Böse - Böser - Overlord! Wir haben die Fantasyaction ausführlich von unseren Redaktionsschergen testen lassen.
Märchenoptik als trügerisches Gewand
Overlord 2
Ein Glück, dass die Triumph Studios wie schon im ersten Teil ein Händchen für atmosphärische Welten haben. Overlord 2 setzt sich nicht die Krone für die schönste Optik auf. Ganz sicher nicht. Dafür sind die Texturen zu schwach, das Kantenflimmern zu deutlich und die Kantenglättung bisweilen sogar störend. Dafür überzeugen aber das Design, die Farbgebung und die Ausgestaltung der verschiedenen Gebiete. Sowohl auf der Playstation 3, als auch auf der Xbox 360. Wobei erstere Konsole mit noch etwas kräftigeren Farben und besseren Kanten daherkommt, jedoch keine zwangsläufig bessere Performance abliefert. Denn auf beiden Kisten bleibt hier und da ein Scherge in der Luft hängen, Framerate-Einbrüche gehören beinahe zum Tagesgeschäft und weshalb man an diversen Wänden und Objekten Clipping-Fehler zu Gesicht bekommt, bleibt wohl ein Geheimnis der Qualitätsabteilung der Entwickler. Ärgerlich, denn es nimmt dem sonstigen Charme bisweilen etwas die Klasse.
Overlord 2
Doch zurück zur Story: Ihr seid mittlerweile erwachsen und habt eine Unterkunft. Eine große Unterkunft. Eine dunkle Unterkunft. Genauer gesagt beherrscht ihr eigentlich die ganze Unterwelt mit einem riesigen Turm als Hauptsitz. Dieser wiederum teilt sich auf in eine Schmiede, in der ihr später neue und bessere Rüstungen und Waffen schmieden solltet, die Blutgrube für den Aufenthalt und die Organisation eurer Schergen sowie neben eurem Thronsaal auch eure Privatgemächer, in denen geschlafen wird. Allein. Zumindest zu Beginn, doch dazu später mehr. Der Thronsaal fungiert als Startpunkt für eure nächsten Missionen, die sich zum einen in die Hauptstory, als auch kleinere Nebenmissionen aufteilen. Zweitere halten sich jedoch in Grenzen und belaufen sich leider nur auf das übliche Vernichten einer ganz bestimmten Anzahl von Gegnern oder dem Niederschlagen eines feindlichen Truppenauflaufs.
Hilfe, die Schergen sind los!
Overlord 2
So, wir sind erwachsen, haben die gesamte Unterwelt, die Schergen....halt, haben wir nicht! Denn wie es der Spielaufbau nun mal will, besitzt ihr anfangs nur die braunen Schergen. Die anderen Arten sind quer über die Landschaften verteilt und müssen zusammen mit ihren Nestern erst von uns aufgespürt werden. Nun gut, dass ist immerhin ein Grund, nicht gleich das Kaiserreich zu zerstören, sondern auch anderen Gebieten einen vernichtenden Besuch zu gestatten. Auf der Suche nach den Nestern werdet ihr, sofern ihr den Vorgänger kennt, mit einigen Neuerungen konfrontiert: So gilt es beizeiten Katapulte zu bedienen, was zugegebenermaßen relativ unspektakulär, aufgezwungen und nicht wirklich überzeugend präsentiert wird, und als großer Overlord in einen Schergen zu schlüpfen.
Richtig gelesen, denn an speziellen, magischen Orten müsst ihr dies tun, um in ansonsten unerreichbare Regionen zu gelangen. Diese Abschnitte wiederum, in denen ihr kleine Stichwege erkundet, mit den "Grünen" in spaßiger Stealth-Manier eine ganze Burg einnehmt oder mit den blauen Schergen durchaus, und jetzt nicht stöhnen, für den Kopf ansprechende Rätsel- und Geschicklichkeitseinlagen absolviert, sorgen für erfrischende Abwechslung im Spielverlauf. Die zwar begrenzten, dafür allerdings schön inszenierten Bossgegner sind allesamt gut durchdacht, ebenfalls abwechslungsreich und sind - nicht schon wieder stöhnen - keinesfalls mit dem einfachen "Hau Druff!"-Prinzip zu erledigen.
Overlord 2
Übrigens gibt es in den Welten auch eine Vielzahl von Artefakten und Kristallen zu entdecken, die euch mehr Lebenskraft, neue Schmiederezepte und einiges mehr bescheren. Da spezielle Zugänge manchmal nicht erreichbar sind, weil euch eine Schergenart fehlt, lohnt sich demnach auch die Wiederkehr in bereits besuchte Gebiete.
Praktisch: Die Entwickler haben endlich eine Minimap in das Interface eingebaut, was die Koordination und Wegfindung hier und da einfacher werden lässt. Über den Weg laufen euch überdies auch drei hübsche Damen, die eure Mätressen im Turm werden. Diese lassen allerdings nicht nur eure Nächte bunter werden, sondern bedienen euch auch mit Reittieren: Wölfe, Spinnen und Salamander können von euren Schergen infolgedessen geritten werden, wodurch sie kräftiger werden und mit weiteren Fähigkeiten ausgestattet werden. Zudem könnt ihr euren Turm, ähnlich wie beim Vorgänger, wieder mit allerhand Möbeln, Accessoires und weiteren Gegenständen ausschmücken. Sieht hübsch aus, bringt außer im Spiel enthaltenen Erfolgen/Trophäen aber nichts.
Quelle: Codemasters
Overlord 2
Das mag bis zu diesem Zeitpunkt nach einem spaßigen und herrlich bösen Abenteuer klingen, oder? Nun, herrlich böse trifft zu, denn wenn kleine Baby-Robben gejagt werden, ihr ganze Städte unterwerft oder unschuldige Bürger mit Katapulten beschießt, dann haben die Entwickler ihre Aufgabe in diesem Punkt sicherlich erfüllt. Spaßig? Wenn wir über den Humor sprechen, dann kann auch hier ein Haken gesetzt werden, denn die Schergen halten des öfteren lustige Sprüche in der Hinterhand und das optische Design von Overlord 2 nimmt sich ohnehin nicht allzu ernst. Wenn es allerdings darum geht, ob der Titel auch spielerisch Spaß macht, dann bleibt einem grundlegend nichts anderes übrig, als den Controller schon vor der Spielsession an die Hände zu kleben. Er würde sonst fliegen, das ist sicher.
Wer wagt es, sich gegen den Overlord aufzulehnen?
Overlord 2
Es ist grundsätzlich nicht verkehrt, endlich eine bewegbare Kamera in das neueste Abenteuer vom Overlord zu integrieren, doch diese ebenfalls auf den für die Bewegung der Schergen vorgesehenen Analogstick zu platzieren, grenzt beinahe an einem steuerungstechnischen Komplettreinfall - auf beiden Konsolen. Mal abgesehen davon, dass sich die ausschwärmenden Schergen leider nur sehr schwammig bewegen lassen, was die Zielfindung bisweilen zum Spießrutenlauf werden lässt, zehrt spätestens die eigentliche Bedienung der Kamera an euren Nerven. Wenn ihr Schergen ausschwärmen lasst und gleichzeitig die Kamera für euch selbst fokussiert, macht sich schnell der Schnitzer bemerkbar: Sie versucht, sowohl meinem Befehl zu gehorchen, als auch gleichzeitig den Schergen zu folgen. Es macht irgendwie nicht so recht Laune, wenn die Kamera sich vehement gegen eigene Befehle weigert und im Zweifelsfall auch schon mal eine plötzliche 360 Grad Drehung vollführt, in eine völlig falsche Richtung lenkt oder aber den Spieler insbesondere in engeren Passagen völlig im Stich lässt.
Auch das Anvisieren von Objekten mit der Trigger-Taste fordert zum Teil unnötige Geduld. Ein Beispiel? Wenn eine Brutstätte der braunen Schergen direkt vor euch steht, ihr unbedingt neue Truppen daraus holen müsst, weil hinter euch Gegner angerannt kommen, und sich das Spiel beim Anvisieren stattdessen lieber einmal um 180 Grad dreht, um einen Gegner anstelle der eigentlichen Brutstätte auszuwählen, dann muss das in diesem Fall nicht notwendig tödlich sein. Wenn man sich nun jedoch in schwere Passagen versetzt, beispielsweise einen Bosskampf, dann kann solch eine Aktion schnell dazu führen, dass ihr die Erde aus der Nähe seht. Und das liegt in dem Fall nicht an euch selbst, sondern an der zickigen Kamera. Die Folge ist Frust und Ärgernis.
Texterin Rhianna Pratchett, Tochter von Terry Pratchett
Doch es kommt noch besser: Overlord 2 ist ein durchaus fordernder Titel, der gerade zum Ende hin schwer, in bestimmten Situationen sogar bockschwer, werden kann. Frust ist möglicherweise auch hier programmiert. Doch wenn ihr nach überstandener, schwererer Passage A und einigen Minuten danach an einer neuen Stelle B scheitert, kommt es nicht selten vor, dass ihr noch mal ganz von vorne, als vom Punkt A, anfangen dürft. Da gehen nicht nur schnell mal über 15 Minuten Spielzeit flöten, spätestens dann könnte der Frust sich auch in eine schlagartige Bewegung eures Controllers in die weitesten Ecken eures Zimmers verlagern. Denn neben der angesprochenen Kamera und dem fordernden Schwierigkeitsgrad werdet ihr auch noch mit einem miserablen Speichersystem bedient: Manuell speichern funktioniert nicht, stattdessen sind nur festgelegte Kontrollpunkte gleichermaßen eine automatische Speicherung. Da diese teilweise jedoch ziemlich weit auseinander liegen, ergibt sich eine oben genannte Beschreibung sicherlich mehrmals während des Durchspielens.
Doch trotz all der Kritik mag man den Titel trotzdem nicht einfach beiseite schieben, denn die Grundidee ist erfrischend neu, in leichteren Abschnitten auch durchaus machbar und macht bei einer Spielzeit von mindestens 15 Stunden (diejenigen, die den sehr wohl vorhandenen Sammlertrieb ausleben möchten, können ruhig noch weitere 5-10 Stunden dazurechnen) dank der abwechslungsreichen Geschehnissen sicherlich auch Spaß.
