Fantastisch! Telltale Games beweist einmal mehr grandiose Erzählkunst und ehrt damit den Schöpfer George R.R. Martin von "Das Lied von Eis und Feuer", der Serie auch besser bekannt als "Game of Thrones". Typische Telltale-Adventure-Kost für Liebhaber jener Spiele und der grandiosen Fantasy-Serie. Nur leider bleiben die Entwickler auch technisch ihrer Linie treu.
Wer die dritte Staffel des HBO Hits "Game of Thrones" noch nicht gesehen hat bzw. nicht durch den sechsten deutschen Band von George R.R. Martins Epos ist – dies aber noch angehen möchte – sollte sofort das Lesen aufhören und sich nicht weiter um dieses Episoden-Adventure kümmern. Kommt zurück, sobald ihr den relevanten Hintergrund zum Spiel verdaut habt. Denn Telltale Games erzählt nicht wie noch in "The Walking Dead" eine fiktive Geschichte, die nur die Thematik gemein hat, sondern eine ungeschriebene Handlung, die sich nahtlos in das Geschehen einpasst und einerseits mehr über einige Charaktere offenbart, andererseits die Geschehnisse nochmals aufarbeitet und gekonnt weiter erzählt.
Die Rote Hochzeit
Quelle: PC Games
Am Spielprinzip verändert Telltale wenig - es geht einzig um die Geschichte.
Feiern mit den Rittern aus dem Norden. Trinksprüche auf den König Robb Stark aussprechen und genüsslich den Wein genießen: Das Fest vor den Zwillingen der Freys ist im vollen Gange und inmitten dieser unheilvollen Nacht startet das Abenteuer. Denn kaum hat man sich an die bisher nur in Englisch vorhandene Sprachausgabe und ggf. englischen Untertitel gewöhnt, nimmt die Tragöde der "Roten Hochzeit" ihren wohlbekannten Lauf. Im Spiel bekommen wir das blutige Gräuel der Hochzeitszeremonie, die jeden Leser und HBO-Zuschauer im Gedächtnis eingebrannt sein dürfte, zum Glück nicht nochmals serviert. Die Geschichtsschreiber bei Telltale kümmern sich um das eher weniger bekannte Haus Forrester, treue Gefolgsleute der Starks. Der ehrwürdige Lord und sein hoher Sohn sterben in dieser ereignisreichen Nacht einen bitteren Tod. Nur des Lords Knappe kehrt in die Lordschaft zurück.
Gebeutelt durch den Tod des Herren, Angst vor der neuen Herrschaft des Verräters an den König des Nordens, Roose Bolton, sowie ein knabenhafter Regent für das Hause Forrester liefern genügend Zündstoff für die Geschichtsschreiber von Telltale, um uns über zwei Stunden vor den Bildschirm zu fesseln. Wenn ich ganz ehrlich bin, hat die erste Episode von insgesamt sechs ein paar Momente gebraucht, bis mich das Schicksal des Knappen Gared Tuttle, Ethans Forrester oder seiner Schwerster als Begleiterin ihrer Herrin Margaery wirklich in den Bann gezogen hat. Es plätschert anfänglich ein wenig vor sich hin. Wie gewohnt ist das Adventure mehr Film bzw. Geschichte als Spiel und ihr solltet wirklich gutes Englisch mitbringen. Die Dialoge sind grandios ausgearbeitet, mit Schalk und spitzfindigen Anmerkungen versehen und die Sprecher sorgen mit leichten Dialekten für einen wahren Hörgenuss. Die wohlbekannten Entscheidungen innerhalb von wenigen Sekunden lassen euch aber gar keine Zeit, das Gesagte mühselig zu übersetzen. Schnelle Entscheidungen sind gefragt und diese können ungeahnte Folgen haben. Ja? Wer Telltale Spiele kennt, weiß, dass der Grundriss niemals verrückt wird und nur Kleinigkeiten durch die Entscheidungen beeinflusst werden. Dennoch schwitzt man immer wieder und will eigentlich keine Meinung kundtun.
Ein Wiedersehen mit bekannten Helden
Quelle: PC Games
Entscheidungen beeinflussen das Spiel meist nur marginal.
Ohne nun die Spannung bezüglich einiger grandioser Dialoge und Auseinandersetzungen vorweg zu nehmen, an dieser Stelle seien vor allem Königin Regentin Cersei Lennister wie auch der Gnom Tyrion Lennister, aber auch der Bastardsohn Ramsay Schnee als Appetithäppchen mal eingeworfen, kann man viel falsch oder richtig machen. Was gebe ich auf einen Schwur gegenüber einem Lord? Wie verhalte ich mich in einem Kreuzverhör mit der Königin Regentin? Wie kann ich das Haus Forrester vor dem drohenden Untergang durch den bluttriefenden Erzfeind und seiner schützenden Hand retten? Ganz ehrlich, die Intrigen und das wirre Spiel um Macht, wie es bereits George R.R. Martin in seinen Büchern inszeniert, ist den Spielen von Telltale wie auf den Leib geschnitten. Auch der beständige Wechsel zwischen drei Hauptcharakteren bekommt der ersten Episode gut und peppt das Geschehen auf. Schlussendlich, das grandiose Finale dieser Episode hätte der Großmeister George R.R. Martins nicht besser inszenieren können. Noch immer habe ich zittrige Finger und kann das Geschehen nicht fassen.
Doch das "Spiel" kann als solches nicht bezeichnet werden, das dürfte bei Telltale aber eh schon bekannt sein. Es ist wieder mal eher ein Film und wer nichts mit "Game of Thrones" anfangen kann, bzw. bereits bei anderen Telltale Ablegern nicht warm wurde, sollte auch hier die Finger von lassen. Sporadisch gibt es kleinere Actionszenen, in denen wir hastig eine Taste drücken, um nicht einen Kopf kürzer da zu stehen. Es gibt auch mal die Möglichkeit, etwas einzustecken, muss man aber nicht. Ob die Entscheidungen aber das Ende der ersten Episode verhindern könnten? Wohl eher nicht. Denn nach wie vor zieht sich eine Haupthandlung durch das Spiel wie ein roter Faden. Dialoge können abgekürzt und manche Szenen einfach übersprungen werden – wirklich wichtiges verpasst man aber nicht. Manch Szene lässt aber erhoffen, dass sich die Entscheidungen auf die kommenden Episoden noch auswirken werden.
Quelle: buffed
Die Gesichtsanimationen bleiben durchgehend hölzern.
Technisch wirkt alles mal wieder etwas zu altbacken. Die wie in Öl gezeichneten Hintergründe sind eigenartig anzuschauen und auch die Animationen, vor allem die Gesichtsmimik lässt zu wünschen übrig. Dies fällt vor allem auf, wenn die bekannten Stars wie Lena Headey (Cersei Lennister), Peter Dinklage (Tyrion Lennister) und Iwan Rheon (Ramsay Snow bzw. Bolton) ihren virtuellen Konterfeis Leben einhauchen. Stocksteif agieren die virtuellen Ebenbilder, mit wenigen Ausnahmen. Die Charaktermodelle wurden aber sehr gut getroffen und auch die gesprochen Dialoge sind superb anzuhören. Die Xbox 360 Version wird darüber hinaus von ordentlichen Ladehemmungen geplagt. Diese bringen das Bild als auch die Soundspuren teilweise gewaltig ins Stocken. Auf der aktuellen Generation dagegen läuft der Titel um einiges flüssiger und derartige technische Probleme fallen nur ganz selten mal auf.
