Nach Deus Ex kramt Square Enix Thief aus der Mottenkiste und gönnt der altehrwürdigen PC-Serie ein Reboot. Die ersten Bilder sahen brillant aus, doch das fertige Produkt ist eine Aneinanderreihung von verpatzten Chancen und vergebenem Potential. Was schiefgelaufen ist und was trotzdem Spaßmacht - erfahrt es im Test.
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"War da was im Schatten?"
Quelle: Square Enix
Das Spiel mit dem Licht ist in der Thief-Serie schon immer ein zentrales Element.
Was Thief trotz allem noch beherrscht, ist stark überlegene Gefühl im Schatten. Solange Garrett nicht im Licht steht, ist er so gut wie unsichtbar für seine Gegner. Er kann sich an ihnen vorbeischleichen, sie hinterrücks niederknüppeln, oder ihnen mit einem bisschen Fingerfertigkeit Geld aus den Taschen klauen. Das ist sehr cool und macht tatsächlich Spaß. Zum ersten Mal fühlt man sich dabei wie ein richtiger Meisterdieb, viel anderes Diebesgut liegt einfach so in der Welt herum. In einer Stadt, die geplagt ist von oben und von den unteren Schichten sogar schon anfängt zu verwesen, liegt überall goldenes Geschirr herum. Teure Spiegel, Amulette, Münzen und Geldbeutel liegen im Matsch, gerne auch neben einem Menschen, der aussieht als hätte er einen Monat nichts gegessen. Wenn man den Krempel aufhebt, fühlt man sich nicht wie ein Dieb, sondern einfach nur wie der Sehende unter den Blinden.
Würde das Schatten-System realistischer umgesetzt – es würde mich vollends überzeugen. Doch auch hier: Fehler und Ungereimtheiten, wohin das Auge schaut. Die KI ignoriert meist selbst die offensichtlichsten Bewegungen und stellt sich dümmer als sie müsste. An den meisten wichtigen Stellen positionieren sich die Wachen sogar mit Absicht so, dass ein passender Weg offen bleibt. Dann gucken sie zum Beispiel zu dritt eine Wand an oder ignorieren Garretts langen Schatten, der hinter einer Deckung hervorschaut.
Die größten KI-Aussetzer hat Thief jedoch in der Verfolgung. Wachen und Rebellen können nämlich nicht klettern. Selbst kleinste Hindernisse sind für sie ein Grund einfach stehen zu bleiben. Ohne vorher Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, gucken sie auch nicht nach oben. Selbst wenn Garrett in nur zwei Metern Höhe ein Rad schlagen würde – die Wachen des Barons würden ihn ignorieren. Ihr Blick ist fest nach vorn gerichtet. Die Crux: Thief ist viel zu einfach. Mit einer Husch-Funktion kann Garrett sogar lichtdurchflutete Areale ungesehen durchqueren und mit Fokus Objekte, Fallen und Feinde farblich hervorheben. Wer nun den Schwierigkeitsgrad anpasst und höher stellt, kommt zwar in den Genuss eines Thiefs, das seinen Vorgängern mehr ähnelt. Aber nicht durch einen höheren Schwierigkeitsgrad, sondern durch ein Fehlen von Komfortfunktionen.
Technik: 1080p ist nicht das Maß der Dinge
In Videos und auf Screenshots sah Thief vor der Veröffentlichung phänomenal gut aus. Nach der E3 habe ich sogar selbst in der Vorschau geschrieben: "Die PS4-Version, die wir spielen, läuft absolut flüssig und genial aufgelöst. Unterschiede zu aktuellen PC-Spielen können wir so gut wie gar nicht feststellen." Da hat sich leider viel bewegt – und zwar nicht in eine gute Richtung. Gerade die Playstation-4-Version hat mit Problemen zu kämpfen. Sie bietet zwar eine Auflösung von 1080p, dafür fällt die Bildwiederholrate regelmäßig zusammen. Die Frequenz fällt nicht selten sogar unter zehn Bilder pro Sekunde. Peinlich: Sogar in vorab aufgenommenen Zwischensequenzen ruckelt und zuckelt das Spiel unglaublich. Auf der Xbox One sieht das etwas flüssiger aus, sie hält relativ konstante 30 Bilder pro Sekunde mit gelegentlichen Ausnahmen. Dass sie 180 Zeilen weniger darstellt – geschenkt. Den Unterschied erkennt man sowieso nur selten. Denn Texturen sind oft dunkel und verwaschen, die Luft voll mit Nebelschwaden und hässlichen Partikeleffekten. Das sieht nicht toll aus und soll davon ablenken, dass nicht alles Gold ist was glänzt. Im Kern sieht Thief zwar noch ganz okay aus – vorab gezeigte Bilder müssen aber geschönt sein oder von der PC-Version stammen. Sie ist auch die einzige, die flüssige Bilder darstellen kann.
Quelle: Square Enix
Die Welt von Thief ist ein Mix aus viktorianischer Zeit und Steampunk.
Ganz makellos ist die Xbox One jedoch nicht. Während Thief aus dem Playstation Network lediglich einen 93 MB großen Day One Patch herunterladen möchte, schlägt die Xbox One direkt mit 6 GB zu. Auf unserem Testsystem dauerte die Erstinstallation von Thief auf der Xbox One mehrere Stunden, die PS4 startet bereits nach wenigen Minuten.
Daneben hat Thief vor allem mit Sound-Bugs zu kämpfen – ein echter Atmosphäre-Killer! Durch fehlerhafte Abmischung hört man immer wieder Geräusche und Dialoge, auch wenn niemand in der Nähe ist. Es können Wachen sein, die sich auf der Straße ein Dutzend Meter unter einem unterhalten, die Lautstärke legt jedoch nahe, sie würden direkt vor einem stehen. Der Schreck geht gehörig in die Knochen, wenn man sich gerade mitten durch ein feindgespicktes Gebiet schleicht und neben einem eine Stimme erklingt. Noch ärgerlicher: Auch die wenigen Dialoge mit Garrett sind fehlerhaft abgemischt. Die Lautstärke variiert stark. Manchmal kommentiert der Meisterdieb etwas in einer Lautstärke, die einem Marktschreier geziemt, dann wieder murmelt er Dialoge so leise, dass man gar nicht mehr folgen kann.
Optisch bleibt Thief eher gedeckt. Weil die Handlung immer nur nachts spielt, bekommt man kaum Abwechslung im Setting. Grau auf grau, schwarz auf schwarz, immer wieder. Das wirkt mit der Zeit ermüdend und auch die hellen Lichtkegel sorgen irgendwann für keine Zerstreuung mehr.
Frechheit: Auch dieses Singleplayer-Game enthält Micropayment
Eigentlich haben wir gedacht, dass man in einem Singleplayer-Spiel wie Thief Spielern keine weiteren Micropayments mehr andrehen könnte. Weit gefehlt. Square Enix vertreibt im Online-Store sogenannte Boosterpacks. Sie schalten Skills frei, die man im normalen Spiel schnell lernt und geben einem ein paar Verbrauchsgüter wie Pfeile und Gold. Der Preis ist mit 0,99€ bis 1,49€ fair. Jeder, der zuschlägt, kann es trotzdem als eine Art Idiotensteuer verstehen. Doch daneben bietet Square Enix auch eine komplette Mission gegen Bares an und eine Herausforderung. Letzteres sind Spielabschnitte, die man in verschiedenen Modi auf Zeit erneut besuchen kann. Dann gilt es, so schnell wie möglich Gold einzusacken und zu stehlen. Am Ende gibt es Punkte, das schafft Wettbewerb mit den Freunden. Die Karte Moira ist im Hauptspiel enthalten. Will man den Level jedoch im Zeitspiel erneut spielen, kostet das 4,99€. Ein Kleckerbetrag und trotzdem eine Frechheit!
