Gears of War macht einen Schritt zurück: Am vierten Teil der Serie haben nicht die Markenväter Epic gearbeitet, sondern People Can Fly entwickeln lassen. Gears of War: Judgment ist nämlich keine Fortsetzung der Reihe, sondern ein Prequel. Es spielt zu Beginn der Locust-Kriege. Wir haben den Xbox-360-Exklusivtitel durchgespielt und verraten euch alle Details zur Kampagne und dem Horde-Ersatz "Survival" in unserem Test!
Gears of War ist wieder da. Überraschung: Es stammt nicht von Epic Games! Die arbeiten wahrscheinlich schon an einem Unreal Engine 4 Spiel, das pünktlich zum Start der Xbox 720 auf den Markt kommen könnte. Für Gears of War: Judgment (das e fehlt in der amerikanischen Schreibweise) hat man sich deshalb das polnische Studio People Can Fly ausgesucht. Die sind bislang vor allem für Painkiller und Bulletstorm bekannt, haben 2007 aber schon an der PC-Portierung des indizierten Gears of War [1] gearbeitet. Unbekannte im Universum von Locust und KOR sind sie also nicht.
Quelle: Epic Games/People Can Fly
Gears of War: Judgment im Test: Maue Story verhagelt die Traumwertung (4)
Die Prequel-Auskopplung Judgment spielt sogar noch vor den Geschehnissen von Gears of War. Man erlebt die Zeit nach dem E-Day (Emergence-Day), dem Kriegsbeginn gegen die Locust. Das passiert satte 15 Jahre vor der Handlung der anderen Teile. People Can Fly erzählt die Geschichte von Lt. Baird und seinem Kilo-Squad, dass im Kampf gegen die Locust zu harten Mitteln greift und deshalb vor dem Kriegsgericht steht. Die fünf Mitglieder des Squads erzählen Abwechselnd wie es zur Verhaftung durch eigene KOR-Soldaten kam – erzählt wird das im Stil von Zeugenaussagen. Schon bei der Vorschau klang das in unseren Ohren toll. Während die Figur vor Gericht aussagt, spielen wir die Handlung nach und können Einfluss darauf nehmen. Leider schafft es Judgment nicht, eine ähnlich dichte Atmosphäre aufzubauen, wie seine Vorgänger. Die Ausgangslage vor Gericht ist zwar perfekt, die Macher haben das Potential der Geschichte aber nicht zu nutzen gewusst. Es wirkt, als würden die fünf Charaktere abwechselnd einfach von wild aneinandergehängten Schießereien erzählen. Character-Bonding ist so gut wie gar nicht drin und selbst Bossgegner General Karn übt bis zuletzt keine große Beklemmung in mir hervor, weil er im größten Teil der Handlung nur als weit entfernte Nebenfigur vorkommt.
Genau hier hätten die Entwickler einhaken können und Karn als bösartigen Despoten zeichnen können. Aber emotional schafft Judgment das einfach nicht. Wären da nicht deklassifizierte Missionen – man würde wirklich meinen, man spielt nur aneinandergereihte Gefechte nach. Solche Missionen in den Missionen lassen sich optional zuschalten. Die Aufgaben wirken sich ähnlich wie Schädel im Multiplayer aus und verlangen beispielsweise vom Spieler, vorgegebene Ziele in einer bestimmten Zeitspanne zu absolvieren oder gewisse Voraussetzungen zu erfüllen. In den allermeisten Fällen ist das gar nicht so schwierig, einige Missionen sind aber echt tricky. Etwa solche, in denen man nur Schrotwaffen oder Pistolen verwenden darf. Wer diese Missionen annimmt, wird am Ende jedes Spielabschnitts mit Extra-Sternen belohnt.
Wer hat den längsten – Sterne-Ranking
Quelle: Microsoft
Gears of War: Judgment im Test: Maue Story verhagelt die Traumwertung (8)
Um Gears of War noch kompetitiver zu machen, vergeben die Macher nun nicht mehr nur in Online-Matches Punkte, sie tracken jeden Spielfortschritt auch in der Kampagne. Das Spiel ist hierfür in viele Einzelabteilungen separiert. Nach jedem Spielabschnitt gibt es eine Wertung, basierend auf den Abschüssen, "fetzigen" Kills, angenommener Declassified Mission und Hinrichtungen. Hat man viele Gegner mit dem Lancer zersäbelt, gibt es Punkte, ebenso fürs coole in die Luft jagen von Feindleibern. Nur wenn man zu Boden geht, gibt es Abzug. Am Ende jedes Abschnitts wird das Ergebnis errechnet und mündet in drei möglichen Sternen (unterteilt in die Farben Bronze, Silber, Gold und Onyx).
Das System erlaubt zwar wirklich einen schnellen Überblick auf Highscores und Co. und gefällt uns, weil es den Wettbewerb selbst im Singleplayer in den Mittelpunkt stellt. Jedoch ist die Ausrichtung an vergleichbare Wertungen auch Schuld an der nervigen Fragmentierung des Spiels. Nach jedem großen Gefecht gibt es zuerst die Abrechnung, dann eine kleine Latschpassage und neue Aufträge. Der Aufbau und die ewige Wiederholung desselben Spielmusters ist es, die einem schnell auf die Nerven geht.
Viel Kampagne – ohne große Highlights
Quelle: Epic Games/People Can Fly
Gears of War: Judgment im Test: Maue Story verhagelt die Traumwertung (3)
Nun kann man wirklich nicht sagen, dass Gears of War: Judgment wenig Inhalt für sein Geld abliefern würde. Die Kampagne ist mit etwa acht Stunden schon im guten Bereich was Spielzeit anbelangt und liefert sogar optional noch eine zweite Story-Kampagne mit: Sobald man im Hauptspiel 23 Sterne freigeschaltet hat, kann man "Nachspiel" aktivieren. Die Kampagne neben der Kampagne spielt zu Zeiten von Gears of War 3 in Halvo Bay, dauert gut eine Stunde und schließt Fragen nach dem weiteren Verlauf der Teammitglieder. Einige von ihnen, etwa Lt. Baird und Augustus Cole, kommen nämlich in den Nachfolgern vor und müssen erst in das schon bestehende Universum eingebettet werden.
Eines der wenigen Highlights bleibt übrigens, dass endlich eine Frau Einzug in die männerdominierte Welt von Gears of War hält. Sofia Hendrik ist der erste spielbare weibliche Charakter der Serie und sie steht ihren männlichen Kollegen in nichts nach. Gut, ein wenig komisch wirkt es schon, dass die einzigen Andeutungen einer romantischen Beziehung der Frau auf den Leib geschrieben werden, Gefühle passen aber auch sonst nicht in die Welt von Cole, Baird und dem grummeligen Garron Paduk. Er ist der vierte im Bunde und eigentlich Unionist. Nach dem Waffenstillstand mit der KOR wechselt er die Seiten, um gegen die Locust zu kämpfen.
Ansonsten bleibt Gears of War: Judgment leider relativ Highlight-frei. Das Prequel kann weder inhaltlich noch inszenatorisch an die viel besseren Vorgänger anschließen. Selbst große Bosskämpfe wirken emotionslos: Man arbeitet sie nach Schema F ab.
Überleben ersetzt Horde
Quelle: Epic Games/People Can Fly
Gears of War: Judgment im Test: Maue Story verhagelt die Traumwertung (2)
Never change a running system – und People Can Fly tut es doch. Die polnischen Entwickler haben den beliebten Hordemodus über Bord geschmissen und einen vollkommen neuen erfunden. Survival heißt der und unterscheidet sich im Prinzip gar nicht so sehr von Horde. Spieler im Koop müssen E-Holes (auf Deutsch "Aus-Löcher") beschützen. Locust werden aus verschiedenen Richtungen versuchen, sie einzunehmen. Die Gegner spawnen in Wellen und werden von Mal zu Mal mehr und stärker, wie in Horde. Der Clou: Die fünf Spieler müssen eine von vier Klassen wählen und können nie alle Zugangswege zum E-Hole beschützen. Dadurch ist Survival sehr viel taktischer, schneller und dynamischer als Horde, in dem man die ersten paar Runden auch locker überlebt, indem man sich einbuddelt.
Der neue Versus-Modus Overrun basiert auf einem ganz ähnlichen Prinzip. Hier übernimmt aber ein Fünfer-Team die Kontrolle über die Locust und muss versuchen, drei Stellungen einzunehmen. In Survival hingegen, einem reinen Koop-Modus, spielt man zusammen gegen NPC-Schergen. Auch neu ist ein Free for All Modus. Das reine Deathmatch kommt uns bislang jedoch noch relativ unorganisiert vor – Overrun und Survival machen da deutlich mehr Spaß.
Das hat einen Grund: Sie sind kooperativ spielbar! Und das ist natürlich ein Grundpfeiler von Gears of War. Je mehr Leute, desto mehr Spaß wird man an Judgment haben. Auch die Kampagne ist im Koop spielbar, was uns gefallen hat. So kann man zumindest gemeinsam über die seichte Story-Vorlage lachen, während man immer wieder stumpfe Gefechte mit Locust führt.
Schönstes Gears der ganzen Serie!
Quelle: Microsoft
Gears of War: Judgment im Test: Maue Story verhagelt die Traumwertung (7)
Dass Judgment von einem neuen Studio stammt, sieht man dem Spiel an. Von der ersten Sekunde bis zur letzten fühlt man sich zwar im Gears-Universum zu Hause, sieht aber vor allem optische Veränderungen. Klar, PCF arbeitet auch nur mit der Unreal Engine 3, die Polen holen aber alles aus der Engine, was zu holen ist. Vor allem die Lichteffekte können begeistern und insgesamt wirkt Judgment einfach runder und realistischer. Es sind zwar nur kleine Nuancen, die verändert wurden, sie machen Judgment aber zum schönsten Teil der Serie.
Unschön sind aber gleichzeitig Ruckler und Hänger. Vor allem an den Übergängen zwischen Gefechtsabschnitten, wenn das Spiel speichert, kommt es oft zu Ruckeln. Das sollte wirklich nicht geschehen und zeigt, wie dringend Konsolen ein erweitertes Speichermanagment nötig haben!
