Serien wie Prison Break oder Orange is the New Black zeichnen ein düsteres Bild von Gefängnissen. Keine Frage, da will jeder ausbrechen. Und jeder denkt: Ist doch eigentlich ganz einfach. Im Indie-Spiel The Escapists für PC und Xbox One kann man es nun probieren.
Früher war ich mal ein junger Wilder. Ich ging auf die Straße, protestierte gegen Rechtsextremismus und Ungerechtigkeit in der Welt. Immer mit einem Augenzwinkern, als Teil einer Satiregruppe. Es musste mal passieren: Auf einer Demo in München geriet ich an Polizisten, die für Satire kein Ohr hatten. Sie verstanden nicht, was wir genau wollten und nahmen uns fest. Ich saß sechs Stunden in einer Zelle und kassierte eine Anzeige – ausgerechnet wegen des Verstoßes gegen das Presserecht. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte nie an einen Ausbruch gedacht.
In Berlin fand ich letzte Woche nun heraus, wie schwer das sein kann. Chris Davis, ein ehemaliger Dachdecker, war zusammen mit Team 17, dem Publisher von Worms, gekommen, um sein Indie-Abenteuer "The Escapists" vorzustellen. Auf der Gamescom habe ich davon schon ein bisschen gesehen – aber wie das auf einer Messe eben ist, hatte ich keine Zeit, um alle 8bit Retrogames anzuspielen – ein Fehler, wie sich herausstellt.
Quelle: Team 17
Wer Stress macht, sinkt bei Insassen und Wärtern im Ansehen.
In The Escapists schlüpft man in die Rolle eines Häftlings, der sich nichts sehnlicher wünscht, als die schnöden Mauern des Knasts hinter sich zu bringen. "Alles ganz einfach", dachte ich. "Ich stehle einen Schlüssel, grabe einen Tunnel oder schneide ein Loch in den Zaun." Wie im Tutorial eben. Woran ich nicht dachte: Als Gefangener hat man gar keine Zeit, seinen Ausbruch zu planen. Um 8:00 Uhr: Appell. Wer hier fehlt, bekommt Ärger mit den Wachen und verscherzt es sich mit den anderen Insassen. Dann Frühstück, Mittagessen, Arbeit, Sport, Abendessen und Abendappell. Nach wenigen Minuten ist ein Tag rum und ich habe nichts, aber auch rein gar nichts für meine Freilassung getan.
Am nächsten Tag soll alles anders sein. Ich plane voraus, klaue Löffel, fange in der Freizeit an zu graben. Aber schnell gibt es Ärger. Den Wachen gefällt es nicht, dass ich so viele Löffel einstecke. Sie gucken nun öfter nach mir. Unter anderem auch in der Wäscherei, wo ich zwischen 13 und 15 Uhr eigentlich arbeiten sollte. Ich aber grabe noch immer – und verliere den Job. Ohne Geld brauch ich bei den Mithäftlingen nicht auftauchen. Sie verkaufen mir nichts mehr und sind stinkig auf mich. Irgendwann fange ich aus Versehen die erste Schlägerei an, fange an zu stehlen. Wenn mir die anderen nichts verkaufen wollen (weil ich ja kein Geld habe), dann hole ich mir eben ohne ihr Einverständnis. In weniger als einer Ingame-Woche hassen mich alle. Die Häftlinge versuchen mich abzustechen, die Wärter kommen sogar nachts in meine Zelle, um mich zu verprügeln. Nicht mal der Anstaltsarzt ist noch gut mit mir – ich schaue ihm viel zu häufig vorbei. Nach einer Stunde gebe ich auf: Ich bin der schlechteste Häftling der Welt und einem Ausbruch ferner als damals in der realen Zelle. Ich beginne von vorn.
Unzählige Möglichkeiten
Quelle: Team 17
Nachts, wenn alle schlafen, buddelt es sich am besten.
Die Möglichkeiten zu entkommen, sind fast unzählbar. Ich könnte die Uniform eines Aufsehers stehlen oder nachmachen, einen Schlüssel klauen oder nachmachen, mich rausgraben, mich raus kämpfen oder den ganzen Knast unter meine Kontrolle bringen. Die Schwierigkeit dabei: Den Alltag meistern, nicht auffallen und dennoch Pläne schmieden. Ich muss mit anderen Insassen zurechtkommen, Cliquen und Freundschaften bilden und nach außen hin nett wirken. Sonst wird das mit dem Ausbruch nie etwas. Zehn Jobs bietet das Gefängnis an. Habe ich keinen, muss ich eben dafür sorgen, dass ein anderer seine Pflichten vernachlässigt. Wenn Bill auf dem Weg zur Arbeit einen kleinen Unfall erleidet… Dann muss der Chefaufseher wohl einen Neuen einstellen.
Ein Craftingmenü wie in Minecraft sorgt dafür, dass selbst die kleinsten Items zu wichtigen Waffen oder Hilfsgegenständen werden können. Plastiklöffel gehen beim Graben schnell kaputt, wenn ich aber ein bisschen Holz und Metall mit Panzertape verbinde, bekomme ich vielleicht eine Schaufel. Genial und gefährlich zugleich! Denn jeden Tag durchsuchen die Wärter ein paar wahllose Zellen – und wenn sie einen nicht mögen, dann durchsuchen sie einen auch mal einfach so auf dem Gang.
Quelle: Team 17
Zwischendrin muss man seinem Job nachgehen.
Die größte Schwierigkeit ist, sich all diese Details in so kurzer Zeit zu merken. Wie war noch mal das Craftingrezept für den Wärterschlüssel? Wer von den Mitinsassen hieß noch mal Heinz? Und wo führt überhaupt dieser Gang hin? Manchmal fehlt es The Escapists an der Übersichtlichkeit, die man an solchen Top-Down 8bit-Titeln normalerweise schätzt. Für mich sehen sie alle gleich aus.
In der neuen Runde mache ich mir das Leben einfach. Ich schlage einen Aufseher KO, ziehe seine Uniform an und verstecke ihn in einer Zelle. Die verhänge ich mit Bettbezügen, damit man den leblosen Körper nicht sofort sieht. Anstatt zu buddeln oder schneiden, gehe ich einfach zur Vordertür heraus. Nun, in diesem Gefängnis geht das. In den anderen fünf wird es komplizierter – die Sicherheit steigt in jedem rasant an!
Meinung
In eigener Sache: Team 17 stellte uns The Escapists in Berlin vor. Wir konnten vor Ort mehrere Stunden lang am PC und Xbox One spielen. Die Screenshots stammen von den Entwicklern. Den Flug bezahlte das Studio.
