sitten zu Tage bringt. Ein Liebes-Techtelmechtel mit einem Krokodil kann durchaus mal abstoßend wirken!
The Gunstringer
Passend dazu plappert beständig ein Erzähler mit rauer, aber durchdringender Stimme die Geschichte im astreinen Englisch vor sich hin. Er unterbreitet dem Publikum nicht nur das Schicksal des Gunstringers, sondern auch seine Fehltritte, wenn wir mal wieder zu spät reagierten und das Skelett in den Abgrund schlittern ließen oder einer Kugel nicht mehr ausweichen konnten - ähnlich wie bei der Download-Überraschung Bastion vor ein paar Wochen! Aber mal ganz ehrlich, auf dem Bildschirm geht oft derart die Post ab, da hat man fast schon keine Zeit mehr, der Großvaterstimme am Lagerfeuer wirklich zu lauschen!
