Alles Neu beim Golfspiel von EA Sports. Aus dem Namensgeber Tiger Woods wurde Rory McIlroy, aus den Basiskonsolen PS3 und Xbox 360 wurden PS4 und Xbox One. Beste Voraussetzungen also für ein neues Spiel, mit neuen Inhalten und neuen spielerischen Reizen? Nicht ganz.
Golf bleibt Golf
Quelle: EA Sports
Rory McIlroy PGA Tour im Test. (3)
Wo man schon kaum Neuerungen entdecken kann, ist bei den spielerischen Grundlagen. Also im Speziellen eben, wie man den Schläger schwingt, wie der Ball fliegt und was alles auf den perfekten Hit Einfluss nehmen kann. Nach wie vor sind hierfür die enthaltenen Spielstile die Basis.
"Arcarde" gibt euch die Möglichkeit über einfaches Betätigen der Sticks, die Schwünge auszuführen. Beachten müsst ihr hierbei eigentlich nur, dass die Flugrichtung korrekt eingestellt und bei der Schwungausführung mit etwas Gefühl vorgegangen wird. Ein zu stark angesetzter Schlag lässt auch hier den Ball ins Rough, ins Wasserhindernis oder im schlimmsten Fall gleich komplett über die Kursgrenzen abgleiten. Hilfen beim Anvisieren der Flagge bzw. beim Putten auf dem Grün gleichen das allerdings, vor allem für Genreneulinge, perfekt aus.
"Classic" beinhaltet die bekannte 3-Klick-Methode. Hierbei wird der Schlag, wie schon beim ersten PGA Tour Spiel zu 16-Bit-Zeiten, mit simpler Tastenbetätigung ausgeführt. Der erste Buttonklick startet den Schwung, der zweite legt die Stärke fest und der dritte gibt die Präzision der Ausführung an. Schlagrichtung und Spin müssen hierbei ebenso beachtet werden, wie Einflüsse durch eventuelle Windänderungen. Besonders längere Begleiter der Serie greifen gerne auf diesen Spielstil zurück, bringt er doch neben der Zugänglichkeit, vor allem auch den nötigen Realismus.
Und Realismus bringt uns dann auch gleich zum letzten vorgegebenen Spielstil. "Tour" greift auf eine sehr präzise und entsprechend genau zu bedienende Sticksteuerung zurück. Hier wird nicht die Stärke des Schlages direkt festgelegt, sondern man gibt mit dem Stick die Länge des Rückschwungs, das Tempo des Durchschwungs und den Schwungweg vor. All das bestimmt dann wie weit euer Ball fliegt und wie genau er auf dem Fairway, oder eben nicht, landet. Bei dieser Spielvariante wird versucht, alles möglichst authentisch wirken zu lassen. Hilfen, wie etwa den für die Orientierung gern genommenen Zielzoom oder die Putt-Analyse, sind komplett abgeschalten, können also nicht benützt werden. Kurzum: Wer sich wie auf einem realen Golfplatz fühlen will, muss genau diesen Spielstil wählen.
Quelle: EA Sports
Rory McIlroy PGA Tour im Test. (2)
Wer das alles aber nicht ganz, sondern eben nur teilweise haben will. Wer einfach mehr gefordert, aber eben nicht überfordern werden will. Und wer somit seinen ganz speziellen Schwierigkeitsgrad selbst bestimmen will, dem gibt die aktuelle Golfumsetzung dann noch die vierte Spielmöglichkeit, die individuell einstellbare, an die Hand. Hier könnt ihr ganz nach eigenem Gutdünken einstellen, was ihr wollt und wie ihr es wollt.
Sehr gut gelungen ist auch in Rory McIlroy PGA Tour wieder die Ballphysik. Eigentlich kann man jede Flugkurve, jeden Laufweg auf Fairway oder Green und jeden Einfluss durch den Wind logisch nachvollziehen. Besonders schön auch, dass sich Bälle im Bunker mehr oder weniger "eingraben" können und dies dann auch direkten Einfluss auf den folgenden Schlag hat. Je mehr Sand den Ball umgibt, umso unpräziser wird der nächste Hit. Eben genau so, wie das Ganze im richtigen Golferleben so ist.
Apropos Golferleben. Natürlich habt ihr auch heuer wieder die Möglichkeit euren selbsterstellten Spieler bei seiner Fortentwicklung aktiv zu begleiten. Allerdings scheint der hier integrierte Umfang, also wie ihr direkt auf die Entwicklung Einfluss nehmen könnt, im Vergleich zu den letzten Jahren deutlich geringer geworden zu sein. Grundsätzlich geht es beim aktuellen PGA Tour vor allem darum den Golfer in bestimmte, vorgegebene Richtungen zu entwickeln. Wollt ihr eher einen Typ Balance, der praktisch von allem etwas beherrscht, aber nichts überragend? Oder wollt ihr lieber einen Typ Power, der, wie schon der Name vermuten lässt, vor allem über einen kraftvollen Schwung verfügt? Die Auswahl ist entscheidend dafür, welche Möglichkeiten euren Alter-Ego über die Zeit zur Verfügung stehen und wohin er sich im Endeffekt hin entwickelt.
Wie klein die Welt des Golfsports doch ist
Quelle: EA Sports
Rory McIlroy PGA Tour im Test. (4)
Klein ist die Welt des Golfsports in Rory McIlroy PGA Tour. Gerade mal 12 reale Spieler, darunter nicht eine weibliche Originalgolferin, haben es in das finale Spiel geschafft. Zwar ist unser aktuell bester Spieler Martin Kaymer vertreten, was aus deutscher Sicht gar nicht so schlecht ist, dafür sucht man aber den gerade gekürten Sieger der Open Championship, eines der wohl bekanntesten Golfturniere weltweit, den Amerikaner Zach Johnson vergebens. Vor zwei Jahren, ja so lange musste man tatsächlich auf eine Fortsetzung der Golfumsetzung von EA Sports warten, waren es noch über 30 bekannte Spieler, inklusive einiger Legenden. Ein ähnliches Trauerspiel bei den integrierten Kursen. Acht PGA-Plätze, darunter die immer wieder gerne genommenen St. Andrews oder TPC Sawgrass, wurden auf die Blue-Rays des aktuellen Ablegers gepresst. In Tiger Woods PGA Tour 14 waren es noch deren 20. Übrigens ist es auch nicht mehr möglich alle vier Major-Turniere zu spielen, denn das Masters wurde samt dem Austragungsort Augusta National Golf Club komplett gestrichen.
Dafür, vielleicht auch weil man aufgrund fehlender Lizenzen gezwungen war, setzen die Entwickler verstärkt auf Kreativität und füllen die Inhaltslücken mit Fantasiekursen. Ganze drei Plätze, so etwa der aus diversen Trailern bekannte Battlefield-Kurs Paracel Storm oder der optisch durchaus ansprechende Coyote Falls, sollen hierbei Abhilfe schaffen und wohl manches Defizit beim Umfang überdecken. Sagen wir mal so: Der Wille zählt.
Überhaupt will man mit Rory McIlroy PGA Tour einen etwas anderen Weg einschlagen und die in den letzten Jahren etwas angestaubte Golfsimulation mit neuen Spaßelementen auflockern. Bezeichnend dafür findet ihr im Menü den neuen Modus Night Club Challenge. In dieser Funspielvariante geht es vor allem darum in witzigen, teilweise nur noch leicht ans Golfspiel angelehnten Herausforderungen um Ehre, Punkte und natürlich die obligatorischen Medaillen zu spielen. Als besonderes Goodie werden nach einer bestimmten Anzahl an geschafften Challenges witzige Fantasy-Golfer, wie ein Soldat oder ein irres Männchen namens Laser Logan, freigeschalten.
Weniger witzig ist, dass das eigentlich Herzstück des Titels, die Pro Career, durch diverse Kürzungen mittlerweile kaum mehr als fordernder Karrieremodus durchgeht. Schon bei der Erstellung des eigenen Golfers merkt man, dass hier einiges der berüchtigten Schere zum Opfer gefallen ist. Vom enorm umfangreichen Editor der letzten Jahre ist im aktuellen PGA Tour-Teil nur noch ein schmales, kaum begeisterndes "Editorchen" ohne wirkliche Besonderheiten übrig geblieben. Und auch die Karriere selbst, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Kaum mehr besondere Herausforderungen, kaum mehr besondere Turniere - und das die Majors mittlerweile auch nicht mehr komplett spielbar sind, hatten wir ja schon erwähnt. Im Endeffekt läuft alles auf ein stupides Abarbeiten der im Kalender vorgegebenen Spieltermine ab. Erfolge bringen im bekannten Schema Punkte, die wiederum in Verbesserungen eures Alter-Egos selbst oder eurer Spielausrüstung fließen können. Die Entwicklungsmöglichkeiten sind hierbei aber auch deutlich geringer ausgefallen, als man es von den diversen Vorgängern her noch kannte - aber auch das hatten wir ja bereits erwähnt.
Quelle: EA Sports
Rory McIlroy PGA Tour im Test. (5)
Bisher noch komplett unerwähnt ist der Multiplayer. Und auch bei den Mehrspielervarianten, online oder offline, muss man mit gleichen oder teilweise sogar weniger Inhalten leben. Das Spiel über PSN oder Xbox Live reduziert sich z. B. auf ganze zwei Modi. Mit Head-To-Head wird euch die Gelegenheit gegeben, in einer schnellen Golfrunde den Besten auszuspielen, wobei hier vor allem die Betonung auf schnell liegt. Drei Spieler und ein Platz - wer die wenigsten Schläge pro Runde braucht, geht als Sieger hervor und steigt in einer der Rangliste ein paar Plätze nach oben. Alles sehr unkompliziert, alles sehr einfach gehalten und macht gerade deshalb wahrscheinlich so viel Spaß. Deutlich mehr Aufwand werdet ihr da schon bei einem der diversen Online-Turniere, die täglich oder wöchentlich stattfinden, betreiben müssen. Ablauf und Umfang haben sich hierbei über die Jahre praktisch nicht geändert, so dass sich Kenner der PGA-Serie einerseits sofort wieder zurechtfinden, andererseits aber auch die fehlende Weiterentwicklung bemängeln werden. Aber bemängeln kann man sicher noch viel mehr, am sehr überschaubaren Umfang.
Golf ohne Grenzen
Seit der großen Werbekampagne von EA Sports ist Rory McIlroy PGA Tour vor allem mit einem Begriff verbunden: Frostbite 3-Engine. Diese Technologie soll der aktuellen Golfumsetzung mehr Realismus, mehr Authentizität und mehr Leben geben. Ladezeiten sollen der Vergangenheit angehören und ihr sollt in den Genuss von Golf ohne technische Grenzen kommen. Soweit die PR. Herausgekommen ist das was man so gerne als Durchschnitt bezeichnet. Es gibt optische Highlights, ohne Zweifel, aber auch viele, sehr viele technische Macken, die einem mehr ärgern als begeistern. Beispiel Zuschauer. Mittlerweile sind selbige durchaus abwechslungsreich designt, Klone sieht man also seltener. Die absolut gleichen Bewegungsabläufe lassen aber immer noch eher an Marionetten denken, als an Fans des Golfsports. Beispiel Hintergrund. Da sieht man grüne Bäume, blühende Sträucher und farbige Blumenstauden sich im Wind bewegen, Vögel durch die Luft fliegen und Schmetterlinge hier und da aufflattern - es ist schon sehr stimmig, was uns hier als Bild eines Golfplatzes auf den heimischen Bildschirm gezeichnet wird. Im Gegensatz zu dieser Idylle kleben dann aber die Wolken absolut unbeweglich am Himmel und Wetterveränderungen sieht man sowieso nicht. Alles wirkt einfach nur starr und unwirklich. Und Beispiel Golfer. Die Spieler selbst können mit einem durchwegs schönen Design aufwarten und zeigen sogar teilweise eine richtig gute Gesichtsmimik. Leider gibt es aber auch hier einen Hacken. Manche Animationen laufen alles andere als flüssig, was dann wiederum zu hölzernen, kaum realistischen Bewegungen führt. Kurzum, das optische Gesamtbild leidet.
Aber dies Alles wären wohl nur Margenalien, die man, wenn man es besonders gut meint, übersehen könnte. Weniger übersehen kann man dagegen, dass es auch deutlich größere Technikmacken gibt. Ständiges Aufploppen von Objekten, kontinuierliches Kantenflimmern und leichtes Ruckeln gehen nicht nur auf die Augen, sondern über die Spielzeit auch gehörig auf die Nerven. Fast wünschte man sich wieder die alte Hardware zurück, die das alles irgendwie besser machte. Besser macht Rory McIlroy PGA Tour übrigens auch nicht das Thema Ladezeit. Bis ein Kurs geladen ist, vergeht einiges an Zeit - genug, um sich etwa mal schnell ein paar Eiswürfel für sein erhitztes Gemüt zu holen. Der so groß beworbene Wegfall der Zwischenladezeiten wird durch eine deutliche Verlängerung der grundsätzlichen Kurs-Ladezeit erkauft. Auch eine Möglichkeit.
Gut ist, dass die integrierte Akustik in Teilen überarbeitet wurde und sich etwa die Menümusik nun deutlich moderner gibt. Auch dem kommentierenden Reporterteam wurden neue Soundfiles spendiert. Es bleibt aber dabei: Ob einen das jetzt alles besser gefällt, ist reine Geschmackssache. Zumindest in punkto Kommentar können wir aber sagen, dass selbiger mittlerweile das Geschehen deutlich besser beschreibt und bei weitem nicht mehr so häufig mit Aussetzern kämpft, als z. B. noch im direkten Vorgänger. Ganz ohne kommt er aber auch dieses Mal nicht aus. Und Englisch ist er ebenfalls immer noch, wie übrigens das ganze Spiel, d. h. eine Lokalisierung spendierte Electronic Arts auch im Jahr 2015 den deutschen Spielern nicht.
