Mehr Action + weniger RPG-Anteile = würdiger Nachfolger?
Wenn man von westlichen Rollenspielen redet, muss man BioWare wohl zwangsläufig als einen der grössten, bekanntesten und besten Entwickler nennen. Zu ihrem Portfolio zählen der Klassiker Baldur’s Gate, der Star Wars Jedi-Epos Knights oft he Old Republic oder die Sci-Fi Oper Mass Effect. Mit Mass Effect 2 ist nun der zweite Teil der als Trilogie geplanten Serie erschienen. Ob der Mittelteil qualitativ an den hervorragenden Vorgängen anknüpfen kann oder doch besser oder schlechter ist, hat sich nach knapp 50 Spielstunden herauskristallisiert.
Der neue, bessere Shepard
Da Mass Effect auch schon im ersten Teil viele Entscheidungen dem Spieler selber überlassen hat, hat auch jeder Spieler seine oder ihre eigene Geschichte erlebt. Die Hauptgeschichte bleibt aber im Kern für jedermann die gleiche. Die Reaper, eine uralte und feindselige Spezies, haben versucht ein Masseportal zu öffnen, um ihnen selbst das Tor zu den verschiedenen bewohnten Galaxien zu öffnen. Dies in Form der Sovereign, einem Reaperschiff das auf eine Art Gedankenkontrolle zurückgreifen kann. Dadurch hat die Sovereign die Kontrolle über einen abtrünnigen Spectre mit dem Namen Saren übernommen. Obwohl Saren mit Hilfe einer Armee von Geth, einer synthetischen und aggressiven Alienrasse, alles daran gesetzt hat das Portal zu öffnen, konnten Commander Shepard und seine Crew das schlimmste verhindern, Saren töten, die Geth Armee zurückschlagen und alle Lebewesen vor dem sicheren Untergang bewahren.
Mass Effect 2 startet mit der Introsequenz im Anschluss an diese Ereignisse. Shepard jagt zusammen mit seinem Team an Bord der Normandy die noch verbliebenen Geth in den verschiedensten Planetensystemen. Auf einem scheinbar normalen Patroullienflug wird die Normandy von einem unbekannten Schiff attackiert und schwer beschädigt. Zwar schafft es Shepard gerade noch rechtzeitig den Grossteil seiner Crew aus dem Schiff zu schaffen, doch als die Normandy ein weiteres Mal einen Treffer einstecken muss, reisst es sie in tausend Stücke und Shepard treibt bewusstlos in der Leere des Weltalls.
Die eigentliche Geschichte beginnt zwei Jahre nach den Ereignissen rund um den Angriff auf die Normandy. Obwohl Shepard eigentlich dabei gestorben ist, hat die mysteriöse Cerberus Gruppierung seinen leblosen Körper geborgen. An Cerberus können sich vielleicht noch einige Kenner des Vorgängers erinnern, wo sie öfter durch seltsame und fragwürdige Experimente aufgefallen ist. Mit Hilfe des aufwendigen Lazarus-Projekts ist ihnen ein Geniestreich gelungen, denn sie haben es geschafft Shepard ins Leben zurück zu holen. Natürlich war das ganze keine rein selbstlose Tat, denn Cerberus, welches ausschlieslich aus Menschen besteht, benötigt Hilfe die nur der erfahrene Commander Shepard bieten kann. Cerberus wird von einem undurchsichtigen, aber durchaus sympathischen Menschen geführt, welcher nur der Unbekannte genannt wird und ausschlieslich durch holografische Videokonferenzen mit dem Spieler in Kontakt tritt. Wie schon erwähnt, benötigt er Hilfe bei einer extrem merkwürdigen Serie von Vorfällen braucht. Ganze menschliche Kolonien in den äusseren Systemen verschwinden spurlos von der Bildfläche. Wie Politiker nun mal so sind, kümmern sie sich nicht darum, sondern verschliessen einfach die Augen davor, da die betroffenen System relativ weit vom Zentrum entfernt sind. Shepard wird damit beauftragt diese Vorkommnisse zu untersuchen und sich um die anstehende Bedrohung zu kümmern.
Etwa die erste Hälfte des Spiel besteht die Aufgabe darin, eine neue Crew für die bevorstehende Mission zusammen zu suchen. Habt ihr schliesslich ein schlagkräftiges Team beisammen, macht ihr euch gemeinsam auf, die gesamte Menschheit vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Mehr und detaillierter werde ich auf die Story nicht eingehen, denn die Geschichte baut das Sci-Fi Drama gekonnt auf die Vorgeschichte auf und zieht den Spieler völlig in einen Strudel aus Emotionen, Storywendungen und einer ordentlichen Portion Action. Das bedeutet aber nicht das man den Vorgänger zwangsläufig gespielt haben muss um die Geschichte zu verstehen, denn die Ereignisse des Vorgängers werden nochmal aufgezeigt. Natürlich ist es aber spannender den ersten Teil gespielt zu haben, da die Geschichte ja direkt fortgesetzt wird.
RPG-Light
Wie schon bei Mass Effect präsentiert sich die Fortsetzung als 3rd-Person Shooter mit Rollenspielelementen, wobei diese deutlich abgespekt wurden gegenüber dem Vorgänger. Selbstverständlich ist auch das geniale Dialogsystem aus dem ersten Teil wieder vorhanden, doch dazu später mehr. Steuerungstechnisch bleibt das Spiel dem Genre treu: Geschossen wird mit RT, präzise gezielt mit LT und bei einem Druck auf die A-Taste geht Shepard hinter Objekten in Deckungen. Haltet ihr LB gedrückt, friert das Geschehen ein und ihr könnt in einem Kreismenü die Waffe für euch und eure Teamkameraden auswählen. Mit RB könnt ihr in einem ebensolchen Menü auf eure Spezialfähigkeiten und die eurer Gefährten zurückgreifen, um den Gegnern ordentlich einzuheizen. Mit dem Steuerkreuz könnt ihr eure Mitstreiter manuell an gewisse Stellen manövrieren, um möglichst effektiv zu kämpfen. Auf die restlichen Tasten könnt ihr eure eigenen Spezialangriffe legen, um schnell auf sie zurückzugreifen. Die Steuerung spielt sich angenehm flott und die Action geht gut von der Hand. Schnell kann der Spieler es mit mehreren Feinden gleichzeitig aufnehmen und sogar je nach Typ die richtigen Fähigkeiten auswählen. Einzig störend ist die Tatsache, dass man nicht direkt über niedrige Hindernisse klettern kann. Mühselig muss zuerst dahinter in Deckung gegangen werden, um es dann im Anschluss überqueren zu können. Im Gegensatz zum Erstling spielen sich die Kämpfe deutlich flotter, dynamischer und actionorienter.
Ein wichtiger Anteil des Vorgängers war das ausgeklügelte Dialogsystem, verbunden mit einem Gut-Böse Charismasystem. Mit vielen Personen und in diesem Teil besonders den eigenen Crewmitgliedern lassen sich ausgedehnte Gespräche führen. Dabei habt ihr jeweils mehrere Antwortmöglichkeiten. Die einen davon sind die Aussagen eines positiv denkenden Individuums, der immer das gute sieht und den strahlenden Helden darstellt. Das Gegenteil dazu sind natürlich negativ, böse und teilweise schon fast diabolische Antwortmöglichkeiten. Ausserdem gibt es immer noch eine neutrale Aussagemöglichkeit, für die unentschiedenen unter den Spielern. Für die jeweiligen Aussagen gibt es im Anschluss an die Gespräche guter oder schlechte Punkte auf eurer Charismaleiste. Habt ihr eine der beiden Möglichkeiten hoch genug, ergeben sich in gewissen Gesprächen noch weitere, charismabezogene Gesprächsmöglichkeiten. So kann man mit diesen erweiterten Aussagen möglicherweise einen Streit schlichten, der bei den normalen Aussagen in einem Kampf geendet hätte. Neu sind Aktionen die während den Zwischensequenzen getätigt werden können. Erscheint während einer Sequenz ein rotes oder blaues Emblem, kann jeweils RT oder LT gedrückt werden, wodurch Shepard dann der Ausrichtung entsprechend handelt. So kann man einen in die Enge getriebenen Wachmann von der Hauskante schubsen oder eine bevorstehende Exekution verhindern. Das Ganze ist wirklich spannend eingebunden, denn je nach Aktion kann man sich in bevorstehenden Kämpfe durchaus einen Vorteil verschaffen, wenn man es zum Beispiel übers Herz bringt einen friedlichen Mechaniker zu erledigen, damit dieser einen Hubschrauber nicht reparieren kann.
Wie schon angedeutet wurde der Rollenspiel Anteil deutlich verringert. Die Figuren haben weniger Fähigkeiten, die aber teilweise mehrere der ursprünglichen in einem vereinen. Durch erreichte Stufenanstiege erhaltet ihr Skillpunkte mit denen ihr eure Fähigkeiten verbessern könnt. Habt ihr genügend Punkte investiert könnt ihr die jeweilige Fähigkeit noch einmal eurem Spielstil entsprechend ausrichten. Sammeln könnt ihr im Grunde nur noch wenige verschiedene Sachen. Hauptsächlich findet ihr Geld, manchmal auch Upgrades oder Rohstoffe. Verschiedene Rüstungen für eure Crew gibt es nicht. Ausschliesslich für Shepard gibt es einige verschiedene Verbesserungen für verschiedene Körperteile, die das Aussehen der Rüstung aber nicht massiv verändern. Schade das man sein Team nicht mehr nach eigenem Gusto anpassen kann. Unterschiedliche Waffen gibt es immernoch, für die Klasse des Soldaten gibt es sogar noch die schweren Waffen. Diese gehen vom Raketenwerfer bis zum Mini-Nuklearraketenwerfer. Andererseits stehen euch Klassen wie der Biotiker zur Verfügung der hauptsächlich auf seine übernatürlichen Fähigkeiten zurückgreift, während der Infiltrator eher gemälich voran geht und die Feinde per Scharfschützengewehr erledigt. Bei Mass Effect 1 standen regelmässig Ausflüge auf Planeten auf dem Plan, wo ihr euch mit dem Mako, einer Art Panzerfahrzeug zu euren Missionszielen begeben habt oder mit welchem ihr den Planeten erkunden und Gegenstände sammeln konntet. Die Steuerung dieses Fahrzeuges war jedoch eher dürftig und auch das Erkunden war nicht allzu spassig, da die Planetenoberflächen ausserordentlich öde und langweilig gestaltet wurden. Diese Passagen wurden bei Mass Effect 2 komplett gestrichen, stattdessen scannt ihr die Planeten vor eurem Schiff aus. Dabei prüft ihr die Oberfläche wo ihr mit Hilfe eines Messgerätes schnell erkennen könnt, ob Rohstoffe vorhanden sind. Schlägt das Gerät entsprechend aus, schickt ihr auf Tastendruck eine Sonde los, die euch die entsprechenden Rohstoffe abbaut und eurem Konto gut schreibt. Unglücklicherweise ist dies auch nicht allzu spannend und die Suche gestaltet sich ab einem gewissen Punkt nur noch als notwendiges Übel, da die Rohstoffe als Zahlungsmittel für Upgrades für Waffen oder das Schiff gebraucht werden. Allerdings lassen sich auch Rohstoffe während den Missionen selbst finden, verteilt in Kisten oder einfach so frei herumliegend. So ist eine allzu ausufernde Suche nicht nötig, oft reicht es grob einige wenige Vorkommen abzugrasen, da sowieso mehr als genügend Planeten zur Verfügung stehen. In die Missionen startet man nun entweder direkt vom Schiff aus oder man sammelt diese zuerst in einer Stadt oder Siedlung auf dem Planeten ein und reist dort per Shuttle ins Kampfgebiet. Dort angekommen wird aber leider nur Geradlinigkeit geboten. Ihr kämpft euch durch die Levels vor, während meist schon vorher klar ist, wann neue Gegner erscheinen. So kämpft ihr euch eigentlich Arena um Arena vor, während ihr einige wenige Gegenstände einsammeln könnt, die aber alle leicht zu finden sind, da gar nicht viele Abzweigungen oder Räume zum erkunden einladen. Leider ist auch die künstliche Intelligenz der Verbündeten, aber auch die der Feinde relativ dürftig ausgefallen. Aus unerklärlichen Gründen rennen sie aus der sicheren Deckung, mitten ins Speerfeuer der Feinde. Wenn das eure Feinde machen, schön und gut. Sobald aber einer eurer Verbündeten eine solche Aktion durchzieht, ist das mehr als ärgerlich. Zwar könnt (auf höheren Schwierigkeitsgraden ist das ganze sogar ein muss) ihr euren Verbündeten per D-Pad klare und einfach Befehle erteilen, aber ein bisschen Intelligenz hätten die guten Männer und Frauen unter Shepard doch verdient.
Technisch auf hohem Niveau
Auf der technischen Seite kann Mass Effect 2 fast durchwegs punkten. Auch wenn die Levels sehr geradlinig sind, sind sie meist sehr detailiert gestaltet und ausserdem ebenso atmosphärisch ausstaffiert. Besonders die wenigen grösseren Städte sind atmosphärisch erstklassig eingefangen worden. Einzig bei manchen Kampflevels sind teilweise durchschnittliche Texturen zu erkennen oder ganze Bauten wirken irgendwie nur schnell, schnell hinein gepflanzt. Die Figuren sind toll animiert, besonders bei den Gesichtern sind selbst die kleinsten Emotionen zu erkennen. Besonders imposant wirkt die Tatsache, dass sich Mass Effect 2 schon fast wie ein interaktiver Film anfühlt. In den Zwischensequenzen werden spektakuläre Kamerafahrten geboten, während in den Szenen an sich ordentlich die Post abgeht. Ein Negativpunkt sind die teilweise sehr langen Ladesequenzen, wenn ihr beispielsweise den Lift auf eurem Schiff nutzt. Musstet ihr im Vorgänger noch den Lift an sich betrachten, während dessen das Spiel geladen hat, wird euch nun einfach ein simpler Ladebildschirm geboten. Zwar gelobten die Entwickler eine Verbesserung in diesem Bereich, doch effektiv getan hat sich nichts. Nicht wirklich schlimm, aber dennoch störend ist die Tatsache dass sich die verschiedenen Figuren in den Dialogen teilweise sehr merkwürdig verhalten. Mal stehen sie mit dem Rücken zu euch, während sie euch direkt anreden oder sie drehen sich während dem Gespräch einfach einmal um die eigene Achse. Der Sound gibt sich auch keine Blösse, imposante und epochale Musikstücke hüllen euch in eine Atmosphäre, die das Sci-Fi Flair des Spiels perfekt einfängt. Die deutsche Synchro ist gut gelungen, kann jedoch, besonders bei einigen Nebenrollen, nicht immer auftrumpfen. Die wichtigen Hauptpersonen haben jedoch jeweils einen passenden Synchronsprecher, der jeweils mit einer ordentlichen Portion Leidenschaft an die Sache herangegangen ist.
Ein würdiger Nachfolger?
Keine Frage, Mass Effect 2 ist ein episches, durchwegs gelungenes und einfach fantastisches Weltraumabenteuer. Leider gibt es zu viele kleine Ungereimtheiten, die bei dem ansonsten herrschenden hohen Niveaus des Spiels, störend auffallen. Seien dies kleinere Grafik-Bugs, die verkorkste KI oder der magere Rollenspielanteil. Nichts desto trotz ist Mass Effect 2 eine Bombe, denn der Mix aus 3rd-Person Shooter und Rollenspiel geht vollends auf. Auch technisch kann das Spiel fast immer die volle Punktzahl einfahren.