Trotz Schwächen bei der Synchronisation gehört dieser Titel zu den besten Adventures der letzten 12 Monate.
Solide Technik
Still Life
Still Life ist ein typisches Point&Click-Adventure. Die Steuerung geht genrespezifisch leicht von der Hand. Navigationspfeile zeigen uns an, wohin wir unsere Figur bewegen können. Ein Aktionssymbol erscheint automatisch, sobald der Spieler mit Gegenständen interagieren kann. Dialogsymbole signalisieren Gesprächsbereitschaft, eine Lupe deutet auf zu untersuchende Gegenstände hin. Das Benutzersymbol wird durch eine Faust, Ausgänge werden mit Hilfe eines Sternsymbols angezeigt. Das Inventar ist übersichtlich gegliedert und jederzeit überschaubar. Positiv wirkt sich in diesem Zusammenhang auch der Umstand aus, dass sich selten mehr als fünf bis sieben Objekte gleichzeitig im Inventar befinden. Tatsächlich vermag Victoria häufig schon mit einem halben Dutzend Gegenständen alle notwendigen Aktionen durchzuführen, was dem Spieler ein allzu aufwendiges Suchen und Rumblättern erspart. Viele der zu verwendenden Objekte müssen zudem nicht eingesammelt werden, sondern liegen in der Regel irgendwo an Ort und Stelle rum.
Still Life
Die Grafik kann trotz ihrer geringen Auflösung von 800 x 600 (maximale Einstellung) rundum überzeugen. Dass der Titel optisch nicht mit neueren Adventures wie Geheimakte Tunguska mithalten kann, lassen wir durchgehen, weil Still Life schon fast zwei Jahre auf dem Buckel hat und fairerweise nicht an aktuellen Standards gemessen werden darf. Trotzdem gelingt er der bereits in Syberia erfolgreich eingesetzten Grafik-Engine die gruselige Krimi-Atmosphäre stimmig umzusetzen. Manchmal vielleicht schon zu stimmig. Nein, Still Life gehört nicht in die Hände von Kindern oder psychisch labilen Menschen. Die meisten Opfer des Schlitzers werden in Großaufnahme gezeigt und der Anblick einer verstümmelten Frauenleiche ist eben nicht besonders appetitlich. In einigen Spielszenen geht es in der Beziehung ziemlich heftig zur Sache. Zur Ehrenrettung von Still Life muss aber gesagt werden, dass die dargestellte Brutalität nie zum Selbstzweck verkommt, sondern vielmehr gezielt (und auch relativ sparsam) als künstlerisches Stilelement angewendet wird, um eine Atmosphäre zu schaffen, die nun einmal unabdingbar ist, will man die Story um die Jagd auf einen Serienmörder möglichst glaubwürdig in Szene setzen.
Still Life
Mag die Optik auch mittlerweile nicht mehr ganz up to date sein, so überrascht Still Life doch immer wieder mit kinoreifen und handwerklich ausgezeichnet gemachten Zwischensequenzen. Allein die nächtliche Verfolgungsjagd in Chicago, bei der sich Victoria dem Schlitzer dicht auf die Fersen heftet und ihm über eine Feuerleiter bis auf das Dach eines Mietshauses folgt, erreicht schon die Qualitäten eines hochwertigen Actionstreifens. Ebenso spannend ist die Szene, in der die FBI-Agentin in einen kurzen Nahkampf mit dem Serienmörder verwickelt wird und bei der Gelegenheit ihre Karatekünste unter Beweis stellt. Für diese Zwischensequenzen gibt's einen satten Extrapunkt in der Kategorie Grafik.
Vom Rätseldesign und Plätzchenbacken
Still Life
Die meisten der in Still Life auftretenden Rätsel sind von ihrer Struktur her durchaus logisch und vom geübten Adventure-Fan ohne größere Mühen zu bewältigen. So erwarten uns auch diesmal zahlreiche Kombinations-, Schalter- und Verschieberätsel. Mal müssen wir mit Hilfe eines Krans auf dem Gelände eines Schrottplatzes Kisten in der richtigen Anordnung aufstellen, dann wieder ein unterirdisches Labyrinth durchqueren oder ein Puzzle in Form von Bildausschnitten eines Gemäldemotivs zusammensetzen, irgendwann die Kombination vom Schloss Opas alter Truhe herausfinden und natürlich Fingerabdrücke und Blutspuren am Tatort sichern, um diese danach dokumentarisch zu erfassen. Zeit zum Nachdenken bleibt eigentlich immer und auch die dafür nötige Ruhe. Die musikalische Untermalung, die bei Still Life situationsabhängig zwischen Klassik, sphärischen Klängen und temporeicher Popmusik variiert, schaltet dann automatisch ab und der Spieler kann sich voll auf die Lösung seiner Aufgabe konzentrieren.
Still Life
Bedauerlicherweise gibt es drei Rätsel, bei deren Bewältigung Gehirnakrobatik allein nicht ausreicht und die den Spielfluss deshalb unnötig hemmen. So müssen wir mittels ferngesteuertem Mini-Roboter innerhalb eines FBI-Sicherheitsraumes eine ganze Reihe von Lichtschranken passieren, können aber während des ohnehin schon schwierigen Vorgangs nicht ein einziges Mal schnellspeichern (Quicksave ist sonst jederzeit im Spiel möglich). Dies gelingt erst nach unzähligen Anläufen und nervt. Vorher gibt's noch ein leicht zu durchschauendes, aber extrem fummeliges Geschicklichkeitsrätsel in Prag, bei dem Gus mit zwei Dietrichen das Türschloss zum Atelier des Malers Mark knacken will. Ein Vorhaben, welches Ottonormal-Spieler ebenfalls viel Zeit und Geduld abverlangen dürfte. Die absolute Krönung ist aber zweifellos das "Plätzchenrätsel". Hierbei gilt es für Victoria, aus einer Fülle von Zutaten (Milch, Butter, Mehl usw.) leckere Lebkuchenplätzchen zu backen, die ihr Vater so gern mag. Ein Kochbuch liegt zwar daneben, doch ist das Rezept dermaßen verschlüsselt, dass hier nur pures Ausprobieren zum Erfolg führt und man sich schon bald wie ein Kochkurs-Anfänger der Versuchsküche von Dr. Oetker ausgesetzt fühlt.
Schlussendlich bleiben selbst nach dem grandiose Finale in Still Life einige Fragen offen. Womöglich war dies von den Entwicklern so beabsichtigt, um die Story mit einem späteren Nachfolger irgendwann fortsetzen zu können. Leider ist ein solcher bis zum heutigen Tage nicht erschienen. Ob ich nach rund 10 Stunden Gesamtspielzeit weiß, wer der Täter ist? Ich meine ja, aber ganz sicher bin ich mir da nicht...
