Ein durchaus ansprechender Fußballmanager mit zahlreichen und zum Teil schwerwiegenden Kinderkrankheiten.
Fussball Manager 06
Jetzt habe ich die ganze Zeit über die Neuerungen an "Fussball Manager 06" gesprochen und dabei glatt vergessen mitzuteilen, um was es überhaupt geht. Das Genre der Sport Manager gehört nach den Adventures und den Simulationen zu den Ältesten in der Geschichte der komplexeren Computerspiele. Angefangen hat es mit Managern zu Baseball, dem Nationalsport der US Amerikaner. In Europa machte der "Football Manager" von Addictive den Anfang und in Deutschland hieß der Urahn ganz simpel "Bundesliga Manager". Der "Fussball Manager 06" von Electronic Arts steht ganz in der Tradition des letzteren Titels. Das Spielprinzip ist recht einfach zu erklären: Man übernimmt mit seinem elektronischen Alter Ego die Geschicke eines Vereins und versucht mit diesen möglichst erfolgreich zu sein. Dies ist die Quintessenz des Genres. Ich habe dabei schon wieder die typischen Floskeln "Kannst Du es besser?" oder "Sei der bessere Manager" aus Fachpresse und Werbung in den Ohren. Wann werden endlich alle Beteiligten begreifen, dass es überhaupt nicht darum geht, ob ein Spieler der bessere Manager eines Vereins wäre, sondern darum, Erfolg zu haben und sich an seinen simulierten Erfolgen zu freuen. Bei "Fussball Manager 06" stehen die üblichen Spielarten zur Auswahl: Entweder man sucht sich einen der vielen Vereine aus, man startet als Arbeit suchender Manager eine so genannten echte Karriere oder man gründet gleich seinen eigenen Verein. Man kann entweder allein oder mit bis zu vier Spielern gleichzeitig an einem Rechner antreten. Den Spielverlauf im Detail zu beschreiben ist in Anbetracht der Komplexität praktisch unmöglich. Einfach ausgedrückt übernimmt man, wie bereits gesagt die Geschicke eines Vereins und muss sich nun mit den verschiedenen Aspekten auseinandersetzen. Auf der einen Seite muss man sich mit den finanziellen Angelegenheiten befassen. Es müssen Sponsoren gefunden, Fanartikel bestellt oder Kredite aufgenommen werden. Das Herzstück ist aber die Mannschaft, die man gemäß der finanziellen Mittel gestalten kann. Es werden also neue Spieler geholt und andere verkauft. Da sich die Spieler in ihren Fähigkeiten unterscheiden, muss man hier etwas Voraussicht walten lassen. Je nachdem wie die Mannschaft beschaffen ist, bieten sich die unterschiedlichsten Möglichkeiten zur Aufstellung und wehe wenn der Starstürmer verletzt ist. Die Taktik und die Mannschaftsaufstellung nimmt dementsprechend viel Zeit in Anspruch. Dazu sollte man das Training nicht aus den Augen verlieren und auch die Jugend fördern. Neben all diesen Aufgaben muss man in den unterschiedlichen Wettbewerben bestehen.
Fussball Manager 06
Es gibt also viel zu tun in einen Fußballmanager und nun will ich zur Bewertung kommen und wie sich der "Fussball Manager 06" dabei so schlägt. Um dies auch fair und objektiv zu tun, will ich aber kurz auf die wichtigsten Kriterien des Genres eingehen: Die zwei Konstanten in Sachen Sport Manager sind grob ausgedrückt der Unterhaltungswert und die Realitätsnähe. Der Unterhaltungswert ist das Ergebnis diverser Aspekte, wie zum Beispiel der Übersichtlichkeit, des Aufwands, der benötigen Spieldauer für eine Saison, wie verhält sich das Programm in der 30. Saison, hat man schnell Erfolg oder scheint es keinen Sinn zu machen oder ist es zu einfach. Die Realitätsnähe dagegen umfasst die Aspekte des Spielerstärkesystems, der Detailarbeit, der KI und der Nachvollziehbarkeit in den einzelnen Begegnungen selbst. Nur bei der richtigen Balance dieser beiden Seiten der Medaille kann man von einem gelungenen Fußballmanager sprechen.
Fussball Manager 06
Beim Vorgänger von "Fussball Manager 06" war diese Balance auf jeden Fall nicht gegeben, es war einfach ein grottenschlechtes Spiel. Anscheinend haben die Entwickler aber dazu gelernt: Die große Stärke des Titels ist die Realitätsnähe. Die Originaldaten und die Spielerphotos tragen ungemein zur Atmosphäre bei. Das neue Stärkesystem lässt scheinbar keine Wünsche mehr offen, aber eben nur scheinbar. Die Features die uns als Manager zur Verfügung stehen sind geradezu phänomenal. In diesem Bereich ist das einzige Manko, dass man nur bei 3D-Spielen auf das Match Analyse Tool zurückgreifen kann. Auch der Umstand, dass die Statistiken umständlich in der "Fussballwelt", so heißt die Webseite, untergebracht sind, ist ein bisschen ärgerlich. Bei der Grafik gibt es auch nichts zu meckern, dieser Bereich ist hervorragend gemeistert worden. So weit so gut, bis hier wäre der "Fussball Manager 06" ein Spitzenspiel. Aber, ja aber, es gibt auch noch die zweite Seite der Medaille, denn auf dieser ersten Seite war schon der Vorgänger vollkommen in Ordnung. Beim Unterhaltungswert liegt nämlich einiges im Argen. Seit ich an diesem Test schreibe, habe ich bereits die neunte Saison erreicht und langsam beginnt mein Magen deutlich zu rebellieren. Denn zwar haben die Entwickler die Menüführung deutlich überarbeitet und übersichtlicher zu gestalten versucht, ihr Ziel aber nicht ganz erreicht. Der Aufbau mit Reitern ist ja keine schlechte Idee, aber warum muss alles doppelt und dreifach angelegt sein. Auch habe ich nichts gegen tiefe Menüstrukturen, nur in diesem Fall wäre es wünschenswert, wenn man nicht alle Nase lang bis ins Untermenü XY müsste, um einige banale Dinge zu erledigen. Gerade hinsichtlich des sehr komplexen Stärkesystems ist man andauernd damit beschäftigt, dieses oder jenes zu kontrollieren oder zu verbessern. Ein großes Lob gibt es für die rechte Maustaste, die den Ärger über das restliche Menü-Tohuwabohu deutlich abmildert. Bei der Menüoberfläche lautet mein Urteil ganz klar: arg bemüht, aber immer noch nicht gut. Ähnlich verhält es sich mit den Spielertypen und den Spielerstärken. Wozu der ganze Aufwand, wenn das eine Feature das andere fast aufhebt? Wozu soll ich mich Tag ein Tag aus mit allen Werten auseinandersetzen um nur marginale Verbesserungen zu erreichen? Ein bisschen weniger, wäre definitiv mehr gewesen. Das Argument, dass man sich mehr anstrengen muss um Erfolg zu haben und so für mehr Realismus zu sorgen ist für die Katz' - man will ja spielen nicht arbeiten. Zudem stellt sich die gegnerische KI selten dämlich an, so viele Kantersiege habe ich zuletzt beim "Premiere Manager 2" 1993 eingefahren. Es scheint eben doch nicht darauf anzukommen, alles und jeden zu analysieren, sondern eher darauf, ein glückliches Händchen zu haben. Löblich dagegen ist, dass unterklassige Mannschaften nur noch selten das so genannte Pokalglück haben. Prima aber unwichtig und auch eher unrealistisch ist, dass die Spieler tatsächlich den Kommandos aufs Wort folgen. Die 3D-Darstellung der einzelnen Partien ist wie gesagt prima, doch auch sie gehört der Katz', denn fast niemand hat die Zeit und die Lust länger als eine Woche an einer Saison herum zu spielen. Der Textmodus ist dagegen endlich zu gebrauchen, auch wenn man die Ballposition weglassen hätte können und er insgesamt etwas zu langsam ist. Der "Fussball Manager 06" kommt einfach zu strömlinienförmig und gleichzeitig zu steif daher. Ein wirklich flüssiger Spielablauf will sich nicht einstellen.
Fussball Manager 06
Daneben kommen weitere Ärgernisse hinzu, die noch einmal deutliche Abzüge einbringen: Wo ist die Netzwerkoption? Da stellt sich die Frage, welcher damische Hirsch bei Electronic Arts denn ernsthaft glaubt, dass sich vier lammfromme und schildkrötenartig geduldige Spieler vor einem PC versammeln und jeweils ein halbe bis dreiviertel Stunde damit verbringen, dem gerade agierenden Spieler zuzusehen? Liebe Leute bei EA Sports, wenn man ein derart komplexes System aufbaut und es auch noch derartig gestaltet, dass man als Spieler tatsächlich die Details beachten muss und soll, dann kann man nicht einfach hergehen und nur eine popelige Hot Seat-Option anbieten. Dann muss man auch so schlau sein um ein vernünftiges Netzwerkspiel zu programmieren, denn der Mehrspielermodus trennt die Spreu vom Weizen. Ein Fauxpas nach dem anderen, denn auch der übliche Editor fehlt, soll aber per Patch noch nachgeliefert werden. Wo kommen wir denn da hin? Nachgeliefert werden? Da hat man wieder seine Hausaufgaben nicht gemacht. Die Originaldaten kann man sich nämlich getrost in die Haare schmieren. Oliver Kahn ist bei mir schon seit 5 Jahren nicht mehr aktiv und die Jungstars von heute sind mittlerweile auch nicht mehr ganz frisch. Statt das Geld für Lizenzen zu verpulvern, sollte man lieber gleich mitdenken und einen Editor integrieren. Außerdem ist es für mich immer wieder unverständlich, warum ich mit drei CDs jonglieren soll. Hat man in Kanada noch nicht von diesen runden Dingern, DVDs genannt, gehört? Den äußerst merkwürdigen Transfermarkt will ich lieber nicht auch noch erwähnen, hier bekommt man Spieler billiger als die Post erlaubt und warum muss man manche Funktionen gleich mehrfach im Menü einbauen, damit es unübersichtlicher wird?
